NachDenkSeiten – Die kritische Website

Titel: 7 Jahre NachDenkSeiten

Datum: 30. November 2010 um 9:02 Uhr
Rubrik: Aufbau Gegenöffentlichkeit, Das kritische Tagebuch, DIE LINKE, INSM
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Am 30. November 2003, also heute vor sieben Jahren, gab es den ersten Eintrag in das Internetportal www.nachdenkseiten.de. Unter der Überschrift „INSM verbreitert die Öffentlichkeitsarbeit“ hat damals Albrecht Müller darauf aufmerksam gemacht, „welche Kräfte heute in unserer Gesellschaft das Sagen haben und wie sie arbeiten“.
Diese Frage, nämlich wer bei uns im Lande die Politik und die öffentliche Meinung bestimmt und mit welchen Methoden das geschieht, stand bei uns über die ganzen Jahre hinweg im Mittelpunkt unserer Arbeit. Wolfgang Lieb

Wenn Sie die Überschriften unserer ersten Beiträge lesen, so könnten diese im Jahre 2010 fast genauso lauten:
Am 1. Dezember 2003 schrieben wir z.B. über:

Diese Überschriften sind 2010 so aktuell, wie 2003.

Hat sich zwischenzeitlich nichts geändert? Haben die NachDenkSeiten nichts bewirkt?

Wir müssen eingestehen: geändert hat sich nicht viel. Nach wie vor beeinflusst unter anderem die arbeitgeberfinanzierte INSM mit ihren Kampagnen die öffentliche Meinung. Bis heute wird geleugnet, dass die Agenda-Politik gescheitert ist, dass sie weder die Arbeitslosigkeit beseitigt noch die Altersvorsorge sicherer gemacht hat, sondern die Risiken und Lasten nur auf die Arbeitnehmer verschoben hat. Immer noch werden dem Fernsehzuschauer täglich mehrfach die Börsenkurse als Gradmesser für wirtschaftlichen Erfolg vorgetäuscht. Und was die „gestaltende Kraft“ der Sozialdemokraten anbetrifft, so haben wir dieser Tage schreiben müssen „Die SPD ist kein ernstzunehmender Gegner für Schwarz-Gelb mehr“.

Nüchtern betrachtet hat sich der Agenda-Kurs nicht verändert. Im Gegenteil er wurde durch Schwarz-Gelb nur noch radikalisiert: Mit dem dieser Tage verabschiedeten „Sparpaket“ wurden den Arbeitlosen die Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung die Heizungskostenpauschale und sogar das Elterngeld gestrichen und die finanziellen Mittel für die Arbeitsmarktpolitik sollen bis 2014 um 16 Milliarden Euro gekürzt werden. In der Gesundheitspolitik wird das Solidarsystem vollends aufgekündigt und die gesamten zukünftigen Kostensteigerungen mit einer „Kopfpauschale“ alleine den Versicherten aufgehalst.

Der Einfluss der PR-Agenturen, der Lobbyorganisation und der Think-Tanks auf die Politik und die veröffentlichte Meinung ist in den letzten Jahren geradezu krebsartig gewuchert. Die Drehtür von der Politik in die Wirtschaft dreht sich immer schneller.

Die Spekulation der „Finanzinvestoren“ an den Börsen und auf den Finanzmärkten geht weiter, als hätte es den Crash der Finanzmärkte nie gegeben. Die Gewinne werden nach wie vor privat kassiert und die Milliardenverluste in unvorstellbarer Höhe werden sozialisiert und müssen vom Steuerzahler über Rettungsschirme aufgefangen werden.

Die linken politischen Kräfte, die Demonstranten und alle, die sich wehren in Deutschland, können von den Medien nach wie vor verteufelt werden. Die Fremdbestimmung von SPD und der Linkspartei durch die veröffentlichte Meinung hat eher zu- als abgenommen.

Man könnte das gesamte Themenspektrum der NachDenkSeiten, von der Wirtschaftspolitik, über die Sozial- und die Bildungspolitik bis hin zur Meinungsmache durch das große Geld durchgehen, kaum irgendwo hat sich über die Jahre der Trend geändert.

„Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig“ ist der berühmte Kernsatz in der Rechtsphilosophie des großen deutschen Denkers Georg Wilhelm Friedrich Hegel.

Wir müssen uns angesichts der Entwicklung der letzten Jahre selbst fragen: Könnte es so sein, dass das, was wirklich ist, wirklich vernünftig ist, und dass wir von den NachDenkSeiten uns dieser Wirklichkeit verschließen? Oder umgangssprachlich gesagt, dass wir uns „der Vernunft“ dieser Wirklichkeit verweigern?

