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Titel: Die Finanzkrise in der Literatur – „Mitleid kann man sich hier eigentlich nicht leisten.“

Datum: 8. Februar 2013 um 15:33 Uhr
Rubrik: Finanzkrise, Rezensionen
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Es gibt sie doch noch, die Engagierte Literatur und Schriftsteller, die sich in ihren Romanen mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit befassen. Für sie ist Literatur kein L’art pour l’art, kein mondäner Zeitvertreib, sondern das Medium der Auseinandersetzung mit drängenden Fragen der Gegenwart. Götz Eisenberg stellt eine Auswahl von aktuellen Romanen vor, die sich mit der Finanzkrise und ihren Akteuren befassen.

„In ruhigen Zeiten erforschen wir sie, in unruhigen Zeiten herrschen die Psychopathen über uns.“
Der Psychiater Ernst Kretschmer

Inzwischen ist die Finanzkrise, die uns seit Jahren fest im Griff hat, bis in die Welt der Romane und Krimis vorgedrungen. Wer nicht nur Unterhaltung und Spannung sucht, sondern auch wissen möchte, was ein Hedgefonds ist und wie die Finanzpsychopathen ticken, wird in ihnen fündig und kann so das Studium der trockenen ökonomischen Fachliteratur auflockern, deren Lektüre Adorno zufolge den Leser der Gefahr aussetzt, „selber so gemein zu werden wie das, womit er sich abgibt, denn die Ökonomie duldet keinen Spaß, und wer sie auch nur verstehen will, muss ‚ökonomisch denken‘.“

Ich überblicke die Finanzkrisen-Literatur natürlich nicht zur Gänze und erwähne nur die Bücher, die ich in den letzten Monaten gelesen habe. Beginnen wir mit Kristof Magnussons Roman „Das war ich nicht“. Eine der drei Figuren, von denen Magnusson erzählt, ist der junge Jasper Lüdemann aus Bochum, den es nach dem Mathematikstudium in den Händlersaal einer renommierten Investmentbank in Chicago verschlägt. Zunächst läuft alles zu seinen Gunsten und lernt die Grundvoraussetzung des Investment-Bankings: „Mitleid kann man sich hier eigentlich nicht leisten.“ Er steigt auf und kann im ganz großen Geschäft mitmischen. Während er sich in einem Lokal mit der ebenfalls aus Deutschland stammenden Meike trifft, verdient er 200.000 Dollar. Berauscht von seiner vermeintlichen Omnipotenz, gerät er beim Versuch, unerlaubte Gewinne zu waschen, in einen ungeheuerlichen Strudel, der zu einem Minus von sechs Milliarden Dollar und natürlich zum vorläufigen Ende seiner hoffnungsvollen Karriere führt.

Schon beim Lesen über seine waghalsigen und abenteuerlichen Finanztransaktionen und Manöver wird einem schwindlig. „Ich stieß alle Verkaufsoptionen ab. Equinox registrierte den Verlust. 650.000 Dollar. Dann kam der Trick: Ich buchte eine Transaktion mit HomeStar-Kaufoptionen in identischer Höhe ein. Tat so, als hätte ich nicht nur auf das Fallen von HomeStar gewettet, sondern gleichzeitig darauf, dass die Aktie stieg. Nun sah es so aus, als hätte ich eines dieser komplexen Long-Straddle-Geschäfte gemacht, eine Grätsche. Meinem Verlust schien nun ein ähnlich großer Gewinn gegenüber zu stehen. Nur dass es den Verlust wirklich gab. Den Gewinn nicht.“

Dazu passt aus der realen Welt die Geschichte des Investment-Bankers Kweku Adoboli, über die der Stern 39/2011 berichtet hat. Adoboli, Sohn eines ghanaischen UN-Diplomaten, lebte in London ein Bilderbuchdasein als Spekulant in Diensten der Schweizer Bank UBS. Am Ende hatte er sich bei irgendwelchen windigen Wetten auf den Deutschen Aktienindex verzockt, auf Absicherungsgeschäfte hatte er verzichtet. Eine Weile versuchte er, die Verluste durch Bilanzfälschungen zu verbergen, dann lösten die immer unüberschaubarer werdenden Zahlenkolonnen seiner Verluste Alarm aus. Aufgeflogen ist er, weil seine wilden Transaktionen schief gegangen sind, nicht, weil er so viel riskiert hat. 2,3 Milliarden Dollar soll Adoboli verspielt haben und ist nun wegen Betrugs zu sieben Jahren Haft verurteilt worden.

