Tatort Chile. Am 11. September.
Tatort Chile. Am 11. September.

Tatort Chile. Am 11. September.

Marco Wenzel
Ein Artikel von Marco Wenzel | Verantwortlicher: Redaktion

Das Unheil kam am 11. September. An diesem beging eine Mörderbande ihre furchtbare Schandtat. Eine Tat, die für immer im Gedächtnis der politisch engagierten Menschen eingebrannt bleiben wird. Am 11. September wurde auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zerstört. Am Abend des 10. September ahnt der Präsident noch nichts von dem Unheil, das bevorsteht. Aber die Mörder sind bereits unterwegs in die Hauptstadt Santiago. Marco Wenzel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Die Flugzeuge kamen erst gegen Mittag zum Einsatz, die Panzer aber fuhren schon am frühen Morgen vor der Residenz des Präsidenten in der Moneda auf. Gegen acht Uhr morgens, am 11. September 1973, melden sich die Putschgeneräle zum ersten Mal öffentlich über einen Radiosender. Sie fordern Salvador Allende, den Präsidenten Chiles und Hoffnungsträger der Armen, auf, sich zu ergeben. Ein Flugzeug stünde für ihn bereit, das Land zu verlassen. Das Militär hatte Chile verraten und heimlich unter seine Kontrolle gebracht. Die Drahtzieher saßen in Washington.

Als Allende sich weigerte aufzugeben, beschossen die Putschisten seine Residenz und ab Mittag bombardierten sie diese aus der Luft. Allende kämpfte bis zur letzten Patrone, wohl wissend, dass er dabei sterben wird. Er stellte es jedem seiner Getreuen und Mitarbeiter frei, sich zu ergeben und das Haus zu verlassen. Dann koordinierte er die Verteidigung, zusammen mit denen, die sich den Verrätern des Vaterlandes nicht ergeben wollten. „Allende ergibt sich nicht, mierda“, waren seine letzten Worte. Er starb als Held. Pablo Neruda, sein Freund, der Dichter, starb wenige Tage später, untröstlich, an einem Krebsleiden. Oder an einem weiteren heimtückischen Mord, die Umstände um den Tod des Dichters sind immer noch nicht geklärt. An diesem düsteren Tag, dem 11. September des Jahres 1973, hat Chile seine Besten verloren. Sie wurden ermordet von einer Allianz aus Kapital, Armee und der USA.

Nach dem Putsch begann eine Welle von Mord und Totschlag, wie Chile sie noch nicht erlebt hatte. Die Militärjunta ernannte General Augusto Pinochet, den Judas, zu ihrem Vorsitzenden.

Die chilenische Wirtschaftspolitik bestimmten von nun an die Chicago Boys, eine neoliberale Truppe um Milton Friedman, ein Wirtschaftsprofessor aus Chicago und Mitglied der Mont Pèlerin Society. Sie führten in Chile das erste Experiment ihrer neuen Wirtschaftsdoktrin durch. Dabei konnten Demokratie und Freiheit das Experiment nur stören, die Militärdiktatur Pinochets lieferte ihnen das ideale Umfeld.

Die meisten von Allendes Gefährten überlebten den anschließenden Terror nicht. Die Unidad Popular wurde zerschlagen und mit ihr die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die USA war in den Putsch eingeweiht und hat ihn unterstützt. Die CIA hatte bereits vor 1970 alles darangesetzt, den Wahlsieg der Unidad Popular mit Allende an der Spitze zu verhindern. Als ihr das nicht gelang, hat sie sich mit den Generälen und der chilenischen Bourgeoisie zusammengetan, um Allende zu stürzen. Die USA haben den Putsch angezettelt und sind mitverantwortlich für den Tod von Allende und für die anschließende Schreckensherrschaft unter General Pinochet.

Pinochet regierte, mit Amerikas Hilfe, 17 schwarze Jahre lang, bis 1990. Chile leidet bis heute unter den Folgen des 11. September 1973.

Am 11. September 2019 sind meine Gedanken wie jedes Jahr in Lateinamerika beim chilenischen Volk. Ich trauere an diesem Tag um Salvador Allende.

Camarada Salvador Allende? – Presente, ahora y siempre!
Marco Wenzel
11. September 2019

Titelbild: Sergio TB / Shutterstock

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