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Rezension – Volker Handon „Die Psycho-Trader. Aus dem Innenleben unseres kranken Finanzsystems“

Veröffentlicht in: Banken, Börse, Spekulation, Rezensionen, Steuern und Abgaben
Volker Handon - Die Psycho-Trader

Volker Handon ist ein Wertpapierhändler, ein Day-Trader. Schon sein BWL-Studium finanzierte er sich durch ausgiebiges Backgammonspielen sowie durch das Verticken von Gebrauchtwagen in Frankfurt am Main. Seinen „Spieltrieb“ lebte Handon später bei der Commerzbank wie auch als Market-Maker an der Deutschen Terminbörse (DTB) aus. Das war in den neunziger Jahren. Damals hatte man Leute wie ihn noch als Spekulanten bezeichnet. Heute spricht man von Anlegern oder Investoren. Handon ist jetzt selbstständig. Aber vieles an der Börsenwelt gefällt ihm nicht mehr. Er will jetzt aufklären, einige „dunkle Stellen auf dem Spielfeld besser ausleuchten“. Deswegen hat er ein Buch geschrieben. „Die Psycho-Trader. Aus dem Innenleben unseres kranken Finanzsystems“, heißt es. Erschienen ist es vergangene Woche im Westend Verlag. Von Thomas Trares [*]

Handon schreibt dabei an der Schnittstelle zwischen Börsenhandel, Psychologie und Wirtschaftspolitik, garniert mit persönlichen Erlebnissen aus der Börsen- und Finanzwelt. Dem Leser gewährt er dabei durchaus interessante Einblicke. So schildert er, wie schon zu seiner Zeit an der Deutschen Terminbörse Händler durch halbseidene Nebengeschäfte ihr Gehalt aufbesserten. Oder aber wie die Hedgefonds es immer wieder schaffen, die Vorschriften zur Verhinderung von Lebensmittelspekulation zu umgehen. „Der durchaus sinnvolle Absicherungsmarkt ist heute zu einer riesigen Spekulationsspielwiese geworden“, meint Handon dazu.

Interessant sind aber auch die Erfahrungen, die er im Rahmen der Pleite seiner Clearingbank MF Global gemacht hat. „Plötzlich wurde ich von Hedgefonds bombardiert, die mir meine Forderungen gegenüber MF Global für kleinstes Geld abkaufen wollten.“ Offenbar gingen die Hedgefondsmanager dabei nicht gerade zimperlich vor. „Meine Verhandlungspartner erklärten mir gebetsmühlenartig, wie aussichtslos meine Situation sei und dass das Beste für mich wäre, ihr Kaufangebot anzunehmen. Selbst Drohungen sprach man gegen mich aus, um mich weichzuklopfen.“

Enthüllungen von Wertpapierhändlern stoßen seit der Finanzkrise offenbar auf besonderes Interesse. Sei es der „Cityboy“ Geraint Anderson aus London, Greg Smith von Goldman Sachs oder in Deutschland die unter Pseudonym schreibende Derivate-Händlerin Anne T; die Motivation ist immer ähnlich. Ein Insider packt aus, meist aus Unmut über die innere Verfassung des Finanzsystems.

Handons Buch bestätigt vieles von dem, was man schon aus früheren Schilderungen kennt. Händler sind demnach alles andere als rationale handelnde Investoren, oft bestimmen Emotionen wie Gier, Euphorie, Angst und Stress den Alltag. „Die Kollegen im Parketthandel kannten genau zwei Themen: Geld und Sex. Das galt übrigens auch für die Frauen, die dort arbeiteten. Es war im Grunde der größte Affen- und Saustall, den ich bis dahin gesehen hatte.“ Und von britische Banken weiß Handon zu berichten, dass diese von Bewerbern gar schonmal die Messung ihres Testosteronspiegels verlangen. Denn „in der ersten Angriffsreihe setzen Banken in der Regel auf aggressive Spieler – Jungs mit den sprichwörtlichen Eiern in der Hose“.

