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Poroschenko instrumentalisiert ein Massaker

Veröffentlicht in: Antisemitismus, Gedenktage/Jahrestage, Militäreinsätze/Kriege, Strategien der Meinungsmache
Stefan Korinth

Am 30. September wurde in der Ukraine des Massakers von Babyn Jar gedacht. Die Ermordung von mehr als 33.000 Kiewer Juden durch deutsche und ukrainische Nazis jährte sich nun zum 75. Mal. Das Verbrechen ist Teil des „vergessenen Holocausts“ in der Ukraine und verdient deshalb mehr Aufmerksamkeit. Doch anstatt die Mitschuld ukrainischer Nationalisten zu thematisieren, nutzte der ukrainische Präsident die Gedenkfeier vor allem für seine heutigen politischen Zwecke. Von Stefan Korinth [*]

Sechs Millionen Juden wurden von den Nazis im Zweiten Weltkrieg ermordet. 1,5 Millionen der Opfer wurden auf dem Gebiet der Ukraine umgebracht. Dort baute man keine Gaskammern und keine Vernichtungslager. Nein, in der Ukraine gingen die Morde anders vonstatten. SS-Einsatzgruppen fuhren nach der Eroberung von Dorf zu Dorf, trieben die jüdischen Einwohner zusammen und massakrierten sie. Meist wurden sie erschossen. In einigen Fällen aber auch in Brunnen oder Kohleschächte gestoßen, in Gebäude getrieben und verbrannt oder in besonders sadistischen Fällen lebendig eingemauert. Ukrainische Bewohner wurden von den Deutschen dabei häufig zu Hilfsdiensten gezwungen und mussten etwa die Massengräber zuschütten.

Die ungeheure Dimension des Judenmordes in der Ukraine wird bislang nur selten hervorgehoben – sowohl in Deutschland als auch in der Ukraine. 1200 bis 2000 jüdische Massengräber soll es verschiedenen Schätzungen zufolge in der Ukraine geben. Nur einige hundert davon wurden bislang entdeckt. Und selbst dies ist nicht der offiziellen Holocaustforschung, sondern vor allem der persönlichen Initiative des französischen Priesters Patrick Desbois zu verdanken. Seit 2004 reiste er mit einem kleinen Team durch die Ukraine und lokalisierte Massengräber mit Hilfe greiser Augenzeugen.

Desbois hat in seinem Buch „Der vergessene Holocaust“ von dieser oft sehr beschwerlichen Suche berichtet. Eine Karte der Organisation „Yahad in unum“, die Desbois‘ Arbeit fortführt und Exekutionsorte von Juden und Roma in Osteuropa aufspürt, verschafft einen Eindruck von der Dimension des Verbrechens.

„Ich stelle mir vor, wie die Luftbilder der Ukraine aussähen, wenn man alle Massengräber öffnen könnte. Ein riesiger Friedhof voller namenloser Grabstätten, in die Männer, Frauen und Kinder hineingeworfen wurden. Kein Gräberfeld, ein Gräberland“, schreibt Desbois. [1]

Massenmord in der Weiberschlucht

Das einzige mehr oder weniger bekannte all dieser Massaker ist das von Babyn Jar (Weiberschlucht, russisch: Babij Jar) – eine Schlucht, die heute mitten in Kiew liegt und kaum noch als solche zu erkennen ist. Im September 1941 jedoch, als die Wehrmacht im Zuge ihres Überfalls auf die Sowjetunion Kiew eroberte, markierte die Schlucht noch den Stadtrand und war teils Dutzende Meter tief. Am 29. und 30. September 1941 ermordeten die Nazis zehntausende Juden an diesem Ort. Zuvor hatten sie einen Befehl in der Stadt veröffentlicht, der alle jüdischen Bewohner dazu aufrief, sich mit Ausweis, Geld und Wertsachen zu versammeln.

