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Titel: Die Psychoanalyse als Waffe in den Händen von Geheimdiensten und Militär

Datum: 19. August 2015 um 15:07 Uhr
Rubrik: Erosion der Demokratie, Interviews, Strategien der Meinungsmache
Verantwortlich:

Knuth Müller

„Warum schweigen die Lämmer?“, fragte der Psychologe und Hochschullehrer Rainer Mausfeld in seinem gleichnamigen Vortrag. Und gibt zur Antwort: Weil die Eliten seit Urzeiten alles daran setzen, das Volk in ihrem Sinne zu beeinflussen und ihre ureigenen Interessen, die oftmals konträr zu jenen der Bevölkerung sind, als vermeintliche „Gesamtinteressen“ durchzusetzen. Das erreichen sie, indem sie maßgeblich die öffentliche Meinung bestimmen. Das erreichen sie aber auch mittels der „Hilfstruppen“, derer sie sich bedienen. Dazu gehören etwa „Fertigmacher“, Spin Doctoren und PR-Berater. Dazu gehören aber auch und insbesondere Psychologen. Zu deren bisher kaum erforschter Liaison mit dem „Staat im Staate“ sprach Jens Wernicke mit dem promovierten Diplom-Psychologen Knuth Müller, dessen demnächst erscheinende umfangreiche Studie belegt: US-Geheimdienste und -Militär forschen seit Jahrzehnten zu Unterdrückung und Manipulation. Das dürfte allerdings kein Einzelfall sein.

Herr Müller, in Ihrem in Bälde erscheinenden Buch untersuchen Sie die Verstrickungen zwischen Psychologen und Militär bzw. Geheimdiensten in den USA. Wie kam es zum Thema? Was war Ihr handlungsleitendes Motiv?

In meinem Buch geht es weniger um den Berufsstand der Psychologen, sondern vor allem um Vertreter der US-amerikanischen psychoanalytischen Gemeinschaft. Darunter befanden sich fast ausschließlich medizinisch-psychiatrisch ausgebildete Personen, da Psychoanalytiker ohne medizinische Grundausbildung von der American Psychoanalytic Association, kurz APsaA, bis 1988 im Regelfall nicht als Mitglieder akzeptiert wurden.

Zur psychoanalytischen Gemeinschaft zähle ich sowohl Psychiater mit späterer psychoanalytischer Ausbildung, Ausbildungskandidaten sowie ordentliche, außerordentliche und Ehrenmitglieder psychoanalytischer Standesorganisationen. Zwar lassen sich unter ihnen auch Psychologen finden, doch stellen diese zahlenmäßig eine Minderheit dar, was allerdings nicht bedeutet, dass deren Einfluss auf die genannte Zusammenarbeit geringer ausfällt. Ganz im Gegenteil: So wurde etwa Ende 1941 die weltweit erste psychoanalytische Abteilung eines Geheimdienstes – die „Psychoanalytic Field Unit“ des US-amerikanischen Office of the Coordinator of Information, kurz COI, einem Vorreiter der CIA – von einem psychoanalytisch ausgebildeten Psychologen geleitet.

Meine Beschäftigung mit diesem Thema ist primär einer Verkettung von Zufällen zu verdanken: Bei einer Recherche zu anderem Thema stieß ich bei einigen Personen der psychoanalytischen Gemeinschaft auf einen militärisch-geheimdienstlichen Hintergrund. Zunächst wollte ich einfach nur besser verstehen, was Psychoanalytiker wohl mit dem Geheimdienst zu schaffen hatten und warum. Nach einem ersten Archivbesuch in den USA fühlte ich mich von der Anzahl der aufgefundenen dokumentarischen Belege dieser Zusammenarbeit dann aber fast erschlagen. Plötzlich war klar, dass es hier Wichtiges zu erforschen galt.

Sie dürfen auch nicht vergessen, dass meine Recherche rund vier Jahre nach der Bekanntgabe von Folterungen durch US-Psychologen in Abu Ghraib, Guantanámo Bay und anderen US-Folterzentren begann. Mit den bekannt gewordenen Bildern aus diesen Folterknästen im Hinterkopf wuchs mit jedem neu aufgefundenen Dokument, das eine Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen Intelligence Community belegte, mein Unbehagen, denn es wurde immer deutlicher, wie lange hier schon institutionelle Zusammenarbeit bestand. Und wie verwerflich diese fast vom ersten Moment an war.

