{"id":4138,"date":"2009-08-20T12:05:43","date_gmt":"2009-08-20T10:05:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=4138"},"modified":"2013-05-06T09:13:51","modified_gmt":"2013-05-06T07:13:51","slug":"leseproben","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=4138","title":{"rendered":"Leseproben"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"wp-content\/themes\/nds\/images\/covermeinungsmache.jpg\" alt=\"Meinungsmache\"><\/p><p><strong>Leseproben zu &ldquo;Meinungsmache. Wie Wirtschaft, Politik und Medien uns das Denken abgew&ouml;hnen wollen&rdquo;<\/strong><\/p><ol>\n<li><a name=\"l01\"><\/a><strong>Einf&uuml;hrung<\/strong><br>\nJeder dritte Deutsche hat kein Vertrauen mehr in die demokratische Staatsform, in Ostdeutschland sind es sogar 53 Prozent. Das hat Konsequenzen: Das Interesse an Politik schwindet. Die Wahlbeteiligung bei der letzten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2006 lag bei 44,4 Prozent &ndash; und war die bisher niedrigste auf Bundes- und Landesebene. Der dann weiterregierende Ministerpr&auml;sident Wolfgang B&ouml;hmer (CDU) ist von gerade mal 15,7 Prozent der Wahlberechtigten gew&auml;hlt worden. Auch bei anderen Wahlen geht es mit dem Interesse der W&auml;hler bergab; im Januar 2009 in Hessen von 64,3 auf 61 Prozent und davor in Hamburg von 68,7 auf 63,5 Prozent, zur Wahl des Oberb&uuml;rgermeisters in Kiel am 15. M&auml;rz 2009 gingen gerade mal 36,5 Prozent der Wahlberechtigten und zur Europawahl 2009 nur 43,3 Prozent. Ein Tiefpunkt. Fast &uuml;berall gibt es historisch niedrige Wahlbeteiligungen.<br>\n<a href=\"upload\/pdf\/Meinungsmache_Einfuehrung.pdf\">Mehr &hellip; [PDF &ndash; 60 KB]<\/a><\/li>\n<li><a name=\"l02\"><\/a><strong>Vorbemerkung des Autors zu unser aller Betroffenheit<\/strong><br>\nSeit meiner Studienzeit beobachte ich das politische Geschehen und dabei insbesondere die Wege politischer Meinungsbildung und ihre Bedeutung f&uuml;r politische Entscheidungen. Als Student der National&ouml;konomie habe ich mich damit besch&auml;ftigt, welche Wirkung Sprache in der Wirtschaftspolitik als Tr&auml;ger von Vor urteilen hat, und au&szlig;erhalb meines Fachbereichs damit, welche Bedeutung der Propaganda beim Niedergang der Weimarer Republik zukam. Sp&auml;ter musste ich berufl ich die Wege der Meinungsmache beobachten und selbst &ndash; mit anderen zusammen &ndash; Strategien der Meinungsbeeinflussung entwickeln. Als Redenschreiber des Bundeswirtschaftsministers Karl Schiller in den Jahren 1968 und 1969, danach als Verantwortlicher f&uuml;r Willy Brandts Wahlkampf und dann als Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt bei Brandt und Schmidt war ich st&auml;ndig mit diesem Sujet befasst.<br>\n<a href=\"upload\/pdf\/Meinungsmache_Vorbemerkung.pdf\">Mehr &hellip; [PDF &ndash; 56 KB]<\/a><\/li>\n<li><a name=\"l03\"><\/a>Auszug aus &bdquo;Meinungsmache&ldquo;, Seite 426 bis 428:<br>\n<strong>Die Methoden der Manipulation kennen und durchschauen<\/strong>\n<p>Auch unter Gleichgesinnten ist es nicht leicht, skeptisch zu sein.<br>\nDer Kopf r&auml;t zum Misstrauen, und das Gef&uuml;hl verlangt nach Vertrauen.<br>\nZum Zweifeln muss man sich entschlie&szlig;en und es gemeinsam mit anderen systematisch betreiben. Dabei hilft die Kenntnis der Methoden der Manipulation, die oben ausf&uuml;hrlich beschrieben sind:<\/p>\n<ul>\n<li>Wiederholung. Zum Beispiel: &raquo;Demographischer Wandel und Globalisierung sind die beiden gro&szlig;en Herausforderungen&laquo; oder: &raquo;Die Finanzkrise kam aus Amerika&laquo;.<\/li>\n<li>Eine Botschaft wird von verschiedenen, sich unterscheidenden Absendern ausgesendet. Dann wird sie glaubw&uuml;rdiger.<\/li>\n<li>Nutzung des guten Klangs eines Wortes f&uuml;r einen anderen Zweck. Bestes Beispiel: &raquo;Reform&laquo;.<\/li>\n<li>Gruppenspezifischer Jargon. &raquo;Freiheit&laquo;, &raquo;Leistung muss sich wieder lohnen&laquo; &ndash; solche Floskeln haben zwar kaum einen Bezug zur Realit&auml;t, aber um bei der Mehrheit der &uuml;blichen Talkshowg&auml;ste oder beim Auditorium von Guido Westerwelle zu bestehen, reichen die Signale.<\/li>\n<li>Affirmativ auftreten. Das k&ouml;nnen Angela Merkel und Peer Steinbr&uuml;ck wie auch schon Gerhard Schr&ouml;der herausragend gut. Sie k&ouml;nnen belanglose Sachen als h&ouml;chst bedeutsam verkaufen und Falsches als v&ouml;llig richtig erscheinen lassen.<\/li>\n<li>Die selbstverst&auml;ndliche G&uuml;ltigkeit in der Sprache anklingen lassen. &raquo;Wie wir alle wissen&laquo;, &raquo;wie schon bekannt ist&laquo;, &hellip;<\/li>\n<li>Auf Experten berufen. Die g&auml;ngige Methode bei B&ouml;rsensendungen, Wirtschaftsnachrichten und vielen anderen Foren.<\/li>\n<li>&raquo;Tina&laquo;: There is no alternative. &raquo;Es gibt keine Alternative.&laquo;<\/li>\n<li>Pars pro toto. Was f&uuml;r einen Teil gilt, wird auf die Gesamtheit als g&uuml;ltig &uuml;bertragen.<\/li>\n<li>&Uuml;bertreibung. &raquo;Wortbruch&laquo;, &raquo;Freiheit statt Sozialismus&laquo;, &raquo;Gnadef&uuml;r die 68er&laquo; &ndash; Motto: Irgendwas bleibt immer h&auml;ngen.<\/li>\n<li>Mit der Botschaft B wird die Botschaft A transportiert. Bewusst und unterbewusst und erst recht geplant wird diese Methode h&auml;ufig eingesetzt.<\/li>\n<li>Der (strategisch geplante) Konflikt zwischen zwei Personen als Transportband f&uuml;r eine zu vermittelnde Meinung.<\/li>\n<li>Verschweigen, weglassen, ausblenden. Das gilt unter anderemf&uuml;r die gesamten Fehler der Regierung Kohl und ihrer Berater bei der Gestaltung der deutschen Vereinigung, insbesondere der wirtschaftspolitischen Entscheidungen.