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Akademischer Kapitalismus – Rektoren lassen sich von den Hochschulräten Managergehälter genehmigen

Veröffentlicht in: Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Hochschulen und Wissenschaft, Ungleichheit, Armut, Reichtum

„Selbstredend ist ein Mehr an Bürokratie auch immer mit einem Mehr an Kosten verbunden.“ So warnen die nordrhein-westfälischen Hochschulrektoren vor dem Entwurf des Hochschulzukunftsgesetzes der nordrhein-westfälischen Landesregierung. Das ist für sie so „selbstredend“, dass diese Behauptung auch nicht mehr irgendwie belegt werden muss. Von diesem „Bürokratieabbau“ haben sie kräftig profitiert, im Wortsinn. Uns liegen jetzt konkrete Zahlen vor, wie viel Mehr an Kosten das vermeintliche Weniger an Bürokratie dank „Hochschulfreiheitsgesetz“ zumindest an einem Punkt verursacht hat – bei den Gehältern der Präsidenten, Rektoren und Kanzler (jeweils beiderlei Geschlechts) der nordrhein-westfälischen Hochschulen. Seit dem Inkrafttreten des Hochschulfreiheitsgesetzes werden nämlich neben dem an der W-Besoldung orientierten Grundgehalt und fest vereinbarten „Funktionsleistungsbezügen“ auch noch weitere Zulagen frei und geheim im Hochschulrat ausgehandelt.
Wie sieht nun die unbürokratische Gehaltsentwicklung der Rektoren und Präsidenten aus? Hier ist eine interessante Liste [PDF – 2.4 MB]. Von Karl-Heinz Heinemann

Der Rektor der RWTH Aachen, Ernst Schmachtenberg, hat sein Gehalt in acht Jahren um fast drei Viertel steigern können: Bis 2004 wurde er nach der Gehaltsgruppe B6 für Spitzenbeamte bezahlt: 88.640 Euro. 2012 bekam er insgesamt 152.528 Euro – davon waren 53.512 Euro frei mit dem Hochschulrat ausgehandelt. Damit hätte er sich von der Gehaltsgruppe B6 in eine Dimension staatlicher Gehaltsstufen katapultiert, die bis zum Staatssekretär (B 10) und Oberbürgermeister einer Millionenstadt (B 11) reichen [PDF – 615 KB].

Dagegen musste sich der Bielefelder Rektor – als der Geringverdiener unter den Uni-Chefs, mit 116.752 Euro begnügen. Sein Hochschulrat gestand ihm nur 23.001 Euro Gehaltsaufbesserung zu. Bei den meisten anderen Uni-Chefs pendelt sich das Gehalt zwischen 130.000 und 137.000 Euro ein.

Ähnlich sieht es bei den Kanzlern aus: Dass hier der Kölner Hochschulverwalter der Spitzenreiter ist, ist kein Wunder, schließlich kommt Michael Stückradt von der Uni Aachen: er bekam 2012 133.781 Euro, davon waren immerhin 48.075 Euro frei ausgehandelt. Als Staatssekretär unter Pinkwart war er ja an dem Gesetz maßgeblich beteiligt und wird nun mit einem Gehalt belohnt, das mit dem eines Staatsekretärs (Gehaltsgruppe B 10) mithalten kann. Bis 2004 war der Kölner Kanzler in der Gehaltsgruppe B4, das waren 78.876 Euro, also auch eine Steigerung um gut 70 Prozent.

Die Leitungen der Fachhochschulen verdienen „selbstredend“ weniger. Nur der Kölner Fachhochschulleiter kommt an seine Amtskollegen von der Uni heran: 127.320 Euro. Sonst oszillieren die Einkünfte der Fachhochschulleiter um die 100.000 Euro.