Wie aktuell diese Thematik auch heute noch ist, zeigt sich etwa am jüngst veröffentlichten Hoffman-Report, der im Auftrag der American Psychological Association, kurz APA, erstellt worden ist und in seiner finalen Version sämtliche, längst öffentlich geäußerten Vorwürfe von Kritikern innerhalb wie außerhalb dieser Institution vollumfänglich bestätigte, ja, in Teilen die Vermutungen und Annahmen sogar noch deutlich übertraf: Es zeigte sich beispielsweise, dass fast die gesamte Führungselite der APA den Folterkurs der Bush-Administration nicht nur unterstützt hatte, sondern ihn in bestimmten Aspekten überhaupt erst ermöglichte.

Und das hatten Sie – vor allem in diesen Ausmaßen – nicht erwartet, nehme ich an?

Nein, denn als damaliger Ausbildungskandidat ging ich davon aus, die organisierte Psychoanalyse hätte den Satz Freuds „Das Tun versteht es so häufig, sich als ein passives Erleben zu maskieren“ zu eigen gemacht. Soll heißen, ich hoffte, die Vertreter der Psychoanalyse hätten Freuds Leitmotiv als einen ubiquitär vorhandenen kritischen Blick und die Psychoanalyse als ein aufklärerisches und emanzipatorisches Denk- und Handlungswerk verinnerlicht.

Das Präfix „Geheim“ wäre demnach mit einer psychoanalytischen Haltung vollkommen unvereinbar, außer vielleicht dahingehend, dass keinerlei Inhalte den analytischen Raum verlassen dürften… Doch die Begründung eines „Geheimen Komitees“ innerhalb der organisierten Psychoanalyse, das selbst zwar nichts mit Geheimdiensten zutun hatte, sondern eine Kontrollinstanz innerhalb der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung darstellte, belehrte mich eines Besseren.

Und dieses „Geheime Komitee“ diente wozu genau?

Im Kern ging es darum, innerhalb der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung eine gesonderte, im geheimen operierende Kontrollinstanz zu etablieren, die Einfluss auf organisatorische Entscheidungen hinsichtlich Personalfragen, Veröffentlichungen etc. nahm. Die Zerwürfnisse mit C. G. Jung dienten demnach 1913 als Argument zur Etablierung einer „Homeland Security“, um „abweichlerische Tendenzen“ zukünftig frühzeitig identifizieren und unterbinden zu können.

Und derlei „Wirken“ wurde dann durch die institutionelle Anbindung an die Intelligence Community weiter ausgebaut und auf Dauer gestellt? Wie sah das denn genauer aus?

Das ist nicht gleichzusetzen. Das Geheime Komitee hatte nichts mit Geheimdiensten zu tun, wohl jedoch mit der Tatsache, dass hier Personen im Hintergrund Entscheidungen trafen, die den Mitgliedern der IPV und der Öffentlichkeit gegenüber nicht transparent gemacht wurden. Das Geheime Komitee verschrieb sich, den idealisierten Freudschen Dogmatismus, wie ihn das Komiteemitglied Ferenczi heraushob, unangetastet zu lassen. Der Glaube an die Omnipotenz der eigenen Bewegung, die nicht zuletzt auch ein gewisses Maß an Machtversprechen nach sich zog, beeinflusste meines Erachtens jedoch auch den Weg der seit 1940 andauernden Liaison mit der US-amerikanischen Intelligence Community.

Während der Jahre 1940–45 standen vor allem akute und kriegsrelevante Themen einer sich neu etablierenden Zusammenarbeit der organisierten Psychoanalyse mit dem US-Geheimdienst im Vordergrund. In den Nachkriegsjahren passten sich die Inhalte und Methoden dann sukzessive dem paranoid-schizoiden Klima des Kalten Krieges an.

