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Ratgeber für Bildungsdesigner

Veröffentlicht in: Bildungspolitik, Privatisierung öffentlicher Leistungen
Magda von Garrel

Es gibt Dinge, die so beschaffen sind, dass sie sich einer nüchternen Berichterstattung entziehen. Dazu gehört ganz sicher auch die sich abzeichnende Inbesitznahme des Schul- und Bildungswesens durch private Investoren. Aber obwohl mittlerweile etliche dafür sprechende Indizien auszumachen sind – wirklich beweisen lässt sich diese ganz besondere Art der Landnahme nicht. Da es aber auf jeden Fall geraten ist, in dieser Hinsicht wachsam zu bleiben, hat die Autorin den Versuch unternommen, die möglicherweise auf uns zukommende Entwicklung in Form eines fiktiven Vortrags mit satireähnlichen Zügen zu skizzieren. Von Magda von Garrel [*]

Liebe Delegierte,

zu Beginn unseres diesjährigen Bildungsdesign-Weltkongresses möchte ich Sie nicht nur begrüßen, sondern vor allem loben: Sie haben hervorragende Arbeit geleistet! Es ist Ihnen gelungen, einen großen Teil der Menschheit davon zu überzeugen, dass sich romantische Bildungsvorstellungen schlicht und einfach überlebt haben. Bildungsziele wie Kritikfähigkeit oder gar Solidarität sind zu Störfaktoren der digitalen Transformation geworden, bei denen es sich außerdem um nicht messbare Größen handelt, die als Grundlage einsortierender Bewertungen untauglich sind.

Aber ich will nicht abschweifen. Wesentlich ist die Erkenntnis, dass wir zukünftig keine sozial denkenden, sondern einwandfrei funktionierende Menschen brauchen. Gerade in dieser Hinsicht haben wir ja auch schon viel erreicht, seitdem wir die Ebene der von unseren Mitgliedskonzernen verfassten und kostenlos verteilten Unterrichtsmaterialien verlassen haben. Mit besonderem Stolz erwähne ich die europaweite Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge, die den bislang üblichen studentischen Freiheiten endlich den volkswirtschaftlich gebotenen Garaus gemacht haben.

Ein anderes schönes Beispiel ist der mittlerweile fest verankerte Glaube an die unschlagbare Qualität eines evidenzbasierten Unterrichts. Das Vertrauen in die eigene Urteilskraft der am Bildungsprozess Beteiligten konnte so nachhaltig erschüttert werden, dass es uns gelungen ist, Studienergebnissen aus dem Bereich der Bildungsforschung den Nimbus letzter Wahrheiten zu verleihen. In Anbetracht der teilweise widersprüchlichen Ergebnisse, die zur Wahrung unseres neutralen Anstrichs nun einmal erforderlich sind, übertraf diese Leistung unsere eigenen Erwartungen.

Oder denken Sie an die Hattie-Studie. Was haben wir gelacht! Natürlich hat es den Lehrern gefallen, dass ihnen in einer so groß angelegten Untersuchung eine alles überragende Rolle zugeschrieben worden ist. Bei einem solchen Befund glaubt man doch gern an die zu vernachlässigende Bedeutung der von uns weiterentwickelten Formen des lehrerunabhängigen elektronischen Lernens.

Hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung war unser größter Coup ganz sicher die Implementierung länderübergreifender Leistungsvergleiche durch die dafür gar nicht zuständige OECD. Der Erfolg von PISA & Co. kann nur als grandios bezeichnet werden, da wir es ungeachtet der uns durchaus bewussten Testschwächen geschafft haben, die Bildungspolitik ganzer Länder in unserem Sinne zu beeinflussen. Noch heute staune ich darüber, wie glatt das alles über die Bühne gegangen ist.

Daran sollten Sie sich immer erinnern, wenn Ihnen hin und wieder ein etwas rauerer Wind ins Gesicht bläst. Noch haben wir nicht auf der ganzen Linie gewonnen und mancherorts ist die Widerständigkeit sogar gewachsen.

Deshalb soll im Zentrum meines heutigen Vortrags ein für Sie entworfener Ratgeber stehen, der als Handlungsanleitung sowohl für bildungsterritoriale Rückgewinne als auch für prestigeträchtige Zugewinne zu verstehen ist. Die beiden wichtigsten Grundsätze nenne ich schon mal vorab: Wo immer es geht, sollten Sie sich vordergründig auch mit den eigenwilligsten Ansichten Ihrer jeweiligen Ansprechpartner identifizieren, um dann im Windschatten dieser Zustimmung an der beschleunigten Umsetzung unserer tatsächlichen Ziele zu arbeiten. Genauso wichtig ist die verstärkte Hofierung der uns ohnehin nahe stehenden Menschen. Dies gilt insbesondere für die extrem karrierebewussten Eltern, da sie es sind, die im Licht der Öffentlichkeit den größten uns dienenden Druck ausüben können. Nun aber zu den einzelnen Punkten des Ratgebers:

  1. Unterstützen Sie ‚auf Teufel komm‘ raus‘ die kinderfreundliche Transformation einzelner Schulen. Das lenkt nicht nur ab vom Gros der defizitär ausgestatteten Schulen, sondern bietet darüber hinaus noch zwei weitere Vorteile: Die zu uns gehörenden Stiftungen können alljährlich beidseitig imagefördernde Preise verleihen, während sich die Angehörigen der leer ausgegangenen Schulen als Versager fühlen werden, was deren Bereitschaft, sich mit den von uns offerierten Vorschlägen zu befassen, ungemein erhöhen dürfte. Als kleiner Nachteil muss das Heranwachsen selbstständig denkender und selbstbewusster Kinder in Kauf genommen werden, aber das wird mengenmäßig nicht weiter ins Gewicht fallen. Zudem können wir langfristig dafür Sorge tragen, dass vor allem unsere eigenen Kinder davon profitieren.
  2. Bestätigen Sie die eklatanten Mängel in der Lehrerausbildung und weisen Sie anschließend darauf hin, dass es in anderen sozialen Berufen schon weitaus bessere und wohl nicht zufällig häufig auf private Initiativen zurückgehende Ausbildungsgänge gibt. In diesem Kontext könnten Sie auch noch den maroden baulichen Zustand vieler Schulgebäude ansprechen und Ihr Bedauern darüber äußern, dass dem Staat das Wohlbefinden der Kinder anscheinend nicht besonders am Herzen liegt.
  3. Reden Sie viel von Chancengleichheit, aber fordern Sie die Politiker eines Landes niemals dazu auf, die als Hauptursache der Ungleichheit feststehende Armut effektiv, flächendeckend und nachhaltig zu bekämpfen. Fördern Sie statt dessen den Irrglauben einer massenhaft bestehenden Möglichkeit, schlechte Startbedingungen in eigener Regie durch höhere Schulabschlüsse dauerhaft ausgleichen zu können.
  4. Bieten Sie in diesem Rahmen schulinterne Kurse an, die – im Anschluss an eine kostenfreie Anfixphase – selbstverständlich auf eine Anschaffung teurer Geräte oder sonstiger nicht gerade billiger Materialien hinauslaufen. Die Vorteile derartiger Angebote liegen auf der Hand: Sie bringen schon jetzt viel Geld ein und nehmen gleichzeitig Einfluss auf Unterrichtsinhalte und -methoden. Für den Fall, dass in diesem Zusammenhang noch Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, verweise ich Sie auf unsere Liste mit den Standardargumenten. Dort können Sie zum Beispiel lesen, dass in vielen Ländern der Welt eine frühe Gewöhnung an ein in Module aufgeteiltes Lernen als bestmögliche Vorbereitung auf die späteren Ausbildungs- und Berufsjahre angesehen wird.
  5. Sollten sich die von uns eingeleiteten Maßnahmen im Endeffekt als nicht besonders erfolgreich herausstellen, ist das auch kein Problem, da Sie dann entweder schon nicht mehr persönlich vor Ort sind oder auf die Ergebnisse einer ganzen Reihe unserer zahlreichen Studien verweisen können, nach denen es bedauerlicherweise immer noch einen relativ hohen Prozentsatz an unwilligen Schülern und Eltern gibt. Anderweitige, aber mindestens ebenso heftige Belastungen werden von den vielen Flüchtlingskindern ausgehen, sodass auch dieser Personenkreis ungewollt dazu beiträgt, der von uns angestrebten privatwirtschaftlichen Übernahme des Schul- und Bildungswesens näher zu kommen.
  6. Auf politischer Ebene ist es uns schon längst gelungen, die Umsetzung der gesetzlich geforderten Inklusion in Form eines Sparmodells mit menschlichem Antlitz in die Wege zu leiten. Auch diese Kombination hat etwas Geniales an sich, aber dennoch müssen wir gerade hier aufpassen, den Bogen zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu überspannen. Das Gefühl der Überforderung hat jedenfalls dermaßen zugenommen, dass bei den auf unterschiedlichen Ebenen stattfindenden Überprüfungen des Ist- und Sollzustandes der schulischen Inklusion teilweise auch unser Tun kritisch hinterfragt wird. Dem können und müssen wir begegnen, indem wir den am inklusiven Unterricht beteiligten Personen immer wieder unser vollstes Verständnis ihrer Sorgen und Nöte signalisieren und Abhilfe nicht nur in Aussicht stellen, sondern auch organisieren.
  7. In diesem Zusammenhang muss die bisherige Arbeit unserer Bildungslobbyisten allerdings als unzureichend bezeichnet werden. Die in Gang gesetzte Zulieferung ehrenamtlicher Unterrichtspaten oder die Beschäftigung schlecht bezahlter und ausgebildeter Lückenfüller hat die Situation nicht im erhofften Maße entschärft. Allerdings sitzen wir hier auch in einer Zwickmühle: Bei zuviel Entlastung kann es noch lange dauern, ehe die breite Öffentlichkeit die Schulen als „übernahmereif“ wahrnimmt. Deshalb ist als eine Art Zwischenmaßnahme beschlossen worden, dass Sie sich in den von Ihnen geschriebenen Artikeln wieder verstärkt mit anderen Themen befassen, die auch geeignet sind, die Funktionsfähigkeit des staatlichen Schulwesens in Frage zu stellen.
  8. Im Zuge der diesbezüglich erforderlichen Anstrengungen sollten Sie auch die kleinen Hebel nicht aus den Augen verlieren. Als Beispiel nenne ich die Erweiterung der elterlichen Wahlfreiheit, die zudem den Vorteil hat, die bereits angesprochenen Eltern wieder ins Spiel zu bringen. Unterstützen Sie deren Wunsch nach einer ihnen auch gesetzlich garantierten Möglichkeit zur Umgehung der zum Einschulungszeitpunkt maßgeblichen Schuleinzugsbereiche. Zur Beschwichtigung eines eventuell noch vorhandenen schlechten Gewissens können Sie Verständnis für die oft gehörte Ansicht äußern, dass es angesichts der schlimmer werdenden Ghettobildungen völlig in Ordnung ist, wenn sich engagierte Eltern zum Wohle ihrer Kinder an der sozialen Entmischung ganzer Wohnbezirke beteiligen.
  9. Stemmen Sie sich allen Tendenzen entgegen, die eine bessere Koordinierung der beruflichen Ausbildungsgänge vorsehen. Bedenken Sie, dass auch wir Teil der Armutsindustrie sind, mit der viel Geld verdient werden kann. Das sollte Sie allerdings nicht davon abhalten, nach außen hin das Kompetenzgerangel und den undurchschaubaren Maßnahmendschungel zu beklagen.
  10. Verraten Sie niemals, dass schon in relativ naher Zukunft auch die Existenz der besser bezahlten Berufe bedroht sein wird. Umso intensiver sollten Sie in Ihrer Funktion als wohltätige Sponsoren über die segensreichen Wirkungen von Team-Arbeit oder Anti-Mobbing-Maßnahmen reden. Der Vollständigkeit halber möchte ich hinzufügen, dass die dort vermittelten Einsichten keine Bedrohung für uns darstellen, weil diese spätestens dann völlig außer Acht gelassen werden, wenn der Kampf um die immer rarer werdenden guten Arbeitsplätze erst einmal voll entbrannt ist.