Der neue Roman von Robert Harris heißt „Angst“ und führt uns vor Augen, dass es Möglichkeiten gibt, mit der Angst anderer Menschen Geld zu verdienen, viel Geld sogar. Ein Meister dieser zeitgenössischen alchimistischen Kunst ist die Figur des Physikers Alexander Hoffmann, der an einem einzigen Tag 4,1 Milliarden Dollar verdient. Ausgangspunkt des Romans ist der Baustopp eines Teilchenbeschleunigers, der eine ganze Generation hochambitionierter Wissenschaftler ihrer Zukunftsaussichten beraubt und ins Exil treibt. Sie finden ihre Zuflucht im boomenden Finanzsektor, wo die Physiker und Mathematiker jene Programme und Algorithmen entwickeln, über die heute ein immer größer werdender Teil der Finanzgeschäfte abläuft. Es sind Computer, die im sogenannten Hochfrequenzhandel innerhalb von Millisekunden kaufen und verkaufen: Finanzbeschleunigung tritt an die Stelle von Teilchenbeschleunigung.

Angst vermittelt uns Einblicke in die Finanzwelt, die über weite Strecken beklemmend realistisch erscheinen. Die sogenannten „Quants“, die sich mithilfe mathematischer Formeln komplizierte Produkte ausdenken, sogenannte „Blackboxes“, die weder Kunden noch die Mehrheit der Bankangestellten durchschauen, gibt es nicht nur in Harris‘ Roman, sondern auch in der Realität, sofern die Unterscheidung zwischen Fiktion und Wirklichkeit in diesem Gelände überhaupt Sinn macht. Bei Harris erfährt man, wie ein Hedgefonds funktioniert oder wie Millionäre es anstellen, nur zehn Prozent Steuern zu zahlen. Das Ende des Romans wirkt allerdings ein wenig dick aufgetragen und actionlastig. Es sollte wohl ein verfilmbarer Thriller werden und da muss es eben am Ende brennen und krachen.

Der Roman von Petros Markaris „Faule Kredite“ ist als Auftakt einer „Trilogie der Krise“ konzipiert und führt uns ins krisengeschüttelte Griechenland. Der Roman spielt im Sommer 2010 und beginnt mit einer Hochzeit. Kommissar Charitos Tochter heiratet, doch richtige Freude will nicht aufkommen. Gastgeber und Gäste blicken in eine ungewisse Zukunft und bereiten sich auf eine Rückkehr zur Selbstversorgungsökonomie vor. Charitos wird am nächsten Vormittag – noch etwas verkatert – zu einem Tatort gerufen. Die Enthauptung eines ehemaligen Bankenchefs im Garten seiner pompösen Villa droht ein brisanter Fall zu werden, da die Mächtigen der Finanzwelt in der Bevölkerung nicht sonderlich beliebt sind und ein solcher Mord unerwartete Sympathien wecken könnte und auch weckt. Bald darauf wird ein weiterer Banker enthauptet, dann das Mitglied einer Rating-Agentur und schließlich der Besitzer einer Inkasso-Firma. Gleichzeitig werden nachts Plakate geklebt und Anzeigen geschaltet, die zum Boykott der Banken aufrufen – man möge ihnen die Kredite, die sie einem aufgedrängt haben, einfach nicht zurückzahlen, schließlich hätten sie genug Geld. Der Fall sorgt bis in allerhöchste Kreise hinein für Aufregung. Man fürchtet um das Vertrauen der europäischen Kreditgeber.

Der portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa hat in seiner 1922 entstandenen Erzählung „Ein anarchistischer Bankier“ das Portrait eines erfolgreichen Geschäftsmannes und Bankiers gezeichnet. Am Ende eines gemeinsamen Abendessens fragt ihn sein Gast, ob es stimme, dass er früher Anarchist gewesen sei. Er antwortet:

„Ich bin es nicht nur gewesen, ich bin es noch immer. In dieser Hinsicht habe ich mich nicht geändert. Ich bin Anarchist.“
„Was Sie nicht sagen! Sie und Anarchist? Und wieso wären Sie Anarchist? … Sie verstehen das Wort vielleicht anders …“
„Anders als im gewöhnlichen Sinn? Nein, keineswegs. Ich gebrauche es im ganz gewöhnlichen Sinn.“
„Sie wollen also sagen, Sie seien Anarchist im selben Sinne wie diese Typen von den Arbeiterorganisationen? Es gäbe also keinen Unterschied zwischen Ihnen und diesen Bombenlegern und Gewerkschaftstypen?“
„Doch doch, es gibt einen Unterschied … Natürlich gibt es einen Unterschied. Es ist aber nicht der, an den Sie denken. Sie glauben vielleicht, ich hätte andere Gesellschaftstheorien als sie?“
„Ach so, ich verstehe! Sie sind Anarchist in der Theorie, aber in der Praxis sind Sie …“
„Ich bin in der Praxis ebenso sehr Anarchist wie in der Theorie. Und das sogar noch mehr, viel mehr als jene Typen, von denen Sie sprachen. Mein Leben ist der Beweis dafür.“
„Wie bitte?“
„Mein Leben ist der Beweis dafür, jawohl, mein Lieber. Sie haben offenbar diesen Dingen nie besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Deshalb glauben Sie, ich würde dummes Zeug reden oder mich über Sie lustig machen.“
„Jetzt verstehe ich gar nichts mehr! Es sei denn … es sei denn, Sie gehen davon aus, das Leben, das Sie führen, sei zersetzend und asozial; nun, wenn Sie Anarchismus so verstehen …“
„Ich habe Ihnen schon gesagt: nein! Ich habe Ihnen schon gesagt, dass ich dem Wort Anarchismus keinen anderen als den gewöhnlichen Sinn unterlege.“
„Gut! … Aber ich verstehe immer noch nicht … Wollen Sie mir erzählen, es gäbe keinen Unterschied zwischen Ihren wahrhaft anarchistischen Ideen und Ihrer Lebenspraxis? — ich meine: Ihrer jetzigen Lebenspraxis? Wollen Sie mir denn weismachen, Ihr Leben stimme in allen Punkten mit dem der gewöhnlichen Anarchisten überein?“
„Nein! Nein, das ist es nicht. Was ich sagen will, ist, dass meine Theorien in keiner Weise von meiner Lebenspraxis abweichen; ganz im Gegenteil, beide stimmen absolut überein. Dass ich nicht das Leben der Bombenleger und Gewerkschaftstypen führe, stimmt. Doch deren Leben spielt sich jenseits des Anarchismus, jenseits ihrer Ideale ab. Meines nicht. In mir — jawohl, in mir, dem Bankier, dem großen Händler und Schieber, wenn Sie es so hören wollen — in mir vereinigen sich beide, Theorie und Praxis des Anarchismus, aufs Genaueste. Sie haben mich mit diesen Idioten von Bombenlegern, mit denen von der Gewerkschaft verglichen, um zu beweisen, ich sei anders als sie. Das bin ich auch, nur ist der Unterschied folgender: die da (jawohl, die da, nicht ich) sind nur in der Theorie Anarchisten, ich bin es in der Theorie und in der Praxis. Die da sind Anarchisten und Dummköpfe, ich bin Anarchist und gescheit. Darum, mein Guter, bin ich der wahre Anarchist. Die von den Gewerkschaften und die Bombenleger (ich war ja auch einer von ihnen und habe sie gerade um des wahren Anarchismus willen verlassen) — sie stellen ja nur den Abfall des Anarchismus dar, sie sind die Drohnen der großen anarchistischen Lehre.“

Der Bankier als Staats- und Gesellschaftszerstörer, demgegenüber die anarchistischen Bombenleger als kleine Fische und harmlose Stümper erscheinen. Mit Pessoa und Brecht könnte man fragen: Was sind Flugblätter gegen Derivate, was ist eine Bombe gegen einen Hedgefonds, was sind die Selbstmord-Attentäter von al-Qaida gegen die finanziellen Massenvernichtungswaffen von Goldman Sachs? Wer diese Vergleiche für eine Übertreibung hält, dem seien hier die Schöpfer dieser Metaphern nachgereicht: Namhafte Investmentbanker wie George Soros warnen vor den neuen Finanzderivaten und Warren Buffet beziehungsweise Felix G. Rohatyn bezeichnen sie als “finanzielle Massenvernichtungswaffen” oder “potenzielle Wasserstoffbomben”.

Früher sind Kommunisten und Anarchisten einmal angetreten, den Staat abzuschaffen. Diese wollten ihn als Ausdruck widernatürlichen Zwangs sofort und unmittelbar beseitigen und durch eine Form kollektiver Selbstbestimmung ersetzen, jene wollten ihn während einer gewissen Übergangszeit in Gestalt einer Diktatur des Proletariats noch beibehalten. In dem Maße, wie die Klassengegensätze verschwänden und die Menschen sich die Bedingungen ihres Lebens wiederaneigneten und eine Gesellschaft freier und solidarischer Menschen entstünde, würde die Staatsmaschine nach den Worten von Friedrich Engels dahin wandern, „wohin sie dann gehören wird: ins Museum der Altertümer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt.“ So die Pläne von Anarchisten und Kommunisten, die einstweilen scheiterten.
Der Staat war kein Papiertiger, wie Mao Tse-tung gewarnt hatte, sondern ein ernst zu nehmender und mächtiger Gegner und begrub einstweilen die Pläne seiner Widersacher – manchmal auch diese selbst – unter sich.

