Corona-Cluster im sanktionierten Iran – der perfekte Sturm

Corona-Cluster im sanktionierten Iran – der perfekte Sturm

Corona-Cluster im sanktionierten Iran – der perfekte Sturm

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

In Iran hat sich hinter China, Südkorea und Italien der viertgrößte Ausbreitungsherd für die vom neuen Coronavirus ausgelöste Covid-19-Erkrankung gebildet. Doch dies ist nur eine Schätzung, die auf den leider nicht gerade glaubhaften iranischen Angaben beruht. Die Dunkelziffer der iranischen Infizierten dürfte weitaus höher sein und es besteht begründete Sorge, dass das durch die US-Sanktionen bereits massiv geschwächte iranische Gesundheitssystem mit der Situation hoffnungslos überfordert sein wird. Die Uhr tickt. Wenn die USA ihre Sanktionen nun nicht zumindest aus humanitären Gründen aussetzen, könnten die Folgen für die gesamte Region und letztlich sogar global verheerend sein. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Die offizielle Informationspolitik Irans zu den Covid-19-Fällen im eigenen Lande ist nur als eine einzige Katastrophe zu bezeichnen. Noch vor zwei Wochen bestritten offizielle Stellen kategorisch, dass es überhaupt Verdachtsfälle im eigenen Lande gibt. Doch diese Dementi waren nicht lange aufrecht zu erhalten. Am 19. Februar vermeldete Iran offiziell die ersten beiden Infektionen, die dann auch gleich Todesfälle waren. Bis zum 24. Februar erhöhte sich die offizielle Zahl der Infizierten auf 61 und die Zahl der Todesopfer auf 19. Inoffizielle Meldungen der offiziellen Stellen gingen jedoch bereits damals von mindestens 900 Infizierten aus und auch diese Zahlen wirken vergleichsweise konservativ.

Besonders betroffen ist offenbar die Heilige Stadt Ghom, was die Lage noch brisanter macht, ist der dortige Schrein der Fatima Masuma doch das Ziel von Millionen Pilgern pro Jahr. Das veranlasste den Abgeordneten Ahmad Amirabadi, der für die Stadt Ghom im Parlament sitzt und der als ehemaliger Offizier der Revolutionsgarden den konservativen Kräften zuzurechnen ist, zu einem Protest– nach seinen Aussagen seien zu diesem Zeitpunkt alleine in Ghom bereits mindestens 50 Todesopfer zu verzeichnen. Um Amirabadis Äußerungen anzugreifen, veranstaltete der stellvertretende iranische Gesundheitsminister und kurz zuvor ernannte „Corona-Beauftrage“ Iraj Harirchi wenige Stunden später eine Pressekonferenz, die auf groteske Art und Weise nach hinten losging. Während Harirchi die öffentlichen Zahlen verteidigte, bekam er einen Schweißausbruch und einen Hustenanfall. Tags drauf meldete er sich via Twitter aus der Isolation – ja, bei ihm sei nun auch Covid-19 diagnostiziert worden.

Quelle: Al Arabiya via Twitter

Spätestens zu diesem Zeitpunkt waren die offiziellen Angaben vollends unglaubwürdig. Mit dem Chef des Nationalen Sicherheitsrates, Mojtaba Dhul Nur, hat es nun übrigens offenbar auch schon den zweiten Spitzenpolitiker erwischt.

Auch die aktuellen Zahlen, die von 141 Fällen und 22 Toten berichten, sind unglaubwürdig. Um realistischere Zahlen aus Iran zu schätzen, ist es daher hilfreich, auf die Zahlen der Nachbarländer zu schauen. So vermeldet Kuwait heute sieben neue Fälle, was die Zahl auf 43 erhöht – bei allen Fällen handelt es sich um Patienten, die direkt oder über den Umweg Irak aus dem Iran kamen. In Bahrain sieht es ähnlich aus. Dort ist Zahl aktuell auf 33 gestiegen. Auch im Irak, in Katar, Oman, Afghanistan und Pakistan gibt es bereits erste bestätigte Fälle von Patienten, die sich das Virus in Iran zugezogen und über die Grenzen transportiert haben.

Die Reaktionen der iranischen Nachbarstaaten fallen dementsprechend harsch aus. Katar schloss gestern die Grenzen und ordnete eine Evakuierung seiner Landsleute und der Kuwaitis aus Iran an. Die irakische Kurdenregion verhängte einen Einreisestopp und ordnete die Quarantäne für 2.000 Personen an, die jüngst aus dem Iran eingereist sind. Irak, die Türkei und Saudi Arabien haben derweil die Grenzen bzw. Seegrenzen zu Iran geschlossen. All dies mag dazu geführt haben, dass nun auch die iranischen Behörden aktiv werden. Im Laufe des heutigen Tages hat das iranische Gesundheitsministerium die Bürger aufgefordert, unnötige private Reisen doch zu unterlassen. Die Freitagsgebete sollen für eine Woche erst einmal pausieren und offenbar denkt man sogar schon über Reiseeinschränkungen nach. Die heiligen Stätten in Ghom bleiben jedoch geöffnet – schließlich suchten die Pilger ja dort auch göttlichen Schutz vor Krankheiten. Der Aberglaube siegt, das Risiko für die Bevölkerung wird offenbar in Kauf genommen.

