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Seipels Buch über Putin. Ein kompaktes Angebot zur Information.

Veröffentlicht in: einzelne Politiker, Länderberichte, Rezensionen

Unser Bild von Putin ist vermutlich mehrheitlich geprägt von Darstellungen wie dieser:

(Weitere Abbildungen am Ende des Textes)

Wenn Sie weiter in Ruhe und eingebettet in das übliche Putin-Bild leben wollen, dann sollten Sie das Buch von Hubert Seipel nicht lesen. Wenn Sie die Störung aushalten, dann ja und dann lernen Sie viel. Hubert Seipel, Journalist, Gesprächspartner und Kenner Putins wie kaum ein anderer, zeichnet das andere Bild. Dass sich möglichst viele hier im Westen eine differenzierte Meinung bilden, ist politisch von Bedeutung. Denn das jetzt erkennbare Ziel einiger potenter Strategen im Westen, die auch im Falle Putins und Russlands auf Regime Change setzen, ist zumindest in zweifacher Hinsicht gefährlich. Albrecht Müller.

Erstens: Putin und seine Leute in der Russischen Föderation haben erkannt, dass mit dem Ziel des Regime Changes gespielt wird; dass sie sich dagegen wehren werden, ist verständlich, und deshalb wird der Versuch zu einem großen, für viele tödlichen Konflikt führen.

Zweitens: Dass in Moskau ein besserer, d.h. ein friedfertigerer und für die innere Entwicklung Russlands günstigerer Politiker nachfolgt, ist nach menschlichem Ermessen und nach ein bisschen besserer Kenntnis der Person und Politik Putins, wie Hubert Seipel sie schildert, nur sehr schwer vorstellbar.

Bibliografische Angaben

Hubert Seipel, Putin. Innenansichten der Macht. Hamburg 2015. 365 Seiten, einschließlich einer Zeittafel und ausführlichen Fußnoten. 22 €

Zum Autor

Hubert Seipel, Jahrgang 1950 hat für den Stern, den Spiegel und für die ARD gearbeitet. Er hat Putin und Snowden interviewt. Er hat Zugang zum russischen Präsidenten wie kaum ein anderer ausländischer Journalist. Er wurde hier im Westen mit Fernseh- und Journalistenpreisen prämiert und wegen seiner guten Beziehung zum russischen Präsidenten angefeindet.

Was man bei der Lektüre des Buches so alles erfährt …

Wir erfahren einiges über die Lage in Russland, über die wirtschaftliche und soziale Lage vor Putins Präsidentschaft und Ministerpräsidentschaft und wie sich diese verändert hat. Der Autor kommt auf den letzten Seiten des Buches auf dieses Thema noch einmal zurück und erklärt damit, warum der russische Präsident so populär ist. „Bei Putins Amtsantritt lebte fast ein Drittel aller Russen unter der Armutschwelle, jetzt sind es 11 %. Die Lebenserwartung kletterte von 65 auf 70 Jahre. Es gibt weniger Mord und Totschlag.“ So berichtet der Autor.

Putin hat die Ausbeutung des Landes durch inländische und ausländische Oligarchen und Finanzgruppen, die während der Präsidentschaft Jelzins üblich war, gestoppt. Er hat die übertriebene Privatisierung beendet und dem Staat Macht und Mittel zurückgegeben. Alleine das schon kann manche Aggression unter Oligarchen und ihren Handlangern in Politik, Medien und Finanzwirtschaft erklären. Dass Menschen im Westen, die sich Demokraten und Menschenrechtler nennen, indirekte Sympathie für die in Russland zu Jelzins Zeiten üblich gewordene Plünderung des Volkes haben, begreife wer will.

Putin hat aus nächster Nähe miterlebt, wie hoffnungslos die Lage Jelzins vor der Präsidentschaftswahl von 1996 war und wie dann in einem Feuerwerk eines von Oligarchen und vom Westen bezahlten und gesteuerten Wahlkampfs die Stimmung umgedreht wurde, mit Hilfe von cleverer Propaganda und mithilfe von groß angelegter Bestechung von Journalisten. Spätestens da hat der heutige russische Präsident wahrnehmen können, welche Bedeutung die Medien haben.