Die Abschaffung des Staates ging dann seit den 1980er Jahren ganz anders vonstatten als gedacht und wurde vor allem von anderen Leuten und Kräften betrieben, als den von Marx und Engels dafür vorgesehenen gesellschaftlichen Akteuren. Nicht die Aktionen der Anarchisten, sondern die „Anarchie des Marktes“ legte die Axt an die Wurzeln des Staates. Es waren und sind die Verfechter eines von allen Beschränkungen befreiten, von der Leine gelassenen Marktes, die dem Staat das Wasser abgraben und die Gesellschaft zerstören, indem sie die sozialen Körperschaften privatisieren und auf einen molekularen Zustand reduzieren. Was sind das für Zeiten, da die politische Linke den Staat gegen seine Zerstörer verteidigen muss?

Die Reichen und Starken glauben, auf den Staat verzichten zu können. Sie können sich ihre Sicherheit und Vorsorge privat organisieren und brauchen allenfalls noch eine Armee um ihre Geschäftsinteressen nach draußen durchzusetzen, während die sozial und ökonomisch Schwachen auf den Schutz des Staates, auf seine Daseinsvorsorge und seine sozialstaatlichen Leistungen angewiesen sind. „Menschen lernen den Wert eines Gutes meist erst schätzen, wenn sie es nicht mehr haben. Was das tägliche Brot wert ist, lernen wir, wenn wir hungern müssen. Was Freiheit wert ist, spüren wir, wenn wir sie verloren haben. Was der Staat wert ist, erfahren die Menschen, die ohne Staat überleben müssen“, schreibt Erhard Eppler in seinem Buch „Auslaufmodell Staat?“.

Die Entstaatlichung, die im Namen neoliberaler Doktrinen betrieben wird, bezieht sich nicht auf den Staat als Ganzen, sondern nur auf seine sozialen, die Härten des Kapitalprinzips abmildernden Funktionen. Seine repressiven Funktionen müssen in dem Maße ausgebaut werden, wie wachsende Teile der Bevölkerung nicht mehr über den Markt integriert und diszipliniert werden. Wenn der „stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse“, von dem bei Marx die Rede ist, schwächer wird, tritt wie Kai aus der Kiste manifeste Gewalt hervor. Pointiert gesagt: Der Polizeistaat kommt über die Herausgefallenen und Überflüssigen.

Loic Wacquant hat den Zusammenhang zwischen dem sozialpolitischen Rückzug und der strafrechtlichen Offensive und innenpolitischen Militarisierung des Staates in seinem Buch „Elend hinter Gittern“ präzise herausgearbeitet. Man trifft staatlicherseits Vorsorge gegen potenzielle Ausbruchsversuche der Massen und antwortet auf zunehmende Desintegrationstendenzen und die erneut aufbrechende soziale Frage mit Repression und Kontrolle. Wie sollen Teile der Bevölkerung, wenn sie psychisch und sozial ent-gesellschaftet werden, im Zustand der Armut noch anders als durch Gewalt, staatlich verordnete Drogen und mediale Dauerverblödung regierbar sein?

