John Pilger: ‘Ich habe 1975 mit verarmten Familien gesprochen und seitdem hat sich wenig verändert’

John Pilger: ‘Ich habe 1975 mit verarmten Familien gesprochen und seitdem hat sich wenig verändert’

John Pilger: ‘Ich habe 1975 mit verarmten Familien gesprochen und seitdem hat sich wenig verändert’

Ein Artikel von John Pilger

Armut mag heute – abgesehen von Obdachlosen und Menschen, die im Abfall nach Pfandflaschen suchen – weniger sichtbar sein als in früheren Zeiten. Armut existiert aber nach wie vor und sie bedeutet für die Betroffenen Scham, Entbehrung, Unfreiheit, Krankheit und allzu oft einen frühen Tod. Der preisgekrönte australische Journalist und Dokumentarfilmer John Pilger hat vor 45 Jahren einen Film über Armut in England gemacht, er hat mit Familien gesprochen, mit Kindern, sich erzählen lassen, wie es sich anfühlt, so ein Leben der Entbehrungen und ständigen Sorgen, ohne Hoffnung, ohne Perspektive. Der Film ist unbedingt sehenswert, leidenschaftlich erzählt und eine scharfe Anklage an die Regierung, die Armut durch die Art ihrer Prioritätensetzung fördert. Leider ist er auch heute noch aktuell, nicht nur in England. So sieht es Pilger im folgenden Artikel, den er den NachDenkSeiten freundlicherweise überlassen hat. Übersetzung: Susanne Hofmann.

Als ich das erste Mal über Kinderarmut in Großbritannien berichtet habe, fielen mir die Gesichter der Kinder auf, mit denen ich sprach, besonders ihre Augen. Sie sahen anders aus: wachsam, ängstlich.

1975 filmte ich Irene Brunsdens Familie. Irene erzählte mir, dass sie ihrem zweijährigen Kind einen Teller Cornflakes zu essen gab.

“Sie sagt mir nicht, wenn sie hungrig ist, sie wimmert nur. Wenn sie wimmert, weiß ich, dass etwas nicht stimmt.“

“Wie viel Geld haben Sie im Haus?“, fragte ich.

“Fünf Pence”, antwortete sie.

Irene sagte, dass sie womöglich auf den Strich gehen müsse, “für das Baby”. Ihr Mann Jim, ein LKW-Fahrer, der aufgrund einer Krankheit nicht arbeiten konnte, stand neben ihr. Es war, als ob sie gemeinsam trauerten.

Das bewirkt Armut. Meiner Erfahrung nach ist der Schaden, den Armut anrichtet, den Verheerungen eines Krieges vergleichbar; er kann ein Leben lang anhalten, kann übergehen auf diejenigen, die man liebt, und die nächste Generation anstecken. Armut hemmt Kinder im Wachstum, verursacht jede Menge Krankheiten und, das berichtete mir der arbeitslose Harry Hopwood in Liverpool, Armut „ist so, als wäre man im Gefängnis“.

Dieses Gefängnis hat unsichtbare Mauern. Als ich Harrys kleine Tochter fragte, ob sie sich je gedacht hatte, eines Tages ein Leben wie die wohlhabenderen Kinder zu führen, sagte sie ohne zu zögern: „Nein“.

Was hat sich in den 45 Jahren seitdem verändert? Mindestens ein Mitglied einer verarmten Familie hat meistens einen Job – ein Job, von dem man nicht leben kann. Unglaublich, dass – auch wenn Armut weniger offen zutage tritt – zahllose englische Kinder immer noch hungrig zu Bett gehen.

Immer noch erwächst Armut aus einer Krankheit, die in diesem Lande immer noch um sich greift, wenn auch selten von ihr gesprochen wird: Klasse.

Studie um Studie zeigt, dass die Menschen, die an Armuts-Krankheiten leiden, die zurückgehen auf schlechte Ernährung, miese Wohnverhältnisse und die Prioritäten der politischen Elite samt ihren feindlich gesinnten „Wohlfahrts“-Funktionären, aus der Arbeiterklasse stammen. 2020 leidet eines von drei Vorschulkindern unter derartigen Verhältnissen.

Bei der Arbeit an meinem jüngsten Film, „The Dirty War on the NHS“, war mir klar, dass die brutalen Kürzungen am NHS (staatliches Gesundheitssystem in Großbritannien, Anmerkung der Übersetzerin) und seine Privatisierung durch Blair, Cameron, May und Johnson die Gefährdeten zugrunde gerichtet haben, darunter viele NHS-Beschäftigte und ihre Familien. Ich habe eine NHS-Mitarbeiterin interviewt, die sich die Miete nicht leisten konnte und in Kirchen oder auf der Straße schlief.

Vor einer Tafel mitten in London habe ich junge Mütter beobachtet, die sich nervös umschauten, als sie mit alten Plastiktüten voller Lebensmittel, Waschpulver und Tampons davoneilten, die sie sich nicht mehr leisten konnten. Ihre Kinder klammerten sich an ihnen fest. Bisweilen kam es mir so vor, als wandelte ich auf den Spuren von Dickens.

Boris Johnson behauptet, dass heute 400.000 Kinder weniger in Armut leben als 2010, als die Konservativen an die Macht kamen. Das ist eine Lüge, wie die Kommissarin für die Belange von Kindern bestätigt. Tatsächlich sind seit 2012 mehr als 600.000 Kinder verarmt; insgesamt sollen es mehr als fünf Millionen Kinder sein. Das ist ein Klassenkrieg gegen Kinder.

Der ehemalige Eton-College-Schüler Johnson mag die Karikatur der von Geburts wegen herrschenden Klasse sein; aber seine „Elite“ ist nicht die einzige. Alle Parteien im Parlament – genauso wie ein Großteil der Verwaltung und die Mehrheit der Medien – haben, wenn überhaupt, nur spärlich Kontakt zur Welt der Armen; zur „Gig Economy“; zum Kampf mit einem Sozialhilfe-System, das einen ohne einen Cent und verzweifelt zurücklassen kann.

Letzte Woche haben der Premierminister und seine „Elite” gezeigt, wo ihre Prioritäten liegen. Angesichts der größten Gesundheitskrise seit Menschengedenken, in der Großbritannien die höchste Todesrate in Europa zu beklagen hat und die Armut wächst, hat er verkündet, zusätzliche 16,5 Milliarden Pfund (umgerechnet 18,5 Milliarden Euro) für „Verteidigung“ auszugeben. Das macht Großbritannien zum Land mit den größten Militärausgaben in Europa und das, wo der eigentliche Feind doch die Armut ist.

John Pilgers Film „Smashing Kids“ aus dem Jahr 1975 kann man hier ansehen.

Titelbild: philip openshaw/shutterstock.com

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