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Titel: Rezension: Sehnsucht nach einer friedlicheren Welt – Konstantin Wecker über sein Leben

Datum: 24. Juni 2015 um 9:04 Uhr
Rubrik: Kultur und Kulturpolitik, Rezensionen, Wertedebatte
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Über sich zu schreiben, ist ein schwieriges Unterfangen. Konstantin Wecker hat es gewagt, und es ist ihm in vielen Passagen seines Buches „Mönch und Krieger“ gelungen, seine Leserinnen und Leser für sich zu gewinnen, indem er über die unvermeidliche Selbstbespiegelung weit hinausgeht. Er verschweigt nichts, er blendet nicht, er bleibt bei den Fakten, die er natürlich subjektiv interpretiert. Das Herzstück seines Buches sei – so schreibt er – sein „lebenslanges Suchen nach dem Wunderbaren, die Suche nach der Rückkehr in meine geistige Heimat“, auch „wachsender Zorn über die politischen Verhältnisse“. Von Wolfgang Bittner[*].

Seinen Berichten und Erzählungen ist anzumerken, dass er in vielerlei Hinsicht vom Leben verwöhnt wurde, jedenfalls die längste Zeit. Er hatte das Glück, in einem kulturellen Elternhaus aufzuwachsen, war mit einer schönen Stimme begabt, wurde schon früh bekannt und vermögend, beliebt bei den Frauen. Das blieb freilich nicht ohne negative Folgen. Wecker schreibt von seinem ehemals „offen zelebrierten Gegockel“, der Drogensucht, die ihn ins Gefängnis brachte, seiner Bekanntschaft mit Zuhältern und seiner Bewunderung „starker Männer“; er schreibt von Fehltritten, seinem „Aggressionspotenzial und der zeitweise „peinlichen Vorliebe fürs Protzen und Prassen“.

Aber er hat es nach einem Gefängnisaufenthalt geschafft, wieder zu sich, zu seinem eigentlichen Selbst, zu finden, wie er in mehreren Kapiteln ausführt. Und immer wieder rekurriert er auf „seinen Gott“, den er erspürt und zu dem er morgens betet, wie er verrät: „Ich musste Gott in mir töten, um zu ihm zu finden.“ Fast das halbe Buch handelt von dieser Auseinandersetzung mit dem Glauben, dem „Übersinnlichen“, der Spiritualität und von der Sinnsuche. Das zeugt von tiefem Wissen, ist gescheit ausgeführt und inspirierend, erscheint allerdings manchmal etwas sehr katholisch geprägt, geschuldet Elternhaus und Schule.

Wenn Konstantin Wecker „Bilanz zieht“, mutet es fast wie eine Beichte an: „Ich war so oft oberflächlich … Ich war streitsüchtig, rechthaberisch und eitel.“ Andererseits ist von der Hinwendung zu Bescheidenheit, Empathie und Demut zu lesen, von einem ausgeprägten Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit. Diese Zerrissenheit, die auch seine Jugend und später sein Künstlertum ausmacht, führte offenbar zu einem tiefen Zwiespalt: Der Sehnsucht nach Unabhängigkeit, einem abenteuerlichen Leben und nach Grenzerfahrungen einerseits und der Sehnsucht nach einem geregelten, gutbürgerlichen Leben andererseits – eine oft schmerzhafte Dichotomie, die der Künstler durch Selbsterforschung und Meditation für sich erträglich zu gestalten sucht.

Aber Wecker geht noch weiter. Für ihn ist die Transformation das „Allerwichtigste“: „Alles will doch vom Endlichen ins Unendliche, vom Körperlichen ins Seelische, ins Geistige hinein. Nur darum geht es doch, unabhängig von Erfolg und Geld.“ An anderer Stelle schreibt er: „Nur da, wo man sich selbst erfahren kann, beginnt ja das Leben überhaupt interessant zu werden. Wo man nicht nur über sich nachdenkt – was notwendig ist –, sondern wo man die Vernunft transzendiert. Wo man in eine Wirklichkeit eindringt, die aus mehr als dieser Rationalität besteht. Das gilt natürlich für den Künstler erst recht. Für ihn ist das Ich zunächst der Zugang zu dem Einen, das zugleich Alles ist.“