<\/li>\n<li>Umfragen nutzen, um Meinung zu machen. Dieses Instrument wird st&auml;ndig gebraucht. Achten Sie einmal darauf, was &raquo;Stern&laquo; und &raquo;Spiegel Online&laquo; mit Hilfe von Forsa-Umfragen anstellen. Geradezu &raquo;musterg&uuml;ltig&laquo;.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wer diese Tipps kennt und beachtet, wird Meinungsbildungsvorg&auml;nge leichter durchschauen. Das ist eine wichtige Basis f&uuml;r den Aufbau einer Gegen&ouml;ffentlichkeit.<\/p><\/li>\n<li><a name=\"l04\"><\/a><strong>Linksruck<\/strong><br>\n<a href=\"upload\/pdf\/091007_LP_Meinungsmache_102-105_Linksruck.pdf\">Mehr &hellip; [PDF &ndash; 64 KB]<\/a><\/li>\n<li><a name=\"l05\"><\/a><strong>Kapitel 20 &bdquo;Meinungsmache zur Sicherung von Macht und Einfluss&ldquo;, Seite 344-351:<\/strong><br>\n(Dieser Text stammt aus dem Manuskript; er kann in kleinen Details vom gedruckten Text abweichen)  \n<p><strong>Wie man Mehrheiten gewinnt<\/strong><\/p>\n<p>Angela Merkel und die Union k&ouml;nnen sicher sein, dass ihre Machterhaltungs- und Machtsicherungsstrategie von den Medien und Meinungsmachern nicht gest&ouml;rt, sondern unterst&uuml;tzt und gef&ouml;rdert wird. Das l&auml;sst sich an zwei zentralen strategischen Linien zeigen:<\/p>\n<ul>\n<li>Anhand der f&uuml;r Volksparteien wichtigen Frage, ob es gelingt, die n&ouml;tige Breite der W&auml;hleransprache zu erreichen und abzusichern.<\/li>\n<li>Anhand der Frage nach der Erweiterung der Koalitionsoptionen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Beide Fragen sind miteinander verbunden. Wie diese Ziele zu erreichen sind, l&auml;sst sich am besten dann nachvollziehen, wenn wir uns in die Rolle von Strategen der Union versetzen.<\/p>\n<p><strong><em>Erstens: Neue W&auml;hlergruppen erschlie&szlig;en<\/em><\/strong><br>\nAls Planer einer Volkspartei wei&szlig; man, dass man den f&uuml;r den F&uuml;hrungsanspruch notwendigen W&auml;hleranteil von 40 Prozent plus nur dann erreicht, wenn man ein breites Spektrum anspricht, den Mittelstand und die sich der Wirtschaft nahe F&uuml;hlenden genauso wie die Arbeitnehmer und ihre Familien; Menschen, die an traditionellen Familienstrukturen h&auml;ngen, genauso wie Personen mit einem emanzipatorischen und individualistischen Lebensstil; Menschen, die den technischen Fortschritt hochhalten und alles realisieren wollen, was m&ouml;glich ist, genauso wie &ouml;kologisch engagierte Kreise.<\/p>\n<p>Als Planer von CDU und CSU wei&szlig; man, dass die andere Volkspartei, die SPD, dann hervorragende Wahlergebnisse erreicht hat, wenn sie diese Breite der Ansprache beherrschte, so zuletzt 1998, als Schr&ouml;der und Lafontaine gemeinsam Wahlkampf machten und der eine, Gerhard Schr&ouml;der, eher die Aufsteiger ansprach, w&auml;hrend der andere, Oskar Lafontaine, eher die an sozialer Gerechtigkeit und an &ouml;kologischer Erneuerung Interessierten ansprach. Auch Helmut Schmidts &auml;u&szlig;erst knapper Wahlsieg von 1976, als Helmut Kohl f&uuml;r die Union 48,6 Prozent erreichte, war der Arbeitsteilung mit dem Parteivorsitzenden Willy Brandt zu verdanken. Wenn es diese Arbeitsteilung zwischen Brandt und Schmidt nicht gegeben h&auml;tte, dann h&auml;tte Helmut Schmidt die Kanzlerschaft schon 1976 an Helmut Kohl verloren. Und das herausragende Ergebnis der SPD von 1972 ist ohne eine breit angelegte Zielgruppenplanung gar nicht denkbar[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p>\n<p>Auch die CDU und vor allem die CSU haben ihre gro&szlig;en Erfolge nur dann geschafft, wenn sie &uuml;ber den engeren Bereich traditionell wirtschaftsfreundlicher W&auml;hlerinnen und W&auml;hler hinaus die Arbeitnehmerschaft bis hin zu gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern anzusprechen vermochten. Fr&uuml;her gab es daf&uuml;r einen starken Arbeitnehmerfl&uuml;gel &ndash; lange Zeit versammelt um Hans Katzer, sp&auml;ter um Norbert Bl&uuml;m. Auf dem Leipziger Parteitag im Dezember 2003 jedoch wurde Norbert Bl&uuml;m ausgepfiffen; Angela Merkel und die CDU legten sich auf einen einseitig wirtschaftsfreundlichen, neoliberalen Kurs fest. Das kam beim CDU-Wirtschaftsfl&uuml;gel gut an, aber es war nach Meinung einiger Kenner der Materie eine der Ursachen daf&uuml;r, dass CDU und CSU bei der Bundestagswahl 2005 ihr selbstgestecktes Ziel, gemeinsam mit der FDP die neue Regierung zu bilden, nicht erreichten.<br>\nIn dieser Situation wird man als Planer der CDU\/CSU dringend empfehlen, zumindest eine Imageerweiterung vorzunehmen, die sowohl den sozialen als auch den &ouml;kologischen Bereich umfassen sollte. Als Stratege wird man auch empfehlen, diese Imageerweiterung an Personen festzumachen und zur Erleichterung der Meinungsbildung Konflikte zwischen einzelnen Personen und Gruppen zuzulassen. Als Zuschauer und Zuh&ouml;rer kennen wir die Ergebnisse dieser strategischen Planung:<\/p>\n<ul>\n<li>Angela Merkel und eine Reihe anderer Unionspolitiker kritisieren laut und mit harten Worten &bdquo;den Kapitalismus&ldquo;. Das kommt bei Linken gut an, auch bei solchen innerhalb der Gr&uuml;nen. Taten m&uuml;ssen daraus nicht folgen.\n<\/li>\n<li>Sie beschweren sich lautstark &uuml;ber die &bdquo;Gier&ldquo; der Manager und der Spitzenverdiener. Das hindert sie aber nicht daran, sich gegen die Einf&uuml;hrung von allgemein geltenden Mindestl&ouml;hnen zu stellen, Hedgefonds weiter steuerbefreit T&uuml;r und Tor zu &ouml;ffnen, gro&szlig;en Verm&ouml;gen mit einer Erbschaftssteuerreform noch mehr unter die Arme zu greifen und zu Lasten der Steuerzahler die Wettschulden der Banken zu &uuml;bernehmen.