Zur Finanzkrisen-Literatur wird auch ein Roman zu zählen sein, in dessen Mittelpunkt Pepys Road steht, eine Straße mit Klinkerhäusern im südlichen London, die einst für Familien aus der unteren Mittelschicht errichtet worden waren, nun aber zu Objekten der Spekulation geworden sind und auf dem Immobilienmarkt astronomische Preise erzielen. Der stammt vom Engländer John Lanchester und heißt im Original „Capital“. Das hat im Englischen einen Doppelsinn: Das Wort bezeichnet zugleich die englische Hauptstadt und das sie beherrschende Geld. In der deutschen Übersetzung geht die Doppeldeutigkeit verloren. Die im Oktober 2012 bei Klett-Cotta in München erschienene deutsche Ausgabe heißt schlicht „Kapital“. Möglicherweise enthält die Eindimensionalität des deutschen Wortes Kapital aber auch einen harten realen Kern: Das Kapital hat in der Hauptstadt das uneingeschränkte Kommando übernommen und ist mit ihr identisch geworden. Im Mikrokosmos einer einzigen Straße und ihrer Bewohner entfaltet Lanchester das Universum einer Großstadt, die sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Knotenpunkt internationaler Finanzströme entwickelt hat. Wir begegnen einem Banker, der noch aus einer Zeit stammt, als es im Finanzgeschäft noch mehr um persönliche Beziehungen und weniger um Mathematik ging. Neuerdings lautete die Ideologie: „Arbeite hart, zocke hart und mache keine Gefangenen.“ Aus Furcht, den erträumten Millionenbonus zu verfehlen, lässt sich Roger Yount auf riskante, hochspekulative Transaktionen ein und erleidet damit Schiffbruch. Neben ihm wohnen ein junger, aus Afrika importierter Premier-League-Star und eine alte Dame namens Petunia. „Petunia war der älteste Mensch, der in der Pepys Road lebte, und sie war auch der letzte Mensch, der in der Straße geboren worden war und jetzt noch immer dort wohnte.“ Sie bekommt gelegentlich Besuch von ihrem Enkel, der ein millionenschwerer Künstler ist und den heiß gelaufenen, im Grunde ebenfalls spekulativen zeitgenössischen Kunsthandel repräsentiert. Dann gibt es in der Pepys Road die aus Pakistan stammende Familie Kamal, die einen kleinen Krämerladen betreibt. Ahmed Kamal ist der Chef, der den Laden zusammenhält. Unterstützung erhält er durch seinen Bruder Shahid. Der „war der Freigeist der Familie Kamal: ein Träumer, Idealist und Wanderer über Gottes weite Erde – oder, wie Ahmed sagen würde, eine faule Sau.“ Shahid war der Meinung, „dass alle, die während der Arbeit einen Anzug tragen mussten, innerlich jeden Tag ein ganz klein wenig starben.“ Neben den Hauptfiguren begegnen wir Bogdan, einem polnischen Handwerker, der eigentlich Zbigniew heißt und dessen erfolgreiches Geschäftsmodell darin besteht, alles anders zu machen als britische Handwerker. Und der aus Zimbabwe eingewanderte Politesse Quentina Mkfesi, die von Hause aus studierte Politikwissenschaftlerin ist und mit ihren ebenfalls aus Afrika stammenden Kollegen ein Spiel mit sehr einfachen Regeln spielt: Es gewann immer der von ihnen, dem es gelang, dem teuersten Auto einen Strafzettel zu verpassen. Die Bewohner der Pepys Road erhalten seit einiger Zeit anonyme Postkarten, auf denen die Haustüren der jeweiligen Adressaten abgebildet sind und die mit dem Text versehen sind: „Wir wollen, was ihr habt.“ Das erinnert stark an die jungen anarchistischen Einbrecher aus dem Film Die fetten Jahre sind vorbei, die in den Villen, in die sie einbrechen ohne etwas zu rauben, Zettel mit der Aufschrift „Sie haben zu viel Geld“ hinterlassen.

Zur Krisen-Literatur werden wir auch das neue Buch von Rainald Goetz: „Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft“ zählen dürfen, das im Jahr 2012 bei Suhrkamp erschienen ist. Fast dreißig Jahre nach „Irre“ hat Rainald Goetz nach all dem Tagebuchartigen wieder einen Roman geschrieben. Dieser führt uns in die Wirtschaftswelt der Jahre nach der Jahrtausendwende – also ins „Nirwana des Geldes“, wie der im Jahr 2012 verstorbene Robert Kurz das Imperium der nullenden Nullen genannt hat – und entwirft in Gestalt der Titelfigur ein präzises Psychogramm des kapitalistischen Personals der Gegenwart, das zu einem nicht unbeträchtlichen Teil aus funktionalen Psychopathen besteht. „Holtrop saß konzentriert und böse hinter seinem Schreibtisch. Er hatte auf seinem Weg nach oben nicht wenige Weggefährten am Rand stehen gelassen, so manchen hatte er im Vorbeigehen wegstoßen müssen und genügend viele gegen deren Widerstand auch brutal und eigenhändig in den Abgrund, an dem der gemeinsame Weg nach oben entlangführte, hinuntergestoßen.“ Die Welt, in die Goetz uns versetzt, ist die Vorstandsetage eines weltweit operierenden deutschen Medienkonzerns mit Stammsitz in der norddeutschen Provinz. Vorstandsvorsitzender der Assperg Medien AG, die nach dem Vorbild der Bertelsmann AG gestaltet wurde, ist Johann Holtrop, von dessen kometenhaftem Aufstieg und finalen Verglühen der Roman erzählt. Holtrop gehört zu einer neuen Spezies von Finanzfachleuten, „die eher wie genialisch bestimmte Pianisten oder Jungphilosophen daherkamen, in heiterster Weise identisch mit ihrer Welt der Spekulation, vom Geist beseelte, hochabstrakte Naturelle, denen eindeutig und offensichtlich … die heutige, jetzige Zukunft gehörte.“ Holtrop verkörpert den Typ „eines komplett entscheidungsverrückten, sprunghaften und rücksichtslosen Entscheidungshysterikers“.

