{"id":18874,"date":"2013-10-08T15:24:27","date_gmt":"2013-10-08T13:24:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=18874"},"modified":"2013-12-03T08:26:45","modified_gmt":"2013-12-03T07:26:45","slug":"vorwort-6","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=18874","title":{"rendered":"Vorwort"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" title=\"NachDenkSeiten: Das kritische Jahrbuch 2013\/2014\" alt=\"NachDenkSeiten: Das kritische Jahrbuch 2013\/2014\" src=\"\/upload\/bilder\/131015_nachdenkseiten_jahrbuch.jpg\"><\/p><p><strong><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=19008\" style=\"background: #CC0000; color: #fff; padding: 5px; text-decoration: none;\">&raquo; Direkt bestellen &raquo;<\/a><\/strong><\/p><p>&nbsp;<\/p><h3>Vorwort<\/h3><p><em>Ein Vorwort von Jakob Augstein<\/em><\/p><p><strong>Gedanken zur Gegen&ouml;ffentlichkeit<\/strong><\/p><p>Gegen&ouml;ffentlichkeit ist ein widerspru&#776;chliches Wort. Man sollte meinen, es schlie&szlig;t sich selber aus. Es kann doch nur eine &Ouml;ffentlichkeit geben. Die &ouml;ffentliche. Und in der &Ouml;ffentlichkeit wird in der Demokratie alles abgemacht. Aber wir wissen, dass die Verh&auml;ltnisse nicht so sind. Es ist eine hu&#776;bsche Idee, dass die &Ouml;ffentlichkeit der Verhandlung von Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit dient. Aber sie trifft nicht zu.<\/p><p>Das Problem besteht nicht darin, dass die Journalisten nicht schreiben du&#776;rfen, was sie wollen. Solche F&auml;lle gibt es. Aber sie sind selten. Eigentlich kann jeder schreiben, was er will. Aber so viele Journalisten wollen so wenig. Und sie haben ihre Leser daran gew&ouml;hnt, mit so wenig zufrieden zu sein.<\/p><p>Wenn man fragt: welche Rolle sollen die Medien spielen, auf wessen Seite stehen sie, was ist ihre Funktion, dann haben sich in den vergangenen Jahren die Antworten ge&auml;ndert. Im Beruf des Journalismus geht es heute seltener um Kritik, mehr um Stabilisierung.<\/p><p>Weniger um das Hinterfragen, eher um das Erkl&auml;ren des Bestehenden. Das gilt nicht fu&#776;r alle Medien, so wie fru&#776;her nicht fu&#776;r alle das Gegenteil galt. Aber es gilt zu oft fu&#776;r die gro&szlig;en Medien, fu&#776;r den Mainstream.<\/p><p>&raquo;Die freien Medien sind ja sozusagen ein Teil des Lebenselixiers jeder Demokratie&laquo;, das hat Angela Merkel einmal vor jungen Journalisten gesagt, die ja angeblich eine der m&auml;chtigsten Frauen der Welt ist, aber sicher nicht eine der wortm&auml;chtigsten. Und es trifft auf eine unangenehme Art und Weise zu. Viele Journalisten verstehen sich heute mitnichten als Gegner (Kritiker oder Gegenu&#776;ber) der Politik, sondern als Partner. Wenn das so weitergeht, dann braucht man keine Journalisten mehr. Dann tun Pressesprecher es auch. Das scheint der Zug der Zeit ohnehin zu sein: Es soll mittlerweile mehr Pressesprecher in Deutschland geben als Journalisten.<\/p><p>Es ist kein Wunder, dass die Kanzlerin die Journalisten so wohlwollend loben kann. Die Demokratie hat sich ver&auml;ndert, und die Journalisten, die ihr dienen und sie schu&#776;tzen sollen, auch.<\/p><p>Man muss sich sogar langsam fragen, ob wir dasselbe wie die Kanzlerin meinen, wenn wir von Demokratie reden. Die amerikanische Politikwissenschaftlerin Wendy Brown hat geschrieben: &raquo;Die gro&szlig;en Demokratien zeichnen sich heute weniger durch eine &Uuml;berschneidung als vielmehr durch eine Verschmelzung von staatlicher und unternehmerischer Macht aus: Staatliche Aufgaben von Schulen u&#776;ber Gef&auml;ngnisse bis hin zum Milit&auml;r werden in gro&szlig;em Stil outgesourct; Investmentbanker und Konzernchefs fungieren als Minister und Staatssekret&auml;re; auch wenn sie die entsprechenden Fonds nicht selbst verwalten oder anlegen, sind Staaten doch Eigentu&#776;mer unvorstellbar gro&szlig;er Mengen an Finanzkapital; und vor allem ist die Staatsmacht u&#776;ber ihre Steuer-, Umwelt-, Energie-, Arbeits-, Sozial-, Finanz- und Wirtschaftspolitik sowie einen endlosen Strom direkter Unterstu&#776;tzungen und Rettungsprogramme fu&#776;r s&auml;mtliche Bereiche des Kapitals ganz unverhohlen in das Projekt der Kapitalakkumulation eingespannt.