Wehrmacht und SS hatten den Mord gemeinsam beschlossen. Als Vorwand dienten Sprengstoffanschläge der Roten Armee. Diese hatte vor ihrem Rückzug zahlreiche Gebäude der Kiewer Prachtallee Kreschatik mit Sprengsätzen präpariert und fünf Tage nach Ankunft der Deutschen in die Luft gejagt. Deutsche Offiziere hatten sich dort einquartiert. Hunderte von ihnen und eine unbekannte Zahl Zivilisten starben. Die Schuld dafür gaben die Nazis öffentlich den Juden.

Rund 50.000 der ursprünglich mehr als 200.000 Kiewer Juden waren in der Stadt verblieben. Die wehrfähigen Männer waren zuvor schon in die sowjetische Armee eingezogen worden. Die die Geld hatten, hatten sich bereits abgesetzt. Zurückgeblieben waren von den Juden vor allem Arme, Alte, Frauen, Kinder und Behinderte. Sie rechneten mit einer Deportation, da der Sammelpunkt in der Nähe eines Güterbahnhofs lag. Der spätere Schriftsteller Anatolij Kusnezow sah die Szenerie als damals Zwölfjähriger und beschrieb sie in seinem Buch „Babij Jar“:

„Mit brüllenden Kindern, mit Greisen und Kranken kroch die jüdische Bevölkerung weinend und fluchend hinaus. Ich sah verschnürte Bündel, schäbige Koffer aus Sperrholz, geflickte Taschen, Kisten mit Handwerkszeug. (…) In den Toreinfahrten und Hauseingängen standen die Bewohner und schauten. Einige von ihnen seufzten, andere lachten hämisch oder riefen den Juden Schimpfworte zu. (…) Es zog hügelauf nach Lukjanowka eine große, lückenlose Menge, ein Meer von Häuptern. Es ging das gesamte jüdische Podolviertel.“ [2]

Exekution statt Deportation

An den Sammelpunkten warteten deutsche Soldaten und ukrainische Hilfspolizisten auf die Menschen. Sie wurden durch mehrere Straßensperren geschleust, berichtete später die Kiewer Schauspielerin Dina Pronitschewa, die das Massaker überlebte. Viele Menschen vermuteten, dass hinter den Sperren Züge warteten. Die Juden mussten ihre Habseligkeiten ablegen und wurden nur noch abgezählt und gruppenweise durchgelassen. Als in der Ferne regelmäßig Maschinengewehr-Garben zu hören waren, verstand Pronitschewa, was hier passierte.

Einen ukrainischen Polizisten bat sie, sie herauszulassen, da sie nur Begleitperson sei. Nach einem Blick in ihren Pass, der sie als Jüdin auswies, trieb der Ukrainer sie in die Menge zurück. Die Soldaten schlugen mit Gummiknüppeln auf die Leute ein, auf die Gestürzten ließen sie die Hunde los. Die ukrainischen Hilfspolizisten, dem Akzent nach Westukrainer, seien sehr grob gewesen, erklärte sie später in ihrer Zeugenaussage. Wer sich zu langsam auszog, dem rissen sie die Kleider vom Leibe und prügelten in sadistischer Rage mit Knüppeln und Schlagringen auf sie ein. [3]

Pronitschewa, die ihren Pass inzwischen zerrissen hatte, ging zu einem weiteren Ukrainer und bat ihn, sie herauszulassen. Dieser durchwühlte ihre Handtasche. Er fand ein Arbeitsbuch und einen Gewerkschaftsausweis, alles Papiere, in denen die Nationalität nicht vorkommt. [4] Ihr russischer Familienname schien sie zu retten: „Setz dich dorthin. Sobald wir die Juden abgeknallt haben, lassen wir dich raus“, sagte der Polizist zu ihr.

Stundenlang musste sie auf einer Anhöhe gemeinsam mit anderen Begleitpersonen ansehen, wie nackte, blutverschmierte Juden an ihr vorbeitaumelten. Mit eigenen Augen habe sie gesehen, wie mehrere dieser Menschen auf dem Weg zur Erschießung schlagartig graue Haare bekamen. Hinter einer Sandmauer wurden die Menschen reihenweise erschossen und stürzten hinunter. Viele Kinder wurden von den Soldaten einfach in die Schlucht geworfen. Ein deutscher Offizier befahl, auch die Begleitpersonen zu töten. Pronitschewa sprang während der Erschießung im Dunkeln rechtzeitig in die Schlucht, hatte mehrfach großes Glück und konnte schließlich entkommen.

