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Nachtrag zum ARTE Film Putin vs. USA – Eine weitere Lesermail

Veröffentlicht in: Aufbau Gegenöffentlichkeit, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Leserbriefe, Medienkritik, Militäreinsätze/Kriege

Zu dem von Arte ausgestrahlten Film und unserem Text vom 17. Januar dazu – siehe hier – erreichen uns immer wieder interessante Leser-Mails, wie die folgende von Sven Sebastian Horner. Albrecht Müller.

Ein Krieg mit Russland lässt sich nur außerhalb der Filterblase verhindern.

Durch die Tagebücher und Briefesammlungen meines Urgroßvaters Gotthold Gueinzius konnte ich eine persönliche Verbindung zum »Krieg gegen den Russen« herstellen. Er lebte von 1913 bis 1986 und hätte eigentlich lieber, wie der bekannte Dietrich Bonhoeffer, weiterhin als Pfarrer der bekennenden Kirche gewirkt und gegen die Nationalsozialisten gepredigt, doch wurde er zum Dienst in der Wehrmacht gezwungen.

Als Offizier erlitt er an der Front gegen Russland insgesamt mindestens 4 schwere Verwundungen. Vielleicht überlebte er nur wegen der vielen Lazarettaufenthalte diesen langen, grausamen Krieg der Nazis, in dem die wahnsinnige Zahl von ungefähr 27 Millionen Russen, davon 14 Millionen Zivilisten, also auch Frauen, Kinder und alte Menschen, getötet wurden.

Nach Kriegsende nannte meine Großmutter ihren Vater dann zuerst „Onkel Papa“. Für sie waren alle Männer Onkels, denn ihren Vater hatte sie bis Kriegsende nur ein einziges Mal gesehen. Selbstverständlich hatte mein Urgroßvater bis zu seinem Tod im Alter von über 70 Jahren mit den Folgen der Verwundungen zu kämpfen. Doch immerhin war ihm ein Leben mit seiner Frau und seinen 3 Kindern vergönnt. In den Briefen, die er meiner Urgroßmutter über die Jahre von der Front aus schrieb, ist die aufrichtige Liebe zwischen den Beiden deutlich zu lesen.

Es ist ein Wunder, dass er und auch seine Familie, diesen Krieg mit Russland überlebten. Und ohne dieses Wunder gäbe es auch mich nicht. Dieses Bewusstsein bringt für mich einen persönlichen Bezug zu Krieg im Allgemeinen — und speziell zum Krieg gegen Russland. Und auch Sie könnten mit großer Wahrscheinlichkeit einen solchen persönlichen Bezug dazu herstellen, wenn Sie die Geschichte Ihrer Großeltern und Urgroßeltern befragen. Ungefähr jeder 10. Deutsche dürfte im Laufe des Krieges an der russischen Front gewesen sein.

Über den fortdauernden Bürgerkrieg im an Russland grenzenden Teil der Ukraine bin daher nicht nur ich höchst besorgt. Das dumpfe Schlagen der Kriegstrommel ist für mich ständig zu hören, wenn auch noch in gewisser Distanz. Es sind immerhin noch etwa 6 Autostunden von der deutschen bis zur ukrainischen Grenze. Das ist etwas mehr als von Berlin nach München. Doch machen wir uns um Himmels Willen bewusst und vergessen wir nicht:

Der Frieden ist bereits gebrochen.

Krieg bedeutet immer auch Chaos und Undurchsichtigkeit. In der Ukraine herrscht nun schon seit 4 Jahren ein solches Chaos. Und aus Chaos entsteht nur allzu leicht eine Eskalation des Kriegs. Einen Tag vor Weihnachten konnte man auf »Spiegel online« lesen, dass die US-Regierung Waffen in die Ukraine liefern wird. Darunter laut »American Press« (AP) nicht weniger als 210 Panzerabwehr-Lenkraketen vom Typ »Javelin«. Diese können von einer einzelnen Person bedient werden. Und ist das Ziel erst einmal erfasst, fliegt die Rakete mittels Infrarottechnik von selbst ins Ziel. Die Trefferquote liegt bei bis zu 94%. Selbstverständlich können damit nicht nur Panzer angegriffen werden. Auch LKWs oder tieffliegende Helikopter lassen sich mit diesem hochmodernen Raketenwerfer ideal angreifen, ganz zu schweigen von unbewegten Zielen. Zu suggerieren, dass diese von den ukrainischen Regierungstruppen rein defensiv verwendet werden, muss als informationstechnische Kriegsführung gewertet werden. Die US-Regierung hatte dies öffentlich behauptet und Spiegel online gibt es in diesem Artikel, ohne jede Kritik, treu an die deutschen Leser weiter. Bedenken wir nur, dass dieselbe Regierung in Kiew bereits versucht hat, die separatistischen Bürgermilizen mit Luftangriffen zu stoppen. Ja natürlich trägt diese größere Waffenlieferung nur weiter zur Eskalation bei.