<\/p><p>Die breite Masse, der Demos, kann die meisten dieser Entwicklungen nicht verstehen oder nachvollziehen geschweige denn bek&auml;mpfen und ihnen andere Ziele gegenu&#776;berstellen.&laquo;<\/p><p>Das alles geschieht im Rahmen der Demokratie. Und solche Demokratien brauchen die Medien vor allem als Instrumente der Vermittlung der Staatsmacht. Denn wenn wirklich Gefahr droht, schlie&szlig;en allzu viele Journalisten die Reihen fest um das System.<\/p><p>Wir haben das bei den gro&szlig;en Skandalen um Recht, Moral und &Ouml;ffentlichkeit gesehen, Wikileaks oder Geheimdienstu&#776;berwachung.<\/p><p>Mit gro&szlig;er Verblu&#776;ffung musste man feststellen: ganz und gar nicht alle Journalisten der gro&szlig;en deutschen Zeitungen stellten sich vorbehaltlos auf die Seite der Bu&#776;rger, ja sie verteidigten nicht einmal ihre eigenen Rechte. Sondern ganz sch&ouml;n viele hielten lieber zum Staat und brachten viel Verst&auml;ndnis fu&#776;r Rechtsbru&#776;che und Machtanspru&#776;che auf.<\/p><p>Es geh&ouml;rt zu dieser Wesensver&auml;nderung der Medien, dass der Schein unbedingt gewahrt bleiben muss. Dafu&#776;r bedarf es einer Inszenierung.<\/p><p>Die freie Rede muss sich hin und wieder gegen irgendeinen Widerstand durchsetzen. Das erh&ouml;ht dann ihren Wert.<\/p><p>Also gibt es beispielsweise in der Bild-Zeitung eine Kolumne, die den Titel tr&auml;gt: &raquo;Das wird man ja noch sagen du&#776;rfen.&laquo; Diese Wendung ist geradezu ein gefl u&#776;geltes Wort, oder sagen wir genauer ein struppig gefi edertes. Es ist die Essenz des Ressentiments. Es birgt in sich eine ganze Weltanschauung, klaustrophobisch in seiner spie&szlig;igen Engstirnigkeit und ma&szlig;los ausgreifend in seinem allgemeinen Geltungsanspruch.<\/p><p>Was hei&szlig;t das? Man tut so, als g&auml;be es jemanden, der einem den Mund verbietet. Man k&ouml;nne nicht einfach sagen, was man will. Man mu&#776;sse sich das Recht nehmen. Man t&auml;te es gegen einen Widerstand. Hoch lebe die Pressefreiheit und die Demokratie!<\/p><p>Aber man kann getrost davon ausgehen: Wenn einer so redet, &raquo;das wird man ja noch sagen du&#776;rfen&laquo;, dann lu&#776;gt er schon. Denn er wei&szlig;, dass er sagen kann, was er will. Und das, was &raquo;man&laquo; ja noch sagen du&#776;rfen soll, ist zumeist nichts als das wenig refl ektierte Vorurteil.<\/p><p>Es gibt niemanden, der verbietet, das Vorurteil zu verbreiten &ndash; au&szlig;er Vernunft und Anstand. Gegen&ouml;ffentlichkeit ist etwas anderes. Sie bietet Gelegenheit zum Gespr&auml;ch zwischen anspruchsvollen Autoren und Lesern, die sich ihrer Vernunft bedienen wollen und ihr Gefu&#776;hl fu&#776;r Anstand bewahren. Das sind u&#776;brigens geradezu konservative Werte. Na und? Gu&#776;nter Gaus hat gesagt: &raquo;Ich bin von Geblu&#776;t konservativ. Ich bin aber links.&laquo; Das stammt aus einem sch&ouml;nen Gespr&auml;ch, das Alexander Kluge einmal mit ihm gefu&#776;hrt hat. Es geht darin um die Medien und die &Ouml;ffentlichkeit und um das linke Denken. Da gab es auch diesen Wortwechsel:<\/p><p><strong>Kluge:<\/strong> &raquo;Eine linke Position w&auml;re also skeptisch empfi ndend?&laquo;<\/p><p><strong>Gaus:<\/strong> &raquo;Ja.