Neben den rund 300 Deutschen vom SS-Sonderkommando 4a (Einsatzgruppe C), der Wehrmacht, des Sicherheitsdienstes (SD) und der Polizei waren auch 1200 Ukrainer an dem Massaker als Täter beteiligt, wie der deutsch-ukrainische Gewerkschafter und Autor Roman Danyluk schreibt. [5] Darunter zwei Bataillone ukrainischer Hilfspolizisten unter Kommando von Petro Zakhvalynski und wahrscheinlich Teile der „Bukowiner Kurin“, einer Kampfeinheit der „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ (OUN). Diese stand unter dem Kommando von Petro Wojnowsky, berühmt berüchtigt als „der Judenschlächter“, der zuvor bereits eine Reihe von mörderischen antijüdischen Pogromen in der Bukowina (Südwestukraine) organisiert hatte.

Gedenkfeier mit halben Wahrheiten

Nun gab es in Kiew zum 75. Jahrestag des Massakers von Babyn Jar eine Gedenkfeier, an der auch Bundespräsident Joachim Gauck teilnahm. In der bisherigen ukrainischen Erinnerungskultur spielte der Massenmord von Babyn Jar so gut wie keine Rolle. Deutsche Medien wiesen in ihren Berichten immer wieder darauf hin, dass dies mit dem Antisemitismus in der Sowjetunion zu tun gehabt habe.

Dies ist jedoch nur zum Teil korrekt. Tatsächlich gab es schon während des Krieges ein Jüdisches Antifaschistisches Komitee (JAK) in der Sowjetunion, das gezielt antisemitische Verbrechen der Deutschen dokumentierte, mit Zeugen sprach und auch Massengräber öffnete. Doch die Herausgabe der Dokumentation (Schwarzbuch) wurde 1947 von Josef Stalin verboten, weil darin auch die Kollaboration vieler Sowjetbürger mit den Nazis sichtbar wurde. Opfer der Shoah wurden fortan nicht mehr als „jüdisch“, sondern als „friedliche sowjetische Bürger“ bezeichnet.

Doch der Hinweis auf die Sowjetunion taugt heute nur noch bedingt als Erklärung, denn die UdSSR existiert schon seit 25 Jahren nicht mehr. Trotzdem hat sich am Umgang mit dem „vergessenen Holocaust“ in der Ukraine kaum etwas geändert. In ukrainischen Schulbüchern etwa spielen sowohl der Judenmord als auch einheimische Kollaborateure bis heute so gut wie keine Rolle. („Ukraine: Geschichtsunterricht mit Beigeschmack“)

Nun könnte man die große Gedenkfeier zum 75. Jahrestag des Massakers als Fortschritt in dieser Sache sehen, wenn nicht weiter die ukrainischen Täter verschwiegen würden und Präsident Petro Poroschenko den Termin nicht erneut zur politischen Instrumentalisierung im derzeitigen Konflikt mit Russland genutzt hätte.

Kein „einzigartiger Schreckensort“

Bundespräsident Gauck bekannte in seiner Rede korrekterweise die Schuld deutscher Täter. Falsch lag er jedoch darin, die Schlucht als „einzigartigen Schreckensort“ zu bezeichnen. Das ist sie nicht – bei allem Horror, der dort geschah. Die Opferzahl, die Verachtung menschlichen Lebens und die Grausamkeit, mit der die Nazis in Babyn Jar Menschen vom Säugling bis zum Greis nur wegen ihrer Abstammung ermordeten, war weder in der Ukraine noch in anderen Teilen Europas einzigartig, sondern ein erschreckend alltäglicher Bestandteil der Shoah.