Während der Kriegsjahre ging es beispielsweise um die Analyse von Feindpropaganda, individuelle und gesellschaftlich vermittelte faschistische, imperialistische, isolationistische – aber auch schon kommunistische! – Charakteranalysen und Vorschläge möglicher Psy-Op-Strategien wie etwa Ernst Simmels Vorschlag einer „Kurzwellenpsychotherapie“ für das deutsche Volk. Andere Unternehmungen beinhalteten psychohistorische Studien über Adolf Hitler, Strategien für den Umgang mit Deutschland nach dem Krieg, Behandlung von sogenannten „Kriegsneurosen“, Analyse von Verhören deutscher Kriegsgefangener, Testung und Ausbildung zukünftiger Geheimagenten, Anwerben von Personen unterschiedlicher Nationalitäten für US-Geheimdienste sowie Humanexperimente mit potentiellen „Wahrheitsseren“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden dann die wissenschaftlichen „Errungenschaften“ der NS-Zeit von allen vier Alliierten regelrecht frenetisch gesammelt und ausgebeutet.

Auch die USA suchten dabei nach Datenmaterial, das Hinweise auf neue Entwicklungen beispielsweise im Bereich der Medizin, der Pharmakologie, der psychologischen Manipulation und Folter etc. geben konnte.

Ein US-amerikanischer Psychoanalytiker etwa, der im Auftrag von Militär und Geheimdienst an der Sammlung und Auswertung ärztlicher KZ-Experimenten beteiligt war, ermöglichte in den frühen 50er Jahren als Leiter einer bis heute in New York City ansässigen psychiatrischen Klinik die experimentelle Fortführungen ebensolcher Experimente im Namen der Intelligence Community. Das führte in mindestens einem bekannt gewordenen Fall zum Tod durch die Hand eines weiteren Psychoanalytikers, der um den militärisch-nachrichtendienstlichen Hintergrund seiner Menschenexperimente an uneingeweihten psychiatrischen Patienten sehr wohl wusste, diese aber dennoch vollzog – ganz so, als hätte es den Nürnberger Kodex nie gegeben. Das Handeln beider Verantwortlichen blieb jedoch ohne jede juristische und berufsethische Konsequenz.

Der Siegeszug der US-amerikanischen Ich-Psychologie, die sich vor allem durch das Paradigma der Anpassung auszeichnet, avancierte schließlich zur Leitlinie psychoanalytischen Handelns nicht nur in den USA. Viele Psychoanalytiker wurden hierdurch mehr und mehr zu Richtern, die sich als einzig kompetent ansahen, zwischen Norm und Abnorm, zwischen – vermeintlich – „gesund“ und „krank“ unterscheiden zu können und dürfen. Psychiatrische Behandlung von „Abnormitäten“ wurden dabei mit allen erdenklichen Mitteln durchgeführt. Keine noch so invasive Behandlung zur Anpassung an die psychodynamisch orientierte psychiatrische Norm wurde ausgelassen, wie es scheint.

Dank des erfolgreichen Einsatzes psychoanalytisch orientierter Interventionen – wie zum Beispiel der sogenannten „Narkoanalyse“ mittels Barbituraten, in der Behandlung von sogenannten „Kriegsneurosen“ während des Zweiten Weltkriegs – wurden ehemalige Militärärzte, die in den Nachkriegsjahren vom Kriegsveteranenministerium und anderen militärischen Organisationen ihre psychoanalytische Ausbildung bezahlt bekommen hatten, später auf Leitungsposten prestigeträchtiger privater und staatlicher Hospitäler positioniert.

Die auf klinische Machbarkeit geschrumpfte amerikanisierte Psychoanalyseversion – für Deutschland gilt seit 1967, dem Jahr der Anerkennung der „analytischen Psychotherapie“ als Richtlinienverfahren, übrigens Dasselbe – verkam im Laufe der Entwicklung schließlich zu einem regelrechten Gesellschaftsdiktat: Berauscht durch den rasanten Anstieg der Ich-psychologisch fundierten Normativitätsbestimmung entglitt der ethische Kompass mehr und mehr und so verkam eine Methode, die ursprünglich der Emanzipation der Menschen verpflichtet war, schließlich zu einer solchen der Herrschaftssicherung.