In den Hochschulräten haben UnternehmensvertreterInnen das Sagen. Für die sind Gehälter in dieser Dimension nichts Besonderes. Dank Peer Steinbrück wissen wir, dass man selbst als Chef einer Kreissparkasse mehr verdienen kann. Gegenüber dem, was er in der „Wirtschaft“ verdient habe, sei das eine Gehaltseinbuße, meint der Aachener Rektor Ernst Schmachtenberg. Auch bei der Berufung mancher Professoren müsse man ja noch ordentlich Geld auf die W-Besoldung drauflegen. Seine Professorenkollegen in Aachen hätten schließlich die Möglichkeit, ihr „kärgliches“ Uni-Salär mit lukrativen Aufträgen aus der Wirtschaft weit über das anzuheben, was er nun bekomme. Ihm als Rektor bleibe ja nicht die Zeit, sich aushäusig noch ein Zubrot zu verdienen.

In der „unternehmerischen Hochschule“ des Pinkwartschen „Hochschulfreiheitsgesetzes“ orientieren sich die Hochschulleitungen an den Gebräuchen in den Unternehmen und nicht an staatlichen Gehaltstabellen. Hunderte von MitarbeiterInnen, ein mehrstelliger Millionenumsatz, das ist die Dimension, in der ein Hochschulleitungsjob heute gesehen wird, und nicht mehr als die Leitung einer mit öffentlichen Mitteln finanzierten Wissenschaftseinrichtung, die durch staatliche Alimentierung von den Verwertungszwängen freigestellt ist, die in der unternehmerischen Welt herrschen, und dies, damit WissenschaftlerInnen unabhängig forschen und lehren und junge Menschen selbstbestimmt lernen und arbeiten können.

In einer Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der Piratenfraktion im letzten Jahr hat die Landesregierung die tatsächliche Höhe der Gehälter in den Uni-Top-Etagen mehr verschleiert als erläutert. Immerhin räumte Ruth Seidl, die Sprecherin der GRÜNEN Regierungsfraktion, ein, dass die RektorInnen sich Zulagen ausgehandelt hätten, die einer Steigerung um vier oder fünf Besoldungsgruppen entsprächen, also: von B5 oder 6 auf B 10 oder 11, am Ende der Skala. Die Piraten sprachen vom „Selbstbedienungsladen Hochschule“, was Ruth Seidl als „vollkommen deplatziert“ zurückwies. Und sie ging davon aus, dass ja wieder das Ministerium oberste Dienstherrin der Rektoren würde und deren Gehälter besser unter Kontrolle bekäme. Doch dass ist keineswegs sicher. Das Ministerium könnte zwar wieder Dienstvorgesetzter der Rektoren werden, wenn es diese Eigenschaft nicht auf den Hochschulrat übertrüge. (§ 33 Abs. 3 RefEntw)

Die Gehaltsliste, die uns in die Finger geriet, ist, wie gesagt, geheim. Denn die Zulagen werden zwischen dem Hochschulratsvorsitzenden und dem Rektor unter vier Augen ausgehandelt. Künftig soll die anonymisierte Gesamtsumme der Gehälter des Rektorats „an geeigneter Stelle“ veröffentlicht werden. [*]

Nein, da fürchte er die Transparenz nicht, meint Aachens Spitzenverdiener Ernst Schmachtenberg. Sicher, für die „unternehmerische Hochschule“ sind diese Gehälter noch peanuts. Damit wird man niemandem aus einem Vorstandssessel locken können. Aber: will man diesen Weg in die „unternehmerische Hochschule“ wirklich weiter gehen? Und sollen dann diese Spitzengehälter an jeder Besoldungsordnung und parlamentarischen Kontrolle vorbei aus dem Uni-Etat, also aus der Staatskasse, bezahlt werden, zu Lasten der Mittel für das Personal in Forschung und Lehre? Eine deutliche Abkehr von diesem Weg ist der Entwurf zum Hochschulzukunftsgesetz jedenfalls nicht.


[«*] § 20 Abs. 5 RefEntw:
Das Ministerium veröffentlicht jährlich an geeigneter Stelle den anonymisierten Durchschnitt und die anonymisierte Gesamtsumme der für die Tätigkeit im Haushaltsjahr gewährten Bezüge der hauptberuflichen Präsidiumsmitglieder der Universitäten und Fachhochschulen.


