Frieren für die Freiheit? Ach was! Wir heizen für die Freiheit!

Frieren für die Freiheit? Ach was! Wir heizen für die Freiheit!

Frieren für die Freiheit? Ach was! Wir heizen für die Freiheit!

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Was werden wir sie vermissen! All die herzzerreißenden Energiespartipps grüner Spitzenpolitiker und Blut-Schweiß-und-Tränen-Durchhalteparolen altpräsidialer Freiheitspfaffen sind nun Gott sei Dank überflüssig. Es gibt kein böses Gas mehr! Unterstützte man früher noch mit jedem Griff zum Thermostat den Leibhaftigen aus dem Kreml, strömt nur noch das gute Gas des Wertewestens durch unsere Leitungen. Gerade noch rechtzeitig vor der Heizsaison knallen nun in den schicken grundsanierten Altbauwohnungen auf dem Prenzlauer Berg und anderen Grünen-Hochburgen die Bio-Sekt-Korken! Frieren für die Freiheit war gestern. Thermostate auf! Ab heute wird für die Freiheit geheizt! Zumindest dann, wenn man es sich leisten kann. Ein Glosse von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Im Frühjahr war die Welt noch einfach. Da konnte man als überzeugter Freund von Demokratie, Freiheit und westlichen Werten noch lauthals ankündigen, man würde für seine Überzeugungen auch frieren! Die nächste Heizperiode war weit weg und Worte sind ja ohnehin nur Schall und Rauch. Oder glaubt irgendwer ernsthaft, dass Altpräsident Gauck im Winter eingehüllt in eine ukrainische Flagge für die Freiheit gefröstelt hätte? Aber das ist ja nun zum Glück auch nicht mehr nötig. Spätestens seitdem der Russe seine eigenen Pipelines in die Luft gesprengt hat – an dieser Stelle dafür noch einmal „Danke, Putin!“ – besteht ja glücklicherweise gar keine Notwendigkeit mehr, im Kühlen zu hocken.

Nun ist unser Gas nicht mehr böse, sondern richtig gut. Der Großteil kommt sogar von der ungeschlagenen Nummer Eins des Freiheitsrankings von Freedom House – Norwegen! Freier kann Gas gar nicht sein. Damit aber noch nicht genug. Nicht nur Norwegen, sondern das „Land of the free“ himselbst, die USA, sind ja dankenswerterweise in die Bresche gesprungen und liefern uns nun ihr Fracking-, nein, Freedom-Gas per Tanker. Mit 39 Prozent Marktanteil sind die USA nun Gasmarktführer in der EU! Gut so! Das ist zwar ganz schön teuer, aber dafür wissen wir ja nun, wohin unser Geld geht und dass wir damit im Grunde ja auch was Gutes tun. Eigentlich zahlen wir also nicht für unser Gas, sondern wir spenden über die Gasrechnung ein wenig Geld für sinnvolle Sachen. Denn dass unser großer Bruder auf der anderen Seite des Atlantiks nur gute Sachen mit dem vielen Geld anstellt, darf ja wohl als gesetzt gelten.

Mehr noch! Gas ist nun auch gelebte Entwicklungshilfe! Dank der aufopfernden Vermittlung unseres Kanzlers der Herzen, Robert Habeck, beziehen wir unser Gas ja jetzt auch aus der aufstrebenden Demokratie Katar – dem Land, das wie kein anderes für Menschenrechte, Feminismus und Meinungsfreiheit steht und diese sogar nach Syrien und dem Jemen mit deutschen Waffen vorwärtsverteidigt. So landet unsere Gasspende dann wieder in den Kassen deutscher Rüstungskonzerne. So profitieren auch anständige, mittelständige deutsche Unternehmen, wenn wir die Heizung aufdrehen. Genial!

Sie sehen – nicht wer die Heizung voll aufdreht, sondern wer in diesem Winter vollkommen ohne Not beim Heizen spart, ist ein Putin-Versteher! Wer es mollig warm hat, bleibt nicht nur gesund, sondern fördert damit auch die westlichen Werte weltweit. Gut so!

Leider ist es etwas teurer, sein Geld für sinnvolle Dinge auszugeben. Ein Steak vom liebevoll auf Schweizer Bioweiden grasenden Edelrindvieh ist auch etwas teurer als der polnische Mastbulle, der von Ukrainern – immerhin! – bei Tönnies zerteilt wurde. Da ist es auch nur angemessen, dass unser gutes Gas von den Freiheitsfreunden aus Norwegen, den USA und Katar ein wenig teurer als dieses böse Russengas ist. Und da wir nur fast in der besten aller möglichen Welten leben, wird es sich nicht jedermann leisten können, beim Heizen gleichzeitig Gutes zu tun.

Das macht aber nichts. Gerade wohlsituierte Grünen-Wähler können sich solidarisch zeigen und für Menschen mit weniger finanziellen Spielräumen mitheizen. Das gebietet auch der Anstand. Es ist ja verständlich, dass die alleinerziehende Verkäuferin in der Platte oder das Rentnerehepaar in seinem vorsintflutlich isolierten Eigenheim auf dem Land nicht die materiellen Möglichkeiten haben, für die Freiheit zu heizen. Sie dürfen jedoch frieren, ohne sich dafür zu schämen. Das macht ja auch nichts, wenn dafür nur um so mehr gutes Gas die Energiesparhäuser, Lofts und sanierten Altbauten der Besserverdienenden mollig warm macht. Letztlich ist es ja egal, wer für die Freiheit heizt. Wichtig ist nur, dass wir es tun. In diesem Sinne: Thermostate auf! Wir heizen für die Freiheit!

Titelbild: HQuality/shutterstock.com

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