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Garantiert beschissen? Ein neues Buch über den Betrug mit Lebensversicherungen

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Rente, Rezensionen, Riester-Rürup-Täuschung, Privatrente

Die Lebensversicherung ist das beliebteste Vorsorgeprodukt der Deutschen. Rund 90 Millionen Verträge gibt es hierzulande. Damit hält jeder Bundesbürger statistisch gesehen 1,1 Policen. Wer von all den Versicherten jedoch vorhat, das neue Buch von Holger Balodis und Dagmar Hühne zu lesen, der braucht starke Nerven. Denn was die beiden Kölner Journalisten in „Garantiert beschissen! Der ganz legale Betrug mit den Lebensversicherungen“ zusammengetragen haben, lässt einem die Haare zu Berge stehen. Demnach ist die Qualität der Lebens- und Rentenversicherungen ein Desaster, über 80 Prozent der Kunden würden damit effektiv Geld verlieren, die versprochene Altersvorsorge sei nichts anderes als eine Geldvernichtungsmaschine. Von Thomas Trares[*].

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Die beiden Autoren wissen, wovon sie reden. Für ARD-Magazine wie „Monitor“, „Plusminus“ und „Ratgeber Recht“ haben sie mehrere Beiträge zu dem Thema erstellt, für Verbraucherzentralen Ratgeber geschrieben, 2012 das Buch „Die Vorsorgelüge“ veröffentlicht und 2014 für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Studie „Privatrenten als (un)geeignetes Instrument der Altersvorsorge?“ verfasst.

Für das „Desaster“ bei den Lebensversicherungen haben Balodis und Hühne gleich ein ganzes Ursachenbündel ausgemacht: überzogene und versteckte Kosten, miese Renditen, wirklichkeitsfremde Langlebigkeitsprognosen, ungünstige Sterbetafeln, verschobene Überschüsse, überhöhte Provisionen, geschönte Stornozahlen und schlechte Beratung. Rund 80 Prozent der Verträge würden vorzeitig gekündigt. „Bei den Lebensversicherungen ist die verlustreiche Kündigung nicht die Ausnahme, sondern die Regel“, schreiben die Autoren.

Das Problem auf dem Versicherungsmarkt ist das hohe Informationsgefälle zwischen Versicherern und Versicherten. Wie eine Privatrente funktioniert, wissen die meisten Kunden nicht. Was in 30 oder 40 Jahren herauskommt, können sie gar nicht wissen. Zudem ist die Qualität der Produkte in vielen Fällen gar nicht nachprüfbar. „Wer ein schriftliches Angebot einholt, wird von knapp 100 Seiten Buchstaben- und Zeilensalat erschlagen: Fachchinesisch und Kleingedrucktes wohin man blickt.“ Ferner haben die Autoren bei den Verbrauchern ein gewisses Maß an Lethargie ausgemacht. Viele Kunden seien ahnungslos und hätten blindes Vertrauen in den Berater.

Das Informationsgefälle besteht jedoch nicht nur zwischen Kunden und Versicherern, sondern auch zwischen Versicherern und Politik. „Weitgehend ahnungslose Politiker sind den Versicherungskonzernen auf den Leim gegangen“, konstatieren Balodis und Hühne. Los ging das Ganze bereits im Jahr 1957, als mit der gesetzlichen Rente das Steuerprivileg für Lebensversicherungen eingeführt wurde. Dies war zugleich die Initialzündung dafür, dass sich die Lebensversicherung zum beliebtesten Altersvorsorgeprodukt der Deutschen entwickeln konnte.

Eine neue Qualität erreichte die Verquickung zwischen Politik und Versicherungswirtschaft Anfang des neuen Jahrtausends mit der Einführung der Riester-Rente durch die rotgrüne Koalition. Der damalige AWD-Chef und Kanzler-Freund Carsten Maschmeyer schwärmte seinerzeit von einer „riesigen Ölquelle“, die man nur noch anbohren müsse. Ein weiterer Coup gelang der Versicherungswirtschaft dann im vergangenen Jahr mit der Verabschiedung des Lebensversicherungsreformgesetz (LVRG). Denn damit hat die Bundesregierung das 2005 vom Bundesverfassungsgericht eingeforderte Recht, die Kunden angemessen an den Bewertungsreserven zu beteiligen, einfach wieder kassiert.