Soweit der aktuelle Ratgeber. Schon jetzt steht fest, dass wir uns im nächsten Jahr mit einigen neuen Fragestellungen auseinandersetzen und unsere Übernahmeziele noch besser mit den von der Industrie 4.0 ausgehenden Anforderungen abstimmen müssen. Gleichzeitig bedeutet dies aber auch, dass wir dann schon wieder ein ganzes Stück weiter sein werden.

Aber, um es abschließend noch deutlicher zu sagen: Unseren Einflussbereich können wir nur dann stetig vergrößern, wenn die Mehrheit der Bevölkerung weiterhin daran glaubt, dass sich der von uns angeheizte Konkurrenzkampf wirklich lohnt. Deshalb sollten Sie es als Ihre heilige Pflicht betrachten, die schon kursierenden Mutmaßungen über den zunehmenden Ersatz der menschlichen Arbeitskraft durch immer intelligentere Computer mit aller Macht aus der bildungspolitischen Diskussion herauszuhalten. In diesem Zusammenhang kann ich mir den Hinweis nicht verkneifen, dass auch einige von Ihnen den Arbeitsplatz verlieren werden und es somit in Ihrem eigenen Interesse liegt, nicht durch vorwitzige Bemerkungen unangenehm aufzufallen.

Strahlen Sie statt dessen positive Energie aus! Schließlich besteht Ihre nicht unwesentliche Aufgabe darin, der Bildung einen neuartigen Glanz zu verleihen. Anders ausgedrückt: Wir wollen die Bildung doch nicht zerstören, sondern ihr lediglich einen moderneren Kern verpassen. Und zu diesem Zweck sind wir ja auch kreativ tätig, was der von uns gewählte Begriff ‚Bildungsdesign‘ sehr schön zum Ausdruck bringt. Für den Fall, dass ungeachtet unseres großen Ziels die Älteren unter Ihnen dem Untergang des Humboldtschen Bildungsideals heimlich ein wenig nachtrauern, möchte ich an eine Weisheit der Altvorderen erinnern: Wo gehobelt wird, fallen Späne! In diesem Sinne lade ich Sie jetzt zu unserem wohlverdienten Festtagsessen ein.


[«*] Magda von Garrel ist Sonderpädagogin (Fachbereiche: Sprachbehinderungen und Verhaltensstörungen) sowie Diplom-Politologin und war als Integrationslehrerin an Grund-, Haupt-, Sonder- und Berufsschulen tätig.

Kontakt zur Autorin: [email protected]

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