Rainald Goetz ist ein grandioses Buch über den Irrsinn der börsengetriebenen Weltwirtschaftsexzesse und die Charaktermasken des fiktiven Kapitals gelungen. Holtrop „liebte den Craze, das Provisorische, das Flirren in den Augen der Spinner, die ihm ihre Geschäftsvisionen, Träume und Phantasien als morgen schon herbeigewirtschaftete Realität verkauften, alles Lügen, aber herrlich und von allen geglaubt. Wirtschaft war endlich Kunst geworden, der schönste und größte Weltfreiraum für alle wirklich abenteuerlich gesinnten Menschen, der Kapitalismus leuchtete, hell und wild wie noch nie.“

Holtrops Universum ist eine sozialdarwinistische Konkurrenzhölle, die von sozial gestörten Menschen bevölkert ist. Sie sind bloße Geldsubjekte, Restmenschen, Ruinen, „Stümpfe“, von denen in Adornos Beckett-Interpretation die Rede ist. Holtrops Abstieg beginnt, als seine Untergebenen zu spüren beginnen, „wie kaputt und zuinnerst abgetötet Holtrop tatsächlich war, ein Freak, ein Irrer, ein Psychopath nur ohne Hitlerbart.“ Der Kurswert seiner Ich-Aktien fällt an der internen Assperg-Börse ins Bodenlose. Nach der Lektüre begreift man, dass das Asperger-Syndrom, das eine milde Form des Autismus bezeichnet und bei der Namensgebung der Firma Pate stand, zur sozialpsychologischen Signatur des neuen Zeitalters zu werden droht. Dabei zeichnet Goetz seine Figuren als die, die sie in der Wirklichkeit sind. Die menschlichen Stümpfe, die ihr Ich verloren haben und sich das Leben wechselseitig zur Hölle machen, sind die Produkte der Welt, in der sie und wir leben. Bei der Großkritik ist der Roman nicht gut angekommen, weil er bis in die Sprache hinein aus seiner Verachtung für die Geldwelt keinen Hehl macht. Die Kritik reagiert, als hätte Goetz den literarischen Salon mit geöffnetem Hosenstall betreten oder als trüge er einen vollgeschissenen Nachttopf in die duftende und gesittete Welt des Feuilletons.

Im Mittelpunkt von Ian McEwans Roman „Solar“ steht der Physik-Nobelpreisträger Michael Beard, ein Narzisst, wie er im Buche steht. Er täuscht sein Interesse für Solarenergie nur vor, um sich durch die Nutzung geklauter wissenschaftlicher Erkenntnisse bereichern zu können. Seine innere Leere überspielt er durch Unmäßigkeit nicht nur beim Sex, sondern auch beim Essen und Trinken. Mit einem amerikanischen Partner namens Toby Hammer gründet Beard ein Unternehmen, um seine Patente auf dem Gebiet der künstlichen Photosynthese zu verwerten. In Lordsburg, New Mexico, bauen sie eine Versuchsanlage mit Solarpaneelen. Sie setzen auf die Furcht vor der Erderwärmung, die durch die herkömmlichen Energiequellen gefördert wird, und versprechen sich durch eine Verschärfung der Klimakatastrophe riesige Absatzchancen für ihre Photovoltaik. Darunter versteht man die direkte Umwandlung von Lichtenergie, meist aus Sonnenlicht, in elektrische Energie mittels Solarzellen. Bei einem Treffen mit seinem Partner Hammer äußert sich dieser besorgt über ihre Zukunftschancen. Er habe Berichte gelesen, dass die Geschichte mit der Erderwärmung und der Klimakatastrophe lediglich apokalyptische Panikmache sei. Neuere Forschungsergebnisse zeigten, dass es eigentlich keinen Grund zur Besorgnis gebe. „Wenn die Erde sich nicht erwärmt, haben wir verschissen“, sagt er und fährt skeptisch fort: „Kein Mensch kauft uns ein einziges verflixtes Paneel ab, bloß weil es in dreißig Jahren kein Öl mehr gibt.“ Beard trinkt noch einen Schluck, legt seinem Freund eine Hand auf den Arm und beruhigt ihn mit den Worten: „Toby, glaub mir. Es ist eine Katastrophe. Entspann dich!“
Dass die Sorgen von Toby Hammer unbegründet sind, darüber hat uns und vor allem die Amerikaner gerade der Wirbelsturm Sandy nachdrücklich belehrt.