Seipel beschreibt die Nähe Putins zur russisch-orthodoxen Religion. Auch sein Bemühen um die Einheit der russischen Kirche. Diese Religiosität ist für ein eher agnostisches Publikum im Westen nicht leicht zu verstehen. Akzeptieren kann man es ohne Groll, wie die ungläubige Mehrheit ja auch die periodisch wiederkehrenden Papstfeiern erträgt und erduldet.

Seipel beschreibt die Arrangements und die Schwierigkeiten des Wechsels von Putin und Medwedew vom Stuhl des Präsidenten zum Stuhl des Ministerpräsidenten und zurück. Dass Putin einmal darum bangen musste, dass sein Partner sich bei diesem Spiel an die Verabredung hält und den Präsidentensessel wieder räumt, war mir entgangen. Es war aber wohl so. Selbstverständlich kann man diese Verabredung des Wechselspiels von Präsidentschaft und Ministerpräsidentschaft für undemokratisch halten. Verfassungswidrig ist sie wohl nicht.

Man erfährt einiges von inneren Konflikten in Russland. Über Konflikte zwischen politischen Gegnern und unter Freunden. Putin hat einen Freund, der einmal Finanzminister und unterschiedlicher Meinung war über ein Thema, das wir alle kennen: über das Sparen des Staates und über angeblich notwendige Reformen. Putins Freund Alexej Kudrin plädierte für solche Reformen und für die Kürzung von Sozialleistungen. Putin dazu: „Hätten wir alles umgesetzt, was mir mein Freund Kudrin empfohlen hat, wären wir wirtschaftlich sicher weiter. Aber Millionen stünden auf der Straße, weil sie ihre Arbeit verloren hätten.“

Die Mehrheit jener Menschen im Westen, die sich gelegentlich mit Russland beschäftigen, wird kein sonderlich gutes Urteil fällen, wenn der Umgang mit westlichen Nichtregierungsorganisationen thematisiert wird. Wir sind gewohnt, dieses Wirken der sogenannten Zivilgesellschaft in anderen Ländern als eine Tugend zu betrachten. Es gibt viele Fälle, wo das stimmt. Es gibt andere Fälle, wo man mit seinem Urteil zurückhaltender sein sollte. Wenn solche NGOs in die Vorbereitung von inneren Revolten integriert sind, dann sollte man zumindest prüfen, ob das Ende solcher Aktionen bedacht wird. Das geschieht in der Regel nicht. Wir haben ein Vorurteil positiver Art für das Wirken solcher NGOs und fragen nicht nach den Folgen. Wer bei der Lektüre des Buches von Hubert Seipel Geist und Herz öffnet, wird zumindest zum Bedenkenträger. Putins Sorge wird in der Kennzeichnung dieser Vorgänge durch ihn sichtbar: moralische Kreuzzüge.

Das Buch beleuchtet internationale Konflikte, mit denen wir uns in den letzten Jahren beschäftigten mussten. Seipel zitiert und beleuchtet dabei oft beide Seiten des Konflikts. Konkret: wir erfahren, was Putin zu einzelnen Fragen und Konflikten der Ukraine Krise denkt und sagte, und wir erfahren, was andere, was Obama und Angela Merkel nicht nur öffentlich sagten, sondern in Telefongesprächen und im Zwiegespräch oder im größeren Kreis gesagt haben.

Diese Passagen des Buches sind stark. Wir Leserinnen und Leser bekommen einen unmittelbaren Eindruck vom Umgang der Großen dieser Welt miteinander. Manchmal bin ich bei der Lektüre dieser Passagen erschrocken, verwundert über den rüden Ton, der sich gelegentlich in den Telefongesprächen breitmacht. Unwahrheiten und Pokern würden einen ja nicht stören. Aber die vielen Anflüge von Aggression in den Telefonaten der Spitzen unserer Welt, das ist schon etwas merkwürdig – merk-würdig.