\n<\/li>\n<li>J&uuml;rgen R&uuml;ttgers, der Ministerpr&auml;sident von Nordrhein-Westfalen, profiliert sich als Arbeiterf&uuml;hrer, er macht Vorschl&auml;ge f&uuml;r eine Verl&auml;ngerung des Arbeitslosengelds. Zwischen Merkel und R&uuml;ttgers gibt es Streit, Merkel beklagt sich &uuml;ber R&uuml;ttgers. Das l&auml;uft zwar der g&auml;ngigen Meinung zuwider, f&uuml;r den Erfolg einer Volkspartei sei Geschlossenheit das Wichtigste, aber es hilft der Profilierung. Im Konflikt mit R&uuml;ttgers genauso wie im Konflikt mit der CSU.\n<\/li>\n<li>Angela Merkel profiliert sich als Klimasch&uuml;tzerin. Sie reist zum Nordpol und empf&auml;ngt Al Gore. Das kostet nichts. Ansonsten werden Stra&szlig;en gebaut, Autobahnen privatisiert und erweitert und die Bahn aus der Verpflichtung entlassen, die &ouml;kologisch wichtige fl&auml;chendeckende Versorgung sicherzustellen. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung f&uuml;r Pkws und die naheliegende und notwendige Kerosinbesteuerung f&uuml;r Flugzeuge gibt es in Deutschland auch nicht.\n<\/li>\n<li>Die Bundeskanzlerin profiliert sich als Menschenrechtlerin, beklagt sich &uuml;ber China, empf&auml;ngt den Dalai Lama und parliert mit Alice Schwarzer &ndash; alles wichtige Signale mit Blick auf bisher der Union wenig geneigte Zielgruppen.\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Image-Erweiterung der Union seit dem Leipziger Parteitag vom Dezember 2003 ist professionell gemacht und sehr erfolgreich. Es waren zwar auch einige sachliche Korrekturen notwendig wie etwa beim Arbeitslosengeld I, aber diese Korrekturen betrafen nie den Kern der eigenen Position. Trotzdem  hat es die Union erreicht, dass gesagt und geglaubt wird, Angela Merkel und ihre Partei h&auml;tten sich von Leipzig wegbewegt, der Dresdner Parteitag von 2007 habe die &bdquo;R&uuml;ckwende zum Sozialen&ldquo; eingeleitet, wie die FAS schreibt.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Das geht so weit, dass einige Wissenschaftler und auch Vertreter der Jungen Union warnend von einer Sozialdemokratisierung der Union sprechen. Und Friedrich Merz gei&szlig;elt den angeblichen Linksruck der Union. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p>\n<p>Doch all das ist nicht das Spiegelbild der faktischen Politik, es sind Ergebnisse von Meinungsmache. Die politische Realit&auml;t ist gekennzeichnet von Mehrwertsteuererh&ouml;hung und Unternehmensteuersenkungen, von Privatisierung und Ausverkauf, von H&auml;rte gegen&uuml;ber den Schw&auml;cheren, von der Auslieferung unserer Universit&auml;ten an die Wirtschaft und von Rettungsschirmen f&uuml;r die Gro&szlig;en der Finanzindustrie. An der Agenda 2010 wird nur verbal ger&uuml;ttelt. Tats&auml;chlich stehen vermutlich neue Reformen dieser Art ins Haus. Tats&auml;chlich hat die Regierung Merkel nichts getan zur besseren Kontrolle von Hedgefonds und der anderen gro&szlig;en Finanzgruppen. Ganz im Gegenteil: Sie werden weiter gef&ouml;rdert. Man hat den Eindruck, dass die Finanzwirtschaft nicht nur nahe am Ohr des sozialdemokratischen Finanzministers, sondern auch an dem der Bundeskanzlerin ist.<\/p>\n<p><em>&bdquo;Ist Leipzig Geschichte?&ldquo;<\/em> fragte die Zeit in einem Bericht &uuml;ber den Dresdner Parteitag.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Der Vorsitzende des Wirtschaftsrats der Union, Kurt Lauk, antwortete: &bdquo;So ein Quatsch!&ldquo; Eine Abkehr von Leipzig? &bdquo;Schauen Sie doch mal in den Leitantrag, den die CDU auf diesem Parteitag verabschiedet hat!&ldquo; Der sei ein Spiegelbild der Forderungen des Wirtschaftsrats. Das w&uuml;rde man bei der ganzen Sozialrhetorik blo&szlig; nicht so mitbekommen, berichtete die Zeit.<\/p>\n<p>An den &Auml;u&szlig;erungen und Aktionen eines der Strategen der Union, von Heiner Gei&szlig;ler, werden die Konzeption und der Erfolg der Strategie des breiten Auftritts besonders deutlich: So ist Gei&szlig;ler zum Beispiel 2007 der Organisation attac beigetreten und hat wenig sp&auml;ter verlautbart, die Ziele von attac und von Angela Merkel seien identisch. Damit hat er den Aktionsradius der Bundeskanzlerin erweitert und ihr ein Terrain von Personen und Gruppen zug&auml;nglich gemacht, das ihr und der Union bisher verschlossen war.<\/p>\n<p>Gei&szlig;ler betreibt diese Strategie zur Image-Erweiterung f&uuml;r seine Partei konsequent und mit bemerkenswerter Phantasie. In einem Interview mit der S&uuml;ddeutschen Zeitung beispielsweise sagte er, Schr&ouml;der habe mit der Agendapolitik die Seele der SPD verkauft, die Agenda 2010 habe Millionen Menschen enteignet und arm gemacht, und es sei Schr&ouml;der und nicht Oskar Lafontaine, der daf&uuml;r gesorgt habe. Der Kapitalismus sei nicht die Wirtschaftsform des Grundgesetzes, meinte Gei&szlig;ler, er k&ouml;nne sich einen humanen Sozialismus vorstellen; seine Parole f&uuml;r die Union w&auml;re &bdquo;Solidarit&auml;t statt Kapitalismus&ldquo;.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Nach der Lekt&uuml;re solcher S&auml;tze wundere ich mich nicht mehr sehr dar&uuml;ber, dass ein so kritischer Zeitgenosse wie G&uuml;nter Wallraff sagt, er stimme heute in vielen Dingen politisch mit Heiner Gei&szlig;ler &uuml;berein.<\/p>\n<p>Dass auch G&uuml;nter Wallraff von R&uuml;ttgers &bdquo;sozialen Vorschl&auml;gen&ldquo; spricht, zeigt, wie erfolgreich die Imagepr&auml;gung ist.<br>\nWelche Politik tats&auml;chlich realisiert wird, zeigen dagegen die unverbl&uuml;mten &Auml;u&szlig;erungen von Innenminister Wolfgang Sch&auml;uble:<\/p>\n<blockquote><p><em>CDU-Pr&auml;sidiumsmitglied Wolfgang Sch&auml;uble sagte, das Thema soziale Gerechtigkeit sei zwar bedeutsam, m&uuml;sse aber &sbquo;in der globalen Perspektive&rsquo; gesehen werden. Der Bundesinnenminister f&uuml;gte hinzu: &sbquo;Nat&uuml;rlich ist die Spanne zwischen denen, die bei uns nicht ruhig schlafen k&ouml;nnen, weil sie f&uuml;r ihr ererbtes Millionenverm&ouml;gen Steuern zahlen m&uuml;ssen, und denen, die mit Hartz IV auskommen sollen, gewaltig. Aber wenn wir uns anschauen, wie die Lebenschancen f&uuml;r Chinesen, f&uuml;r Inder oder f&uuml;r S&uuml;damerikaner sind, relativiert sich das.