Anmerkung WL: In der Printausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 8. Januar 2014 schreibt Wolfgang Kemp darüber, wie die amerikanischen Universitäten gerade von profithungrigen Managern zerstört werden. Die Höhe der Studiengebühren stieg ins Unermessliche. Während die Studienkosten bei bis zu 50.000 Euro pro Jahr lägen, verdienten die Uni-Präsidenten Millionen.

Auch an traditionellen Hochschulen würden inzwischen 75 Prozent der Unterrichtsstunden von Adjunct Professors („Lumpen-Professoren“) gegeben. Die eigentliche Arena sei die Ab- und Anwerbung von Star-Professoren („Global Professor“) mit Gehältern bis zu 400.000 Dollar (US-Durchschnitt 98.000 Dollar), hinzu kämen Bonuszahlungen und sonstige Vergünstigungen, die sich schon mal auf 1 Million Dollar addierten. Die New York University (NYA), der größte Immobilienbesitzer im unteren Teil Manhattans, bezahle nicht nur ihrem Präsidenten 1,5 Millionen plus zwei Millionen für langjährige Dienste, die Hochschule habe 72 Millionen Dollar an Krediten an Verwaltungsgrößen und Star-Professoren zum Kauf von Stadt- und Ferienhäusern vergeben.

In Deutschland sei zwar noch alles viel maßvoller, aber auch deutsche Hochschulen vergäben inzwischen mehr als 1.000 Lehraufträge pro Semester, mit ärmlichster Bezahlung. Das Star-System käme allmählich in Schwung, die Management-Sprache greife um sich, die Verwaltungen würden wachsen und wachsen. An der Ludwig-Maximilian-Uni in München käme auf 700 Professoren ebenso viel Verwaltungspersonal.

Auch in Großbritannien finde ein Ausverkauf von öffentlichen Bildungseinrichtungen statt.

Soll das die Perspektive der öffentlichen Hochschulen in Deutschland sein?

Dieser Paragraf 20 Abs. 5 im Referentenentwurf des Hochschulzukunftsgesetzes, der wenigstens ein bisschen Transparenz in des manageriale Gehaltsgebaren der Rektoren bringen soll, dürfte sicherlich einer der Gründe für die in der Sache ziemlich unbegründeten Proteststürme der Hochschulleitungen und der Hochschulratsvorsitzenden sein. Letztere vergeben ja als Aufsichtsräte die „Gehaltsboni“ aus den Steuergeldern an die „Hochschulmanager“. Die Hochschulrektoren stemmen sich nicht nur gegen eine demokratische Kontrolle ihrer durch das „Hochschulfreiheitsgesetz“ eingeräumten Macht, sondern auch gegen die Transparenz des Gehaltsgebarens an den öffentlichen Hochschulen.

Siehe dazu nochmals „Pawlowsche Reflexe aufgrund ideologischer Konditionierung – Zu den Kritiken am Referentenentwurf für ein „Hochschulzukunftsgesetz“ NRW“, „Freie Wissenschaft als Geisel der Wirtschaft“, „Unternehmerlobby will die Hochschulen steuern – Zum offenen Brief der Vorsitzenden der Hochschulräte an die NRW-Landesregierung“.

Zum Vergleich: Der Rektor der RWTH Aachen hat mit über 152.000 Euro ein deutlich höheres Jahreseinkommen als der Staatssekretär im Wissenschaftsministerium (Besoldungsstufe B 10) mit knapp 138.000 Euro. Und wenn die Steigerungsrate wie in den vergangenen Jahren bleibt, hat er bald die Besoldung eines für die Hochschulen zuständigen Ministers oder einer Ministerin mit etwa 173.000 Grundbesoldung oder der Ministerpräsidentin mit rd. 192.000 Euro überflügelt.

Wohlgemerkt: es geht um die öffentliche Besoldung und nicht um private Nebeneinnahmen und es geht um Mittel aus dem Etat der Hochschule, die an anderer Stelle erwirtschaftet werden müssen.

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