Wenn das so wäre, dann müsste man aber doch eine „Vernunft“ in der Wirklichkeit erkennen. Was aber war vernünftig daran, dass man in der Finanzwirtschaft statt auf Regeln ausschließlich auf die „Effizienz“ der Märkte gesetzt hatte? Kann es ein vernünftiges Ergebnis der Politik gewesen sein, dass tausende Milliarden verspekuliert werden konnten und nach wie vor verspekuliert werden? Kann es vernünftig sein, dass etwa aktuell bei der „Rettung“ Irlands, die Banken die doppelten Gewinner sind, nämlich indem durch den europäischen Rettungsschirm deren Bilanzen vor Kreditverlusten geschont werden und sie gleichzeitig durch die Vergabe staatlich abgesicherter Kredite neue Geschäfte machen und ein Land nach dem anderen mit ihren Spekulationsattacken in den Ruin treiben können? Kann es vernünftig sein, dass die deutsche Wirtschaftspolitik nach wie vor fast ausschließlich auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit und auf die Förderung von Exporten setzt und gleichzeitig von den Importländern Sparanstrengungen abverlangt, die es diesen Ländern unmöglich machen, die bei uns produzierten Güter künftig noch abzukaufen? Kann es vernünftig sein, in einer Phase wo die Exporte zurückgehen und die Nachfrage nach Gütern im Inneren aufgrund niedriger Löhne stagniert, dass der Staat mit „Sparpaketen“ in die nächste wirtschaftliche Krise spart und damit – wie die Erfahrung in der Vergangenheit gezeigt hat – mangels zusätzlicher Steuereinnahmen noch mehr Schulden aufhäuft? Kann es vernünftig sein, weiter über Steuersenkungen zu fabulieren, wo doch die Steuereinnahmen bei weitem nicht ausreichen einen ausgeglichenen Haushalt darzustellen?
Man könnte beliebig viele weitere Widersprüche aufzählen, wo die vorherrschende „Vernunft“ zu allem anderen als zu einer erfreulichen Wirklichkeit geführt hat und führen wird.

Wer Hegels zentralen Satz als plumpe Verteidigung der Realität oder des Bestehenden versteht, hat sein Denken gründlich missverstanden. Mit dem ersten Halbsatz sagt er nämlich, „was vernünftig ist, ist wirklich“. Will sagen: was vernünftig ist, wird wirklich oder – noch zugespitzter – was vernünftig ist, müsste sein.
Ich bin insoweit ein unerschütterlicher Anhänger, dass der Maßstab des Vernünftigen eben gerade nicht in der erkennbar irrationalen Wirklichkeit, sondern im Denken der Menschen zu finden ist und dass es darauf ankäme, diese Vernunft, die sich aus dem „Nachdenken“ ableiten lässt, zur Wirklichkeit werden sollte. Dieses „Nachdenken“ darüber, was vernünftig wäre, das sehen wir als die Aufgabe der „NachDenkSeiten“ an und so lange blanke Unvernunft herrscht, wollen wir uns auch nicht davon abbringen lassen, um (mehr) Vernunft zu ringen.

Diese Hoffnung, dass sich die Vernunft durchsetzt, ist – nebenbei bemerkt – eine der wesentlichen Begründungen für die Demokratie. Diese Staatsform ist darauf angelegt, dass durch denkende Menschen und durch den Austausch von rationalen Argumenten eine vernünftige politische Lösung für die Probleme der Wirklichkeit gefunden werden kann. Deswegen ist uns so viel daran gelegen, die Vielfalt der Argumente zu vergrößern, deshalb stellen wir uns gegen den eindimensionalen Meinungsstrom und deshalb üben wir scharfe Kritik am unreflektierten Nachplappern der gerade gängigen Parolen.

Leider müssen wir Herausgeber der NachDenkSeiten nur allzu oft feststellen, dass das Ringen um Vernunft einem oft fast den Atem nimmt und die geringen Kräfte übersteigt. Ja, noch mehr, man könnte oft resignieren, wenn man immer wieder erleben muss, wie irrational die politischen Entscheidungen sind, die täglich getroffen werden: Wie etwa das wirtschaftspolitische Denken einer simplen (betriebswirtschaftlichen) Unternehmenslogik folgt, wie das finanzpolitische Denken auf den Horizont der „schwäbischen Hausfrau“ verengt wird und makroökonomische Bezüge der staatlichen Haushaltspolitik ignoriert werden.

Was wäre jedoch das Ergebnis, wenn man im täglichen Suchen nach Fakten und rationalen Argumenten gegen die herrschenden Glaubenslehren erlahmen, wenn man sich nicht trotz aller Rückschläge immer wieder einmischen würde?

Die Antwort ist nicht einfach.
Die ganz triviale Antwort ist: Wir möchten unsere derzeit täglich über 60.000 Leserinnen Leser nicht enttäuschen. Wir möchten sie nicht in dem Gefühl zurücklassen, dass sie wieder alleine stehen, wenn sie – wie wir – im Zweifel sind, dass es so, wie die Dinge laufen, richtig und vernünftig sein könne. In dem wir Denkfehler, ja Lügen und oft auch politische Korruption aufdecken, wollen wir unsere Besucherinnen und Besucher gerade vor der Flucht in die Resignation abhalten und sie im Gegenteil dazu ermuntern, sich in die öffentliche Debatte mutig einzumischen. Wir versuchen den bekannten Satz Willy Brandts „wer nicht handelt, der wird behandelt“ im Bewusstsein zu halten.

