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CDU-Wahlkampf Slogan: „Wir haben die Kraft“

Veröffentlicht in: CDU/CSU, Das kritische Tagebuch, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Wahlen

Wer selbst Wahlkämpfe mitgestaltet hat, weiß, dass die Auswahl eines Wahlkampf-Slogans mit zu den wichtigsten Entscheidungen der Wahlstrategen gehört. Darüber wird lange nachgedacht und die Entscheidung wird auf höchster Ebene getroffen. Es lohnt sich also einige Gedanken darüber zu verlieren, was sich die Erfinder des Slogans „Wir haben die Kraft“ dabei gedacht haben, welche Botschaft sie damit verbinden wollen, welche Assoziationen damit beim Empfänger der Botschaft ausgelöst werden sollen? Wolfgang Lieb

CDU - Wir haben die Kraft

Das „Wir“ in dem Slogan ist nicht etwa mit den Parteifarben der CDU unterlegt, sondern mit den Farben der Nationalflagge schwarz-rot-gold. Die Erfinder wollen damit sicherlich versuchen, das „Wir“ (der CDU) zugleich mit der gesamten „Nation“ zu assoziieren. Man vereinnahmt sozusagen die ganze Nation für sich. „Wir“ (die CDU) sind Deutschland!

Mit der bewussten Ambivalenz zwischen „Wir“ (die CDU) und dem „Wir“-Gefühl des Volkes versucht sich die Partei offenbar mit der Bevölkerung gemein zu machen. „Wir“ sind eine Gemeinschaft, in der es keine (anderen) Parteien mehr, keine Unterschiede zwischen Arm und Reich, zwischen Arbeiter und Unternehmer oder zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen mehr gibt.

Es ist das uralte Motiv der „Volksgemeinschaft“ mit dem die Herrschenden seit eh und je die Identität zwischen sich und den Beherrschten herzustellen versuchten. Schon Kaiser Wilhelm II. hat mit seinem Ausruf „Ich kenne keine Parteien mehr, kenne nur noch Deutsche“ das Volk in den Ersten Weltkrieg gelockt.

Kaiser Wilhelm

Quelle: www.dhm.de

Und auch die NS-Propaganda hat mit der „Volksgemeinschaft“ also der Gefühlsgemeinschaft eines Volkes, das keine Klassen- und Standesgegensätze mehr kennt und die NSDAP und das Volk in eins setzte, um damit dem Volk Geborgenheit, Gerechtigkeit und nationale Erneuerung einzureden.

Ganz im Gegensatz zu dieser Kumpanei zwischen Partei und Volk bezieht die CDU in ihrem Regierungsprogramm jedoch alles, was sie für erfolgreich erklärt, ausschließlich auf sich: Wir, Wir, Wir wird auf 60 Seiten Selbstbeweihräucherung betrieben: „Wir haben die Kraft“.

Warum heißt es nicht, wir haben die besseren Ideen, wir haben die besseren Konzepte, wir haben die bessere Kanzlerin oder wir haben das bessere Personal?
Warum heißt es: Wir haben die „Kraft“?

Laut Herkunfts-Wörterbuch bezeichnet Kraft im Deutschen (im nicht physikalischen Verständnis) einmal „eine körperliche oder geistige Voraussetzung zu bestimmten Handlungen“ und zum anderen die Ausübung einer Handlung („eine Kraft ausüben“, in „Kraft“ setzen).

Die CDU will also suggerieren, dass diese Partei die „Kraft“ hat zu regieren und zugleich die „Kraft“ hat, etwas durchzusetzen. „Kraft“ soll vom Empfänger der Botschaft wohl mit einer positiven Vorstellung verbunden werden. „Kraft“ steht für Durchsetzungsvermögen gegenüber anderen, im Leben, in der Wirtschaft, gegen alle Widerstände im Inneren wie im Äußeren. Es wird also einem „Kraft“-Kult gehuldigt, von dem man meint, dass er bei den Menschen auf Sympathie trifft.

In der Tat finden wir in unserer Gesellschaft viele Motive mit denen „Kraft“ konnotiert wird, von der „Manneskraft“ über „Frauenpower“ bis hin zu den „Krafträumen“ in den Fitnessstudios oder der „Motorkraft“ eines Autos. Das Stärkere siegt über das Schwächere, „Kraft“ ist Voraussetzung, um im Wettkampf zu siegen.

In der griechischen Mythologie wird „Kraft“ dem Gott Mars zugeordnet, der später im antiken Rom als Gott des Krieges galt. In Nietzsches Übermenschen gilt „Kraft“ als Willen zur Macht („Alle treibende Kraft ist der Wille zur Macht“, Nachgelassene Fragmente, 1888).

„Kraft“ übt eine Faszination auf Menschen aus, die positiv wirkt, wenn man sich mit der „Kraft“ bzw. der Macht identifiziert, die aber negativ empfunden wird, wenn „Kraft“ gegenüber einem selbst eingesetzt wird.

„Kraft“ kann also ambivalente Gefühle auslösen, je nachdem, ob man sich auf der Seite der „Kraft“ stehend fühlt oder ob man ihr ausgesetzt ist.

„Kraft“ muss immer ein Objekt finden, an dem sie sich zeigt oder auslässt. Die Grundfrage ist also, worauf richtet sich die „Kraft“ der CDU oder worauf ist sie ausgerichtet?

„Kraft“ steht für eine starke Regierung, die sich auch gegen ihre Bürger durchsetzen kann. „Kraft“ seht für Sicherheit, die sie gegen diejenigen garantiert, die diese vermeintlich oder tatsächlich gefährden. „Kraft“ steht für politische und militärische Durchsetzungsfähigkeit nach innen und nach außen. Oder: „Kraft“ steht für eine Volkswirtschaft, die andere Volkswirtschaften im Wettbewerb besiegen kann.

„Kraft“ soll all jenen Angst einflößen, die schwächer sind oder die sich ihr gar widersetzen wollen. „Kraft“ steht jedenfalls nicht für Partizipation oder demokratische Teilhabe.

Es gibt allerdings auch die „Kraftmeierei“, damit beschreibt man abwertend jemand, der mit Kraft protzt, die er gar nicht hat.
In diesem Sinne dürfte der CDU-Slogan zwar nicht gemeint sein, doch wenn man sich das Regierungsprogramm ansieht, dann protzt die Union mit Erfolgen, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben.

Es ist ein alter Propaganda-Trick aus der eigenen Schwäche eine Stärke zu machen. Die CDU will und muss wohl vor „Kraft“ strotzen, um das Scheitern ihrer Politik, das in der Krise offen zu Tage liegt, zu überdecken.

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