Dazu passt die Karikatur der beiden Zeichner Heribert Lenz und Achim Greser, die die Süddeutsche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 16. Oktober 2012 abgedruckt hat. Man sieht zwei Aktienhändler an einem Stehtisch des Börsenstüberls gegenüber der Börse einen Latte macchiato trinken. Neben ihnen steht eine Tafel, die für eine Bouilla-Baisse für 18 Euro wirbt. Der eine scheint sich gerade über den Fall der Kurse, eine Baisse, beklagt zu haben, denn der andere sagt zu ihm: „Für mich kann es gar nicht schlimm genug kommen. Ich habe die Aktienmehrheit an der Apokalypse.“

Erwähnt sei am Rande ein amerikanischer Klassiker aus der Zeit der Großen Depression: John Steinbecks Roman „Früchte des Zorns“. Steinbecks Roman schildert das Schicksal der in den frühen 30er Jahren im Gefolge der Weltwirtschaftskrise hoch verschuldeten Farmer in Oklahoma und Arkansas, die von den Grundbesitzern gewaltsam von ihrem Land vertrieben werden und auf der Suche nach Arbeit und Brot nach Kalifornien ziehen. Steinbeck beschreibt eindringlich folgende Szene: Das Land eines Pächters ist verkauft worden und ein Angestellter des neuen Besitzers naht mit einer Planierraupe, um sein Haus abzureißen. Der Pächter stellt den Fahrer zur Rede und droht ihn zu erschießen, wenn er an seinem Vorhaben festhält. Der Fahrer sagt: „Ich kann nichts dafür. Ich verliere meine Arbeit, wenn ich‘s nicht mache. … Du bringst nicht den Richtigen um“ „Ja, ja“, sagt jetzt der Pächter, „wer hat dir den Befehl gegeben? Dann werde ich mich an den halten. Er ist der, wo umgebracht werden muss.“ „Du hast Unrecht. Er hat auch nur seinen Befehl von der Bank. Die Bank hat ihm gesagt: ‚Schmeiß die Leute raus, oder du fliegst‘.“ „Ja, aber es gibt doch einen Präsidenten von der Bank. Es gibt doch Direktoren. Da fülle ich eben mein Gewehrmagazin und gehe in die Bank.“ Darauf sagt der Fahrer: „Jemand hat mir erzählt, die Bank hat Befehl aus dem Osten gekriegt. Und der Befehl war: ‚Sorgt dafür, dass das Land was abwirft, sonst machen wir euch die Bude zu.“ – „Aber, wo hört das den auf? Wen können wir denn erschießen? Ich habe keine Lust zu verhungern, eh‘ ich den Mann umgebracht habe, der wo mich aushungert.“ – „Ich weiß es nicht. Vielleicht ist da überhaupt niemand zu erschießen. Vielleicht ist das Ganze überhaupt nicht von Menschen gemacht“, sagt der Fahrer.

Warum habe ich diese Passage so ausführlich zitiert? Weil sie uns darüber belehrt, dass Menschen, die Opfer eines abstrakten, gesichtslosen Systems und anonymer Prozesse werden, auf ihrer Wut sitzen bleiben. Ihre aggressiven Impulse stoßen ins Leere, die Wut dreht sich im Kreis und richtet unter den Opfern ihre Verheerungen an. Das zeigt auch die immer noch sehenswerte Verfilmung des Romans durch John Ford aus dem Jahr 1940 mit Henry Fonda in der Hauptrolle.