Und auch psychodynamisch wirksame Grundlagen der NS-Zeit wurden nicht nur für die geheimdienstliche Verwendungen utilisiert. Sie dienten beispielsweise ebenso als Werkzeuge zur Manipulation der Masse durch Werbe- und politische Propagandastrategien. Da hat man viel vom Hitler-Regime gelernt. Als Beispiel dafür dient ein langhin bekanntes Zitat von Hermann Göring aus dem Jahr 1946:

„Nun, natürlich, das einfache Volk will keinen Krieg (…). Das ist klar. Aber schließlich sind es die Führer eines Landes, die die Politik bestimmen, und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um ein Parlament oder eine kommunistische Diktatur handelt. (…). Das Volk (…) kann immer dazu gebracht werden, den Befehlen der Führer zu folgen. Das ist ganz einfach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land.“

Das meint: Wir haben es ab hier sozusagen mit „zwei Problemen“ zu tun? Die Geheimdienste forschen zu Manipulation, Propaganda, Folter etc. Und aber auch die niedergelassenen Analytiker therapieren primär in einem Sinne, der gesellschaftlich-soziale Probleme sozusagen in das Ich und also die persönliche Verantwortung des Probanden delegiert und damit vor allem dessen Anpassung an die äußere Ordnung forciert?

So kann man das sagen, ja. Ein langhin bekanntes Argument, dass sicher nicht meinem Kopfe entspringt. Wenigstens aber ist das ICD-10 hier sehr transparent. Hier wird die Anpassungsverweigerung schlicht pathologisiert und als Anpassungsstörung definiert.

Dann lassen Sie uns diese beiden Problem-Dimensionen noch ein wenig ausleuchten, bitte. Wir ging es weiter bezüglich der Intelligence Community?

Das Militär verfolgte zunächst vor allem das Ziel, chemisch-biologische Substanzen zur Ausschaltung des Feindes isolieren und erfolgreich einsetzen zu können. Es ging nicht mehr um die Vernichtung, sondern um die Desorientierung, die durch chemische und biologische Substanzen forcierte Kampfunfähigkeit und damit um die funktionale Ausschaltung des Feindes.

Das Ziel verschiedener CIA-Programme ab 1947 fokussierte hingegen auf die Umsetzung des ultimativen feuchten Traumes aller Geheimdienste: Die Programmierung des „Mandschurischen Kandidaten“, einer menschlichen Marionette ohne Bewusstsein über ihre Programmierung zur Erfüllung geheimdienstlicher Aufträge.

Diese systematische Erforschung psychologischer Manipulations- und Kontrolltechniken, die Rainer Mausfeld bereits 2009 als „weiße Folter“ beschrieb, führte zwar weder auf militärischer noch geheimdienstlicher Ebene zu den erhofften Ergebnissen, doch die psychologischen Folgen, die systematisch evaluiert wurden und in erschreckender Weise aufzeigten, wie zerstörerisch psychologische Folterstrategien auf den Menschen wirken, bildeten später die Grundlage der „Standard Operating Procedures“ in den Foltergefängnissen im Rahmen des US-amerikanischen Angriffskrieges auf Afghanistan und Irak, der heute unter dem euphemistischen Namen „Krieg gegen den Terror“ firmiert. Angewandt wurden und werden hier vor allem Techniken der sensorischen Deprivation und Isolation, schmerzinduzierende Körperhaltungen, die verharmlosend als „Stresspositionen“ bezeichnet werden, Schlaf- und Nahrungsentzug etc. pp.

Und wie kann und darf man sich derlei organisatorisch vorstellen? Setzen sich da wichtige Persönlichkeiten aus allen Bereichen in Hinterzimmer zusammen und diskutieren darüber, wie das Volk besser zu unterdrücken und betrügen ist?

Im Falle des von der APsaA im Mai 1941 begründeten und alsbald mit Geheimdienststellen des COI und ab 1942 neu begründeten Office of Strategic Services, kurz OSS, in Verbindung stehenden Committee on Morale war das tatsächlich so. Nur verstanden sie ihr Handeln nicht als Versuch der Unterdrückung und des Betrugs der Masse, sondern als ihren patriotischen Beitrag zur Kriegsmobilisierung und Verteidigung der Demokratie.