Wenn es tatsächlich Russlands Interesse wäre, den Osten der Ukraine um jeden Preis anzugliedern, dann wäre die Lösung dieses Konflikts ganz einfach und läge in Russlands Hand. Doch was hier zunehmend unter den Tisch fällt, ist die Tatsache, dass es Teile der ukrainischen Bevölkerung selbst sind, die die Unabhängigkeit wollen. Wohlbemerkt: Die Unabhängigkeit — und nicht den Anschluss an Russland wollen sie. Der Widerstand der Ost-Ukrainer wird also nicht so leicht zu brechen sein. Ein Ende des Konflikts ist daher nicht abzusehen. Und Russland ist hier folglich eher machtlos.

Bedenklich ist am oben genannten »Spiegel online«-Artikel auch, dass behauptet wird:

»Der Kreml steht im Ukraine-Konflikt auf Seiten der Rebellen, die gegen die Regierung in Kiew kämpfen. Der Konflikt war 2014 ausgebrochen, als Russland die ukrainische Halbinsel Krim annektierte. Bisher wurden mehr als 10.000 Menschen getötet.«

Hierbei handelt es sich um mehr als eine starke Vereinfachung.

Erstens: Dass der Konflikt während der »Annexion« ausgebrochen war, ist schlichtweg falsch, da sich die Krim zum Ausbruch des Konflikts bereits von der Ukraine abgespalten hatte. Nachdem der Präsident des Parlaments der Autonomen Republik Krim, Konstantinow, nach Moskau gereist war und dort vorsorglich erklärt hatte, dass im Falle einer weiteren Verschärfung der Lage in Kiew ein Anschluss der Krim an Russland zu erwägen sei, um diese zu retten, ereignete sich schon einen Tag später das Scharfschützen-Massaker am Maidanplatz. In der Folge wollte ein Teil des Krim-Parlaments schon am darauf folgenden Tag verständlicherweise Unterstützung durch Russland erbitten, was aber von außerparlamentarisch organisierten Krimtartaren verhindert wurde, indem sie die Besetzung des Parlaments androhten. Frühestens zu diesem Zeitpunkt nahm wohl die teils verdeckte Intervention Russlands auf der Krim ihren Lauf.

Zweitens: Um den Begriff »Annexion«, also die einseitig erzwungen Angliederung, zu rechtfertigen, müsste man also behaupten, dass Russland Teile des Krim-Parlaments unter seiner Kontrolle hatte und die Abgeordneten sich nur deshalb an Russland wenden wollten. Das aber wäre eine Verschwörungstheorie, die noch zu beweisen wäre. Nichts gegen Verschwörungstheorien — aber Theorien müssen schon erst einmal bewiesen werden.

Und Drittens: Es ist eindeutig irreführend, den Bürgerkrieg im östlichen Festland der Ukraine und die Abspaltung der Krim in einen Topf zu werfen, wie das der stellvertretende Leiter des Resorts Politik Johannes Korge hier tut. Dabei entsteht nämlich der Eindruck, es gäbe einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen dem Anschluss der Krim und dem Eskalieren des Konflikts im Osten des Festlandes. Doch diesen kausalen Zusammenhang gibt es nicht: Der Konflikt im Osten eskalierte, weil die Bevölkerung dort an ihrem Unabhängigkeitsbestreben festhielt, dieses weiterhin auch mit Waffengewalt durchsetzen will und gewaltsame Erwiderung durch Kiew erfuhr. Durch die Anti-Panzerrakten-Lieferung der USA wird der Konflikt weiter eskalieren. Umgekehrt gibt es bislang jedoch keinerlei Beweise, dass Russland seinerseits Waffen an die ukrainischen Separatisten geliefert hätte.

Allein die Angliederung der Krim an Russland wird noch Jahre unter Historiker umstritten sein, bis man sich auf einen Konsens einigen kann. Genauso wird der Sturz des früheren, ukrainischischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch durch die Scharfschützen am Maidanplatz noch Jahre lang debattiert werden. Die Tatsache, dass dieselben Scharfschützen offenbar sowohl auf die Demonstranten, als auch die Polizisten schossen, erfordert eine akribische, kriminalistische Nachforschung und Aufarbeitung, bevor dieser Teil der ukrainischen Geschichte geschrieben werden kann.

Darauf zu warten aber, können wir uns nicht leisten. Unsere Massenmedien sind alles andere als neutral. Für sie ist die Geschichte längst geschrieben. Seit Jahren entsteht Artikel für Artikel, Kommentar für Kommentar, Bild für Bild und Nachricht für Nachricht ein Feindbild: Putin. Sicherlich hat es einen Grund, dass hierbei der Fokus ständig auf Wladimir Putin steht. Eine einzelne Person eignet sich besser als Projektionsfläche für ein Feindbild, als ein ganzes Land. Nach Hussein, Gaddafi und Assad: Soll Putin wohl der nächste Bösewicht sein? Es sieht so aus.

