Der Fall Hammarskjöld 2/3
Der Fall Hammarskjöld 2/3

Der Fall Hammarskjöld 2/3

Ein Artikel von: Redaktion

Staatsstreich und Mord – die dunklen Machenschaften einer geheimen Söldnertruppe im Apartheidsstaat. Am letzten Januarwochenende hatte beim Sundance Film Festival der Dokumentarfilm “Cold Case Hammerskjöld” von Mads Brügger und Andreas Rocksen Premiere. Die beiden Filmemacher recherchierten über den mysteriösen Flugzeugabsturz, bei dem der UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld 1961 in Afrika ums Leben kam. Dabei stießen sie auf sensationelle Informationen, bei denen die geheime Miliz SAIMR eine wichtige Rolle spielt. Ihre Blutspur zieht sich durch den ganzen afrikanischen Kontinent. Der britische Guardian berichtet in mehreren Artikeln darüber. Von Emma Graham-Harrison, Andreas Rocksen und Mads Brügger. Aus dem Englischen von Josefa Zimmermann.

Lesen Sie dazu auch den ersten Teil der Hammarskjöld-Trilogie.

Wie Insider behaupten, geht der Mord an einem UN-Generalsekretär auf das Konto einer geheimen Miliz in Südafrika, deren Todesspur sich über den ganzen Kontinent zieht.

Keith Maxwell, der selbsternannte Commodore des South African Institute of Maritime Research (SAIMR), trug zu besonderen Anlässen gerne die grellbunte Admiralsuniform des 18. Jahrhunderts mit Dreispitz, Messingknöpfen und Buschmesser. Von der Truppe wurde erwartet, dass sie in leuchtend weißer Marineuniform erschien.

Sie trafen sich in gehobenen Restaurants oder in der Abgeschiedenheit des Marinestützpunkts „Wemmer Pan“ im Süden des Zentrums von Johannesburg. Sie gaben sich den Anschein von exzentrischen Hobbyforschern. Maxwell sprach über die Ursprünge der Truppe als Vereinigung von Schatzsuchern in der Napoleonischen Zeit und erklärte Außenstehenden, dass sie sich immer noch auf das Erkunden der Tiefsee konzentrierten.

Aber der Schein trog. Unter dem bizarren Äußeren versteckte sich die Uniform kampferprobter Söldner, von denen behauptet wurde, dass sie eng mit dem Apartheitsstaat verbunden waren und ihre Dienste auf dem ganzen Kontinent anboten.

„Es waren geheime Operationen. Wir waren in Putsche verwickelt und haben ganze Länder für andere Führer übernommen”, sagte Alexander Jones, der über seine Jahre als Geheimdienstoffizier in der Truppe berichtete. Die SAIMR-Führer bezeichneten sich damals als „antikommunistisch”, aber die Truppe war durch und durch rassistisch, erklärte er weiter. „Wir versuchten, die weiße Vorherrschaft auf dem afrikanischen Kontinent zu sichern.”

Zu den spektakulärsten Behauptungen des Anführers gehörte, dass die Truppe bei dem mysteriösen Flugzeugabsturz ihre Hände im Spiel hatte, der 1961 den UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld und 15 weiteren Personen das Leben kostete. In der vergangenen Woche veröffentlichte der Observer Beweise für eine Verwicklung des ehemaligen Royal-Air-Force-Piloten Jan van Risseghem in diese Tragödie. Nun beleuchten neue Dokumente und Augenzeugenberichte die angebliche Rolle von SAIMR, die in Geheimpapieren und eigenen Rekrutierungskampagnen für diesen Absturz die Verantwortung übernimmt.

Es ist nicht klar, ob van Risseghem Verbindung zu der Truppe hatte. Er hatte einem Freund gegenüber behauptet, das Flugzeug abgeschossen zu haben, ohne zu wissen, dass Hammarskjöld an Bord war. Das Kommando dazu hätte auch von einem Mittelsmann kommen können.

Aber Jones war sicher, dass SAIMR die endgültige Verantwortung für die Ermordung des UN-Chefs für sich beanspruchen wollte. Fotos von der Absturzstelle und den Trümmern, umstanden von angeblichen Mitgliedern der Truppe, waren Teil einer Präsentation für potenzielle Mitglieder, als er vor drei Jahrzehnten der Truppe beitrat.

