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Titel: Wie man sich gegen die Sprache der Herrschenden zur Wehr setzt

Datum: 19. Oktober 2017 um 12:35 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Ideologiekritik, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Strategien der Meinungsmache
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In einem vor kurzem veröffentlichten Beitrag haben sich die NachDenkSeiten exemplarisch mit zwei Begriffen auseinandergesetzt, die auf subtile Weise als Bestandteil einer Herrschaftssprache im öffentlichen Diskurs Anwendung finden. Der folgende Beitrag von Marcus Klöckner geht der Frage nach, wie Bürger sich gegen die Sprache der Herrschenden wehren können.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Sich effektiv gegen einen Angriff zur Wehr zu setzen, setzt voraus, den Angriff als solchen zu erkennen. Wenn die Sprache der Herrschaft zum Angriff ansetzt, wenn sie versucht, den öffentlichen Diskurs zu sabotieren, dann erfolgen diese Angriffe oft verdeckt und sehr geschickt. Um ein Bild zu gebrauchen: Die Sprache der Herrschenden gleicht einem trojanischen Pferd. Äußerlich betrachtet, zeigt sie sich unverdächtig und harmlos. Aber in ihrem „Innern“ transportiert sie einen Inhalt, der, wenn er nach außen gelangt, zur Gefahr wird.

Im Beitrag vom 4. Oktober haben wir aufgezeigt, wie sich die Worte „fühlen“ und „mitnehmen“ im aktuellen Diskurs gegen jene Menschen richten, die den sozialen Verwerfungen im Land ausgesetzt sind. Wir haben aufgezeigt, wie ihre Konnotationen und Implikationen, die sie beinhalten, zum Nachteil der Armen Anwendung im politischen Diskurs finden.

„Fühlen“ und „mitnehmen“, das sind Begriffe, die jeder, der die deutsche Sprache spricht, unzählige Male verwendet. Die Wörter sind uns so vertraut, dass wir sie, ohne groß darüber nachzudenken, hören und aussprechen – unabhängig von ihrem jeweiligen Kontext. 
Doch da ist es: Das trojanische Pferd. Da ist die Sprache der Herrschaft. 


Die Sprache der Herrschaft entfaltet sich oft in der Alltagssprache – und das macht sie gefährlich. Wir nehmen sie, gerade weil sie uns so vertraut ist, auf und gebrauchen sie, wenn wir uns an politischen Diskursen beteiligen, oft selbst, ohne uns bewusst zu sein, mit welchen Konnotationen die entsprechenden Wörter, Formulierungen und Floskeln bereits versehen sind und den öffentlichen Diskurs im Sinne der Herrschenden beeinflussen. Wie einfach ist es zu sagen, dass man die Abgehängten doch mitnehmen muss, dass Menschen sich abgehängt fühlen, dass ein Unternehmen sich gerade verschlanke, dass Arbeitnehmer freigestellt werden oder dass ein linker Politiker wettert, während man einen Arbeitgeberverband kritisieren lässt. Da ist von Eigenverantwortung, von Reformen, von sozial, von einem Rettungsschirm und einer Vollkasko-Mentalität die Rede – allesamt Begriffe, Ausdrücke und Metaphern, die uns manchmal bei den entsprechenden Diskussionen womöglich geradezu aus dem Mund fallen. Schließlich: Wir hören diese Formulierungen so oft in den Medien, dass wir sie selbst übernehmen.

Wir Menschen ahmen nach. Das gilt auch für die Sprache – so ist es einfach. Wenn schließlich unentwegt kluge Medienvertreter von einem gefühlten Abgehängtsein sprechen, wenn sie sagen, dass ein Unternehmen sich „verschlanke“, dann kann es doch nicht so verkehrt sein, wenn der Mediennutzer diese Formulierungen ebenfalls übernimmt. Doch Vorsicht: Längst hat sich das trojanische Pferd in die Berichterstattung eingeschlichen, längst ist es geöffnet. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu merkte im Zusammenhang mit Begriffen, wie etwa „globales Dorf“ oder „Globalisierung“ einmal an: „Das sind Begriffe, die nach nichts aussehen, die aber eine ganze Philosophie im Schlepptau führen, eine ganze Weltsicht, welche Fatalismus und Schicksalsergebenheit erzeugt.“

Darum geht es: All diese Begriffe sind so stark mit der Ideologie der Macht kontaminiert, dass wir, wenn wir sie unreflektiert gebrauchen, sowohl unser eigenes kritisches Denken als auch den gesamten jeweiligen Diskurs ebenfalls vergiften.