[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Gei&szlig;ler ist ein exzellentes Demonstrationsobjekt f&uuml;r die Strategie, eine Volkspartei breiter aufzustellen. Man hat den Eindruck, die Medien und die sonstigen Beobachter vor allem in der Wissenschaft haben ihre Freude an dieser gekonnten Wahlkampfstrategie. Die eigentlichen Gr&ouml;&szlig;en im Hintergrund, die Vertreter des Wirtschaftsrats der Union und der Wirtschaft insgesamt, wissen sehr genau, dass es in ihrem Interesse ist, wenn die Union ihr Image in Richtung Soziales und &Ouml;kologisches erweitert und zugleich mit wenigen Abstrichen jene Politik macht, die in ihrem und insbesondere im Interesse der nationalen und internationalen Finanzwirtschaft ist.<\/p>\n<p><strong><em>Zweitens: Neue Koalitionsoptionen erschlie&szlig;en<\/em><\/strong><br>\nGelingt diese Strategie zur breiten personellen und programmatischen Aufstellung und die gezielte Ansprache des Multiplikatoren- und W&auml;hlerpotentials links von der Union, ist damit zugleich die Grundlage f&uuml;r eine neue Koalitionsstrategie geschaffen, die in Hamburg schon realisiert worden ist: Die Verbreiterung des Images zielt auch darauf, die Bildung von schwarz-gr&uuml;nen Koalitionen zu erleichtern f&uuml;r den Fall, dass es mit der FDP alleine nicht reicht. Um schwarz-gr&uuml;ne Koalitionen zu erm&ouml;glichen, m&uuml;ssen Br&uuml;cken im &ouml;kologischen und im sozialen Bereich geschlagen werden. Die Doppelstrategie der Union, einerseits die Sozialdemokratie voll f&uuml;r die Agenda 2010 und die unseligen Reformen haftbar zu machen und andererseits mit Hilfe von R&uuml;ttgers, Gei&szlig;ler und der CSU selbst ein soziales Image aufzubauen, dient diesem Zweck.<\/p>\n<p>F&uuml;r die einst undenkbare Koalition aus Schwarz und Gr&uuml;n haben nicht nur die genannten Personen Vorarbeit geleistet. Andere waren im Hintergrund damit besch&auml;ftigt, diese neue Koalitionsoption zu &ouml;ffnen. Zum Beispiel der fr&uuml;here Abteilungsleiter beim CDU-Vorstand und Mitarbeiter Gei&szlig;lers in dessen Zeit als Generalsekret&auml;r, Warnfried Dettling, der mit seinen Artikeln &ndash; oft in der taz &ndash; in das linke und gr&uuml;ne W&auml;hlerpotential hineinwirkt. Oder der Politikwissenschaftler Joachim Raschke, der mit mehreren Beitr&auml;gen Schwarz-Gr&uuml;n in Hamburg mit vorbereitet hat. Als besonderes Pr&auml;dikat einer schwarz-gr&uuml;nen Koalition hat Raschke herausgestellt, dass sich die beiden Parteien deutlich unterscheiden. Nach dieser neuen Theorie kommt es also bei Koalitionsbildungen nicht auf m&ouml;glichst viele Gemeinsamkeiten und Schnittmengen an, sondern man muss sich erg&auml;nzen. Wenn man dieses Argument ein paarmal herumdreht, dann wirkt es sogar schl&uuml;ssig. Jedenfalls nach einem ordentlichen Quantum Meinungsmache.<\/p>\n<p>Ohne vorbereitende Meinungsbildung w&auml;re der Br&uuml;ckenschlag von Hamburg nicht m&ouml;glich gewesen und w&auml;ren auch weitere Br&uuml;ckenschl&auml;ge nicht m&ouml;glich. Wie gro&szlig; die Rolle der Meinungsmache im Vorfeld solcher politischen Entwicklungen ist, kommt einem erst dann so richtig zu Bewusstsein, wenn man sich die Gegenseite anschaut: die Optionsverengung auf Seiten der SPD und den Niedergang der SPD und ihres Personals bei Wahlen und Umfragen.<\/p>\n<div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Eine Analyse dieser Zielgruppenplanung &ndash; sp&auml;ter &bdquo;Scheibchenmodell&ldquo; genannt &ndash; findet sich in Albrecht M&uuml;ller: <em>Willy w&auml;hlen &rsquo;72<\/em>, Annweiler 1997, S. 138 ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 26.11.2006<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Spiegel-Online vom 23.4.2008<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Die Zeit vom 4.12.2008<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 14.7.2008<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] PR inside vom 16.7.2008<\/p>\n<\/div>\n<\/li>\n<li><a name=\"l06\"><\/a><strong>Auszug aus<\/strong><br>\n<strong>Albrecht M&uuml;ller: Meinungsmache. Wie Wirtschaft, Politik und Medien uns das Denken abgew&ouml;hnen. Seiten 461-468<\/strong>\n<p><strong>D. Der doppelte Missbrauch des Bundespr&auml;sidentenamtes<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>\n<em>Der erfundene Bundespr&auml;sident<\/em><\/p>\n<p>Der Kommentator des ZDF Peter Frey nannte den R&uuml;cktritt Horst K&ouml;hlers vom Amt des Bundespr&auml;sidenten &raquo;unverantwortlich&laquo; und merkte an, hier habe sich best&auml;tigt, was mancher von Beginn an bef&uuml;rchtet habe, dass &raquo;hier einer im Jahr 2004 zum Bundespr&auml;sidenten gemacht worden war, der ins Amt nicht passte&laquo;. Heute, am Tag des R&uuml;cktritts, habe er auch jene in Stich gelassen, die ihn &raquo;erfunden&laquo; h&auml;tten.<\/p>\n<p>Warum ist er dann zum Bundespr&auml;sidenten gemacht worden?