Russland ist dabei der US-Regierung bei deren »Geostrategieprojekt« Syrien einen gewaltigen Strich durch die Rechnung zu machen. Der IS gilt offiziell als besiegt. Nun will sich China am Wiederaufbau beteiligen.

Innerstaatlich verlieren die USA zunehmend an Stabilität. Die US-Eliten sehen ihre Vormachtstellung sicherlich bedroht. Weltweit agierende, amerikanische Banken und Großkonzerne, ja der gesamte westliche Kapitalismus steht auf dem Spiel.

Doch das US-Imperium verfügt bis dato noch immer über eine historisch einmalige und unübertroffene Macht. Nicht nur militärisch — auch informationstechnisch. Neben den klassischen, westlichen Massenmedien Fernsehen, Film, Radio und Zeitung kontrolliert das Imperium auch die großen sozialen Medienplattformen: Facebook, Twitter, Google und YouTube. Wer noch einigermaßen aufgewacht ist, dürfte längst die verdeckte Zensur auch hierzulande erkannt haben.

Solange also das Geld nicht ausgeht, und davon ist bis auf Weiteres auszugehen, vermag das US-Imperium im Zweifelsfall jeden Krieg zu gewinnen. Denn, wie Dr. Daniele Ganser sagt: Die wichtigste Macht ist das Militär. Und die zweit wichtigste Macht ist die öffentliche Meinung. Auch letztere scheint fest unter Kontrolle des Imperiums zu sein. Auf welch hochkomplexe Weise dies gelingt, konnte in vielen Büchern und anderen Publikationen zu diesem Thema bereits in großen Teilen offengelegt werden. Die Frage ist nun also:

Was zum Himmel können wir tun?

Klar ist: Wenn wir eine militärische Eskalation auf europäischem Boden unter Beteiligung der NATO verhindern wollen, müssen wir die öffentliche Meinung von der imperialistischen Gedanken- und Informationskontrolle weitestgehend befreien.

Es muss einleuchten, dass diese Befreiung keinesfalls mithilfe von US-amerikanischen Medienplattformen wie Facebook, Google und YouTube geschehen kann. Deren Algorithmen sorgen ja schon heute dafür, dass nur die ohnehin schon »Erwachten« noch aufklärerische Inhalte gezeigt bekommen. Der Rest wird weiterhin in seiner sogenannten Filterblase belassen. Zur Not wird im Namen von »Fake-News« zensiert, dank Heiko Maas‘s »Netzwerkdurchsetzungsgesetz« nun auch ganz ungeniert. Dass diese Zensur mit dem Grundgesetz nicht vereinbar ist, wird lieber nicht thematisiert.

Solange die wenigstens die sogenannte Netzneutralität noch herrscht, ist das Internet an sich eine nützliche Waffe im gewaltfreien Kampf gegen das Imperium. Wir können hier ohne große finanzielle Mittel aufklärerisch tätig sein. Hier liegt also aktuell nicht das Problem.

Der springende Punkt ist aber die Verbreitung dieser Information.

Das heißt: Wenn wir die Filterblasen und zunehmend auch die direkte Zensur auf Facebook, YouTube und Google durchbrechen wollen, dann müssen wir Wege suchen und finden, die notfalls gänzlich ohne Facebook, YouTube und Google auskommen.

Das heißt konkret: Die Informationen können durchaus im Internet zur Verfügung gestellt werden, jedoch bleibt uns nichts anderes übrig, als den Zugang zu diesen Informationen außerhalb des Internets zu ermöglichen. Hierbei gibt es viele mögliche Wege:

  • Entweder im direkten Kontakt zu Menschen über das Internet, also in privaten Nachrichten und ähnlichem — denn nur so können Algorithmen und Zensur sicher umgangen werden.
  • Oder aber jenseits des Internets: In der Familie, dem Freundeskreis, in den Klassenzimmern und den Hörsälen, den Firmen und Behörden, den Häusern und den Straßen, den Einkaufsorten und den öffentlichen Plätzen. In Sportvereinen und an Stammtischen, bei Veranstaltungen und Demonstrationen. Durch Musik, Theater, politische Aktionen und öffentlichen Reden. Beim Verteilen von Flugblättern, Aufklebern, dem Anbringen von Schriftzügen und Symboliken. In persönlichen Gesprächen oder offenen Briefen. Mit der öffentlichen Aufführung von Videos oder bei der Lesung von Büchern. Und so weiter und so fort.

Suchen Sie sich etwas aus. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Wir müssen es nur tun. Denn ein Krieg mit Russland lässt sich nur außerhalb der Filterblase verhindern. Wer darüber noch im Zweifel ist, muss dringend aus seiner Filterblase befreit werden.

Wir sind nicht viele, aber wir können große Macht entfalten und die öffentliche Meinung beeinflussen. Jede Beteiligung zählt. Auch Ihre!

Also packen wir‘s an. Sonst packt uns mit Wahrscheinlichkeit bald der Krieg.

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