Wenn bestimmte Begriffe und Formulierungen, die den öffentlichen Diskurs manipulieren, erst einmal von den Bürgern selbst übernommen werden, ist die politische Schlacht von oben gewonnen, denn: Die Sprache mit all ihren Zuschreibungen, Bildern und Inhalten, die in ihr zum Ausdruck kommen, beeinflusst auch das Denken. Wer von einer Verschlankung eines Unternehmens spricht, während hunderte Menschen ihren Job verlieren, beschönigt die Realität. Er blendet aus, was dieser euphemistische Begriff verdeckt, nämlich: Große Ängste, Sorgen, Existenzen, die aufgrund des Arbeitsplatzverlustes zusammenbrechen. 



Hier setzt ein wacher, kritischer Umgang mit Sprache an. Wer sich gegen die Sprache der Herrschenden zur Wehr setzen möchte, muss ein Bewusstsein dafür ausbilden, dass die Sprache, die von Politikern und vielen anderen Akteuren, die im öffentlichen Diskurs präsent sind, im Kontext von Macht und Herrschaft zu betrachten ist.



Bourdieu verwies darauf, dass es in der Politik um die „Durchsetzung von Wahrnehmungskategorien“ geht. Diese Wahrnehmungskategorien werden durch Sprache transportiert und haben eine enorme Wirkungsmacht. Der Soziologe betonte, dass „dem Zirkulieren von Gedanken unterschwellig eine Zirkulation von Macht zugrunde liegt.“ 


Wenn beispielsweise immer wieder davon die Rede ist, dass es „uns“ gut geht und diese Aussage sich erst in der Wahrnehmung breiter Bevölkerungsschichten manifestiert, dann sind diejenigen, denen es schlecht geht, obwohl faktisch existent, quasi nicht mehr sichtbar.
Alleine dieses simple Beispiel lässt erahnen, welchen Schaden die Sprache der Herrschaft anrichten kann und wie wichtig es ist, sie als solche zu identifizieren. Die Sprache der Herrschaft ist gefährlich, sie fügt der Demokratie schwere Schäden zu. Sie ist darauf angelegt, die bestehenden Verhältnisse zu konservieren. Unentwegt trägt sie zur Reproduktion der gesellschaftlichen Spaltung bei. Sie übergeht das Leiden vieler Bürger und blendet für Staat und Land verhängnisvolle Realitäten aus, nur um die Macht der Herrschenden nicht zu gefährden. 


Achtsamkeit ist das zentrale Werkzeug, um die Sprachbilder und Floskeln, die darauf setzen, politische und gesellschaftliche Wirklichkeiten zum Nachteil von Teilen der Bevölkerung zu verschleiern, zu erkennen. Es kommt darauf an, Formulierungen nicht nur an ihrem Oberflächengehalt zu bemessen. Wie bereits angesprochen: Insbesondere die scheinbar unverdächtigen Begriffe und Formeln aus der Alltagssprache sind bei politischen Diskursen genau zu betrachten. 



Fragen wie die folgenden können dazu dienen, manipulative Sprachbilder aufzubrechen. Was wird gesagt? Wie wird es gesagt? Wie häufig wird es gesagt? Warum wird diese Formulierung verwendet und nicht eine andere? Was sagt die Formulierung, der Begriff, das Sprachbild an der Oberfläche aus? Welche Assoziationen, Konnotationen und Implikationen ruft es hervor oder beinhaltet es? Was betont es? Was stellt es in den Vordergrund? Anders gesagt: Worauf richtet sich der Scheinwerfer? 
Dann aber auch: Verdeckt die Formulierung etwas? Wenn ja: was? Lässt sich bei dem Ausdruck eine tiefenstrukturelle Ebene freilegen? Wenn ja: Wie sieht sie aus? Was zeigt sie? 
Natürlich ist auch der Kontext wichtig: Wer sagt es? Wie wird es gesagt? Bei welchem Anlass wird diese und jene Formulierung verwendet?


Wer so den Formulierungen begegnet, die Politiker, Medienvertreter und viele andere Akteure im öffentlichen Diskurs gebrauchen, wird gute Chancen haben, die Sprache der Herrschaft zu erkennen.

Dann gilt es einzuhaken, am besten inmitten des Diskurses. Diejenigen, die die Sprache der Herrschaft gebrauchen, müssen wissen, dass ihre Formulierungen durchschaut wurden. Mit einer einfachen Frage wie etwa: „Warum verwenden Sie den Begriff Verschlankung?“ kann bereits Klarheit geschaffen werden. 
Derjenige, der sich dieser Formulierung bedient, wird durch die Frage gezwungen, nachzudenken, zu erklären, gegebenenfalls auch sich zu rechtfertigen. 
Möglicherweise ist er sich selbst gar nicht bewusst, dass er mit seiner Sprache zu einem ‚Komplizen der Macht‘ wird. Er mag selbst Opfer der Herrschaftssprache sein, die sich seiner Sprache bemächtigt hat. 


