{"id":1083,"date":"2006-06-06T18:28:41","date_gmt":"2006-06-06T16:28:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?page_id=1083"},"modified":"2006-06-09T14:34:09","modified_gmt":"2006-06-09T12:34:09","slug":"einfuhrung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=1083","title":{"rendered":"Einf\u00fchrung"},"content":{"rendered":"<p>&raquo;Manchmal frag in all dem Gl&uuml;ck,<br>\nich im lichten Augenblick:<br>\nbist verr&uuml;ckt du etwa selber,<br>\noder sind die andern K&auml;lber?&laquo;<br>\nAlbert Einstein<\/p><blockquote><p>Liebe Mitb&uuml;rgerinnen und Mitb&uuml;rger,<\/p>\n<p>ich habe heute den 15. Deutschen Bundestag aufgel&ouml;st und Neuwahlen f&uuml;r den 18. September angesetzt. Unser Land steht vor gewaltigen Aufgaben. Unsere Zukunft und die unserer Kinder steht auf dem Spiel. Millionen von Menschen sind arbeitslos, viele seit Jahren. Die Haushalte des Bundes und der L&auml;nder sind in einer nie dagewesenen, kritischen Lage. Die bestehende f&ouml;derale Ordnung ist &uuml;berholt. Wir haben zuwenig Kinder, und wir werden immer &auml;lter. Und wir m&uuml;ssen uns im weltweiten, scharfen Wettbewerb behaupten.<\/p><\/blockquote><p>So begann der Bundespr&auml;sident am 21. Juli 2005 seine Erkl&auml;rung zur Aufl&ouml;sung des Deutschen Bundestags. Zwei Wochen sp&auml;ter meldete das Statistische Bundesamt einen neuen Rekord beim Export&uuml;berschuss. Offenkundig ist die deutsche Wirtschaft au&szlig;erordentlich wettbewerbsf&auml;hig. Unser Welthandelsanteil liegt &uuml;ber dem der USA. Das geh&ouml;rt mit ins Bild, wenn man die Lage unseres Landes schildert.<br>\nWie kommt der Bundespr&auml;sident dazu, die Lage unseres Landes so einseitig und &uuml;bertrieben schwarz zu malen?<br>\nEs gibt leider eine einfache Antwort auf diese Frage: Horst K&ouml;hler musste die Situation in dieser Weise dramatisieren, um die Aufl&ouml;sung des Deutschen Bundestags als dringlich erscheinen zu lassen. So lautet sein n&auml;chster Satz denn auch:<\/p><blockquote><p>In dieser ernsten Situation braucht unser Land eine Regierung, die ihre Ziele mit Stetigkeit und mit Nachdruck verfolgen kann.<\/p><\/blockquote><p>&raquo;In dieser ernsten Situation&laquo; &ndash; es sind beschw&ouml;rende Worte, mit denen der Bundespr&auml;sident dem Bundeskanzler beispringt, und das bei einem Akt, den man nur als Konkursverschleppung bezeichnen kann. Bevor n&auml;mlich Bundeskanzler Schr&ouml;der am 22. Mai, am Abend der von ihm und seiner Partei verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, f&uuml;r Neuwahlen eintrat und das daf&uuml;r notwendige Prozedere einleitete, hatten sich die Stimmen derer gemehrt, die der Auffassung waren, dass die Reformpolitik nichts gebracht habe und die dahinter steckende Ideologie schlicht und einfach gescheitert sei.<br>\nSelbst Medien wie der Spiegel, die Zeit und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die in den vergangenen Jahren sehr engagiert f&uuml;r die Reform-Agenda eingetreten sind, zogen bittere Bilanzen der bisherigen Reformarbeit. Typisch daf&uuml;r ist der Spiegel-Titel vom 23. Mai 2005: &raquo;Die total verr&uuml;ckte Reform&laquo; hie&szlig; es dort &uuml;ber die Hartz-Gesetze.<br>\nViele Reformen waren angezettelt worden, keine hatte die versprochene Wirkung gebracht. Eigentlich h&auml;tte die neoliberale Bewegung, die vehementesten Reformbef&uuml;rworter, Konkurs anmelden m&uuml;ssen. Doch Gerhard Schr&ouml;ders Neuwahlbegehren war f&uuml;r sie wie ein Befreiungsschlag. Er verdr&auml;ngte die Bilanzen des Scheiterns aus den Schlagzeilen. Ab diesem Zeitpunkt wurde fast nur noch &uuml;ber die Fortsetzung der Reformen und deren Best&auml;tigung durch die vorgezogene Bundestagswahl am 18. September 2005 gesprochen. Bundespr&auml;sident K&ouml;hler meinte in dieser Situation Gerhard Schr&ouml;der unterst&uuml;tzen zu m&uuml;ssen &ndash; unabh&auml;ngig davon, ob die beabsichtigte Aufl&ouml;sung des Bundestages dem Geist des Grundgesetzes entsprach oder nicht.