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5. Dezember 2016
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Kommentar: Schuld und Sühne – Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Militäreinsätze/Kriege, Schulden - Sparen, Wertedebatte

Die Art und Weise mit der die deutsche Regierung auf griechische Reparationsforderungen reagiert, ist beschämend. Wer nicht zu seiner schwärzesten Vergangenheit steht und den Opfern mit Würde begegnet, hat auch nichts aus seiner Geschichte gelernt. Anstatt zynisch und oberlehrerhaft darauf zu pochen, dass Griechenland seine jüngeren Schulden bei „uns“ zurückbezahlt, sollten wir lieber einmal in den Spiegel schauen und uns einem moralischen Realitätscheck unterwerfen. Die Fratze, die wir dann erkennen, dürfte uns jedoch nicht gefallen, da sie sehr deutlich von unserem sorgsam aufgebauten Selbstbildnis abweicht. Von Jens Berger

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Zu den Hintergründen der Reparationsdebatte siehe: Reparationsforderungen gegen Deutschland – die Chancen stehen schlecht

Viel ist darüber debattiert worden, ob es eine deutsche Kollektivschuld an den unvorstellbaren Verbrechen geben kann, die unsere Väter- und Großvätergeneration während des Dritten Reichs verübt hat. Ich selbst genieße zwar – wie Helmut Kohl es in einem vollkommen unpassenden Zusammenhang mal genannt hat – die Gnade der späten Geburt, bin mir aber der Schuld, die ich qua Staatszugehörigkeit geerbt habe, durchaus bewusst. Als Kind der späten Bundesrepublik bin ich in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass man Schuld durch Sühne tilgen kann. Bescheidenheit, Demut und der ehrliche Wille zu einer Aussöhnung mit den Opfern deutscher Großmannssucht gehörten daher stets zu den Grundtugenden, die ich von mir selbst, meinen Mitbürgern und vor allem der deutschen Politik eingefordert habe.

Doch wie so oft klaffen hier Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Der Umgang mit den Reparationsforderungen der Länder, die von Deutschland vor gerade einmal zwei Generationen in Schutt und Asche gelegt wurden, ist dafür ein frappierendes Beispiel. Es war für uns ein echtes Glück, dass die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs aus den Fehlern von Versailles gelernt haben und die junge Bundesrepublik nicht mit untragbaren monetären Forderungen belastet haben. Es war richtig, die Frage der Reparationen erst einmal auszuklammern, denn es ist stets unklug, jemanden, der am Boden liegt auch noch die Mittel zu nehmen, um aus eigener Kraft wieder aufzustehen – auch diese Lektion hat unsere heutige Politikergeneration verlernt.

Schulden können verjähren, moralische Schuld verjährt nicht. Sie kann nur durch aufrichtige Sühne getilgt werden. An Sühne mag im heutigen Deutschland jedoch anscheinend niemand mehr denken. In der Nachkriegszeit zeigten sich die ehemaligen deutschen Gegner, denen die Deutschen – das man darf man nie vergessen – noch wenige Jahre zuvor unsägliches Leid zugefügt haben, großzügig, als sie ihre Forderungen an Deutschland erst einmal zurückstellten. Und wie reagierte Deutschland auf diese Großzügigkeit? Es mauerte, taktierte und schob die Sache auf die lange Bank. Schon in den Sechzigerjahren, als die Bundesrepublik prosperierte und es sich durchaus hätte leisten können, die Opfer des Zweiten Weltkriegs ernsthaft zu entschädigen, versteckte man sich hinter formaljuristischen Floskeln. Und wenn man heute liest, mit welchen Tricksereien die Architekten der deutschen Wiedervereinigung die begründeten Reparationsforderungen anderer Länder abwendeten, kann man sich nur noch schämen, ein Deutscher zu sein.

Niemand zahlt gerne vergessen geglaubte Schulden zurück. Niemand wird gerne an seine dunkle Vergangenheit erinnert. Es gehört jedoch doch zu unserem Vermächtnis, sich unserer Vergangenheit zu stellen und Sühne zu leisten. Gemessen an der übergroßen Schuld, die wir auf uns geladen haben, ist dies unsere gottverdammte Pflicht. Dieser Pflicht kommen wir jedoch nicht nach. Im Gegenteil.

Ich schäme mich für deutsche Journalisten, die keine Gelegenheit auslassen, gegen die Griechen zu hetzen und fast im gleichen Atemzug die seit fast siebzig Jahren regelmäßig vorgebrachten Reparationsforderungen als „taktische Winkelzüge“ brandmarken. Ich schäme mich für einen SPD-Vorsitzenden und Bundeswirtschaftsminister, der die griechischen Forderungen lapidar als „dumm“ bezeichnet. Ich schäme mich für einen Außenminister, der die gesamte Debatte über Reparationen als „gefährlich“ bezeichnet und für CDU-Politiker, die den Griechen raten „sich mal [lieber] mit ihren Hausaufgaben zu beschäftigen und nicht immer woanders Schuldige zu suchen“. Ich schäme mich auch für deutsche Politiker, die ihren griechischen Kollegen ins Gesicht sagen, dass die griechischen Kriegsopfer schon deshalb keinen Anspruch auf Wiedergutmachung hätten, „weil das Land bereits Milliarden von deutschen Touristen kassiert habe.“ [1] Und ich schäme mich erst recht für Deutschland, wenn es sich – wie im Fall des Massakers von Distomo – über die „Staatenimmunität“ vor Klagen drückt und sich im Gegenzug nicht einmal der internationalen Gerichtsbarkeit unterwirft, um dieses traurige Kapitel deutsch-griechischer Geschichte durch Gerichte prüfen zu lassen. Ja, wenn es um die Frage der nicht geleisteten Reparationen geht, schäme ich mich ein Deutscher zu sein.

Hätte unsere Gesellschaft und mit ihr unsere Politik nur einen Hauch von Anstand im Leibe, würden wir uns einer Überprüfung sämtlicher im Raum stehender Reparationsforderungen stellen. Das heißt freilich nicht, dass jede Forderung auch eine Aussicht auf Erfolg haben kann. Dies im Einzelfall zu prüfen, ist jedoch die originäre Aufgabe internationaler Gerichte. Um eine juristische Prüfung zu ermöglichen, müsste Deutschland sich lediglich dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag unterwerfen – dies ist sicher nicht zu viel verlangt. Insbesondere wenn es um die griechischen Forderungen geht, wäre auch noch eine andere Lösung möglich. Deutschland weiß doch ganz genau, dass es die momentan bestehenden Forderungen an Griechenland ohnehin nicht zurückbekommt. Nicht weil Griechenland nicht zahlen will, sondern weil es nicht zahlen kann. Da könnte man doch aus der Not eine Tugend machen und die griechischen Reparationsforderungen mit den Forderungen Deutschlands aus der Eurokrise verrechnen. Sicher wäre dies keine echte Sühne, sondern ebenfalls eine Trickserei. Diese Trickserei würde jedoch zumindest auch einmal den Opfern helfen. Und das wäre doch schon mal ein Schritt in die Richtung, wenn Deutschland ansonsten nicht sühnewillig ist.


[«1] Klaus Ronneberger & Vassilis Tsianos – „Vergeßt Distomo!“ Zur Entsorgung deutscher Kriegsverbrechen in Griechenland

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