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Europäische Konjunktur im Sommer 2016: Keine Belebung nirgendwo – Teil 1

Veröffentlicht in: Strategien der Meinungsmache, Wichtige Wirtschaftsdaten, Wirtschaftspolitik und Konjunktur

Vergangene Woche wurde in den deutschen Medien wieder „ein robustes Wachstum“ gefeiert. Die 0,4 Prozent Zuwachs des BIP gegenüber dem Vorquartal, die das Statistische Bundesamt gemeldet hat, sind jedoch ein Produkt der Phantasie. Alle Indikatoren sprachen für einen Rückgang des BIP, aber die Statistiker haben daraus einen Zuwachs „gezaubert“. Von Heiner Flassbeck.

Dieser Artikel ist zuerst auf Makroskop erschienen

Problematische BIP-Berechnungen

Die Diskrepanz zwischen dem, was ein kenntnisreicher Beobachter in Sachen europäische Konjunktur aus den Zahlen herauslesen kann und dem, was die Statistiker daraus machen, wird immer grotesker. Das Statistische Bundesamt meldete vergangene Woche (hier) ein Wachstum des deutschen BIP von 0,4 Prozent im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal. Eurostat legte – natürlich auf der Basis der deutschen Zahl – nach und vermeldete 0,3 Prozent Zuwachs für den Euroraum als vorläufige Schätzung (hier).

Wir habe es schon oft gesagt und müssen es leider wiederholen: Diese Zahlen sind das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt sind. Der Skandal, dass die Statistiker mit viel Phantasie das produzieren, was die Politiker erwarten, wird immer größer. Er potenziert sich aber dadurch, dass eine unkritische Medien- und Wissenschaftslandschaft diese Zahlen begierig aufgreift und als reine Jubelmedien in die Welt hinausposaunt. Unsere langjährige Forderung, die Berechnung der Zahlen in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung total offenzulegen, wird von Tag zu Tag wichtiger.

In Deutschland zeigen alle harten Daten (das sind die Daten, die kurzfristig wirklich vorliegen) einen Rückgang der Produktion im zweiten Quartal gegenüber dem ersten an. Die Produktion des produzierenden Gewerbes (das sind Bauwirtschaft plus Industrie) lag im zweiten Quartal bei einem Indexstand von 109,0 nach 110,1 im ersten (2010=100). Der Einzelhandel (der mit einem geschätzten Produktionsanteil zum Gesamtergebnis der Produktion beiträgt und zugleich der wichtigste Indikator für die Konsumentwicklung ist) verzeichnete einen realen Umsatz von 106,1 nach 106,5 im ersten Quartal (alle Zahlen von der Deutschen Bundesbank, hier).

Wie windelweich die Argumentation des Statistischen Bundesamtes ist, kann man schon daran erkennen, dass sie praktisch nur mit der Nachfrageseite der Volkswirtschaft argumentieren, über die man so kurzfristig praktisch nichts weiß. In der Pressemitteilung heißt es:

„Positive Impulse kamen im Vorquartalsvergleich – preis-, saison- und kalenderbereinigt – insbesondere vom Außenbeitrag. Nach vorläufigen Berechnungen stiegen die Exporte gegenüber dem ersten Quartal 2016, während die Importe leicht rückläufig waren. Auch die privaten Konsumausgaben und die Konsumausgaben des Staates stützten das Wachstum. Gebremst wurde das Wachstum hingegen durch schwache Bruttoinvestitionen; insbesondere in Ausrüstungen und Bauten wurde nach einem starken ersten Quartal weniger investiert.“

Es ist ja nun einmal so, dass alles, was aus Deutschland heraus abgesetzt wird, auch produziert werden muss. Das gilt für die Exporte wie für den Konsum wie für die Investitionen. Wenn die Produktion, die man kennt, rückläufig ist, dann können die Produkte, die abgesetzt wurden, nur vom Himmel gefallen sein.