Möglicherweise handelt es sich aber auch um einen Akteur, der sehr wohl genau um den manipulativen Moment in seiner Sprache weiß. 
Dann muss man sich im Klaren sein, dass das Feld kaum kampflos geräumt wird. Diejenigen, die bewusst darauf setzen, die Wirklichkeit durch Sprache zu verschleiern, sind oft intelligent, verschlagen und Meister der Rhetorik. Kaum auf ihre manipulative Sprache aufmerksam gemacht, setzen sie alles daran, die veranschlagten Formulierungen zu verteidigen. Mühelos zeichnen sie einen Wirklichkeitsbruch nach dem anderen, um ihre Verfälschungen der Wirklichkeit weiter zu untermauern. Hier gilt: Standhaft sein, sich nicht auf Kampfplätze einlassen, die von dem eigentlichen Kampfplatz wegführen. Anders gesagt: In den konkreten Situationen sollte man erst gar nicht versuchen, sich auf eine (oft mühselige) Diskussion einzulassen, sondern auf die Kraft der ‚tatsächlichen Benennung‘ setzen. 


Verschlankung heißt in dem hier besprochenen Kontext Stellenabbau. Egal, was der andere sagt. Verschlankung heißt immer noch Stellenabbau. Und auch nach einem göttlichen Monolog, zu dem der Kritisierte ausgeholt hat, bedeutet Verschlankung auch weiterhin Stellenabbau. Dies gilt es zu betonen. Immer und immer wieder.

Man muss seinen Gegenüber nicht davon überzeugen, dass er sich eines manipulativen und schädlichen Sprachbildes bedient – er weiß es. 
Es kommt darauf an, den ideologischen Schleier zu durchdringen, um die manipulative Wirkung dieser Formulierungen so rasch es nur geht, kenntlich zu machen. 



Doch klar ist auch: Auch wenn die Herrschaftssprache schnell erkannt werden kann, der Kampf gegen sie ist langwierig. Die Sprache der Herrschaft und die Ideologie, auf der sie basiert, ist überall zu finden und diejenigen, die sie im öffentlichen Raum vertreten sehen wollen, verfügen über viele Mittel und Wege, um sie immer wieder in die entsprechenden Sendekanäle fließen zu lassen

Auch wenn das Beispiel bereits einige Jahre alt ist: Man denke nur daran, wie die Lobbyorganisation Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) 2005 Themeninhalte in der prominenten ARD-Vorabendserie Marienhof kaufte und so über entsprechend neoliberale Dialoge verdeckt politische Inhalte in einer Unterhaltungsserie platzierte (die NachDenkSeiten berichteten dazu).

Gerade heute, also zu einer Zeit, in der selbst eher konservative Akteure mit einiger Aufgeregtheit vor einem neuen Krieg warnen und der ein oder andere Zeitgenosse befürchtet, die Welt ’schlafwandele‘ gerade in einen Atomkrieg, gilt es auf die manipulativen Momente in der Sprache noch einmal genauer zu achten. 


  • Werden mit Sprache gerade wieder Feindbilder aufgebaut?
  • Welche Sprache ist das, die zu erkennen ist?
  • Wertet sie ab?
  • Einzelne, ganze Gruppen?
  • Dämonisiert sie?
  • Schürt sie Hass?
  • Setzt sie gar auf das Mittel der Dehumanisierung, wie jüngst, als ein großes Nachrichtenmagazin Putin als „Hund“ bezeichnete?
  • Beschönigt sie Realitäten?

Denken wir nur daran, wie Politiker und Medien den Einsatz deutscher Soldaten im Afghanistan-Krieg bezeichnet haben: Zuerst sprach man von einem Stabilisierungseinsatz, als die ersten Bundeswehrsoldaten ihr Leben lassen mussten, war von einem robusten Stabilisierungseinsatz die Rede und schließlich, als das Offensichtliche auch nicht mehr mit Sprache zugedeckt werden konnte, bemühte man die Formel von einem kriegsähnlichen Zustand.

Wissen sollte man: Je politischer ein Thema ist, desto wahrscheinlich ist es, die Sprache der Herrschaft in hoher Konzentration anzutreffen. Je wichtiger ein Vorhaben für die politischen Weichensteller ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass mit manipulativen Formulierungen alles daran gesetzt wird, das Denken der Bürger in eine vorherbestimmte Richtung zu lenken.


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