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Titel: Der Mythos von der guten alten Zeit

Datum: 19. August 2017 um 11:00 Uhr
Rubrik: Aktuelles, Audio-Podcast, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Rechte Gefahr, Wertedebatte
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Frankreich, Holland, Deutschland, Österreich – die Populisten sind in Europa weiterhin auf dem Vormarsch. Und alle anderen agieren, als gäbe es keine Strategien gegen die rechten Volksverführer. Dabei besitzen Rechtspopulisten einen einfachen Kern, nämlich das selbstgestrickte Bild einer gespaltenen Gesellschaft: Hier sind WIR und dort sind die ANDEREN. Dieses Bild erklärt die Sprache, die Taktiken, die innere Organisation und die Eskalationsdynamiken der Rechtspopulisten auf ungemein klare Art. Der Kommunikationsexperte Walter Ötsch und die Journalistin Nina Horaczek entlarven in ihrem Buch Populismus für Anfänger die Tricks und Täuschungsmanöver der Demagogen und entschlüsseln ihre Codes – ein Auszug.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Demagogen aller Länder entwerfen den Mythos einer glorreichen Vergangenheit, aus dem sie ihre Zukunftsvisionen beziehen. Die fiktive Großartigkeit der gegenwärtigen WIR wird in die Vergangenheit projiziert und irgendwo in naher oder ferner Vergangenheit eine ≫gute alte Zeit≪ fixiert. Demagogen gehen dabei erfindungsreich vor. Flexibel und willkürlich werden Versatzstücke der Geschichte zu einem Mythos verklumpt. Der AfD-Politiker Björn Höcke beschwörte am 23. September 2015 auf einer Demonstration in Erfurt gar Jahrtausende: ≫Thüringer! Deutsche! 3000 Jahre Europa! 1000 Jahre Deutschland! Ich gebe euch nicht her und ich weiß: ihr gebt sie auch nicht her!≪ Und Marine Le Pen träumt von der Zeit, als Frankreich noch als ≫grande nation≪ eine Kolonialmacht war – oder von einer noch früheren Epoche, denn Jeanne d’Arc ist so etwas wie ihre Wappenfigur und sie hält auch Reden mit der Statue der Jungfrau von Orleans im Hintergrund.

Die FPÖ instrumentalisiert regelmäßig die türkischen Belagerungen Wiens der Jahre 1529 und 1683. Strache posierte als ≫Retter≪ vor dem Gemälde des Türkenbesiegers Prinz Eugen, er postete einen Artikel des berühmten Feldherren, der das osmanische Heer in die Flucht geschlagen hatte, auf Facebook und schrieb dazu: ≫Zur Erinnerung! Auch heute brauchen wir eine Rettung in Wien und Europa!≪ Im September 2016 feierte die FPÖ ganz offiziell den 333. Jahrestag des Endes der Türkenbelagerung unter dem Motto ≫Abendland beschützen, damals wie heute≪.

Viktor Orbán ließ 2011 im Brüsseler EU-Ratsgebäude einen ≫Geschichtsteppich≪ ausstellen, der Ungarn in den Grenzen von 1848 zeigt. Sein Ideal ist das Großungarische Reich, das vor dem Ersten Weltkrieg als Teil der ≫k.u.k.≪ (kaiserlich und königlichen) österreichisch-ungarischen Monarchie bestanden hat. Im Vertrag von Trianon aus dem Jahre 1920 gingen dann zwei Drittel des historischen ungarischen Königreichs an andere Staaten ≫verloren≪. Orbán hat genau dieses große Reich im Visier. Magyaren, die im Ausland leben, können heute auch die ungarische Staatsbürgerschaft erwerben. Orbáns ungarische WIR leben nicht innerhalb der Staatsgrenzen des heutigen Ungarns. Mental bereitet er damit eine Verschiebung der Grenzen vor, ein Krieg ist möglich.

Die FPÖ schlägt in dieselbe Kerbe: Denn im Jahre 1919 hat Österreich das deutschsprachige Südtirol an Italien ≫verloren≪: ≫Unrechtsgrenzen bleiben Unrechtsgrenzen, Völkerrechtsverbrechen bleiben zu sühnende Verbrechen und verjähren nicht≪, meint Strache zu diesem Thema. Und Trumps ≫Make America Great Again≪ beschwört im ≫Again≪ eine heile vergangene Zeit herauf, als die USA noch ein starkes Industrieland gewesen und – wie Trump argumentiert – noch nicht unter die Räder ≫der Globalisierung≪ gekommen sind. Auch der Niederländer Geert Wilders appelliert an eine noch nicht lange vergangene Zeit. Sein erfundenes Pärchen ≫Henk und Ingrid≪ lebt vermutlich vor zwei Generationen. Es steht für das gute Leben in der Idylle einer beschaulichen Vorstadt, von heutigen Problemen verschont – während die Niederlande als Kolonialmacht früher für Reichtum und Einfluss standen. In allen Fällen wird ein seltsames Gebilde errichtet: die Vision einer heilen, abgegrenzten Welt, die gleichzeitig machtvoll nach außen wirkt.