&laquo;<\/p><p><strong>Kluge:<\/strong> &raquo;Geduldig?&laquo;<\/p><p><strong>Gaus:<\/strong> &raquo;Ja.&laquo;<\/p><p><strong>Kluge:<\/strong> &raquo;Langfristig angelegt, u&#776;ber die Generationen hinweg?&laquo;<\/p><p><strong>Gaus:<\/strong> &raquo;Ja, aber in einem Punkt sollten sich linke Positionen von denen unterscheiden, die es gegeben hat und wohl auch noch gibt, und von denen ich fi nde, dass sie zu Recht zuru&#776;ckgedr&auml;ngt worden sind: Man sollte nicht denken, dass man gesellschaftliche Fragen fu&#776;r alle Zeiten beantworten kann.&laquo;<\/p><p>Gaus hatte da etwas Wichtiges gesagt. Es steckte darin die Warnung vor dem Sektierertum, vor der Selbstgerechtigkeit, vor dem Dogmatismus. Das sind Risiken, die jeder eingeht, der sich gegen den Mainstream stellt. Denn so leicht l&auml;sst sich das Paradoxon, das in der Idee der Gegen&ouml;ffentlichkeit steckt, nicht aufl &ouml;sen. Es ist eine heikle Angelegenheit: Je st&auml;rker das &raquo;Gegen&laquo; vom allgemeinen Bewusstsein entfernt ist, desto schw&auml;cher droht das &raquo;&Ouml;ffentlich&laquo; zu werden. Aber wer die Leute aufkl&auml;ren will, muss sie erreichen. Die Gegen&ouml;ffentlichkeit muss fu&#776;r die &Ouml;ffentlichkeit zug&auml;nglich bleiben. Die Leute mu&#776;ssen von ihr erfahren und mit ihr etwas anfangen k&ouml;nnen. Und sie mu&#776;ssen &ndash; ganz praktisch &ndash; unter zumutbaren Bedingungen Zugang zu ihr finden k&ouml;nnen.<\/p><p>Darum kann ein Medium, das sich damit begnu&#776;gt, gegen alles M&ouml;gliche zu sein, aber an der &Ouml;ffentlichkeit kein Interesse mehr hat, fu&#776;r die Meinungsbildung dieser &Ouml;ffentlichkeit keine Rolle mehr spielen.<\/p><p>Die Medien der Gegen&ouml;ffentlichkeit mu&#776;ssen Ru&#776;ckzugsr&auml;ume fu&#776;r die Vernunft, fu&#776;r die Kritik, fu&#776;r die Neugier bieten. Den NachDenkSeiten gelingt dieses Kunststu&#776;ck.<\/p><p><strong>Bibliographie<\/strong><\/p><p>Albrecht M&uuml;ller, Wolfgang Lieb<br>\n&bdquo;Nachdenken &uuml;ber Deutschland. Das kritische Jahrbuch 2013\/2014&ldquo;<br>\nWestend Verlag, Oktober 2013, 264 Seiten,<br>\n14,99 &euro;<br>\nISBN 978-3-86489-030-7<\/p><p>Download: Vorwort [PDF &ndash; KB]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" title=\"NachDenkSeiten: Das kritische Jahrbuch 2013\/2014\" alt=\"NachDenkSeiten: Das kritische Jahrbuch 2013\/2014\" src=\"\/upload\/bilder\/131015_nachdenkseiten_jahrbuch.jpg\"\/><\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=19008\" style=\"background: #CC0000; color: #fff; padding: 5px; text-decoration: none;\">&raquo; Direkt bestellen &raquo;<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Vorwort<\/h3>\n<p><em>Ein Vorwort von Jakob Augstein<\/em><\/p>\n<p><strong>Gedanken zur Gegen&ouml;ffentlichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Gegen&ouml;ffentlichkeit ist ein widerspru&#776;chliches Wort. Man sollte meinen, es schlie&szlig;t sich selber aus. Es kann doch nur eine &Ouml;ffentlichkeit geben. Die &ouml;ffentliche. Und in der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=18874\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","template":"","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"class_list":["post-18874","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/18874","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18874"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/18874\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":19499,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/18874\/revisions\/19499"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18874"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}