<br>\nWarum ist er &raquo;erfunden&laquo; worden? Warum versagt die Personalauswahl der Politiker so fundamental? Das ist leicht zu erkl&auml;ren, wenn man verstanden hat, welche hinrei&szlig;ende Macht die Meinungsmacher haben. Angela Merkel und Guido Westerwelle wollten auch mit der Wahl K&ouml;hlers die schwarz-gelbe Koalition vorbereiten, und sie konnten sich 2004 der geballten Macht des Boulevards, vieler seri&ouml;ser Tageszeitungen und der meisten Kan&auml;le im Fernsehen so sicher sein, dass bei der Suche nach einem Bundespr&auml;sidenten-Kandidaten nicht unbedingt auf Qualit&auml;t geachtet werden musste. <\/p>\n<p>Es war in den Bonner Ministerien bekannt, dass Horst K&ouml;hler kein besonders qualifizierter &Ouml;konom ist. Es war bekannt, dass Horst K&ouml;hler als Staatssekret&auml;r im Bundesfinanzministerium an der fragw&uuml;rdigen und teuren Entscheidung beteiligt war, die ostdeutschen Banken an die westdeutschen zu verscherbeln. Es war bekannt, dass von K&ouml;hler wenig geistige Anst&ouml;&szlig;e zu erwarten waren. Gerade das ist es aber, womit ein Bundespr&auml;sident punkten und etwas bewegen kann und wof&uuml;r Deutschland ihn eigentlich gebraucht h&auml;tte. Was h&auml;tte Bundespr&auml;sident K&ouml;hler nicht alles ansto&szlig;en k&ouml;nnen:<\/p>\n<ul>\n<li>eine Debatte &uuml;ber das Ungl&uuml;ck und die soziale und private Verunsicherung von Millionen Menschen, die in seiner Amtszeit in prek&auml;re Arbeitsverh&auml;ltnisse entlassen wurden,<\/li>\n<li>eine Debatte &uuml;ber die immer skandal&ouml;ser werdenden Einkommens- und Verm&ouml;gensunterschiede,<\/li>\n<li>eine Debatte &uuml;ber den zynischen Umgang der &raquo;Oberschicht&laquo; mit der &raquo;Unterschicht&laquo;. <\/li>\n<\/ul>\n<p>K&ouml;hler hat nicht eingegriffen, er hat nicht einmal seine Stimme erhoben, als sich beispielsweise Westerwelle und Sarrazin mit zynischen Einlassungen &uuml;ber die Unterschicht, &uuml;ber Zuwanderer und &uuml;ber t&uuml;rkische Muslime zu profilieren suchten; K&ouml;hler ist auch nicht dem Philosophen Peter Sloterdijk in die Parade gefahren, als dieser den Sozialstaat als &raquo;institutionalisierte Kleptokratie&laquo; gei&szlig;elte und den falschen Eindruck erweckte, der Staat w&uuml;rde den Spitzenverdienern immer mehr abverlangen.<br>\nGerade w&auml;hrend der Amtszeit von Bundespr&auml;sident K&ouml;hler h&auml;tten die Schw&auml;chsten in unserer Gesellschaft einen Schutzengel gebraucht, einen, der sie wenigstens mit Worten &ouml;ffentlich in Schutz nimmt. Fehlanzeige. Horst K&ouml;hler schlug sich auf die Seite der M&auml;chtigen und scheute auch nicht vor fragw&uuml;rdigen Verkn&uuml;pfungen mit ihnen zur&uuml;ck. Er lie&szlig; sich von der Bertelsmann Stiftung ein &raquo;Forum Demographischer Wandel des Bundespr&auml;sidenten&laquo; aushalten. Als erfahrener Politiker muss man wissen, dass Bertelsmann in der Debatte um den demographischen Wandel &ndash; wie auch bei anderen wichtigen Themen &ndash; ideologisch und finanziell parteilich ist, die Interessen der Wirtschaft und der Privatvorsorger vertritt und deshalb nicht neutral beraten kann. Zu dieser Einseitigkeit passt auch, dass Horst K&ouml;hler als Chef des Bundespr&auml;sidialamtes den ehemaligen Chef des Finanzkonzerns W&uuml;stenrot, Gert Haller, als &raquo;Ein-Euro-Mann&laquo; engagierte, was sparsam klingt, aber mindestens anr&uuml;chig ist.<\/p>\n<p>Auf Neutralit&auml;t hat Bundespr&auml;sident K&ouml;hler nicht geachtet. Er hat der Wirtschaft und den Arbeitgebern deutlich zu erkennen gegeben, dass sie sicher sein k&ouml;nnen, einen der ihren im Bundespr&auml;sidialamt plaziert zu haben. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang war eine vielbeachtete Rede K&ouml;hlers auf dem Arbeitgeberforum am 15. M&auml;rz 2005, neun Monate nach Amtsantritt.<\/p>\n<p>Die vorgetragenen L&ouml;sungsvorschl&auml;ge waren einseitig und orthodox wirtschaftsliberal, so wie es sein Publikum h&ouml;ren wollte. Jedenfalls machte der damalige Bundespr&auml;sident auch bei dieser Gelegenheit klar, dass er keineswegs der Pr&auml;sident aller Deutschen ist.<br>\nK&ouml;hlers fachliche Mittelm&auml;&szlig;igkeit, seine Ideenlosigkeit, seine Einseitigkeit zugunsten der finanziell Potenten, seine unkritische neoliberale Orientierung waren also bekannt. Angela Merkel, Guido Westerwelle und ihre politische Gruppierung hatten ihn dennoch, oder gerade deshalb, als Bundespr&auml;sidenten &raquo;erfunden&laquo;.<br>\nMerkel und ihre Freunde konnten sich auf das verlassen, was dann eintrat: die massive Unterst&uuml;tzung Horst K&ouml;hlers durch die Medien, von nur wenigen Ausnahmen abgesehen. Die g&auml;ngigen Medien haben ihn zugunsten von Angela Merkel und ihrer angepeilten schwarz-gelben Koalition gelobt. Das Kalk&uuml;l, das zu seiner Nominierung f&uuml;hrte, ging auf. Weil das PR-Produkt &raquo;Horst K&ouml;hler&laquo; und die Realit&auml;t seiner Amtsf&uuml;hrung dann aber deutlich nicht zur Deckung kamen und weil es K&ouml;hler offenbar nicht mehr gelang, seine Rolle zynisch mitzuspielen, zerbrach die politische Ehe Merkel-K&ouml;hler.<\/p>\n<p>F&uuml;r die meisten Menschen in Deutschland d&uuml;rften der Aufstieg Horst K&ouml;hlers und sein gespenstischer Abgang ein R&auml;tsel geblieben sein. Weil sie die M&ouml;glichkeiten der Meinungsmache nicht erkennen und deshalb f&auml;lschlicherweise immer noch davon ausgehen, in der politischen Entscheidungsfindung zur Sache wie zur Person m&uuml;sste wie im privaten Leben auf Qualit&auml;t geachtet werden.<\/p>\n<p><em>Missbrauch im Selbstversuch: Gauck<\/em><\/p>\n<p>&Auml;hnlich liegt der Fall Gauck. Seine &uuml;berragende Popularit&auml;t, die er im Laufe seiner Kandidatur zum Bundespr&auml;sidenten innerhalb k&uuml;rzester Zeit erreichte, ist nicht die Folge seiner besonderen Qualit&auml;t, sondern die Folge einer Kampagne mit defi nierten Zielen und unterschiedlichen Ausrichtern. Der Kandidat Joachim Gauck wurde nicht im &uuml;blichen inneren Willensbildungsprozess der ihn nominierenden Parteien SPD und Gr&uuml;ne gefunden. Der Vorschlag kam vom Chefredakteur des Springerblattes &raquo;Welt&laquo;.