Gauck wies bei seinem Auftritt nicht auf die ukrainischen Täter hin. Dies ist durchaus nachvollziehbar, könnte man meinen, denn als Vertreter Deutschlands würde dies eher unangebracht sein. Genauso unangebracht, wie etwa zum 75. Jahrestag des Kriegsbeginns den heutigen russischen Präsidenten in die Nähe Adolf Hitlers zu rücken. Doch genau dies tat Gauck vor zwei Jahren in Danzig. So verfestigt sich der Eindruck, Gauck hat die Ukraine nun aus politischer Verbundenheit geschont.

Auf jeden Fall aber wäre es Aufgabe des ukrainischen Präsidenten in dessen Rede gewesen, auf den ukrainischen Teil der Schuld an Babyn Jar hinzuweisen. Doch auch dieser unterließ es. Tatsächlich hätte Poroschenko sich in der heutigen Ukraine damit sogar strafbar gemacht. Hatte er doch selbst erst im vergangenen Jahr ein Gesetz unterschrieben, dass die Kader der OUN und die nationalistischen Partisanen der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) offiziell zu Unabhängigkeitskämpfern ernennt. Vorwürfe, diese Organisationen hätten sich an Massakern beteiligt, erklärt das Gesetz zum kriminellen Akt. Wissenschaftler hatten es in einem offenen Brief vehement kritisiert.

Poroschenko setzt auf Instrumentalisierung

Doch Poroschenko befasste sich gar nicht erst mit der Vergangenheit. In seinen Augen ist die „Tragödie von Babyn Jar“ eine Warnung vor Regimen, die auch heute die Menschenrechte nicht achten. Solche Regime seien eine Gefahr für die ganze Menschheit. Auch in heutigen Zeiten rechtfertigten Führer mancher Länder ihre Kämpfe wie einst Hitler mit „historischer Gerechtigkeit“, erklärte der ukrainische Präsident.

Auch heute demütigten Aggressoren internationale Gesetze und wirke die UNO wie der damalige Völkerbund, sagte er weiter. Die „russische Propaganda“ bezeichne die Krim-Eingliederung als „Anschluss“. Wenn dies alles so sei, „wo ist die Garantie, dass wir von der Wiederholung der anderen tragischen Seiten der Vergangenheit immun sind?“, fragte Poroschenko.

Babyn Jar sei eine Erinnerung an den schrecklichen Preis politischer Kurzsichtigkeit. Nachsicht provoziere Aggressoren nur, meinte er. Die Logik dahinter ist bekannt. Appeasement ist falsch, denn das verstärkt den Landhunger von Aggressoren. Das war auch exakt Gaucks Argumentation in Danzig 2014. Gegen diese Aggressoren müssten frühzeitig militärische Mittel eingesetzt werden. Ohne es konkret zu sagen, ist offensichtlich, dass Poroschenko mit diesen Worten auf Wladimir Putin zielt. Jeder versteht: Putin ist der Hitler von heute, die Krim ist das Sudetenland und wenn wir ihn nicht präventiv angreifen, folgt bald eine Invasion und ein weiteres Babyn Jar in der Ukraine.

Poroschenko missbraucht Gedenkfeier

Poroschenko bewies mit seiner Rede kein Interesse an dieser Veranstaltung im Sinne der Opfer oder der historischen Wahrheit, sondern nur im Sinne seiner Außenpolitik. Er gibt der Geschichte, die ihm selbst nicht zur Ehre gereicht, einen politischen Spin, um dem russischen Präsidenten eins auszuwischen bzw. einen Krieg gegen Russland zu rechtfertigen.

Und tatsächlich wäre es auch ganz und gar nicht im Interesse Poroschenkos gewesen, bei einer Gedenkfeier mit vielen internationalen Beobachtern auf das historische Babyn Jar zu blicken und Organisationen wie die OUN hervorzuheben. Da könnte man dann im Westen ja auch mal genauer hinschauen.

Denn immerhin hat Poroschenko selbst nicht nur im Parteibündnis „Nascha Ukraina“ nach der Orangenen Revolution mit der OUN-Nachfolgeorganisation („Kongress Ukrainischer Nationalisten“) zusammengearbeitet. Die Nationalisten waren auch beim Maidan im paramilitärischen Bündnis „Rechter Sektor“ bewaffnet aktiv, verjagten mit Todesdrohungen und Ultimatum den bis dato amtierenden Präsidenten Janukowitsch und ermöglichten Poroschenko so erst sein heutiges Präsidentenamt.