<br>\nUnser Land befindet sich in einer wirtschaftlichen Stagnation. Von kleinen Zwischenperioden abgesehen, geht es seit f&uuml;nfundzwanzig Jahren &ouml;konomisch nicht mehr voran. Wir fallen hinter andere L&auml;nder zur&uuml;ck. Politische Entscheidungen halten nicht, was mit ihnen versprochen worden ist. Pannen, Fehlentscheidungen und Misserfolge h&auml;ufen sich. Die depressive Grundstimmung &uuml;bertr&auml;gt sich auf das politische Bewusstsein der Menschen. Sie wenden sich ab von der Politik. Sie f&uuml;hlen sich ohnm&auml;chtig und sind unzufrieden.<br>\nWoran liegt das? Warum sind wir so erfolglos beim Kampf gegen Stagnation und Arbeitslosigkeit? Die g&auml;ngigen Antworten lauten: Reformstau, Blockade, &uuml;bertriebener Sozialstaat, zu m&auml;chtige Gewerkschaften und so weiter.<br>\nDas sind Antworten, die meist jenseits der Realit&auml;t angesiedelt sind. Ich habe den Verdacht, dass unsere Misere eine ganz andere Ursache hat. Liegt es vielleicht daran, dass wir besonders schlechte Eliten haben, dass sich bei uns das Mittelma&szlig; durchgesetzt hat, sich gegenseitig st&uuml;tzt und zur Erhaltung der gewonnenen Macht auf den Gleichklang der Analysen und Therapien dr&auml;ngt?<br>\nDer Fisch stinkt vom Kopf her. Diese Volksweisheit k&ouml;nnte auf unser Land zutreffen und viele Entscheidungen und Fehlentwicklungen sehr viel besser erkl&auml;ren als die g&auml;ngigen Erkl&auml;rungsmuster.<br>\nSeit f&uuml;nfundzwanzig Jahren schon wird in Deutschland nach den Rezepten der Angebots&ouml;konomie, also nach neoliberalen Rezepten regiert. Es wurden die Steuern gesenkt und reformiert, es wurden soziale Leistungen abgebaut, es wurde privatisiert und dereguliert. Immer hie&szlig; es, es gebe keine Alternative zu dieser Politik. Doch all diese Reformen haben nur bewirkt, dass die Arbeitslosigkeit weiter stieg, das Wachstum unserer Volkswirtschaft weiterhin stagnierte, die Schulden ebenso wie die Finanzprobleme der sozialen Sicherungssysteme weiter wuchsen. Was sie nicht bewirkt haben, ist eine positive konjunkturelle Entwicklung &ndash; doch gerade das w&auml;re eine wesentliche Voraussetzung f&uuml;r die L&ouml;sung all dieser Probleme.<br>\nUnsere Meinungsf&uuml;hrer, unsere Eliten scheinen diese Realit&auml;t und Erfahrung nicht wahrnehmen zu wollen. Statt dessen best&auml;tigen sie sich gegenseitig in ihren schlechten Analysen und falschen Therapien. Nicht zuletzt aufgrund dieser gegenseitigen Best&auml;tigung sind Eliten &ndash; so versuche ich zu belegen &ndash; heute leichter zu manipulieren als das Volk. Es hat den Anschein, dass sie sich von der neoliberalen Ideologie leichter beeindrucken lassen.<br>\nWer sind diese Eliten? Ich verstehe darunter jene, die in unserem Land die &ouml;ffentliche Meinung und die Entscheidungen bestimmen. Und unterhalb dieser Ebene geh&ouml;ren noch jene hinzu, die sich als Multiplikatoren, als Meinungsf&uuml;hrer und als Funktion&auml;re in politischen K&ouml;rperschaften empfinden. Sie, die Leser, werden im jeweiligen Kontext sofort erkennen, was jeweils gemeint ist.<\/p><p>In der Diskussion um dieses Buchprojekt wandten einige meiner Freunde ein, es grenze an Arroganz, das Wort &raquo;mittelm&auml;&szlig;ig&laquo; zur Kennzeichnung unserer Eliten zu verwenden. Dieser Einwand hat mir zu schaffen gemacht. Aber dann, w&auml;hrend der Bildung der neuen Koalition und der Regierung, trat ein offensichtlicher Mangel an kreativen Ideen und Projekten zur &Uuml;berwindung der Wirtschaftskrise zu Tage &ndash; statt dessen orientierte man sich am g&auml;ngigen Meinungsstrom, wie fremdbestimmt, ohne bemerkenswerte eigene Gedanken. Da lie&szlig; ich meine Bedenken fallen. Nicht jeder kann die F&uuml;hrungsschicht wie ein rohes Ei behandeln oder sie aus der Warte eines Psychoanalytikers betrachten. Unsere Eliten sind schnell beleidigt, wenn man die Qualit&auml;t ihres Intellekts anzweifelt, sie m&ouml;gen es &uuml;berhaupt nicht, wenn