<br>\nDie &raquo;Financial Times Deutschland&laquo; beschreibt am 20. Juni 2010 den Vorgang und die Umst&auml;nde so:<br>\n&raquo;Inzwischen geben die rot-gr&uuml;nen Parteigranden sogar ehrlich zu, wer sie auf die Idee mit dem Kandidaten Joachim Gauck gebracht hat: Thomas Schmid war es, Chefredakteur der &rsaquo;Welt&lsaquo; aus dem Verlag Axel Springer. Als Gaucks Kandidatur dann offiziell war, jubelten &rsaquo;Welt&lsaquo; und &rsaquo;Bild&lsaquo; (&raquo;Yes, we Gauck&laquo;) so demonstrativ und laut, dass Kanzlerin Angela Merkel mehrmals zum Telefonh&ouml;rer griff, um sich bei Verlegerin Friede Springer zu erkundigen, was denn mit ihrem Verlag los sei.&laquo;<\/p>\n<p>Der Vorschlag war also offensichtlich mit dem Versprechen verbunden, dass die involvierten Medien bei der Kampagne helfen w&uuml;rden. Ob Joachim Gauck am Anfang oder zwischendurch hoffte, gew&auml;hlt zu werden, ist schwer zu sagen. Die Aussichten waren von vornherein gering, so dass man bei n&uuml;chterner Betrachtung die Kandidatur nur zum geringsten Teil als ernsthafte Kandidatur zum Erreichen dieses Amtes betrachten kann. Das gilt f&uuml;r die Person Gauck wie auch f&uuml;r die ihn nominierenden Parteien SPD und Gr&uuml;ne. Auch sie konnten nicht ernsthaft erwarten, diesen Kandidaten durchbringen zu k&ouml;nnen. Sie hatten &ndash; wie auch Gauck &ndash; andere Motive:<br>\nErstens wollten SPD und Gr&uuml;ne die Union und die FDP vorf&uuml;hren, indem sie mit dieser Kandidatur, mit der medial gemachten Begeisterung f&uuml;r Gauck und der publizistisch gesch&uuml;rten Erwartung seiner m&ouml;glichen Wahl dokumentierten, dass Schwarz-Gelb nicht einmal eine Mehrheit f&uuml;r die Wahl des Bundespr&auml;sidenten zusammenbekommt. Zumindest bis zur Wahl des neuen Bundespr&auml;sidenten Wulff hat diese Spekulation funktioniert. Zweitens wollte Gauck und wollten zumindest die SPD und die ihn unterst&uuml;tzenden Medien die Linkspartei blo&szlig;stellen. Diese Rechnung ging einigerma&szlig;en auf. Es wurde &uuml;ber alle m&ouml;glichen Kan&auml;le die Botschaft plaziert, die Linkspartei habe sich noch nicht von ihrer undemokratischen SED-Vergangenheit gel&ouml;st.<br>\nDas sehe man daran, dass sie nicht einmal im dritten Wahlgang bereit war, den Kandidaten Gauck zu unterst&uuml;tzen. Diese Botschaft wurde unentwegt verbreitet, obwohl unter normal denkenden erwachsenen Menschen eigentlich klar sein musste, dass man keiner Partei zumuten kann, einem Kandidaten ohne jegliche vorherige Beratung und &Uuml;bereinkunft zuzustimmen und den Kandidaten auch dann zu unterst&uuml;tzen, wenn er penetrant und unfreundlich jene in der Linkspartei angriff, die ihn w&auml;hlen sollten.<\/p>\n<p>Das alles ist eine absurde Konstellation und zugleich ein ausgezeichnetes Studienobjekt zur Bedeutung und zu den M&ouml;glichkeiten der Meinungsmache: Man kann, wenn man die notwendige Meinungsmacht, also Geld und publizistische Kraft, besitzt, aus einer Zumutung eine selbstverst&auml;ndliche und glaubw&uuml;rdige Forderung machen. Wie nachhaltig die Zielsetzung wirkt, die Linkspartei als undemokratisch und noch nicht in der Bundesrepublik Deutschland angekommene Partei zu stigmatisieren, l&auml;sst sich an vielen Medienereignissen und &Auml;u&szlig;erungen von Politikerinnen und Politikern auch nach der Bundespr&auml;sidentenwahl belegen. Die Kandidatur Gaucks und seine zynische Selbstinstrumentalisierung und Instrumentalisierung durch Rot-Gr&uuml;n und die sie unterst&uuml;tzenden Medien werden vermutlich Jahre nachwirken.<\/p>\n<p>Der Kandidat Gauck passte inhaltlich nicht sonderlich zur Mehrheit der Wahlfrauen und Wahlm&auml;nner des roten und des gr&uuml;nen Lagers. Er hat wenig Gesp&uuml;r f&uuml;r die gro&szlig;en sozialen Probleme unserer Gesellschaft. Soziale Gerechtigkeit ist f&uuml;r ihn kein vorrangiges Ziel. Er ist nach eigenem Bekenntnis ideologisch auf den Begriff &raquo;Freiheit&laquo; fixiert, ohne auch nur andeutungsweise zu fragen, welche Bedingungen zu einem Leben in Freiheit geh&ouml;ren &ndash; n&auml;mlich die &ouml;konomische und soziale Basis zu besitzen, um Freiheit &uuml;berhaupt leben zu k&ouml;nnen.<br>\nGauck wei&szlig; offensichtlich wenig von der Bedrohung der Demokratie in Deutschland durch die Konzentration von Medienmacht und dem hohen Potenzial von Agitation und Manipulation, das wir heute vorfinden und deren Profiteur der Kandidat Gauck war. Jedenfalls h&auml;tte ein auch nur einigerma&szlig;en aufgeweckter Wahlmann und eine gleicherma&szlig;en tickende Wahlfrau des rot-gr&uuml;nen Lagers in Kenntnis der inhaltlichen Vorstellungen dieses Kandidaten verzweifeln m&uuml;ssen. Sie mussten es aber nicht, denn f&uuml;r einigerma&szlig;en mit Durchblick gesegnete Personen mussten das dargebotene taktische Spiel, das hier mit dem Kandidaten betrieben wurde, und auch die Chancenlosigkeit des Spiels erkennbar<br>\nsein. Die Wahlfrauen und Wahlm&auml;nner der SPD und von den Gr&uuml;nen konnten also genie&szlig;en, dass man aus einem fragw&uuml;rdigen Kandidaten einen angenehmen Kandidaten machen kann, wenn man die notwendige Kampagnenkraft besitzt. Das ist im Fall Gauck gelungen.<\/p>\n<p>Der Fall Gauck eignet sich zum Studium und zum Beleg einiger der im Buch beschriebenen Methoden der Meinungsmache. So ist Gaucks schneller Gewinn an Popularit&auml;t leicht erkl&auml;rbar, wenn man verstanden hat, dass eine Botschaft, im konkreten Fall die Botschaft &raquo;Der Kandidat Gauck ist ausgezeichnet&laquo;, dadurch glaubhaft wird, dass sie aus verschiedenen politischen und medialen Ecken kommt. Gauck wurde von wirtschaftsnahen Kr&auml;ften, von Konservativen aus der Leserschaft der Medien des Springerkonzerns und von liberalen Kr&auml;ften unterst&uuml;tzt, und er war von Rot und Gr&uuml;n nominiert worden, also von zwei Parteien, die von einer Mehrheit vermutlich immer noch eher links eingeordnet werden. Er galt damit als &uuml;berparteilich.