Die Mitglieder des Komitees bestanden aus Vertretern der wichtigsten psychoanalytischen Gesellschaften der USA. Insgesamt fanden circa 13 bis 14 Treffen statt, zu denen zum Teil auch ausgewählte Geheimdienstler und Militärangehörige eingeladen wurden. Das Komitee war zudem eng verknüpft mit dem Psychoanalytic Field Unit, die von dem Psychologen und Psychoanalytiker Walter Langer geleitet wurde. In den Monaten vor dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor etwa galt es, dem amerikanischen Volk den Krieg zu verkaufen. Das Volk war nämlich sehr zurückhaltend, was einen möglichen Kriegseintritt der USA anging. Pearl Harbor änderte hier alles – vergleichbar etwa mit den Veränderungen, die auf den 11. September 2001 folgten.

In späteren Kriegsjahren machte sich ein Vertreter des APsaA-Komitees auf, um im Auftrag des OSS an uneingeweihten Personen Experimente mit potentiellen „Wahrheitsseren“ durchzuführen. Auch wandelten sich die Inhalte des Moralkomitees in dieser Zeit. Eine wesentliche Aufgabe sahen die Mitglieder in der Formulierung einer auf psychoanalytischen Annahmen basierenden weißen, grauen und schwarzen Propaganda.

In den Jahren des Kalten Krieges gab es dann eine Vielzahl militärisch-geheimdienstlicher Betätigungsfelder der psychoanalytischen Gemeinschaft:

  1. die Datenaquirierung und Auswertung pseudomedizinischer NS-Menschenversuche;
  2. die Fortführung ausgewählter NS-Experimente;
  3. Beratertätigkeiten in Bezug auf die Thematik der Gehirnwäsche, insbesondere durch die Erfahrungen während des Korea-Krieges;
  4. die Planung und Durchführung von Studien zur Manipulation menschlichen Verhaltens und Bewusstseins im Rahmen von Forschungsarbeiten, die entweder direkt von der CIA oder dem Militär, dann aber meist in enger Zusammenarbeit mit der CIA, in Auftrag gegeben wurden oder von der CIA durch bekannte bzw. weniger bekannte Stiftungen tarnfinanziert wurden;
  5. die unmittelbare Beratertätigkeit für die CIA bei psychiatrischen Fragestellungen, etwa zum Umgang mit Überläufern sowie zu psychotisch dekompensierten respektive alkohol- und drogenabhängigen CIA-Mitarbeitern;
  6. die Begründung einer psychoanalytisch informierten CIA-Profiling-Abteilung zur Analyse von Führungspersonen „feindlicher“ Nationen und schließlich:
  7. die Unterstützung von Schmierkampagnen gegen „Feinde“ der Nixon-Administration.

Hätten Sie dazu vielleicht ein, zwei konkrete Beispiele parat? Was waren denn Ihrer Meinung nach die moralisch fragwürdigsten gemeinsamen „Projekte“ dieser Liaison aus Psychoanalytikern und Intelligence Community?

Um die Psychodynamik von Menschen mit totalitären Einstellungen besser zu verstehen und diese schließlich „analytisch auflösen“ zu können, wurde die gesamte Mitgliederschaft der APsaA im Juni 1941 gebeten, Aufzeichnungen aus Patientenanalysen beizubringen, die diesbezüglich Auskunft geben könnten. Doch nicht nur faschistische, imperialistische oder isolationistische Einstellungen sollten analysiert werden, sondern auch kommunistische, sodass die APsaA schon ab 1941 den Marsch in Richtung Überwachungsstaat à la McCarthy begann, denn die übersandten – anonymisierten – Patientendaten landeten bei einer Unterabteilung des OSS. Für die psychoanalytische Gemeinschaft stellt dieser „Patientenverrat“ wohl den Super-Gau dar. Stellen Sie sich vor, die Aufzeichnungen Ihrer Analyse landen beim Geheimdienst… mit freundlicher Empfehlung Ihres Analytikers!