Bei der Gedenkfeier marschierte der Präsident dann mit dem Rechtsradikalen und OUN-Fan Andrij Parubij, dem Gründer der Sozial-Nationalen Partei (heute Swoboda), der es mittlerweile zum ukrainischen Parlamentspräsidenten gebracht hat, und zündete Kerzen an. Mehr Verhöhnung der jüdischen Opfer geht praktisch nicht.

Historische Helden wollten judenfreien Staat

Aber auch ein genauerer Blick in die Geschichte wäre Poroschenko unangenehm gewesen: Tatsächlich war die OUN eine faschistische Gruppierung und Verbündete Hitlers, die einen judenfreien, totalitären, ukrainischen Nationalstaat erschaffen wollte. OUN-Mann Jaroslaw Stezko, der 1941 erster Präsident der unabhängigen Ukraine werden sollte, sprach sich offen für die Judenvernichtung aus. Ihm zufolge sollte die Ukraine aktives Glied in der „neuen faschistischen Ordnung Europas“ sein. [6] Erst nachdem die Deutschen die Gründung einer unabhängigen Ukraine untersagten, stellten sich Teile der Organisation (OUN-B) gegen Hitler. Andere Teile (OUN-M) blieben bis Kriegsende treu an deutscher Seite und halfen sogar, eine ukrainische SS-Division aufzustellen.

Schon im Sommer 1941, als die Wehrmacht in die Sowjetunion einfiel, rollte unmittelbar nach dem sowjetischen Rückzug eine Welle antijüdischer Pogrome durch die Westukraine. Auch diese hatten zu einem großen Teil OUN-Aktivisten auf eigene Faust durchgeführt. In vielen kleineren Orten passt der Begriff des Pogroms nicht mal, dort hatten die OUN-Milizen Juden gezielt und oft mithilfe vorbereiteter Listen exekutiert, stellte der Osteuropahistoriker Kai Struve fest. [7] In ihrem fanatischen Antikommunismus sahen die ukrainischen Nationalisten die jüdische Bevölkerung pauschal als Unterstützer der Sowjetunion an. Zudem ging es ihnen darum, das Gebiet eines zukünftigen ukrainischen Staates ethnisch zu säubern. [8]

Auch ukrainische Hilfspolizisten waren an zahlreichen weiteren Erschießungen von Juden in der Ukraine beteiligt, zudem wurden sie eingesetzt, um Vernichtungslager der Nazis auf polnischem Gebiet zu bewachen. Der 2011 in Deutschland wegen Beihilfe zum Mord an über 28.000 Menschen verurteilte John Demjanjuk ist nur das bekannteste Beispiel hierfür. Auch die Partisanen der UPA (einer Ausgründung der OUN-B) ermordeten ab 1942 unzählige Juden, die sich in die westukrainischen Wälder geflüchtet hatten.

Natürlich gab es auch tausende Ukrainer, die Juden während des Krieges halfen und vor dem Tode bewahrten. Über 2500 von ihnen wurden durch den Staat Israel als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet. Tatsächlich werden es noch sehr viel mehr gewesen sein. Auf diese Lebensretter weisen ukrainische Offizielle und Lehrbücher auch gern hin – das dunkle Kapitel der Mitschuld an Judenmorden wird jedoch verschwiegen.