<\/p>\n<p>Seine Popularit&auml;t wurde zudem dadurch gef&ouml;rdert, dass den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern erz&auml;hlt wurde, es gebe im Internet eine &uuml;berw&auml;ltigende Zustimmung f&uuml;r den Kandidaten Gauck. Das konnten Menschen ohne Internetzugang nicht nachpr&uuml;fen, andere hatten weder Zeit noch Mu&szlig;e, diese angebliche Welle der Sympathie aufzusp&uuml;ren. Sie ist zudem au&szlig;erordentlich schwer messbar. Aber eines ist sicher, von den Mitarbeitern der PRAgentur Scholz &amp; Friends wurde die Zustimmung im Netz organisiert.<br>\nIch zitiere die Internet-Ausgabe der &raquo;WAZ&laquo;, &raquo;derwesten.de&laquo;, vom 7. Juni 2010: &raquo;Joachim Gauck ist Liebling der Netzgemeinde<br>\n&laquo; &hellip; &raquo;Die weitaus meisten Pro-Gauck-Initiatoren im Netz haben allerdings keinen parteipolitischen Hintergrund. Oft z&auml;hlen sie aber zu Meinungsf&uuml;hrern im Netz, die das Kampagnen Gesch&auml;ft gut verstehen. Zum Beispiel Nico Lumma von der Werbeagentur Scholz &amp; Friends. Er hat mit &rsaquo;Wir f&uuml;r Gauck&lsaquo; eine Online-Petition ins Netz gestellt, die bis Montagnachmittag &uuml;ber 700 Mitzeichner hatte.&laquo; F&uuml;r Joachim Gauck ist also durchschaubar gut organisiert im Internet getrommelt worden. Die Internetkommunikation &uuml;ber den Kandidaten und die gezielt verbreitete Stimmung wurden dann wiederum genutzt, um die Menschen ohne Internetzugang zu beeindrucken. Zur Unterst&uuml;tzung von Joachim Gaucks Popularit&auml;t wurden Umfragen veranstaltet, deren Ergebnisse man dann wieder einsetzte, um seine Popularit&auml;t zu f&ouml;rdern.<\/p>\n<p><em>Schmierentheater mit einem aparten Abgang des Hauptdarstellers.<\/em><\/p>\n<p>Mit einem sehr geringen Anstandsabstand von 31 Tagen hat der Kandidat Gauck einen kleinen Tribut an jene gezahlt, die ihn bei der Kandidatur unterst&uuml;tzt haben. Er tritt ab dem 31. Juli 2010 als Werber f&uuml;r die &raquo;FAZ&laquo; auf &ndash; vor dem Schlo&szlig; Bellevue, dem Amtssitz des Bundespr&auml;sidenten, sitzend montiert und versehen mit dem gel&auml;ufi gen Werbemotto der &raquo;FAZ&laquo; &raquo;Dahinter steckt ein kluger Kopf&laquo;.<\/p>\n<p>Interessant daran ist zweierlei: zum Ersten der &auml;u&szlig;erst geringe Abstand zur Bundespr&auml;sidentenwahl, womit dieser Wahlgang und die Kandidatur Joachim Gaucks ein Gschm&auml;ckle von Kommerz bekommen. Er und die werbetreibende Agentur samt &raquo;FAZ&laquo; nutzen die verbliebene Popularit&auml;t so schnell wie m&ouml;glich, und sie nutzen die Verkn&uuml;pfung mit dem Schloss Bellevue, dem Sitz des Bundespr&auml;sidenten. Zum Zweiten entlohnt der Kandidat Gauck mit diesem Schritt die Werbeagentur Scholz &amp; Friends, deren Mitarbeiter Nico Lumma die Petition &raquo;Wir f&uuml;r Gauck&laquo; ins Netz gestellt hatte. Wissen sollte man noch, dass die Agentur Scholz &amp; Friends auch lange f&uuml;r die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft gearbeitet hat.<\/p>\n<p>So schlie&szlig;en sich die Kreise. Immer im Dienste von Meinungsmache zugunsten von politischen und personellen Entscheidungen, die den Herrschenden zupass kommen. Im konkreten Fall geht es bei diesen Fall wie auch langfristig um die Verhinderung einer politischen Option diesseits der rechtskonservativen Meinungsmacht.\n<\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<li><a name=\"l07\"><\/a><strong>Fremdbestimmte SPD<\/strong><br>\n<a href=\"upload\/pdf\/091007_LP_Meinungsmache_351-354_Fremdbestimmte_SPD.pdf\">Mehr &hellip; [PDF &ndash; 80 KB]<\/a><\/li>\n<li><a name=\"l08\"><\/a><strong>Kapitel 13<br>\nDie Verarmung des Staates als strategischer Hebel<\/strong>\n<p>Im Jahr 1973 berichtete mir ein Freund, der kurz zuvor in den Bundestag gew&auml;hlt worden war, in seinem Wahlkreis sei er massivem Druck wegen der hohen Abz&uuml;ge an Sozialabgaben und Steuern ausgesetzt. Als Abgeordneter der gr&ouml;&szlig;eren Regierungspartei w&uuml;rde er deshalb heftig attackiert. Heute w&uuml;rde man sich dar&uuml;ber nicht wundern; deshalb muss ich kurz den Hintergrund erkl&auml;ren:<\/p>\n<p>Wir hatten beide in der SPD-Steuerreformkommission mitgearbeitet, die unter dem Vorsitz des damaligen Entwicklungshilfeministers, Erhard Eppler, konkrete Vorschl&auml;ge erarbeitet und diese im November 1971 vorgelegt hatte. Als erstes von vier Zielen war darin vorgegeben:<\/p>\n<p>&raquo;Insgesamt soll die Steuerreform eine bessere Versorgung unserer Bev&ouml;lkerung mit Leistungen, die nur noch die &ouml;ffentliche Hand erbringen kann, erm&ouml;glichen.&laquo;<\/p>\n<p>Ganz selbstverst&auml;ndlich ging man damals davon aus, dass die Bev&ouml;lkerung zus&auml;tzliche &ouml;ffentliche Leistungen braucht. Es gab in Deutschland einen riesigen Nachholbedarf bei Bildung, beim Ausbau der Infrastruktur, beim Umweltschutz, bei der Wasserversorgung und beim St&auml;dtebau. Die Kommission formulierte mit Bedacht, dass dieser zuallererst in der Regie der von den B&uuml;rgern bestellten &ouml;ffentlichen H&auml;nde befriedigt werden k&ouml;nnte. Sie pl&auml;dierte f&uuml;r eine bessere Versorgung der Bev&ouml;lkerung mit (diesen) &ouml;ffentlichen Leistungen.