Die Tonlage von Obama ist übrigens meist härter als die von Putin. Das mag aber daran liegen, dass der Autor über Putin schreibt und nicht über Obama, und auch daran, dass der Autor die Äußerungen des amerikanischen Präsidenten oder jene von Angela Merkel aus der Quelle Putin schöpft. Dennoch, der vermittelte Eindruck scheint nicht falsch zu sein. Putin gebärdet sich weniger aggressiv als seine westlichen Partner. Das konnte man auch in öffentlichen Reden bestätigt finden. Die NachDenkSeiten haben darüber am Beispiel von UNO-Auftritten Obamas im Vergleich zu solchen der russischen Seite berichtet.

Seipel hilft mit seinen Berichten, handelnde Personen der Weltgeschichte besser und anders einzuschätzen, als dies geläufig geschieht. Ein Musterbeispiel dafür ist der ehemalige Kommissionspräsident Barroso. Putin hatte für diesen Menschen nur noch Verachtung übrig. Das folgte nicht nur aus einer persönlichen Aversion, sondern aus Putins Erkenntnis, dass es sich bei diesem portugiesischen Politiker um einen besonders aggressiven Vertreter der westlichen Ideologie handelt und Barroso keinerlei Verständnis dafür zeigte, dass es nicht sinnvoll ist, die Ukraine aus dem engen wirtschaftlichen Verbund mit Russland herauszulösen.

Viele Passagen des Buches sind zum einen einer Vorstellung vom Verhältnis zwischen West und Ost gewidmet, die vom Autor und seinem Studienobjekt in gleicher Weise gewünscht wird: dass nämlich der Konflikt zwischen West und Ost beendet ist. Zum andern erfahren wir sozusagen aus erster Hand von der Enttäuschung, vom Gefühl des Betrogenseins auf Seiten der russischen Führung.

Die Ausdehnung der NATO und der EU bis an die Grenzen Russlands wurden und werden von Putin als Bedrohung und als eine Abfolge gebrochener Versprechen betrachtet. Bei der Lektüre des Buches von Seipel kann man lernen, dass diese Erfahrung einen eigentlich westlich und vor allem nach Deutschland orientierten Politiker innerlich umgedreht hat. „Bis hierher und nicht weiter.“ So könnte man das Lernziel des Westens in Bezug auf die Person Putin beschreiben.

Bei der Lektüre lernt man viel über das Verhältnis Russlands zu den USA, auch zu einzelnen schwierigen Problemen des Verhältnisses.

Das Aufbrechen des Ukraine-Konflikts fällt in diese Zeit. Darüber schreibt der Autor sehr viel. Man lernt eine Menge. Ich fand einiges bestätigt. Anderes zwingt mich vielleicht zur Korrektur meiner skeptischen Bewertung der Motive von Merkel und Steinmeier. Ich ging bisher davon aus, dass die deutsche Seite sich auch beim zweiten Minsker Abkommen nicht aus der Umklammerung der USA gelöst hatte. Seipel bringt Argumente für eine andere Sicht auf Merkel, Steinmeier und Hollande. Er widerspricht sich allerdings dabei selbst. Am Anfang des Buches kommt das etwas anders rüber: „… Deutschland war in den letzten Jahren nie unbeteiligter Vermittler zwischen dem Westen und Russland sondern immer Partei in dem Konflikt zwischen Moskau und der Ukraine.“

Die Abläufe in der entscheidenden Nacht des Putsches in Kiew beschreibt Seipel nach Kenntnis der russischen Einschätzungen so, wie man es bei kritischer Betrachtung befürchten muss. Da ist mit Scharfschützen falsch gespielt worden. Seipel zitiert Putin mit der Frage, (in meinen Worten) wo denn die deutschen und französischen und polnischen Außenminister geblieben sind, als es um die Durchsetzung der Verabredung mit dem damaligen Ukrainischen Präsidenten ging. Genau dies habe ich mich damals auch gefragt.

Es folgen noch drei Spiegel-Titel zur üblichen Putin-Bild-Pflege.

Wem das noch nicht reicht, kann sich hier bedienen. Nicht nur im Spiegel, auch bei der Zeit, bei der Bild-Zeitung und vielen anderen Medien.

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