Israelischer Präsident benennt die Täter

Der Einzige, der das Thema in der vergangenen Woche ansprach, war der israelische Präsident Reuven Rivlin ein paar Tage vor dem Jahrestag im ukrainischen Parlament. Er warnte davor, ein zweites Verbrechen zu begehen, indem man vergesse und leugne, was damals geschah. Es sollte sich herausstellen, dass Rivlin mit dem Satz überraschend direkt auf die ukrainische Geschichtsschreibung zielte. „Viele der Kollaborateure waren Ukrainer, darunter die berüchtigtsten Mitglieder der OUN, die in vielen Fällen Pogrome und Massaker an Juden begangen und Juden an Deutsche ausgeliefert haben.“ [9]

Eine Reihe ukrainischer Offizieller reagierte barsch ablehnend auf die Rede und wollte die historisch erwiesene Schuld der Nationalhelden nicht wahrhaben. Volodymyr Viatrovych, Leiter des Instituts für Nationales Gedenken, sprach von sowjetischen Mythen, die Rivlin verbreitet habe. Auch Parlamentssprecherin Irina Gerashchenko sprach von alter Sowjetpropaganda, Rivlin habe einen unangemessenen Zeitpunkt für seine Worte gewählt und solle lieber die territoriale Integrität der Ukraine unterstützen.

Präsident Poroschenko sagt in Babyn Jar lediglich: „Kollaborateure stellen nicht die Völker dar, denen sie angehören.“ Ernstgemeinte Aufarbeitung sieht anders aus. Doch wie die anderen Teile seiner Rede zeigten, war das auch gar nicht Poroschenkos Absicht.


[«*] Stefan Korinth ist freier Journalist und Sozialwissenschaftler aus Hannover.

[«1] Patrick Desbois: Der vergessene Holocaust. Die Ermordung der ukrainischen Juden. Eine Spurensuche. Berlin, 2010, Seite 234.

[«2] Anatolij Kusnezow: Babij Jar. Die Schlucht des Leids. München, 2001, Original London 1970, Seite 93 ff.

[«3] Anatolij Kusnezow: Babij Jar. Die Schlucht des Leids. Seite 106

[«4] In der Sowjetunion galt „Jüdisch“ nicht nur als Religionszugehörigkeit sondern auch als eigene Nationalität.

[«5] Roman Danyluk: Freiheit und Gerechtigkeit. Die Geschichte der Ukraine aus libertärer Sicht. Lich, 2010, Seite 143.

[«6] Roman Danyluk: Freiheit und Gerechtigkeit. Die Geschichte der Ukraine aus libertärer Sicht. Seite 141.

[«7] Kai Struve: Deutsche Herrschaft, Ukrainischer Nationalismus, Antijüdische Gewalt. Der Sommer 1941 in der Westukraine. Berlin, Boston, 2015. Seite 642.

[«8] Die heutige Westukraine (Ostgalizien) gehörte nach dem Ersten Weltkrieg zu Polen. Und war eine ethnisch sehr vielfältige Region. Der Journalist Joseph Roth, der 1924 die Region bereiste, schrieb bspw. über eine kleine ostgalizische Stadt: „Man hörte russisch, polnisch, rumänisch, deutsch und jiddisch. Es war wie eine kleine Filiale der großen Welt.“ Und über Lemberg (ukrainisch Lwiw, polnisch Lwow): „Nationale und sprachliche Einheitlichkeit kann eine Stärke sein, nationale und sprachliche Vielfältigkeit ist es immer. In diesem Sinn ist Lemberg eine Bereicherung des polnischen Staates. Es ist ein bunter Fleck im Osten Europas.“ Heute leben keine 2000 Juden mehr in der Stadt. Die polnische Bevölkerung der Region wurde 1943/1944 in einem grausamen Krieg durch ukrainische Nationalisten vertrieben oder ermordet.

[«9] Die Passage im englischen Wortlaut „But we must not be partners in the second crime. We must not play a part in the sin of forgetting or denial. Around 1.5 million Jews were murdered in the territory of modern-day Ukraine during the Second World War; in Babi Yar, and in many other places of murder. They shot them in the valleys, in the woods, into pits, into mass graves. Many of the collaborators were Ukrainian, among the most notorious the members of the OUN who carried out pogroms and massacres against the Jews and in many cases handed them over to the Germans. It is true, there were more than 2,500 Righteous Among The Nations, lone candles who shone in the darkness of humanity. Yet the majority remained silent.” Eine umfassende englisch-sprachige Dokumentation der Rede findet sich hier.

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