Venezuela – Fake News im Dienst der US-Kriegspropaganda
Venezuela – Fake News im Dienst der US-Kriegspropaganda

Venezuela – Fake News im Dienst der US-Kriegspropaganda

Ein Artikel von: Jens Berger & Frederico Füllgraf

Eine Brücke machte an diesem Wochenende Karriere. Auch fast alle deutschen Massenmedien nutzten Bilder der La-Tienditas-Brücke an der kolumbianisch-venezolanischen Grenze, um den Konflikt zwischen dem „guten“ Oppositionsvertreter Guaidó und dem „bösen“ Präsidenten Maduro zu visualisieren. Ersterer wolle eine „humanitäre Katastrophe“ durch Hilfslieferungen verhindern, während letzterer dies durch eine Blockade eben jener Brücke verhindert. Eine „schöne“ Geschichte, die jedoch „leider“ so nicht stimmt. Die La-Tienditas-Brücke ist vielmehr seit 2016 blockiert – und zwar von Kolumbien, um venezolanische Flüchtlinge abzuwehren. Verbreitet wurde das Meme von der barrikadierten Brücke übrigens von US-Außenminister Pompeo. Obgleich bereits seit Samstag bekannt ist, dass es sich um eine Propaganda-Ente handelt, haben auch deutsche Medien sich von ihrer Falschberichterstattung noch nicht distanziert. Von Frederico Füllgraf und Jens Berger.

„Das venezolanische Volk verlangt verzweifelt nach humanitärer Hilfe. Die USA und andere Länder versuchen zu helfen, doch #Venezuelas Militär unter Maduros Befehl blockiert die Lieferungen mit Tankfahrzeugen und Schiffscontainern. Das Maduro-Regime muss SICHERSTELLEN, DASS DIE HILFE DAS HUNGERNDE VOLK ERREICHT #EstamosUnidosVE (Wir sind vereint Venezuela)”

Diese Wehklage zum Schein twitterte der Ex-CIA-Chef und amtierende US-Außenminister Mike Pompeo am frühen Morgen des vergangenen 6. Februar in das weltumspannende Netz. Doch nicht Pompeos Panikmache, sondern das darunter platzierte Foto wurde bereits am nächsten Tag von BBC und nahezu allen US-Kommerzmedien kolportiert und zeigte weltweite Wirkung.

La Tienditas: Semiotik einer politischen Fake-News

Auf dem Bild sehen wir die internationale La-Tienditas-Brücke über den Táchira-Fluss an der venezolanisch-kolumbianischen Grenze. Das Foto strahlt zweifellos einen etwas geisterhaften Anblick aus: Alle drei Fahrbahnen sind mit zwei quergestellten Schiffscontainern und einem Tankanhänger verbarrikadiert. Auf einer aktualisierten Version des Bildes sind ferner patrouillierende venezolanische Soldaten zu sehen. Bei genauer Betrachtung erkennt das wache Auge jedoch zwei entscheidende Bildinhalte. Zum einen die Perspektive: Das Foto wurde von kolumbianischem Staatsgebiet aus geknipst. Zum anderen jene Zementblöcke und Drahtgestelle auf ebendiesem Gebiet.

Im Heute-Bericht des ZDF vom 7. Februar ist dies auch sehr gut zu erkennen. Wer genau hinschaut, erkennt in diesem Bericht auch die Embleme auf den Uniformen der Grenzer. Es handelt sich um Angehörige der kolumbianischen „Policia Nacional“. Davon ist im Bericht jedoch nicht die Rede. Es wird vielmehr der Eindruck erweckt, als befänden sich die Barrikaden auf venezolanischer Seite und venezolanische Grenzsoldaten würden die Sperrung durchsetzen.