Der Schriftsteller F.C. Delius hat in seiner grandiosen Rede zur Verleihung des Büchner-Preises 2011 gesagt: „Wir wissen nicht, in welcher Epoche wir leben, habe ich von Arnold Esch gelernt, wir Zeitgenossen wissen nicht, wie man unsere Zeit einst nennen und bewerten wird. Fürs Erste aber, schlage ich vor, können wir uns an Leonce und Lena orientieren, der Komödie der Müdigkeit und der universellen Langeweile, einer Welt, ‚die ihren Sinn verloren hat und richtungslos agiert‘ (Mayer). Seit die bürgerlichen Werte an den Finanzplätzen verschleudert werden, der Liberalismus zum Lobbyismus und zur Marktblödheit verkommt, scheinen die Demokratien in feudalistische Zeiten zurückzutaumeln. Das Kapital selbst bringt die Verhältnisse zum Tanzen – nicht weil Geld fehlt, weil wir sparen müssten, sondern, das ist die Komödie daran, weil zu viel Geld da ist, das angelegt werden will. Reiche Leute können nicht mehr mit den überflüssigen Millionen und Milliarden umgehen, niemand will sich mit einer soliden Rendite von fünf Prozent zufrieden geben, es müssen überall und sofort gleich fünfundzwanzig sein. Ich erzähle Ihnen nichts Neues, aber von Büchner: Genau wie der Staatsrat im Königreich Popo können sich nicht einmal die weisesten Ökonomen der Welt auf Lösungen verständigen. Seit man in der Wirtschaft mehr mit Fiktionen, Derivaten, Utopien, mehr mit der Leere der Nullen als mit Realien handelt, sind wir im Reich des König Peter angelangt, wo der Mittelstand bereits abgeschafft ist, bis auf einen Schulmeister, der die Hartz-IV-Empfänger zu dressieren versucht. Des Königs Weisheit beschränkt sich auf den Satz: Der Mensch muss denken.

Ganz in der Tradition von Leonce und Lena hat Heribert Prantl kurz nach der Lehman Brother-Pleite in einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung erklärt, was ein Derivat ist und wie die ganze zeitgenössische Woodoo-Ökonomie funktioniert: „Chuck kauft für 100 Dollar einen Esel. Das Tier stirbt vor der Lieferung. Chuck will sein Geld zurück, aber der ehemalige Besitzer hat es angeblich bereits ausgegeben. Nun will Chuck den toten Esel, um ihn zu verlosen. Verlosen? Ich sag den Leuten einfach nicht, sagt Chuck, dass er tot ist. Einen Monat später trifft der Farmer Chuck wieder und erkundigt sich, was aus dem Esel geworden ist. Ich hab’ ihn verlost, 500 Lose zu zwei Dollar verkauft und 998 Dollar Gewinn gemacht. Hat sich keiner beschwert? Nur der Kerl, der den Esel gewonnen hat. Dem habe ich seine zwei Dollar zurückgegeben.“ Prantls Erzählung endet mit der Bemerkung: Heute arbeitet Chuck für Goldman-Sachs und das Esel-Modell ist zum Weltfinanzprinzip geworden.
Die Süddeutsche Zeitung hat am 6. September 2012 im Vorgriff auf sein neues Buch Der europäische Landbote eine Rede von Robert Menasse abgedruckt. Er spricht über den Zustand Europas. Es sei fünf vor zwölf. „Denn das europäische Projekt befindet sich, sachlich betrachtet, an der Kippe. Allerdings besteht dennoch kein Anlass für Alarmismus: Die Uhr scheint ja stehen geblieben zu sein, denn ich lese seit Monaten in den Zeitungen, dass es fünf vor zwölf ist. Und wir wissen vom großen Historiker Theodor Mommsen, dass nach dem Untergang Roms Jahrzehnte vergingen, bis die Römer begriffen, dass sie untergegangen waren.“

Die erwähnte Literatur:

Theodor W. Adorno: Hänschen klein. In: Minima Moralia, Frankfurt/Main 1979
F.C. Delius: Dankrede auf Büchner, in: Als die Bücher noch geholfen haben, Berlin 2012
Erhard Eppler: Auslaufmodell Staat?, Frankfurt/Main 2005
Cornelia Fuchs: Nackt im Dax. Investment-Banker Kweku Adoboli hat 2,3 Milliarden Dollar verspielt, in: Stern 39/2011
Rainald Goetz: Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft, Berlin 2012
Robert Harris: Angst, München 2011
John Lanchester: Kapital, München 2012
Kristof Magnusson: Das war ich nicht, München 2010
Petros Markaris: Faule Kredite, Zürich 2011
Ian McEwan: Solar, Zürich 2010
Robert Menasse: Europa Countdown, in: Süddeutsche Zeitung vom 6. September 2012
Robert Menasse: Der europäische Landbote. Die Wut der Bürger und der Friede Europas, Wien 2012
Fernando Pessoa: Ein anarchistischer Bankier, Berlin 2006
Heribert Prantl: Der Zorn Gottes, Süddeutsche Zeitung vom 24./25./26. Dezember 2008
John Steinbeck: Früchte des Zorns, München 1985
Loic Wacquant: Elend hinter Gittern, Konstanz 2000


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