Ein Manko des Buchs ist jedoch, dass Balodis und Hühne an vielen Stellen etwas zu dick auftragen. Oft ist von „Beschiss“, „Scharlatanerie“, „Klau“, „Opfer“, „Beute“ und Ähnlichem die Rede. Dabei bedarf es solcher Empörungsrhetorik eigentlich gar nicht, um auf die Missstände in der Lebensversicherung aufmerksam zu machen. Allein die zusammengetragenen Daten und Fakten sprechen schon eine klare Sprache.

Nichtsdestotrotz liefert das Buch wertvolle Erkenntnisse und Einsichten. Überraschend ist etwa, dass das gute Image der Betriebsrenten so gar nicht gerechtfertigt ist; obwohl es doch gerade Sozialdemokraten und Gewerkschaften sind, die diese Form der Altersvorsorge immer wieder gern empfehlen. Doch nicht nur das. Für die gesunkene Attraktivität der betrieblichen Altersversorgung machen die Autoren sogar die frühere rotgrüne Koalition im Bund verantwortlich: „Es waren maßgeblich Sozialdemokraten, die die neuen Formen der Betriebsrente so richtig befördert und damit der Versicherungswirtschaft und ihrem Heer an Vermittlern ein grandioses neues Geschäftsfeld eröffnet haben.“

Interessant wird es auch dann, wenn Balodis und Hühne einen Blick hinter die Kulissen der Versicherungswirtschaft werfen. So waren die beiden Gast bei einer Roadshow des Fonds Finanz Maklerservice, dem größten Maklerpool in Deutschland. Hier schildern sie anschaulich, wie solche Treffen ablaufen: „Prominente Redner, Szenekontakte, gutes Essen, kostenlose Drinks, Spiel und Spaß und natürlich auch Produktinformationen. Letztere aber nur ganz plakativ und vor allem: positiv.“ Deutlich wird dabei auch welche Tricks die Makler anwenden: „Nie sofort konkret inhaltlich antworten, sondern im Gegenteil, zunächst ausweichen, aber den Kunden schon vorweg festnageln.“

Ferner scheint die Ergo so etwas wie der „Bad Guy“ der Branche zu sein, denn auffällig oft wird der Düsseldorfer Versicherer als Negativbeispiel für irgendeine Fehlentwicklung angeführt. So hat die Ergo Tausenden von Riester-Sparern jahrelang überhöhte Kosten abgeknöpft, in der betrieblichen Altersversorgung vielen Kunden statt günstiger Kollektivverträge teure Individualverträge angedreht und in der DIW-Studie als einer der teuersten Versicherer im Bereich klassische Rentenprodukte abgeschnitten. Und dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass es 2006 mehr als 100 Vertreter der inzwischen in der Ergo aufgegangenen Hamburg-Mannheimer waren, die in Budapest für einen handfesten Sexskandal gesorgt haben.

Schließlich zeigen die Autoren Alternativen auf, wie man das Desaster rund um die Lebensversicherung beenden könnte. So fordern sie die gesetzliche Rentenversicherung wieder zu beleben, eine Mindestrente einzuführen und alle Erwerbstätigen in das Rentensystem einzahlen zu lassen. Die Riester-Rente gilt es dagegen zu stoppen, die bestehenden Verträge könnten dann privat fortgeführt werden. Trotz aller Kritik an den Versicherern kann der Abschluss einer Risiko-Lebensversicherung sinnvoll sein. Gleiches gilt für die Berufsunfähigkeits-Zusatzversicherung (BUZ). In punkto Geldanlage sind Indexfonds eine Alternative zur Lebensversicherung. Die Frage, ob man bereits bestehende Verträge kündigen sollte, lässt sich pauschal nicht beantworten. Im Zweifel hilft der Gang zum unabhängigen Berater oder zur Verbraucherzentrale.


[«*] Thomas Trares ist Diplom-Volkswirt. Studiert hat er an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur vwd. Seit über zehn Jahren arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.

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