Rezension von Michael Lüders neuem Buch über den Syrienkrieg und zwei Lesermails zum Thema

Udo Brandes
Ein Artikel von Udo Brandes

Wie bekannt ist, hat der Nahost-Experte Michael Lüders ein weiteres Buch zum Syrienkrieg vorgelegt. Udo Brandes hat es für die Nachdenkseiten gelesen. Sein Fazit: Eine unverzichtbare Lektüre für alle, die sich ein differenziertes Bild vom Syrienkrieg machen möchten. Siehe zum Thema auch das Interview mit Michael Lüders auf den NachDenkSeiten: Anne Will arbeitet mit einer bösartigen Unterstellung, so Michael Lüders im NDS-Interview. – Passend zum Thema folgen als Anlage noch ein Leserbrief von Bernd Duschner und eine Mail von Marco Wenzel, einem NachDenkSeiten-Leser aus Thailand. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

„Ich empöre mich, also sind wir“

Eine Rezension von Udo Brandes

Michael Lüders hat seinem neuen Buch (Titel: „Die den Sturm ernten. Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte“) ein Zitat des 2015 verstorbenen SPD-Politiker Egon Bahr vorangestellt:

„Wenn ein Politiker anfängt, über ‚Werte’ zu schwadronieren, anstatt seine Interessen zu benennen, wird es höchste Zeit, den Raum zu verlassen.“

Ich selbst hatte mir vor längerer Zeit ein ähnliches Zitat von Egon Bahr archiviert. Anlässlich einer Diskussion mit Schülern in der Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg gab Egon Bahr diesen Folgendes mit auf den Weg:

„In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“ (Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung vom 04.12.2013)

Regime-Change-Politik für geopolitische Interessen

Auch in Syrien, so Lüders, gehe es nicht um Werte, sondern um Interessen:

„Geopolitik ist dabei das Schlüsselwort. (….) Auf syrischem Boden kämpfen die USA und Russland, aber auch der Iran und Saudi-Arabien und nicht zuletzt die Türkei um Macht und Einfluss. Die Hauptakteure allerdings sind seit 2012 Washington und Moskau.“ (S. 11)

Lüders zeigt anhand vieler Beispiele, dass die USA seit Jahrzehnten versuchen, ihre Interessen durch eine Regime-Change-Politik durchzusetzen – obwohl dieser Ansatz regelmäßig gescheitert ist. Aber genauso unbelehrbar wie ein neurotischer Mensch, der seine Konflikte zu lösen versucht, indem er genau das Verhalten verstärkt, das ihm seine Probleme beschert, versuchen die US-Regierungen immer wieder aufs Neue, mit Regime-Change-Politik ihre Interessen durchzusetzen.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die Geheimdienste, insbesondere der CIA. Dieser wurde 1947 mit zwei Aufträgen gegründet, so Lüders: Erstens sollte er Informationen sammeln, sprich spionieren. Und zweitens sollte er verdeckte Operationen ausführen, um unliebsame Regierungen zu stürzen, die die Interessen der USA stören. Was nur wenigen Menschen bewusst sei: Diese Art von Interventionen habe Millionen von Menschen das Leben gekostet.

„Wer etwa die endemische Bandengewalt im heutigen Zentralamerika, den Putsch gegen Chiles Präsidenten Allende 1973, den Aufstieg Pol Pots in Kambodscha in der 1970er Jahren, den Staatszerfall im Kongo oder die iranische Revolution verstehen will, landet unweigerlich in Washington oder Langley, dem Sitz der CIA. Syrien reiht sich ein in diese Chronik – seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als die USA die vormaligen Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich als entscheidender Machtfaktor im Nahen und Mittleren Osten abzulösen begannen.“ (S. 13)

Das Muster der US-Politik sei immer gleich: Es werden oppositionelle Gruppen unterstützt, die das bestehende Regime bekämpfen – womit die US-Regierungen sich regelmäßig höchstselbst neue Feinde heranzüchteten. So zum Beispiel in Afghanistan. Dort finanzierten und bewaffneten die USA mit saudischer und pakistanischer Unterstützung die Mudschahedin, also Glaubenskämpfer, die gegen die sowjetischen Truppen kämpften. Genau aus diesen Glaubenskämpfern gingen später Al-Quaida und die Taliban hervor. Auch Osama Bin Laden gehörte zu diesen Glaubenskämpfern.

