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17. Dezember 2017
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Drei erweiternde Lesermails zu „Prof. Dr. Boom … Journalismus von seiner bizarrsten Seite“ – Kernbegriffe, ökologischer Fußabdruck und Grundlagenwissen

Veröffentlicht in: Denkfehler Wirtschaftsdebatte, Fachkräftemangel, Leserbriefe, Umweltpolitik

Zu unserem Artikel „Prof. Dr. Boom“, in dem wir die skurrilen Aussagen des SPON-Kolumnisten und Wirtschaftsjournalismus-Professors Henrik Müller analysieren, haben wir einige lesenswerte Zuschriften bekommen. Eine Auswahl davon möchten wir Ihnen heute vorstellen.

Zum Einstieg veranschaulicht unser Leser Dieter Gabriel einige Kernbegriffe und Zusammenhänge der wirtschaftspolitischen Diskussion anhand einer pointierten Presseschau.

Sehr geehrter Herr Berger,
sehr interessanter Artikel (wie immer auf NachDenkSeiten)!

Einige Anmerkungen:
Was den Fachkräftemangel betrifft, gibt es einen sehr guten Artikel von Martin Gaedt. Daraus:

„Mehr als vier Millionen Deutsche arbeiten im Ausland. Damit sind wir Vize-Europameister direkt hinter Polen. Von allen Deutschen haben 15,1 Prozent einen akademischen Abschluss, von allen im Ausland arbeitenden Deutschen hingegen 84 Prozent. Wer geht, ist gut gebildet und flexibler. Weltweit tobt der sogenannte „war for talents“ um Software-Entwickler, Ärzte und Hoteliers. Warum gehen vier Millionen Fachkräfte weg? Meistens wegen befristeter Verträge oder schlechterer Bezahlung in Deutschland. Fachkräftemangel? Oder mangelhafte Verträge?“

Damit [dürfte] Deutschland Exportweltmeister bei den Spitzenfachkräften sein! Was die Hochqualifizierten betrifft. Es gibt auch arbeitslose Hochqualifizierte, auch in der IT Branche.

Brauchte selbst, nach fast 15 Jahre Siemens/Nokia Siemens, als Spezialist für UNIX Cluster Systeme, fast 2 Jahre um einen vernünftigen Job zu finden. Damals war ich 49 Jahre alt und weltweit flexibel. Arbeite auf 4 Kontinenten (u. a. Syrien). Einsätze dauerten von 2 Wochen bis zu 10 Monaten.

Ab 40 Jahren zählt man als alt, ob Fachkraft oder nicht, deshalb gibt es ja Anbieter wie Job40Plus oder die NCI.

Was den Exportüberschuss betrifft, hat Professor Müller selbst, diesen eher als Zeichen der Schwäche gekennzeichnet. Mit der Kritik am Exportüberschuss steht er nicht alleine da.

„Richtig ist: Deutschland hat einen exzessiven Handelsüberschuss und die deutsche Politik muss diesen endlich abbauen – im ureigenen Interesse. Denn Deutschland trägt den größten Schaden dieser Überschüsse und würde von einem Abbau am stärksten profitieren.“

und

„Denn Deutschlands Exportüberschuss (oder genauer gesagt, sein Leistungsbilanzüberschuss) ist mit 270 Milliarden Euro, oder fast neun Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung, viel zu hoch und spiegelt massive Ungleichgewichte und Probleme in der deutschen Wirtschaft wider. Demografie, Wirtschaftsstruktur und andere Faktoren können maximal einen Überschuss von drei Prozent der Wirtschaftsleistung erklären.

Deutschland muss mehr investieren.

Das Problem der Exportüberschüsse liegt nicht darin, dass Deutschland zu viel exportiert oder deutsche Exporteure zu wettbewerbsfähig sind, sondern darin, dass Deutschland zu wenig investiert und damit zu wenig importiert. In anderen Worten: Deutschlands private und öffentliche Investitionsschwäche ist der Hauptgrund für die exzessiven Exportüberschüsse.“

Oder

„Nichts zeigt doch deutlicher, wie gut wir wirtschaftlich aufgestellt sind. Uns kann keiner. Unsere Industrien stehen gut da, sind hoch innovativ und ungemein wettbewerbsfähig. Die beste Basis also um Wohltaten wie höhere Renten und bessere soziale Absicherung zu bezahlen. Migrations- und Eurokrise meistern wir so doch locker, wir können es uns doch leisten. Leider ist diese Einschätzung falsch. In Wahrheit ergeht es uns wie den Eichhörnchen, die zwar fleißig Nüsse sammeln und verstecken – also sparen – diese im harten Winter dann aber nicht wiederfinden.

Den Eichhörnchen mag es letztlich egal sein, ob sie alle Nüsse wiederfinden, Hauptsache sie verhungern nicht. Uns darf es nicht egal sein, weil es erhebliche politische und soziale Verwerfungen mit sich bringen wird, wenn deutlich wird, dass wir unsere Nüsse nicht mehr wiederfinden.“

Oder

„Das deutsche Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr wie früher. Wenn die Globalisierung auf dem Rückschritt ist, wenn Schwellenländer nicht mehr so schnell wachsen, wenn sich die Terrorangst in Managerköpfen festsetzt, dann ist die offene bundesrepublikanische Volkswirtschaft davon stärker betroffen als andere führende Wirtschaftsnationen.“

Oder

„Was fehlt, ist der Rückgang der Produktivität in Deutschland, nach jahrzehntelangen Produktivitätswachstum.“

Siehe auch: Wie die Ungleichheit das Wachstum hemmt und IWF-Chefvolkswirt empfiehlt höhere Lohnabschlüsse.

