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Veit Medick und der verrückte Mr. Trump

Veröffentlicht in: Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medienkritik, Wahlen

Veit Medick ist ein SPIEGEL-Mann aus dem Bilderbuch: Er ist jung, trägt eine modische Hornbrille aus einem politisch korrekten Hornersatzstoff und hat dennoch bei den Themen über die er schreibt so gar keinen Durchblick. Aktuell hat SPIEGEL Online Veit Medick nach Washington versetzt. Von dort aus darf er als offizieller Korrespondent den Wahlkampf für die Hamburger Online-Postille featuren. Medick ist bekennender Clinton-Fan und Donald Trump daher auch dankbar, dass Frau Clinton nun dank ihm endlich ein echtes Wahlkampf-Motto hat: Sie muss Amerika und die ganze Welt (sic!) vor „diesem Mann retten“! Hallelujah! Wenn Ihnen am Wochenende nach ein wenig Amüsement sein sollte, lesen Sie sich ruhig einmal Medicks gesammelte Werke durch – Sie werden es zumindest aus diesem Gesichtspunkt nicht bereuen. Doch man sollte Medick nicht nur humoristisch betrachten. Gerade eben weil er so dummes Zeugs schreibt, gelingt es ihm auch immer wieder zwischen den Zeilen grob manipulativ zu Werke zu gehen. So auch in seiner aktuellen Wahlkampfkolumne „Donald – lern mal ruhig zu bleiben„. Von Jens Berger.

Die Story der Kolumne ist schnell erzählt: Veit Medick guckt sich die TV-Debatte der Republikaner an, findet alles doof, was Donald Trump sagt und ist stolz auf sich, weil er – ganz das schlaue Bürschchen – viel klüger als so ein dicker weißer Durchschnittsamerikaner ist und dem Milliardär nicht auf den Leim geht. Schlaue Bürschchen wie Medick gehen halt lieber schlauen Politikern wie Hillary Clinton auf den Leim und für schwerstintellektuelle Journalisten ist es natürlich geradezu Pflicht, sich über Trump lustig zu machen. Problematisch ist das Ganze nur, wenn die Geschichte auch einen Guten, einen Helden, braucht, und die Grenzen zwischen Berichterstattung und Propaganda dadurch immer fließender werden und Journalisten wie Medick letzten Endes ins Fiktionale abdriften. Beispiel gefällig? Gerne!

Medicks „Regieanweisungen“ für die republikanischen Vorwahlen sehen folgendes vor: Donald Trump ist der Irre! Ein schräger Milliardär, der Frauen beleidigt und eine Mauer an der mexikanischen Grenze bauen will. Wer gegen Trump ist, ist gut und irgendwie in der Mitte, also moderat. „Moderat“ ist ohnehin das Wort der Stunde. Und nach diesem Schema läuft dann natürlich auch Medicks Interpretation der Debatte. Lesen Sie sich doch bitte einmal den folgenden Absatz genau durch:

Es ist eine ziemlich miese Debatte des Immobilienmoguls. Ausgerechnet bei der Einwanderung, seinem Kernthema, gerät er unter Druck. Es soll, so heißt es in Berichten, eine Aufnahme von einem Redaktionsbesuch Trumps bei der New York Times geben, in dem er in einem Hintergrundgespräch seine extreme Haltung zur Grenzsicherung abgeschwächt haben soll. Die Überraschung: Trump dementiert das nicht. „Man muss eine gewisse Flexibilität haben. Ohne etwas Geben und Nehmen geht es nicht“, sagt er.
Rubio und Ted Cruz, der Senator aus Texas, greifen den Satz sofort auf und werfen ihm vor, vorne herum den Sheriff zu geben und hinten herum die Uniform abzulegen. „Gib die Aufnahme frei“, ruft Cruz. Trump lehnt ab. „Gib die Aufnahme frei“, sagt Cruz abermals.

Also noch einmal ganz langsam zum Mitschreiben: Donald Trump weicht offenbar bereits jetzt von der unsinnigen Forderung ab, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko zu bauen. Dieser Vorschlag stammt übrigens ursprünglich nicht von Trump, sondern vom „moderaten“ Kandidaten Ted Cruz. Kein Wunder, dass Cruz und sein kaum weniger reaktionärer Tea-Party-Spezi Marco Rubio da ganz außer sich sind und das „Weichei“ Trump ins Kreuzfeuer nehmen. Alles wunderbar, aber was will Medick damit sagen? Wir haben hier offenbar eine Situation, in der der „irre“ Mr. Trump von einer besonders absurden Forderung Abstand nimmt und die beiden „moderaten“ Kandidaten ihn geifernd dafür kritisieren. Daraus könnte man einen Artikel machen! „Trump nimmt Abstand von Mauerbauplan“ wäre doch eine schöne Überschrift. Oder „Cruz und Rubio kritisieren Trump, weil der keine Mauer zu Mexiko bauen will“. Aber das passt ja nicht zum Drehbuch.

Ich könnte mich wiederholen und auch heute rhetorisch fragen „Wer ist hier der Radikale?“ In diesem Absatz sind zweifelsohne Cruz und Rubio die Radikalen, die Irren und Bekloppten. Es ist schon erstaunlich, dass Medick diese Passage der Debatte inhaltlich korrekt wiedergibt und dennoch zum gegenteiligen Ergebnis kommt. Aber es kommt noch dreister:

Rubio sagt dann auch etwas, und zwar zur Außenpolitik. Es ist eines seiner sehr eloquenten, aber von erzkonservativen Überzeugungen geprägten Referate. Die Welt sei aus den Fugen, es brauche amerikanische Führung und militärische Stärke, es ist der Rubio-Dreiklang. „Du hast noch nicht eine einzige substanzielle Frage zur Außenpolitik beantwortet“, sagt der Senator in Richtung Trump. „Stattdessen lobst du Wladimir Putin.“
„Falsch!“, ruft Trump. „Putin hat wunderbare Sachen über mich gesagt. Und ich habe daraufhin gesagt: Wäre es nicht wunderbar, wenn wir gut mit Russland auskämen?“ Leider hakt da niemand nach. Trump hat Putin nämlich sehr wohl gelobt. „Er ist wenigstens ein Anführer, einer, wie wir ihn in diesem Land nicht haben“, sagte er im Dezember über den russischen Präsidenten.

Wir halten fest. Der „moderate“ Mr. Rubio nervt das Publikum mit seinen Großmachtträumen von der militärischen Weltmacht USA, was für Veit Medick zwar „erzkonservativ“ aber letztlich doch auch „sehr eloquent“ und zwischen den Zeilen natürlich auch absolut korrekt ist. „Irre“ ist wieder einmal Trump, der Wladimir Putin nicht, wie es jedem moderaten Kandidaten ziemen würde, eine Atombombe auf den Kopf werfen, sondern – man halte sich fest –mit Russland „gut auskommen“ will! Ei der Daus! Der Mann muss irre sein! Und wer es immer noch nicht verstanden hat, für den präsentiert der talentierte Herr Medick auch gleich noch sein Fazit:

Fazit: Trump verliert die Debatte, ziemlich klar sogar.

Na dann. Es wurde ja in den letzten Jahren sehr viel Kritisches über die US-Medien geschrieben. Verglichen mit Veit Medicks Artikeln auf SPIEGEL Online ist jedoch sogar Fox News ein echtes Qualitätsmedium … und das will was heißen.

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