Im zweiten Teil seines Buches geht Wecker mehr auf seine politischen Aktivitäten und seine Utopien ein. So berichtet er von seiner Reise in den Irak im Jahre 2003 mit Gleichgesinnten, die gegen den absehbaren Krieg protestierten. Ein alter irakischer Poet sagte ihm damals: „Wenn die Amerikaner gegen uns Krieg führen, wird das Tor zur Hölle aufgemacht.“ „Genau das ist passiert“, schreibt Wecker, und: „Die Art, wie wir wegen dieser Reise von der Presse behandelt wurden, hat dann aber meine schlimmsten Befürchtungen übertroffen.“

Bezeichnend auch seine Erfahrungen bei einer Occupy-Demonstration in Frankfurt 2012: „Zum ersten Mal in meiner Künstlerkarriere hat man mir per Gerichtsbeschluss das Singen verboten. Nicht im Irak, nicht in der DDR, aber in der Bundesrepublik Deutschland … die Behörden haben das Demonstrationsrecht auf beispiellose Weise ausgehebelt … Wir wurden dann von der Polizei eingekesselt …“

Wecker ist der Ansicht: „Wir zerstören das Leben unserer Kinder durch unsere ausschließlich leistungsbezogene und selektionsorientierte Art schulischer Erziehung. Und wir zerstören die Länder des globalen Südens systematisch mit Hilfe von Schulden und Zinsen. Wir tun dies auch, indem wir immer genau an der falschen Stelle viel Geld ausgeben, für Rüstung vor allem.“ Er fährt fort: „Widerstand gegen Missstände ist bei Politikern immer nur dann hoch angesehen, wenn es um die Zustände in anderen Ländern geht.“ In Deutschland – so meint er – sei „die Zeit für eine größere Protestbewegung offenbar noch nicht gekommen“, aber es helfe, daran zu glauben, dass der friedliche Protest eine Zukunft hat, „auch wenn das Eingreifen der Polizei von Jahr zu Jahr martialischer wird“.

Der Künstler resümiert: „Seit Tausenden von Jahren herrschen auf der Erde Gesellschaftssysteme, die das Gegeneinander und die Konkurrenz fördern, nicht das Miteinander; den Krieg, nicht den Frieden; die Zerstörung, nicht den Aufbau; die Unterdrückung weiblicher Werte und den Triumph der vermeintlich männlichen.“ Er plädiert voller Enthusiasmus für eine „Revolution des Mitgefühls“, eine Utopie, die „etwas Geistiges“ repräsentiert, „an das wir uns halten können in einer allzu verdinglichten Welt“.

Hier werden Einflüsse von Arno Gruen („Der Verlust des Mitgefühls“) und Ernst Bloch („Das Prinzip Hoffnung“ und „Geist der Utopie“) deutlich, auf die sich Wecker auch bezieht. Er konstatiert: „Der Neoliberalismus will uns seine eigene Natur – die rücksichtslose Durchsetzung eines ökonomischen ‚Survival of the fittest‘ – als ‚Natur des Menschen‘ verkaufen. Ich weigere mich, mir das einreden zu lassen… Utopien werden nicht vielleicht irgendwann da sein, sie sind bereits da.“

Immer wieder gibt es hochinteressante Passagen in diesem Buch, mit dem der Sänger, Komponist, Poet und Schauspieler einen tiefen Einblick in seine menschliche und künstlerische Entwicklung zulässt, in sein Denken und Fühlen, in den Kosmos eines hochsensiblen, emotionalen Menschen, was sich schließlich auch in seinem künstlerischen Vortrag ausdrückt. Er ist ein Suchender, mit seinen inzwischen 68 Jahren noch lange nicht fertig, offen selbst in den heiklen Zonen seines Lebens. Was ihn neben der künstlerischen Arbeit auszeichnet, ist sein politisches und soziales Engagement. Beispielsweise unterstützt er ohne viel Aufhebens die Hospizbewegung, und in dem von ihm eingerichteten Internetforum “hinter-den-schlagzeilen.de” finden sich Informationen und Erörterungen, die man in der sogenannten Qualitätspresse vergeblich sucht.

Konstantin Wecker, „Mönch und Krieger. Auf der Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt“, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2014, 287 Seiten, 19,99 Euro.


[«*] Wolfgang Bittner, Schriftsteller, Dr. jur.


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