Bilder über die Zeit

Ein Bild der Gesellschaft wird mittels Sprache bei anderen hervorgerufen und kann dadurch die Wahrnehmung verändern. Dieses Bild kann bewusst gemacht und verändert werden. Neben Bildern über die Gesellschaft gibt es andere Bilder mit gleicher Wichtigkeit. Für jede und jeden von uns spielt dabei das eigene Selbstbild eine entscheidende Rolle. Aber ein Selbstbild ist immer auch mit einem Geschichtsbild verknüpft. Wenn ich jemandem erkläre, wer ich bin, dann muss ich meine Geschichte (meine Geschichten) erzählen. Mit anderen Worten: Ich muss eine Geschichte entwerfen, die natürlich mit meinem Leben zu tun hat, aber auch willkürliche und wandelbare Aspekte besitzt. Eine Trennung zum Beispiel von einem ehemals geliebten Partner oder von einer ehemals geliebten Partnerin verändert notwendig die Geschichte über die gemeinsam erlebte Zeit. Die historischen Daten haben sich nicht verrückt, aber unsere Erzählung wurde verwandelt. Heute (nach der Trennung) berichten wir unseren Freunden eine andere Biographie über die Zeit vor der Trennung, als wir dies damals (vor der Trennung) taten. Bilder und Vorstellungen über die eigene Geschichte haben mit Bildern und Vorstellungen über die eigene Identität zu tun. Selbstbilder und Bilder über die eigene Vergangenheit sind untrennbar verbunden.

Die Gegenwartswirkung von Zukunftsbildern

Was hat das mit Zukunftsbildern zu tun? Geht es hier auch um den Einfluss auf Selbstbilder? Oder handelt sich es nur um Chimären, die keine wirkliche Bedeutung besitzen, weil niemand weiß, wie die Zukunft aussehen wird? Vergangenheits- und Zukunftsbilder gelten als qualitativ verschieden. Die Vergangenheit habe ich ja erlebt, sie erscheint als real, und die Zukunft ist immer ungewiss – so viel ist gewiss. Aber die Bedeutung von Zukunftsbildern liegt nicht in ihrem Realitätsgehalt, sondern in ihrer Wirkung auf die Gegenwart, das wird von vielen unterschätzt. Denn der Mensch ist auch ein bildgebendes Wesen, der Philosoph Hans Jonas hat dafür den Ausdruck ≫Homo pictor≪ geprägt. Das meiste, was wir tun, ist auf die Zukunft gerichtet. Ob Ihnen dieses Bild bewusst ist oder nicht, tut nichts zur Sache. Es steht Ihnen immer frei, sich jetzt dessen bewusst zu werden.

Man könnte es auch so formulieren: In jedem Handeln sind Zukunftsbilder versteckt. Wenn ich anschließend den Raum verlassen werde, in dem ich mich jetzt aufhalte, dann handle ich aus der erlernten Vorstellung (einem Bild), wie es in dem anschließenden Raum aussieht. Bevor ich losstarte, ≫sehe≪ ich mich gleichsam, wie ich gehen werde: ein Bild meiner allernächsten Zukunft. Jeder einzelne Schritt braucht sein Bild. Bei jeder Entscheidung werden Zukunftsbilder entworfen. Soll ich mich heute mit A treffen, wie lange wird das dauern, worüber werden wir sprechen? Die Begegnung mit A wird mit vielen Vorstellungen mental vorbereitet. Ich simuliere den Ort und die Situation mit A.

Mit anderen Worten: Zukunftsvorstellungen sind ein alltägliches Phänomen. Sie begleiten uns die ganze Zeit. Ob diese Bilder richtig oder falsch sind (in der Bedeutung, ob sie uns etwas zeigen, was eintreffen wird oder nicht), ist dabei nicht von Belang. Wichtig ist, dass sie immer vorhanden sind. In ihrer Existenz legen sie aber auch fest, was unsere aktuellen Handlungsoptionen sind. Dieser Tatbestand gilt für alles, was wir tun. Jedes Tun ist von Zukunftsbildern beeinflusst. Wie im Kleinen so im Großen. Individuelle Zukunftsbilder beeinflussen individuelles Leben. Auch auf der Ebene der Politik und der Gesellschaft werden andauernd bewusst oder unbewusst Zukunftsbilder entworfen. Manche dieser Bilder setzen sich durch und werden dominant, viele haben keine Wirkung. Die Handlungsoptionen, die eine Gesellschaft in der Gegenwart besitzt, haben mit ihren Zukunftsbildern zu tun. Nicht ihre Vorhersagekraft (die Zukunft wird ohnehin anders sein), sondern ihre Wirkungen auf die Gegenwart sind entscheidend. Die Menschen haben die Macht, fiktive Bilder über eine immer unbekannte Zukunft zu entwerfen. Diese Bilder werfen ihr Licht auf die Gegenwart zurück. Sie strahlen gleichsam aus der fiktiven Zukunft auf das reale Heute. Dort werden sie handlungswirksam, weil sie Grenzen abstecken, was kollektiv als möglich erachtet wird und was eben nicht.