Werte: Chiffre für die Legitimation militärischer Gewalt

Die USA schreckten bei ihrer Regime-Change-Politik auch nicht davor zurück, demokratische Regierungen zu stürzen. So wurde 1953 der demokratisch gewählte iranische Ministerpräsident Mossadegh durch einen von britischen und US-Agenten inszenierten Putsch gestürzt. Sein Fehler war: Er hatte es gewagt, die Erdölindustrie zu verstaatlichen. Durch den Staatsstreich kam der Schah an die Macht – und wurde seinerseits von der Islamischen Revolution hinweggefegt, was Lüders als

„zeitversetzte, radikale Antwort auf den Putsch von 1953“ (S. 18)

einordnet. Man kann Lüders also beim besten Willen nicht widersprechen, wenn er sagt:

„Im Kontext von Geopolitik sind ‚Werte’ wenig mehr als eine Chiffre, die der Eigenlegitimation militärischer Gewalt dient – zur Durchsetzung hegemonialer Macht. Ähnlich wie in kolonialen Zeiten das Wort von der ‚Zivilisation’, an die heranzuführen es die Eingeborenen angeblich galt – um mit Hilfe dieser Umschreibung so unschöne Begriffe wie Ausbeutung oder Landraub zu vermeiden.“ (S. 164)

Die Fakten, mit denen Lüders seine Position begründet, sind erdrückend. Dies war erst jüngst bei der Talkshow Anne Will zu beobachten, zu der auch Michael Lüders als Experte eingeladen war. Dort wurde schnell die argumentative Hilflosigkeit des medialen und politischen Mainstreams sichtbar. Anne Will sah sich genötigt, Michael Lüders als Person zu diffamieren, weil sie offensichtlich nicht wusste, wie sie seine Argumente entkräften sollte. Ebenso der ehemalige US-Botschafter John Kornblum, der zum stigmatisierenden Schlagwort „Verschwörungstheorie“ griff. (Siehe dazu auch auf den Nachdenkseiten hier und hier).

Geopolitische Interessen in Syrien

Was konkret sind nun die geopolitischen Interessen, um derentwillen diverse Mächte in Syrien Krieg führen? Zum einen geht es dabei um eine Erdgaspipeline. Das Golfemirat Katar gab im Jahr 2000 Pläne für den Bau einer Pipeline bekannt, die zehn Milliarden Dollar kosten sollte und über 1500 Kilometer durch Saudi Arabien, Jordanien und Syrien bis in die Türkei führen sollte.

„Die Katar/Türkei-Pipeline, sollte sie je gebaut werden, würde den wirtschaftlichen und politischen Einfluss der sunnitischen Herrscherhäuser am Golf gegenüber Teheran stärken. Entsprechend wurden die katarischen Pläne in Washington umgehend begrüßt. Und auch die Europäische Union, die rund ein Drittel ihres Bedarfs aus Russland bezieht, stand dem Projekt aufgeschlossen gegenüber.“ (S. 71)

Aus westlicher Sicht bedeutet der Bau einer solchen Pipeline überdies, dass die Gaspreise sinken würden und die Abhängigkeit von russischem Gas für die Europäische Union geringer würde. Von den sinkenden Preisen würde auch die Türkei profitieren, und zudem noch von Transitgebühren, die bei einer Pipeline über türkisches Gebiet fällig würden. Deshalb kommt Lüders zu dem Schluss:

„Es verwundert nicht, dass Moskau die Pipeline als existentielle Bedrohung ansieht. (…) Alternativ schlug Russland den Bau einer ‚Islamischen Pipeline’ vor, die von der iranischen Seite des Gasfeldes über Irak und Syrien in den Libanon führen sollte. “ (S. 71)

2009 kam dann das endgültige Aus für die Katar/Türkei-Pipeline, als Assad erklärte, dass er dem Verlauf der Pipeline über syrisches Gebiet nicht zustimmen werde. Stattdessen wurde der Bau einer sogenannten „Islamischen Pipeline“ vorangetrieben.

„Im Juli 2012, als der Krieg in Syrien auch Damaskus und Aleppo erreicht hatte, verständigten sich die Regierungschefs Syriens, Iraks und Irans auf ein ‚Memorandum of understanding’ für Investitionen in Höhe von 10 Milliarden Dollar – für den Bau einer ‚islamischen’ Pipeline-Variante.“ (S. 72)

Michael Lüders legt in seiner Darstellung nahe, dass diese Entscheidung ein wichtiges Motiv für die USA gewesen sei, das Assad-Regime zu stürzen. Er verweist dazu auf einen Artikel von Robert F. Kennedy junior, einen Neffen von John F. Kennedy.