Wer sich mal selbst oberflächlich mit Semiotik beschäftigt hat – die Zeichenprozesse in Kultur und Natur, wie Bild-, Wort-, Sprach- und Gesten-Inhalte untersucht – der oder dem fällt auf, dass in Pompeos Tweet und seiner vielfältigen Medienkolportage die venezolanischen Container samt rostigem Tankanhänger zwar zum Bildmittelpunkt deklariert, die Hindernisse auf kolumbianischer Seite jedoch von der “Berichterstattung” ausgeblendet wurden. Warum? Weil die kolumbianischen Betonblöcke und Drahtgestelle die Elemente der eigentlichen und ersten Brückenblockade darstellen. Die venezolanischen Container und der Tankanhänger sind die Folge.

Das erfährt der argwöhnische und sture Rechercheur aus einer Meldung der in der Grenzstadt Cúcuta herausgegebenen kolumbianischen Regionalzeitung La Opinión vom 5. Februar 2016. Die wunderte sich vor drei Jahren darüber, dass die millionenschwere Brücke zum „weißen Elefanten“ verkommen war, auf gut Deutsch: für die Katz‘ gebaut wurde. „Die 40 Millionen Dollar, die Kolumbien und Venezuela für den Bau der internationalen Tienditas-Brücke ausgaben, die Norte de Santander mit Táchira verbindet, haben sich nicht ausgezahlt“, hieß es in dem Bericht.

Das Werk, das für die Integration Kolumbiens und Venezuelas konzipiert wurde, besteht aus drei parallelen Brücken mit 240 Metern Länge und 40 Metern Breite, die dazu bestimmt waren, die überströmten Brücken Simón Bolívar und Francisco de Paula Santander zu entlasteten. Eine Durchfahrt von bis zu 10.000 Fahrzeugen pro Tag war geplant. „Nach Angaben des kolumbianischen Invias-Autobahndirektors Jesús Vergel ist die Brücke auf beiden Seiten fertiggestellt, doch das grüne Licht für die Betriebsaufnahme sei selbstverständlich Sache des Außenministeriums“, meldete La Opinión.

Doch das kolumbianische Außenministerium schaltete offenbar auf „Dauer-Rot“: Die Brücke wurde niemals eingeweiht. Denn 2016 nahm der traditionelle Pendlerverkehr zu und begann der Exodus hunderttausender Venezolaner über die Grenze. Das Phänomen wuchs sich zur Krise aus, erhitzte die Gemüter in beiden Regierungen so weit, dass zur Abschreckung der venezolanischen Ausreisenden die kolumbianische Regierung auf Brückenmitte Betonblöcke und Drahtgestelle aufstellen ließ.

Von diesen Hintergründen ist in der Berichterstattung der deutschen Medien jedoch wohlweislich nirgends die Rede. Im Bericht von ZDF-Heute heißt es beispielsweise, Maduro habe die Brücke „blockieren lassen“, um die Hilfsliegerungen zu blockieren. Wie kann man eine Brücke „blockieren lassen“, die seit drei Jahren blockiert ist und ohnehin noch nie offen war? Und warum transportieren die US-Amerikaner ihre „Hilfslieferungen“ eigentlich nicht über eine der vier weiteren Grenzbrücken? Derlei Fragen kann natürlich nur stellen, wer die amerikanische Version der Geschichte hinterfragt. Deutsche Medien tun dies gewohnheitsgemäß jedoch nicht.

Donald Trumps “Brücke über den Kwai”

Die mediale Ausschlachtung von La Tienditas erschöpft sich allerdings nicht in Mike Pompeos Tweet. Sie wird ergänzend mit jenem Foto von Donald Trumps Sicherheitsberater John Bolton zum Casus Belli geformt, der Ende Januar Journalisten demonstrativ seinen Notizblock mit dem sibyllinischen Satz „5.000 Truppen nach Kolumbien” (siehe Bild) entgegenhielt.

Den Schachmatt-Zug glaubte Marco Rubio mit einem am 9. Februar abgesetzten Tweet gelandet zu haben, als er schrieb: „By blocking aid to the Venezuelan people #Maduro is committing a crime against humanity – Mit der Blockade der Hilfe für das Volk Venezuelas begeht #Maduro ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit”. Zur Abwehr von Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist jederzeit eine Kriegserklärung erlaubt – das behauptete die NATO, als sie den Balkankrieg gegen Serbien ausrief, Jugoslawien zerstörte und in mindestens fünf Kleinstaaten aufsplitterte.