Die Zukunftsbilder der Gesellschaft

So betrachtet besitzt jede Gesellschaft ihre Zukunftsbilder, ob es ihr bewusst ist oder nicht – das heißt, ob sie darüber einen Diskurs führt oder nicht. Über innere Bilder muss man ja nicht zwingend reden. Der heutigen Demagogie wurde jahrzehntelang der Boden bereitet. Und zwar durch eine Politik, die keine expliziten Zukunftsbilder entworfen hat, das heißt auf einen kraftvollen Zukunftsdiskurs verzichtet hat. Denn viele Jahre wurde der Schlachtruf ≫Es gibt keine Alternative≪ gelebt. Aber auch das ist ein Zukunftsbild: die Vorstellung, dass es Prozesse gibt, die man politisch nicht oder nicht mehr gestalten kann. Die Zukunft erscheint dabei als ein Raum, der von der Politik aktiv nicht mehr bespielt wird und – so die Ideologie – nicht mehr bespielt werden kann. Demagogische Bedrohungs- und Verheißungsbilder sind damit auch eine Antwort auf die behauptete Alternativlosigkeit von Politik. Wenn Trump gegen ≫die Globalisierung≪ vorgeht, dann zeigt er, dass angesichts ≫der Globalisierung≪ sehr wohl eine aktive Politik möglich ist. Genau das macht ihn für seine Fans attraktiv. Aber diese Möglichkeit hatte und hat es immer gegeben. Die Politik, die sich als alternativlos gebärdet, verfährt so: Sie stellt aktiv jene Bedingungen her, auf die sie sich dann beruft, wenn sie ihre Alternativlosigkeit beklagt. Dass so viele Menschen Demagogen zulaufen, ist auch Ausdruck einer Gegenposition zu jenen, die einen positiven Zukunftsdiskurs verweigern. Denn die Demagogen verheißen ihnen eine strahlende Zukunft – freilich mit ungenügenden und gefährlichen Bildern.

Auf Deutschland bezogen: Jahrelang wurde gesagt, es gäbe keine Alternative, und die Antwort war die Alternative für Deutschland. Die Implikationen dieser Gedanken liegen auf der Hand. Wenn es kollektiv nicht gelingt, attraktive Bilder über mögliche Zukunftsszenarien zu entwerfen, dann werden die Demagogen in ihrer Bedeutung weiter steigen. Aber hier liegt auch die große Chance für alle, die über das Anwachsen der Demagogie in Europa und in den USA besorgt sind. Ihr Ziel sollte es sein, einen neuen Diskurs über attraktive Zukunftsbilder zu starten: Wie sollte die Gesellschaft in fünf, zehn oder zwanzig Jahren aussehen? Viele machen sich genau darüber kluge Gedanken. Sie zu stärken ist das wichtigste Moment im Kampf gegen Demagogie. Denn eines ist gewiss: Demagogen können die Zukunft nur als Hölle der ANDEREN oder als illusorischen Himmel der WIR entwerfen – und aus diesem ≫Paradies≪ ist bereits ein Großteil der Bevölkerung vertrieben. Die Zukunft der Demokratie liegt nicht in Ausschluss und Spaltung (die Stärke der Demagogen), sondern in Einschluss und Integration.

Dazu braucht es neue Bilder einer bunten und freien Gesellschaft. Die Demagogen geben uns eine machtvolle Lehrstunde. Ihr Inhalt ist das Wiedererlernen der Fähigkeit, kollektive Zukunftsbilder zu entwerfen, dafür Verbündete und Netzwerke zu suchen und mit langem Atem umzusetzen. Dazu müssen – das ist unsere Überzeugung – vor allem jene Bilder gebrochen werden, die das Vorhandensein von Kräften besagen, gegen die Politik nichts ausrichten kann (wie das Bild ≫des Marktes≪ oder ≫der Globalisierung≪, beide in der Einzahl). Bilder dieser Art sind eine Illusion, sie befördern letztlich Demagogie. Denn den Bildern der Demagogen, die sich als handlungsfähig geben (und handlungsfähig sind), kann nur mit der Vorstellung einer prinzipiell handlungsfähigen Politik begegnet werden.
Viele, die Demagogen nachrennen, sind von der Sorge nicht um sich selbst, sondern um die Zukunft ihrer Kinder erfüllt. Sie werden nur dann von den Demagogen ablassen, wenn es attraktive Zukunftsalternativen gibt, die das Leben ihrer Kinder in rosigerem Licht erscheinen lassen. Diese Bilder werden nicht die Zukunft bannen, das können Zukunftsbilder niemals leisten. Aber sie werden Möglichkeiten sichtbar machen, angesichts derer das, was Demagogen anbieten, lächerlich wirken wird. Alle neuen Entwicklungen in der Geschichte der Menschheit haben sich aus Zukunftsbildern gespeist. Lasst uns einen lebendigen Zukunftsdiskurs starten. Aber zuerst müssen wir gemeinsam die Demagogen zurückdrängen.

Walter Ötsch, Nina Horaczek: „Populismus für Anfänger. Anleitung zur Volksverführung“, Westend Verlag, 256 Seiten, 18 Euro


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