Letztendlich klingt auch dieser Artikel wenig motivierend:

„Die Tücken der Schäublonomics

Die Sorge vor einer neuen Eurokrise ist zurück. Das ist keineswegs ein Schicksal, das uns verschwenderische Südeuropäer bescheren, sondern vor allem ein Managementproblem. Und zwar ein Deutsches.

Hätten die Krisenländer auf die hastigen Kürzungswellen verzichtet, läge ihre Wirtschaftsleistung heute im Schnitt nur ein Prozent niedriger als vor der Krise. Statt 18 Prozent. Und das Atemberaubende ist: Die Staatsschuldenquoten wären danach heute kaum höher als damals. Selbst die anderen Euroländer stünden heute besser da. Auch wir Deutschen. Weil wir jetzt deutlich mehr in die Krisenländer exportieren könnten. Schönen Dank, der Herr Finanzminister.“

Grüße
Dieter Gabriel


In der zweiten Lesermail erweitert unser Leser Sebastian Domschke das thematische Blickfeld durch seine konsumkritischen Gedanken.

Lieber Jens Berger,

netter Artikel. Ich habe viel geschmunzelt. Ich wünschte, das Schreiben würde genauso zum Schmunzeln anregen wie das Lesen, aber nach meiner Erfahrung braucht es viel Frust um sich überhaupt mit so einem Unsinn auseinanderzusetzen.

Eine kleine Kritik habe ich. Der deutsche Konsum ist sehr wohl „überhitzt“, oder besser gesagt völlig aus dem Ruder gelaufen. Das kann man aber nicht an Wirtschaftsstatistiken festmachen. Die geben doch nur einen nominalen Veränderungswert gegenüber dem Vorjahr. Aber ob jetzt -2 oder +5 % Veränderung dieses oder jenes Bedeuten hängt zum einen doch sehr an den Bedingungen, die der genutzte Denkrahmen vorgibt und ist im Übrigen Kaffeesatzleserei nach Ravensburger Art.

Für qualitative Aussagen braucht es qualitative Kriterien – nicht quantitative. Also zum Beispiel, das wir 4 mal so viele Rohstoffe verbrauchen, wie die Erde in derselben Zeit bereitstellen kann (Stichwort ökologischer Fußabdruck) – ja ich weiß quantitativ – das Qualitative ist natürlich das uns unsere Lebensgrundlagen mit atemberaubender Geschwindigkeit ausgehen. Und das gilt offensichtlich nur für die Nachwachsenden. Das betrifft in der Argumentationsform also nicht Seltene Erden, Öl, Metalle, Sand …

Man könnte den Müll als Kriterium nehmen – speziell das Zeug, was man nicht verbrennen kann – oder die Zahl der Giftstoffe oder Medikamente oder hormonell wirksamen Substanzen die wir aus reiner Unachtsamkeit in unsere Lebensumgebung entlassen, geplante Obsoleszenz, Massentierhaltung und vieles mehr. Nicht jedoch monetäre Veränderungsraten im Vergleich zum Vorjahr.

Davon ab viel Kraft auch weiterhin, und danke für ihre Arbeit. Ohne die NDS könnte ich mich mit vielen Themen die mir eigentlich fremd sind überhaupt nicht auseinandersetzen. Das meiste davon findet man ja auch nicht, wenn man nur ein klassisches Medium verfolgt – ihr seid ja so etwas wie eine Mirrorsite für Nachrichten.

Und das, was ich selber finden würde, könnte ich nicht mehr lesen. Klassische Medien strotzen so derartig von Falschdarstellungen und Verzerrungen, und auch rein formalen Zumutungen (zum Beispiel grundlegende Verstöße bei der seriösen Wiedergabe statistischer Daten; Nutzung falscher, veränderter aus dem Kontext gerissener Bilder; Priorität von sinnlosen und oft auch noch schlechten Animationen über journalistische Inhalte … ), dass ich mich den ganzen Tag nur aufrege, wenn ich mal „spiegel.de“ in das falsche Textfeld eingebe und einfach den erstbesten Artikel lese.

Dafür also vielen Dank und alles Gute
Sebastian Domschke


Abrundend weist unser Leser Johannes Röhnelt darauf hin, dass Spiegelautoren zumindest im theoretischen Teil der Viele-Welten-Interpretation schon früher Lernbedarf aufwiesen.

Im Spiegel erschien vor mehreren Jahren eine Titelgeschichte über die „Viele-Welten-Theorie“ von David Deutsch, mit der paradoxe Phänomene der Quantenmechanik erklärt werden können. An keiner Stelle wurde erwähnt, dass bereits 1957 Hugh Everett die Theorie entwickelt hat. So ist das mitunter bei Spiegelautoren.

Gruß
Johannes Röhnelt

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