man ihnen nachweist, dass sich ihr Denken in den immer gleichen Schablonen vollzieht, oder ihnen zeigt, dass sie gesamtwirtschaftliche Zusammenh&auml;nge nicht durchschauen. Unter unseren Eliten finden sich hochbegabte und bewundernswert engagierte Menschen. Aber sie geben nicht den Ton an. Unter den wirklich Einflussreichen muss man sie mit der Lupe suchen. Die gro&szlig;e Mehrheit ist unteres Mittelma&szlig; und r&uuml;cksichtslos zerst&ouml;rerisch. Das bekommen wir zu sp&uuml;ren. Mit ihren Reformen zerschlagen sie gewachsene Strukturen, ohne zu wissen, wo genau es hingehen soll. Bewegung ist alles, und so wird alles zur Disposition gestellt: der Sozialstaat, unsere Moral, unsere Werte, die Lebensperspektiven der Menschen, ihre Planungssicherheit, ihre Arbeitsplatzsicherheit, unsere Infrastruktur, der soziale Zusammenhalt, der Geist der Aufkl&auml;rung und Toleranz, die Demokratie, wichtige politische Bewegungen wie die SPD oder die Gewerkschaftsbewegung, auch die ohnedies schon nicht sonderlich demokratische Struktur der Medien wird weiter ramponiert, desgleichen unser Grundgesetz.<br>\nAuch eine moderne Gesellschaft kommt nicht ohne ein St&uuml;ck Solidarit&auml;t aus, doch die neoliberalen Reformen st&uuml;tzen sich auf eine egoistische Philosophie. &raquo;Jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied&laquo; &ndash; das ist das Credo ihrer Verfechter. In Ma&szlig;en kann man diese Theorie durchaus vertreten. Aber wenn man sie zur alles gestaltenden Wegweisung und Ideologie erhebt, dann zerst&ouml;rt man den Zusammenhalt einer Gesellschaft.<br>\nSo sind unsere Eliten wie die Totengr&auml;ber wichtiger Errungenschaften unseres Volkes. Sie r&auml;umen alles ab. R&uuml;cksichtslos. Und sie arbeiten auf eigene Rechnung.<br>\nZwar hat der Befreiungsschlag Gerhard Schr&ouml;ders ihm pers&ouml;nlich scheinbar nichts gebracht. Er ist nicht wieder Bundeskanzler geworden. M&ouml;glicherweise kam es ihm aber darauf auch um vieles weniger an als auf die Fortsetzung der sogenannten Reformpolitik. Das hat er f&uuml;r vier weitere Jahre erreicht. Er selbst wird nicht darben. Doch wir alle werden darben, wenn wir uns nicht wehren. Das verlangt zun&auml;chst einmal, die Wahrheit zu sagen &uuml;ber die Gr&uuml;nde unserer Krise.<br>\nEs geht um heikle Fragen: Was sind die wahren Motive unsere Eliten? Was steckt dahinter, wenn offensichtlich unvern&uuml;nftige Entscheidungen getroffen werden, die weitreichende sch&auml;dliche Folgen f&uuml;r uns alle haben &ndash; Entscheidungen allerdings, die zweifelsfrei m&auml;chtige Interessen bedienen?<br>\nEin Ziel dieses Buches ist es, die Interessengeflechte zu beschreiben, in denen unsere Eliten stehen und die aller Wahrscheinlichkeit nach ihre Entscheidungen beeinflussen. Au&szlig;erdem m&ouml;chte ich an Vorg&auml;ngen der Gegenwart und Vergangenheit zeigen, wie es um die Qualit&auml;t unseres F&uuml;hrungspersonals bestellt ist und welche Folgen die Mittelm&auml;&szlig;igkeit der Eliten f&uuml;r die -politischen Entscheidungen und damit f&uuml;r uns alle hat. Die damit verbundenen Fragen sind aktueller denn je: Zwar erweist sich die neoliberal gepr&auml;gte Reformpolitik als ungen&uuml;gend und in ihrer Wirkung verheerend. Dennoch wird in vielen europ&auml;ischen Staaten versucht, sie mit brachialer Gewalt durchzusetzen. Es ist an der Zeit, dass wir unseren Eliten in den Arm fallen.<\/p><p>Albrecht M&uuml;ller<br>\nim Februar 2006\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&raquo;Manchmal frag in all dem Gl&uuml;ck,<br \/> ich im lichten Augenblick:<br \/> bist verr&uuml;ckt du etwa selber,<br \/> oder sind die andern K&auml;lber?&laquo;<br \/> Albert Einstein<\/p>\n<blockquote>\n<p>Liebe Mitb&uuml;rgerinnen und Mitb&uuml;rger,<\/p>\n<p>ich habe heute den 15. Deutschen Bundestag aufgel&ouml;st und Neuwahlen f&uuml;r den 18. September angesetzt. Unser Land steht vor gewaltigen Aufgaben. 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