Aber der Konflikt in und um Syrien sei keineswegs allein auf das Pipeline-Projekt zurückzuführen. Er sei vielmehr Teil eines noch viel größeren geopolitischen Puzzles. Es sei den USA seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion darum gegangen, das Machtvakuum zu nutzen, um ihre Vormachtstellung im Nahen und Mittleren Osten auszubauen. Er zitiert dazu den ehemaligen Staatssekretär im Pentagon, Paul Wolfowitz. Der habe 1991 gesagt:

„Ich denke mal, dass wir noch fünf bis zehn Jahre Zeit haben, um unter den alten sowjetischen Klientelregimen aufzuräumen – Syrien, Iran, Irak. Bis dann die nächste Supermacht auf den Plan tritt und uns Grenzen setzt.“ (S. 75)

Genau diesen Widerstand und die Grenzen ihrer Macht erlebten die USA nun in Syrien. Moskau habe in Afghanistan einen Regime Change hingenommen, ebenso im Irak 2003. Aber spätestens 2011 beim Sturz Ghaddafis sei aus Moskaus Sicht die rote Linie überschritten worden. Hieraus erkläre sich die harte Haltung Moskaus, das Syrien niemals aufgeben werde, weil dieses genau wie die Ukraine der Hinterhof Russlands sei.

Auch wenn man nicht jede einzelne These von Michael Lüders teilen sollte: Nach der Lektüre seines Buches wird man nur noch milde lächeln können, wenn Ursula von der Leyen oder Angela Merkel mal wieder von der „westlichen Wertegemeinschaft“ sprechen. Und der Öffentlichkeit weismachen wollen, diese „Wertegemeinschaft“ würde in Syrien oder anderswo Freiheit, Demokratie oder Menschenrechte militärisch verteidigen. Es geht immer um knallharte Interessen. Wenn wirklich die genannten Werte eine Rolle spielten, würden westliche Länder nicht ein Land wie Saudi Arabien mit Waffen beliefern. Ein Land, auch das beschreibt Michael Lüders in seinem Buch, das einen grausamen Krieg gegen Jemen führt und dort bewusst zivile Strukturen wie Schulen, Krankenhäuser oder die Wasserversorgung zerstört. Dort habe es bis Ende 2016 schon mehr als 10.000 Todesopfer gegeben. Humanitär sei die Lage vergleichbar katastrophal wie in Syrien. 14 Millionen Menschen litten unter Mangelernährung. Warum wird dieser Krieg in westlichen Medien kaum zur Kenntnis genommen? Vielleicht weil die „westliche Wertegemeinschaft“ dort das Gegenteil von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten unterstützt?

Die Fratze, die uns ein Spiegelbild vorhält

Ich kann Michael Lüders Fazit nur zustimmen:

„Der ‚Islamische Staat’ und andere dschihadistische Gewalttäter sind nichts weniger als die Fratze, die uns ein Spiegelbild vorhält, die Quittung präsentiert für ein Jahrhundert Unterwerfung. Baschar al-Assad darf sicherlich als Schwerverbrecher gelten. Aber sind George W. Bush, Dick Cheney, Paul Wolfowitz, Tony Blair oder Nicolas Sarkozy, um eine beliebige Auswahl zu treffen, so viel besser? Wer andere Länder systematisch und gezielt zerstört, der sollte sich nicht wundern, wenn eines Tages die Bomben auch im eigenen Vorgarten hochgehen. Auf diesen Zusammenhang hinzuweisen rechtfertigt keinen Terror, aber es hilft, ihn zu verstehen.“ (S. 166/167)

Was also tun? Diese Frage stellt auch Michael Lüders und empfiehlt, Medien, Politiker und sogenannte Denkfabriken immer wieder kritisch zu hinterfragen. Und verweist auf ein Zitat von Albert Camus: „Ich empöre mich, also sind wir.“

Wer sich nicht von dem moralisierenden Gut/Böse-Schema des medialen und politischen Mainstreams den Blick vernebeln lassen will und sich ein differenziertes Bild vom Syrienkrieg machen möchte, für den ist dieses Buch eine unverzichtbare Lektüre. Es informiert umfassend über die Hintergründe des Syrienkrieges sowie über historische, politische und soziale Entwicklungen der Staaten im Nahen und Mittleren Osten. Ich kann es nur empfehlen.

Michael Lüders: Die den Sturm ernten. Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte, C. H. Beck-Verlag, München 2017, 176 Seiten, 14,95 Euro


Anlage:
Zwei Lesermails zum Thema:

1. Leserbrief von Bernd Duschner im Donaukurier

Anbei ein am 19.4.2017 veröffentlichter Leserbrief von Bernd Duschner zum US-Angriff auf Al-Schairat. Dazu schreibt er: „Leider wird die schändliche Rolle der Führung der syrischen Kurden als Handlanger der USA bei der Zerlegung des syrischen Staates bei weiten Teilen der Friedensbewegung nicht erkannt.“

2. Ein Übersichtsartikel von Marco Wenzel aus Thailand
Von roten Linien und Giftgas in Syrien