„Sie hatten uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht informiert, dass es sich um Hammarskjöld handelte, nur, dass sie einen hochrangigen politischen Gegner aus dem Weg geräumt hatten“, sagte Jones den Filmemachern, die über den Absturz recherchierten.

Maxwell selbst behauptete offenbar auch in einer handschriftlichen Notiz, die bei der Familie einer Veteranin gelandet war, dass SAIMR das Flugzeug zum Absturz gebracht hatte. Hammarskjöld starb inmitten des postkolonialen Wettlaufs um Afrikas Ressourcen. Als Verfechter der Entkolonialisierung schuf er sich mächtige Feinde mit seiner Unterstützung der neuen unabhängigen Staaten und der Opposition gegen die Herrschaft der weißen Minderheit.

Mit seinem letzten Flug war er auf dem Weg zu einem geheimen Treffen im Kongo, um dort als Vermittler bei Friedensverhandlungen nach der kürzlich vollzogenen Unabhängigkeit aufzutreten. Das Land stand kurz vor dem Zusammenbruch, nachdem die Provinz Katanga ihre Unabhängigkeit erklärt hatte. Die Provinz war der Schlüssel zum nationalen Wohlstand, weil sie die meisten Mineralvorkommen des Landes besaß. Westliche Bergbau-Interessengruppen unterstützten die Rebellen.

Jones behauptete, er habe sich vor drei Jahrzehnten auf eine Anzeige von SAIMR in einer südafrikanischen Zeitung beworben und mehrere Jahre dort gedient. Er beschloss, an die Öffentlichkeit zu gehen, weil er das Gefühl hatte, dass er die Geschichte zu einem Abschluss bringen muss und junge Südafrikaner die Wahrheit wissen sollten.

„SAIMR war bereit, um jeden Preis alles zu unterdrücken, was sich der Manipulation durch die Weißen auf dem afrikanischen Kontinent widersetzte“, sagte Jones. „Und dagegen machte sich Dag Hammarskjöld stark. Er wollte, dass jedes Land den eigenen Bewohnern gehört. Er wurde ermordet, weil er wollte, dass die Welt anders wird für die Menschen dieses Landes. Er wurde getötet, weil er die Art des Umgangs der Welt mit Afrika, auch in finanzieller Hinsicht, ändern wollte und das war eine Bedrohung.“

Jones wurde von den Machern des neuen Dokumentarfilms „Cold Case Hammarskjöld“, die über SAIMR recherchierten, aufgespürt aufgrund von Dokumenten, die vor zwei Jahrzehnten der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission vom Geheimdienst des Landes ausgehändigt worden waren. Bei einer Pressekonferenz wurden sie vom Vorsitzenden der Kommission, Erzbischof Desmond Tutu, der Öffentlichkeit präsentiert. Sie legten detailliert dar, wie SAIMR den Absturz in Abstimmung mit britischen und US-amerikanischen Geheimdiensten geplant hatte. Ermittler waren jedoch nie in der Lage, die Papiere zu überprüfen, weil sie bald darauf wieder in die Archive zurückgebracht wurden und die südafrikanischen Behörden nicht willens oder in der Lage waren, die Originale anzufordern. Die Vereinten Nationen, die ihre Ermittlungen über Hammarskjölds Tod wieder aufgenommen haben, kritisierten Südafrika wegen mangelnder Bereitschaft zur Kooperation bei der Suche nach den Dossiers.

Die Ermittler hatten nur acht Dokumente zur Verfügung, und zwar als qualitativ schlechte Fotokopien, und es stellte sich seit Jahren die Frage, ob SAIMR überhaupt existierte. Das britische Auswärtige Amt suggerierte, die Papiere seien Fälschungen, die von sowjetischen Agenten im Rahmen einer Desinformationskampagne platziert worden seien, und fügte hinzu, dass britische Spione „nicht herumlaufen, um Leute umzulegen”. Südafrika war in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts bekannt dafür, dass man dort Söldner rekrutierte, um sie bei Staatsstreichen und Konflikten in ganz Afrika zum Einsatz zu bringen, vom Kongo und Sierra Leone bis Angola und Mosambik. Im Laufe der Jahre wurden mehr und mehr Beweise für die Existenz von SAIMR als reale, gefährliche Truppe entdeckt.