Der starke Tobak Rubios mit den Anspielungen von Pompeo und Bolton verfolgt allen semiotischen Anzeichen nach das Ziel, die sogenannte „humanitäre Hilfe” zu politisieren und zum Kriegsanlass hochzustilisieren – im Notfall die Grenze nach Venezuela „hochgehen” zu lassen, wie in David Leans Verfilmung von Pierre Boulles Kriegs-Klassiker „Die Brücke am Kwai“. „Ich habe das Gefühl, dass wir in den kommenden Tagen viel mehr von dieser Brücke in den Nachrichten sehen werden”, schrieb der Informatiker Justin Emery am 8. Februar im Portal Medium.

Dem US-Amerikaner waren ebenfalls so einige Ungereimtheiten auf dem von Rubio, Pompeo & Co. verbreiteten Foto zur angeheizten Berichterstattung aufgefallen. „Ich möchte hier nicht auf die Situation in Venezuela selbst eingehen, sondern auf den Stand der Berichterstattung in den Medien und das Ausbleiben jeglicher Kontrolle der US-Propaganda in Bezug auf Venezuela …”, mahnte Emery, zitierte ebenfalls Pompeos einschlägigen Tweet, untersuchte u.a. die Pompeo nachplappernde Berichterstattung von BBC, CNN und Independent – allesamt die unverzügliche „Öffnung der Brücke“ fordernd – und leitete über in eine akribische Bildanalyse.

„Die venezolanische Regierung des umstrittenen Präsidenten Nicolas Maduro hat eine Brücke zwischen Venezuela und Kolumbien blockiert, berichten kolumbianische Regierungsvertreter und ein CNN-Fotojournalist. Was ist dran an diesen Berichten? Was haben sie ausgelassen?“, fragte sich Emery. Bei nochmaliger kritischer Betrachtung des Fotos könnte man annehmen, dass Venezuela in der Tat erst vor wenigen Tagen die Container dorthin geschleppt und quer auf die Fahrbahnen gestellt hat.

Doch da passt etwas nicht ins Bild – ins Bild von Pompeo und Rubio. Da fällt auch Emery auf, was die kolumbianische La Opinión ja längst vor drei Jahren meldete: „Es sieht so aus, als ob der Zaun vor den Containern von Kolumbien errichtet wurde. Die Zaunstützen befinden sich auf der kolumbianischen Seite und auf der kolumbianischen Seite des Zauns befinden sich auch vier Betonblöcke. Wurde die Brücke also wirklich von Venezuela blockiert oder war sie vorher längst von Kolumbien blockiert worden?“

Emery geht ins Detail. „Glücklicherweise können wir die Tienditas-Brücke auf Google Maps einfangen: Wirkt das Bild nicht familiär? Ein Zaun mit Betonblöcken blockiert die Brücke“, wundert sich der Amerikaner und schaltet auf einen Ausschnitt des Fotos. Es wurde im Juni 2017 hochgeladen.

Die Tienditas-Brücke, die in den Medien als von Venezuela blockiert gemeldet wurde, ist tatsächlich seit mindestens 18 Monaten gesperrt! „Das mittlerweile bekannte ´rostige Tor´ war die ganze Zeit da. Es ist völlig falsch, zu behaupten, dass Maduro die Brücke diese Woche ´blockiert´ hat, dass sie ´wiedergeöffnet werden muss´“, entrüstete sich der liberale US-Amerikaner, und fragt sich: „Lügen die Medien uns also an? Gibt es nicht einen einzigen Mainstream-Journalisten, der sich mehr für Recherche interessiert? Ich vermute eine Kombination aus beidem …“.

Wie also soll eine Brücke „wiedergeöffnet“ werden, die niemals geöffnet und in Betrieb war, geschweige denn eingeweiht wurde? Und wann werden die deutschen Medien ihre Falschberichterstattung richtigstellen und endlich einmal einen Blick hinter die Kulissen werfen, um offenzulegen, wessen Interessen diese Fake News dienen.