Uns treibt die Sorge an, dass wenn die Stimmen der Vernunft in unserer Gesellschaft weniger und leiser werden, die herrschenden Interessen und ökonomisch Mächtigen sich noch rücksichtsloser und schamloser zu Lasten der Mehrheit bedienen und die Spaltung der Gesellschaft noch tiefer treiben würden.

Wir, die Herausgeber sind zwar schon etwas älter, wir könnten es etwas ruhiger angehen lassen, aber wir haben Kinder und Enkel und wir möchten dieser nachfolgenden Generation keine Gesellschaft hinterlassen, in der der Ellbogen sprichwörtlich das schlagkräftigste Argument ist. Ja, Albrecht Müller und ich gehören der Kriegsgeneration an und wir tragen noch an der Last des Traumas der Nazi-Diktatur und des Elends des Krieges. Uns ist im Bewusstsein eingegraben, wie wirtschaftliche Krisenzeiten und Armut die Menschen nach einfachen Rezepten, nach Sündenböcken und nach einer vermeintlich „starken Hand“ rufen lassen. In ganz Europa können wir nach der Finanz- und in der jetzigen Wirtschaftskrise beobachten, wie die Rechtspopulisten die Sorgen und Ängsten der Menschen nutzen und den Hass auf Minderheiten lenken. Die breite Zustimmung, die Sarrazins sozialdarwinistische Thesen finden, die Ablenkung von den ökonomischen und sozialen Problemen durch das Schüren von Ängsten vor der äußeren Bedrohung durch den „Terrorismus“ sind nur Symptome für um sich greifende aggressive Problemlösungskonzepte, die sich gegen vermeintliche innere und äußere Feinde richten, statt auf eine falsche Politik.

Dagegen Vernunft anzumahnen und intellektuellen Widerstand zu leisten und Menschen zu ermuntern, sich Ihres eigenen Verstandes zu bedienen und sich ihre eigenen Gedanken zu machen, mit diesem Anspruch haben wir vor sieben Jahren die NachDenkSeiten begonnen und gerade weil die Irrationalität in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eher zugenommen hat, halten wir unsere täglichen Aufklärungsversuche für wichtiger denn je.

Wir erfahren jeden Tag durch zahlreiche Mails, dass wir für viele unserer Leserinnen und Leser eine Hilfe bieten, sich ihre eigene Meinung zu bilden. Wir bekommen auch viel Unterstützung für unser Projekt; noch mehr, ohne die die zahlreichen Spender und ohne die Informationen und den Rat unserer engagierten Leserinnen und Leser würden die NachDenkSeiten in ihrer jetzigen Form gar nicht existieren können. Die NachDenkSeiten sind zu einem Gemeinschaftsprojekt geworden und dafür danken wir allen Förderern und Unterstützern von Herzen.

Die Zahl unserer Besucher steigt ständig, wir erfahren auch, dass wir von Vielen für ihre tägliche persönliche Unterrichtung, für ihren Meinungsaustausch mit anderen und für ihre Arbeit genutzt werden. Auch unsere ideologischen Gegner beobachten uns ziemlich genau. Doch wir erreichen gemessen an der Vermachtung der veröffentlichten Meinung immer noch viel zu wenig Menschen, um dabei mitzuhelfen eine unüberhörbare Gegenöffentlichkeit zu schaffen.

Wir gewinnen zusätzliche Leserinnen und Leser ausschließlich durch das Weitersagen, durch den „Mundfunk“. Um noch mehr Menschen erreichen zu können, sind wir auf Ihre Hilfe und ihr Engagement angewiesen. Für eine Weiterverbreitung benötigten wir auch Ihre materielle Unterstützung. Direkt durch Ihre Spende oder einer Fördermitgliedschaft, aber vielleicht auch indirekt indem Sie z.B. in Ihrer Zeitung mit einer Kleinanzeige auf uns aufmerksam machen – etwa mit dem Zweizeiler: „www.nachdenkseiten.de – Eine verlässliche Quelle der Information für alle, die sich noch eigene Gedanken machen.“ (Siehe auch z.B. die NachDenkSeiten Banner für Ihren E-Mail-Verkehr.)

Die besinnliche Adventszeit ist vielleicht eine gute Zeit auch über eine Förderung der NachDenkSeiten nachzudenken. Und wenn Sie noch über Weihnachtsgeschenke nachgrübeln: mit dem Buch „Nachdenken über Deutschland“ könnten sie z.B. manche auf die NachDenkSeiten aufmerksam machen, die noch keine Blogs im Internet besuchen. Möglicherweise könnten sie aber auch jemand ein wenig provozieren, der oder die sich für ausreichend informiert halten, wenn sie nur die gängigen Leitmedien verfolgt.

Wir wünschten uns zu unserem „Geburtstag“, dass wir Ihnen auch künftig ein wenig Orientierungshilfe gegenüber den vorherrschenden Meinungen anbieten können und dass Sie sich nicht entmutigen lassen, sich für Vernunft und damit eine bessere Wirklichkeit einzusetzen.


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