Der investigative Journalist de Wet Potgieter interviewte Maxwell für einen Artikel in den 1990er Jahren. Er machte das einzige bekannte Foto des Commodore und legte eine geheime Sammlung von Maxwells Papieren an. Diese Papiere umfassten einen Teil seiner Autobiografie und Listen von Personen, die an bestimmten Operationen beteiligt waren, und sie dienten den Filmemachern dazu, weitere ehemalige Mitglieder aufzuspüren. Sie nahmen zu Dutzenden von ihnen telefonischen Kontakt auf, aber nur zwei waren bereit, mit ihnen zu sprechen.

Clive Jansen van Vuuren sagte, er habe zwei oder drei Monate in der Truppe trainiert und er glaubte, dass sie Verbindungen zu Sicherheitskräften hatte. „Ich weiß, dass es Verbindungen zum südafrikanischen Geheimdienst gab, aber wir erfuhren keine Einzelheiten”, sagte er. Er hatte ein Dokument aufbewahrt, das ihn als Unteroffizier ausweist und dasselbe bizarre Emblem wie alle anderen SAIMR-Papiere trägt – die Gallionsfigur des britischen Schiffes Cutty Sark. Aber er sagte, er habe nie an Operationen teilgenommen.

Jones behauptet, über einen längeren Zeitraum eine wichtige Position innegehabt zu haben und bezeichnet die Truppe als mächtige Miliz. „SAIMR war keine Mickey-Mouse-Organisation. Wir waren nicht nur eine Gruppe von Jungs, die sich am Wochenende trafen und beschlossen, ein paar militärische Übungen oder so ein Zeug zu machen. Das war ein lebendiger, atmender Organismus“, sagte er.

Er wurde beim Geheimdienst eingestellt, nachdem er in einer ähnlichen Position bei den südafrikanischen Streitkräften gearbeitet hatte, und er nahm an mehreren Operationen teil. „Ich war definitiv an der vordersten Front: operative Front, Hand-to-Hand-Front, Kampffront, Einsatzleitung, wenn Sie es so nennen wollen.“ Auf die Frage der Filmemacher, ob er Menschen getötet hat, antwortete er mit Ja.

Jones sagt, er habe SAIMR kurz vor dem Aufkommen des Mehrheitsregimes verlassen und alle Beweise seiner Mitgliedschaft vernichtet. Maxwell befehligte SAIMR während der gesamten Dienstzeit von Jones – ein seltsamer Charakter, charismatisch und eigenwillig. Er trug immer die weiße Marineuniform, es sei denn, er zog die Admiralsuniform an, erinnern sich van Vuuren, Jones und Potgieter. Außerdem war er extrem gefährlich. „Wenn er Sie nicht mochte oder wenn Sie eine Bedrohung darstellten, hatte er kein Problem, Sie zu eliminieren,“ sagte Jones.

Die Neigung, sich auffallend zu kleiden, wurde Maxwell auch von dem Arzt Claude Newbury bestätigt, der ihn im Zusammenhang mit einer Anti-Abtreibungs-Kampagne kennengelernt hatte. Er erzählte den Filmemachern, dass Maxwell ihn überredet hatte, bei SAIMR mitzumachen. Er beschrieb die Organisation als Gruppe, deren zentrales Anliegen die Jagd nach verlorenen Schätzen war. Bei einem privaten Abendessen gab es „so etwas wie eine Zeremonie“. Er war gekleidet wie ein Admiral der britischen Marine vor 250 Jahren, mit Dreispitz, Buschmesser und einer Marineuniform mit vielen Knöpfen. Er bestätigte auch, dass Maxwell an Gewalttaten in Südafrika beteiligt war.

Außerdem hatte er einen Arzt, der Abtreibungen durchgeführt hatte, gezwungen, das Land zu verlassen: „Ich ging hinunter und besuchte diesen niederländischen Abtreibungsbefürworter und sagte zu ihm: Sie sind hier nicht willkommen. Das Töten von Babys ist ein inakzeptabler Zeitvertreib und um Ihrer Gesundheit Willen rate ich Ihnen dringend, in die Niederlande zurückzukehren – was der Kerl anscheinend auch tat.”
Tienie Groenewald, der ehemalige Chef des südafrikanischen Militärgeheimdienstes, kam in einigen von Maxwells Dokumenten vor. In einem Interview, das vor seinem Tod im Jahr 2015 aufgezeichnet wurde, behauptete er, noch nie von SAIMR gehört zu haben, aber er erinnerte sich an ein Treffen mit dem Commodore.