Wenn der wichtigste Indikator für den Konsum rückläufig ist, fragt man sich zudem, woher die Statistiker wissen wollen, dass die privaten Konsumausgaben das Wachstum stützten. Das einzige Schlupfloch, was bleibt, und das wird ja auch angesprochen, sind die Importe. Wenn in einer Wirtschaft die Importe sinken und der Leistungsbilanzsaldo (der Außenbeitrag) infolgedessen steigt, dann ist es möglich, dass auch bei sinkender Produktion das BIP steigt, weil weniger von dem, was produziert wurde, für Importe abgezogen werden muss.

Das wäre aber ein solch erbärmliches Ergebnis, dass schon der erste Satz des Statistischen Bundesamtes in seiner Pressemitteilung „Die deutsche Wirtschaft wächst weiter“ nur als grobe Irreführung der Öffentlichkeit bezeichnet werden kann. Sie wächst dann nämlich nicht wirklich, sondern zeigt in einer statistischen Berechnung ein positives Vorzeichen, weil sie bei rückläufiger eigener Produktion weniger auf Produktion des Auslandes als Vorleistung zurückgegriffen hat. Man sieht aber schon an diesem Satz, wie wichtig dem Bundesamt die politische Botschaft ist, die dahinter steht.

Mehr als Stagnation gibt es in Deutschland nicht

Die konkreten Ergebnisse statistischer Erhebungen für die letzten Monate zeigen, dass Deutschland im Stagnationsmodus verharrt. Der Auftragseingang in der Industrie zeigt nichts von einem Aufschwung oder von Wachstum (Abbildung 1). Im Gegenteil, die Nachfrage nach deutschen Industrieprodukten verharrt auf dem Niveau, das sie schon seit 2014 hat, das aber auch schon 2011 einmal erreicht worden war. Das gilt für Auslands- wie für Inlandsnachfrage gleichermaßen.

Auch wenn man den ifo-Geschäftsklimaindex, der mehr Bereiche als nur die Industrie erfasst, nämlich Handel und Bauwirtschaft, mit den Auftragseingängen vergleicht (Abbildung 2), kann man keine Wachstumstendenz erkennen (hier zu finden). Diese Gegenüberstellung zeigt auch, dass in Deutschland kein Wachstum zu erwarten ist, so lange die Auftragseingänge in der Industrie vollkommen flach sind. Die Industrie ist nun einmal der Bereich, wo die konjunkturelle Musik spielt; spielt sie dort nicht, spielt sie nirgendwo.

Manch einer verweist zur Begründung seines Optimismus auf die deutsche Bauwirtschaft, wo in der Tat die Auftragseingänge nach oben zeigen. Ob und wann in der Bauwirtschaft aber aus vorlaufenden Indikatoren wie dem Auftragseingang und den Baugenehmigungen wirklich steigende Produktion wird, ist eine nicht leicht zu beantwortende Frage. Derzeit ist das jedenfalls nicht der Fall und, wenn man den ifo-Index zu Rate zieht, kann es sein, dass das auch nicht so bald der Fall ist, weil für die Bauwirtschaft zwar die aktuelle Lage gut eingeschätzt wird, die Geschäftserwartungen aber gedämpft bleiben.

Dass Deutschland aus dem Ausland noch einmal größere Impulse erhält, ist ebenfalls nicht zu erwarten. Die Aufspaltung der Auftragseingänge in europäisches und nicht-europäisches Ausland zeigt, dass bei beiden keine Dynamik vorhanden ist (Abbildung 3).

Der Aufschwung bei den Aufträgen aus der Nicht-Eurozone, der 2014 eingesetzt hatte, ist vorbei und auch aus der Eurozone kommen keine neuen Impulse. Nur wenn Deutschland, wie oben beschrieben, seine Importe zurückfährt, kann es noch positive Wirkungen vom Außenhandel verbuchen. Die Tatsache aber, dass Deutschland immer noch auf solche Impulse wartet, statt durch eigenes Handeln selbst Impulse für die europäische Wirtschaft zu geben, ist der eigentliche europäische Skandal.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie sich die europäische Industrie im zweiten Quartal entwickelt hat. Im dritten Teil geht es dann darum, die übrigen Indikatoren für Europa anzusehen und zu fragen, welche wirtschaftspolitische Folgerungen angesichts der schlimmen Lage nahe liegen.

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