Handon schaltet sich aber auch gerne mal in die politische Diskussion ein, wobei man viele seiner Argumente so auch bei den „Nachdenkseiten“ finden könnte: „Ich halte die Behauptung, der Aktienmarkt sei eine zuverlässige Säule für die Altersvorsorge, nicht nur für absoluten Quatsch, sondern für vorsätzliche Volksverdummung.“ Und die kurz vor der „Tagesschau“ ausgestrahlte Sendung „Börse vor acht“ ist für ihn ein schönes Beispiel für die gute Lobbyarbeit der Finanzwirtschaft: „Jeden Werktag zur besten Sendezeit fünf kostenlose Werbeminuten für die Börse im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.“ Und dass ausgerechnet die SPD 2009 unter dem damaligen Finanzminister Peer Steinbrück eine Abschlagsteuer auf Kapitalgewinne eingeführt hat, hält er ebenso für „merkwürdig“.

Skurril ist dagegen Handons Vorschlag zur Reform des Steuersystems. Hier schwebt ihm eine Flatrate auf die Einkommensteuer mit wenigen Ausnahmen sowie ein relativ hoher Mehrwertsteuersatz von beispielsweise 35 Prozent vor. Die gezahlte Mehrwertsteuer soll allerdings auf die Einkommensteuer anrechenbar sein. Handon verspricht sich davon eine gerechtere Einkommens- und Vermögensverteilung sowie ein einfacheres und gerechteres Steuersystem. Die Einführung einer Finanztransaktionssteuer lehnt er dagegen ab.

Handon redet bei alledem ohne großen Schaum vorm Mund, er verfällt auch nicht in Händler-Kauderwelsch. Seine Sprache ist unaufgeregt und verständlich. Dennoch merkt man ihm an, dass er sauer ist. Sauer auf die Politik, weil diese sich von den Banken über den Tisch ziehen ließ und das Ganze als „alternativlos“ verkauft hat. Auch die Medien bekommen ihr Fett weg: „Meine Frau ist regelrecht genervt, wenn ich ihr aus dem Wirtschaftsteil der FAZ beim morgendlichen Frühstück wieder einmal die Stellen vorlese, die eins zu eins aus dem Internet abgeschrieben wurden.“ Sauer ist er aber auch auf Thomas Jordan, den Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank (SNB), und zwar weil dieser ohne Vorwarnung einfach die Bindung des Schweizer Franken an den Euro aufgehoben hat. Für Handon war dies ein „Vertrauenstsunami“. Außerdem beklagt er die geringe Finanzbildung in der Bevölkerung.

Letztlich mag man sich als Leser fragen, warum ausgerechnet Veröffentlichungen von Wertpapierhändlern so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, schließlich gibt es ja noch zahllose andere interessante Berufe. Im Wertpapierhandel kommen aber wohl gleich mehrere Faktoren zusammen: So lassen sich dort Renditen erzielen, die sonst wohl nur im organisierten Verbrechen möglich sind, angereichert wird dies dann noch mit einer gehörigen Portion Intransparenz. Denn wer weiß schon genau, was wirklich hinter den Fassaden der schönen Bankenwelt vor sich geht? Beim Betrachter mag all dies Bewunderung und Abscheu zugleich hervorrufen.

„Ich glaube, es gibt keinen anderen Job mit einer größeren Divergenz zwischen gesellschaftlichem Ansehen und intellektueller Leistung als den des Börsenmaklers. Es ist unfassbar, wie sich diese Branche völlig zu Unrecht ein solch gutes Standing in der Öffentlichkeit erschleichen konnte, obwohl hier bestenfalls mit lauwarmem Wasser gekocht wird“, schreibt Handon dazu. Den Beruf des Wertpapierhändlers würde er heute nicht mehr ergreifen. „Finger weg vom Handel mit Geld! Er besitzt ein viel zu großes Potenzial Menschen unglücklich zu machen:“ Räumliche Distanz hat Handon bereits zur Finanzwelt geschaffen. Schon seit 2006 arbeitet er als „Lonesome Day-Trader“ in seiner „Homeoffice“.


[«*] Thomas Trares ist Diplom-Volkswirt. Studiert hat er an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur vwd. Seit über zehn Jahren arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.

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