Er beschrieb Maxwell als einen Geheimdienstmann, der vermutlich Verbindungen zu ausländischen Spionen hatte, die ihn in der Endphase der Apartheid treffen wollten, um über einen bewaffneten Aufstand zur Verhinderung einer Demokratie zu diskutieren. Maxwell bot sowohl Männer als auch Waffen an und behauptete, „er hätte die Ressourcen, um Gewalt anzuwenden und auch Waffen zu liefern, usw. usw.“.
Obwohl Groenewald behauptete, er hätte das Angebot abgelehnt, beschrieb er Maxwell als glaubwürdigen Anführer einer Söldnertruppe. „Er erschien als eine Autoritätsperson… und hatte offensichtlich einen Geheimdiensthintergrund,“ berichtete er den Filmemachern. „Ich kann es nicht beweisen, aber ich bin überzeugt, dass er vom MI6 finanziert und geführt wurde.“

“Groenewald, der als Luftwaffen-Attaché bei der südafrikanischen Botschaft in London tätig war, fügte hinzu: „Wenn man dreieinhalb Jahre in Großbritannien lebt, lernt man einige Leute kennen, die im Geheimdienstmilieu tätig waren. Und bestimmte Namen, die in unseren Gesprächen vorkamen, waren ihm vertraut. ”

Maxwell starb im Jahr 2006, aber ein erschreckender Bericht über sein Leben und über SAIMR geriet in die Hände von Verwandten einer ehemaligen Rekrutin, die den Filmemachern darüber berichteten. Die Handschrift stimmt mit anderen von Maxwell geschriebenen Dokumenten überein und ihre Echtheit wurde von Jones bestätigt. Maxwell hatte bereits 1990 einige Dutzend Seiten mit seinen Memoiren an Potgieter übergeben, die auch in der neuen Dokumentensammlung enthalten waren, dazu über 100 Seiten neues Material.

Einige Kapitel über SAIMR enthielten Episoden, die er möglicherweise nicht selbst miterlebt hatte – nach eigenen Angaben trat er erst 1964 der Truppe bei. Einige Namen und Details wurden geändert. Dennoch sind die Episoden sehr lebendig beschrieben, quasi aus der Sicht eines Augenzeugen.

Und sie enthalten Informationen über die angebliche Verschwörung, die Hammarskjöld zum Verhängnis werden sollte – der Bericht stimmt mit dem Plan überein, der auch in den von Tutu veröffentlichten Dokumenten zu finden ist. „Diese Operation muss als Unfall oder Herzinfarkt inszeniert werden”, instruierte damals der Commodore sein Team, „ohne dass ein Pathologe seine Finger im Spiel hat und Dag und seine Kollegen zu Märtyrern macht”. Er fordert das Team dazu auf, drei umsetzbare Pläne zu entwickeln, um den UNO-Chef auszuschalten.

Maxwell berichtet nichts Näheres über diese Pläne, aber er beschreibt, wie ein Techniker, der in Lèopoldville (heute Kinshasa) mit Herzklopfen eine Bombe in der Radmulde von Hammarskjölds Flugzeug montierte, enttäuscht beobachtete, wie das Flugzeug abhob, ohne dass die Bombe explodierte.

Die Memoiren berichten dann von den Planern der SAIMR-Truppe, die später am Abend zusammen am Tisch saßen, enttäuscht über das Scheitern des Anschlages. Laut Papieren der Wahrheits- und Versöhnungskommission schickte SAIMR danach einen „Eagle“ los, um Hammarskjöld ins Visier zu nehmen.

In Maxwells Bericht heißt es, dass es an die Tür klopfte, gerade als der Commodore die Leute angewiesen hatte, sich etwas auszuruhen. „Ein Leutnant trat ein, salutierte und reichte dem Commodore einen Zettel. ‘Was ist das? Oh, mein Gott, es hat funktioniert’.“

Titelbild: Cold Case Hammarskjöld

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