Kanadische Studien schätzen die Zahl der iranischen Infizierten derweil auf rund 23.000 – erwähnen dabei jedoch ausdrücklich, dass die Datenqualität grob ist. Fest stünde nur, dass es eher Tausende als Hunderte Infizierte seien. Egal wie man die Qualität dieser Zahlen bewertet – was sich zur Zeit in Iran zusammenbraut, ist aus mehreren Gründen extrem bedrohlich.

Zum einen ist mit Iran ausgerechnet einer der Staaten eines der Epizentren der Epidemie, von dem ein reger Reiseverkehr in die Regionen stattfindet, in denen immer noch im Schatten der aggressiven US-Politik Bürgerkriege toben und in denen von einer geordneten medizinischen Versorgung nicht die Rede sein kann. Wenn Covid-19 sich erst einmal auf die Kriegsgebiete in Afghanistan, Syrien oder Jemen ausbreitet, dürfte die Zahl der Opfer schnell in dramatische Bereiche klettern. Was aber gerne vergessen wird: Auch das eigentlich vergleichsweise fortschrittliche Land Iran gehört „dank“ der US-Sanktionen mittlerweile zu den Staaten, die aus eigener Kraft wohl kaum mit dem neuen Virus fertig werden.

Lesen Sie dazu auch auf den NachDenkSeiten: Fabian Goldmann – „Sanktionen – Trumps unbeachteter Krieg gegen Iran“

Schon in normalen Zeiten gibt es im iranischen Gesundheitssystem an allen Ecken und Enden einen Mangel, wie nicht zuletzt Human Rights Watch im Oktober letzten Jahres feststellte. Grund dafür sind die US-Sanktionen. Zwar sind humanitäre Güter ausdrücklich von den Sanktionen ausgenommen. Aber das nutzt in der Praxis gar nichts, da es keine reguläre Möglichkeit gibt, mit der iranische Importeure medizinische Ausrüstung oder Medikamente aus dem Ausland bezahlen könnten. Es hapert bereits an der Möglichkeit, diese Güter per Banküberweisung oder ähnlichem zu bezahlen, ist das gesamte iranische Finanzsystem doch durch die US-Sanktionen vom internationalen Zahlungsverkehr ausgeschlossen. Irans letzte Alternativen waren ausgerechnet die Staaten, die jetzt entweder die Grenzen schließen (Katar, Irak, Türkei) oder selbst mit Covid-19 zu kämpfen haben (China).

Wie eine grausame Ironie wirkt es da auch, dass Irans dringend nötige Wirtschaftsbeziehungen zu China das Land erst in die jetzige Krise brachten. Während andere Staaten beispielsweise den Flugverkehr in die infizierten Regionen Chinas einstellten, hielt Iran bis zuletzt an seinem Handelspartner fest und spendete dann auch noch drei Millionen Atemschutzmasken an die chinesischen Behörden. Genau diese Masken fehlen dem iranischen Gesundheitssystem jetzt und abgeschnitten vom Weltmarkt ist auch kurzfristig kein Ersatz aufzutreiben. Aber nicht nur das – noch nicht einmal die benötigten Testkits zur Bestimmung des Virus sind verfügbar, da sie durch die Sanktionen nicht auf dem Weltmarkt eingekauft werden können. In der Folge unterstützt nun die WHO Iran mit regelmäßigen Materiallieferungen. Für den Beginn der Epidemie ist dies auch (noch) ausreichend. Wenn die Zahlen – wovon auszugehen ist – sich aber massiv erhöhen werden, droht die Lage für das iranische Gesundheitssystem vollends prekär zu werden.

Iran steckt bereits jetzt in einer humanitären Krise und die Lage wird sich ohne Hilfe von außen wohl schon bald zu einer humanitären Katastrophe entwickeln; einer Katastrophe, die nicht lokal begrenzbar ist! Die vielleicht bei einigen zynischen Transatlantikern im Hinterkopf mitschwingende Idee, die iranische Regierung nun durch die humanitäre Notlage zu schwächen, birgt das direkte Risiko, einen unkalkulierbaren Seuchenherd in einer Krisenregion zu schaffen, von dem eine fortlaufende Gefahr für den Rest der Welt ausgehen würde. Solche Gedanken dürfen aus humanitären und ethischen Gründen keine Rolle spielen. Wie so oft ist nun die „Weltgemeinschaft“ gefragt, Iran – zur Not auch gegen den expliziten Willen der USA – zu helfen. Vorschläge sind willkommen.

Titelbild: cpt.kama/shutterstock.com

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe Leser, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!