Es gibt in meinem Buch genügend Beispiele, wo einem einfach angst und bange wird. Doch das wohl moralisch Fragwürdigste überhaupt war und ist meines Erachtens die Tatsache, dass es überhaupt eine militärisch-nachrichtendienstliche Zusammenarbeit gegeben hat, die bis heute von der psychoanalytischen Gemeinschaft weder anerkannt, aufgezeigt noch kritisch hinterfragt wird. Und nicht nur das. Nach meinen bisherigen Erfahrungen werden die von mir aufgefundenen Dokumente durch zum Teil hochrangige Funktionäre der psychoanalytischen Gemeinschaft als fragwürdig angezweifelt. Und dass, obwohl sämtliches von mir verwendetes Material für jeden Interessierten seit Jahrzehnten in allgemein zugänglichen Archiven einsehbar ist. Ich bin also auf kommende Strategien der Abwehr à la „killing the messenger“ etc. eingestellt.

Gibt es ähnliche Erkenntnisse denn auch zu Deutschland? Ist über etwaige Verstrickungen dieser Art auch hier etwas bekannt?

Ob es Kontakte zwischen deutschen Psychoanalytikern und der Organisation Gehlen beziehungsweise dem späteren Bundesnachrichtendienst gegeben hat, ist mir nicht bekannt. Mein Forschungsschwerpunkt ist die US-amerikanische Entwicklung der Psychoanalyse. Ich kann daher nur dazu einladen, hier eigene Recherchen anzustellen.

Und in Bezug auf das Wirken der Psychoanalyse außerhalb der Liaison mit Geheimdiensten und Militär… Wir würden Sie diesen Prozess und seine Mechanismen in wenigen Worten skizzieren? Was läuft da wie genau schief?

Der Ausbildungscharakter psychoanalytischer Institute, unabhängig davon, wie liberal oder dogmatisch sie sich definieren, besitzt genau jene manipulative Struktur, die ihre Vertreter mit Hilfe der Psychoanalyse bei ihren Patienten oder in der Analyse gesellschaftlicher Strukturen zu diagnostizieren und analytisch aufzulösen wünschen. Aus lehr- und kontrollanalysierten Personen entspringen nicht unbedingt macht- und manipulationsresiliente Köpfe. Dafür sorgt die für die psychoanalytische Ausbildung notwenige Leidens- und Unterordnungsfähigkeit. Wo man Anpassung verlangt anstatt Neugier, Kreativität und emanzipatorisches Handeln zu fördern, da ist einer autokratischen Haltung Tür und Tor geöffnet. Einen möglicher Schutz gegen diese Auswüchse könnte meines Erachtens eine radikale Ausbildungsreform bieten.

Ein letztes Wort noch?

Ja. Ich hoffe sehr, dass die Leserschaft das Buch nicht als Abrechnung mit der Psychoanalyse versteht, denn das ist nicht mein Ziel. Vielmehr geht es mir darum, die Psychoanalyse zu schützen, da ich nach wie vor von ihrer aufklärerischen und emanzipatorischen Kraft überzeugt bin und sie tagtäglich in ihrem faszinierenden Wirken in meiner Praxis erleben kann – trotz psychoanalytischer Ausbildung.

Was ich versuche, deutlich zu machen, ist, dass Psychoanalyse sich nicht mit manipulativen Werbezwecken oder militärisch-geheimdienstlichen Strategien verträgt. Sie ist, wenn für diese Zwecke missbraucht, schlicht nicht mehr existent, verliert ihre Berechtigung.

Ich bedanke mich für das Gespräch.


Knuth Müller, geboren 1970, ist Diplom-Pädagoge und promovierter Diplom-Psychologe. Als Psychologischer Psychotherapeut um Psychoanalytiker in privater Praxis tätig, arbeitet er als nebenberuflicher Lehrbeauftragter am Institut für “Medical Psychology” der Steinbeis-Hochschule Berlin. Seine Veröffentlichungen umfassen u.a. klinische Themenbereiche, sowie historische Beiträge zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung in den USA.


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