<\/p>\n<p>Dies sah &uuml;brigens nicht nur die Kommission unter Eppler so. Auch eine Kommission unter dem Vorsitz des sp&auml;teren Bundeskanzlers Helmut Schmidt, linker Umtriebe wahrlich nicht verd&auml;chtig, die sogenannte Langzeitkommission, hatte ein Jahr nach dem Beschluss der Steuerreformkommission im Juni 1972 gefordert, der Anteil der &ouml;ffentlichen Ausgaben am Bruttosozialprodukt solle von damals 29 Prozent auf 34 Prozent im Jahr 1985 angehoben werden. Priorit&auml;t sollten die Ausgaben f&uuml;r Bildung und Wissenschaft sowie f&uuml;r Verkehr und St&auml;dtebau haben. Der Anteil der Ausgaben f&uuml;r Bildung und Wissenschaft sollte von 4,1 Prozent im Jahr 1972 auf 7,6 Prozent des Bruttosozialproduktes 1985 steigen.<\/p>\n<p>Heute verstehen auch Menschen, die keine Vorurteile gegen&uuml;ber staatlicher T&auml;tigkeit haben, solche ehrgeizigen Ziele f&uuml;r die Anhebung der &ouml;ffentlichen Verantwortung nicht. So wirkt sich der Stimmungswandel aus. Was sachlich richtig ist, was notwendig ist, wird durch die Stimmung nicht abgebildet. H&auml;tten wir nur ein bisschen davon realisiert und pragmatisch angegangen, was damals an Vorstellungen &uuml;ber mehr &ouml;ffentliche Verantwortung entwickelt wurde, dann h&auml;tten wir heute weniger Sorgen wegen der M&auml;ngel bei Ausbildung und Bildung zum Beispiel und wegen einer abenteuerlich schlechten Integration jener Menschen und ihrer Kinder, die wir selbst als Aussiedler und Gastarbeiter nach Deutschland geholt haben.<\/p>\n<p>Jene zitierten Personen und politischen Gruppierungen, die vor &uuml;ber 30 Jahren f&uuml;r eine Erweiterung des Angebots von &ouml;ffentlichen Leistungen warben und entsprechende programmatische Texte entwarfen, waren nicht gepr&auml;gt von irgendeiner ideologisch begr&uuml;ndeten Staatsverg&ouml;tterung. Auch die Vorstellung, die Vergesellschaftung als solche l&ouml;se unsere Probleme, spielte allenfalls in kleinen Zirkeln am Rande eine Rolle. Eher rationale Abw&auml;gungen standen im Vordergrund: Man wusste, dass manches Gut und manche Dienstleistung sinnvollerweise vom Staat produziert und zur Verf&uuml;gung gestellt wird, weil das die &ouml;konomischste Art der Produktion ist, wenn Wettbewerb wegen der Unteilbarkeit der Produktionsweisen nicht m&ouml;glich oder nur mit Kr&uuml;cken konstruierbar ist. Und weil die Leistung in &ouml;ffentlicher Regie auch noch die fairste ist.<\/p>\n<p>Der Satz &raquo;Nur Reiche k&ouml;nnen sich einen armen Staat leisten&laquo;, der damals in &ouml;ffentlichen Debatten eingesetzt wurde, gr&uuml;ndete nicht auf Staatsverg&ouml;tterung, sondern auf der n&uuml;chternen Einsch&auml;tzung, dass die gro&szlig;e Mehrheit und insbesondere die Schw&auml;cheren ohne staatliche T&auml;tigkeit auf ziemlich verlorenem Posten stehen. Nur die etwas Bessergestellten k&ouml;nnen sich die erg&auml;nzende Privatvorsorge zur Altersvorsorge leisten. Die anderen bleiben auf der Strecke; wenn sie &auml;lter werden, droht ihnen Altersarmut.<\/p>\n<p>Arme und Normalverdiener k&ouml;nnen sich Privatschulen kaum leisten. Und private Krankenkassen auch nicht. Spitzenverdiener wohnen in der Regel nicht an Ausfallstra&szlig;en, sondern in den besseren Quartieren und k&ouml;nnen sich auch sonst Umwelt- und Verkehrsbelastungen leichter entziehen. Die gro&szlig;e Mehrheit der Menschen ist darauf angewiesen, dass der Staat, dass wir alle etwas tun, um die Belastungen zu verringern, dass wir insgesamt f&uuml;r mehr Lebensqualit&auml;t sorgen. Sogar bei Naturkatastrophen wird sichtbar, wie sehr die finanziell Schw&auml;cheren auf einen starken Staat und seine Leistungsf&auml;higkeit angewiesen sind. Den Verw&uuml;stungen des Hurrikans Katharina und seinen Folgen konnten sich die finanziell gut gestellten B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger von New Orleans wenigstens entziehen, die finanziell Schwachen konnten das nicht.<\/p>\n<p>Der inszenierte Meinungswandel gegen den Staat als Dienstleister Zwischen damals und heute liegt eine harte, die &ouml;ffentliche Meinung pr&auml;gende Kampagne gegen die &ouml;ffentliche Hand als Versorger und f&uuml;r die &Uuml;berantwortung &ouml;ffentlicher Belange an Private, f&uuml;r Entstaatlichung und gegen die Wahrnehmung &ouml;ffentlicher Aufgaben durch den Staat. Die Kampagne begann ungef&auml;hr zu der Zeit, als der erw&auml;hnte Bundestagsabgeordnete von seinen Erfahrungen im Wahlkreis berichtete. Innerhalb weniger Monate war die positive Stimmung f&uuml;r mehr &ouml;ffentliche Leistungen und f&uuml;r eine rationale Abw&auml;gung zwischen privater T&auml;tigkeit einerseits und &ouml;ffentlicher T&auml;tigkeit andererseits gekippt worden.73<\/p>\n<p>Das ist die herrschende Grundstimmung bis heute. &raquo;Der starke Staat ist schlank&laquo;, lautet die Schlagzeile &uuml;ber einem Namensartikel des FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle in der &raquo;Frankfurter Rundschau&laquo; vom 8. April 2009.<\/p>\n<p>Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat im Juni 2008 ein sogenanntes &raquo;Manifest f&uuml;r Wachstum und Besch&auml;ftigung &laquo; zur Pr&auml;sentation f&uuml;r die Bundesregierung formuliert, in dem bis zum Jahr 2020 die Reduktion der Staatsquote von rund 43 auf 35 Prozent verlangt wird. Er tut dies in der Hoffnung, mit einer solchen Forderung bei den meisten der Wirtschaft nahestehenden Personen, bei der Mehrheit der Medienschaffenden und dar&uuml;ber hinaus in einer breiten &Ouml;ffentlichkeit Zustimmung zu finden. In den K&ouml;pfen der Multiplikatoren in unserem Land ist n&auml;mlich verankert, dass Deutschland ein Land mit einem weit &uuml;berdurchschnittlich hohen Staatsanteil sei.<\/p>\n<p>Das ist aber eine T&auml;uschung: Vom Papier des BDI berichtete die &raquo;Financial Times Deutschland&laquo; am 23. Juni 2008. Drei Tage sp&auml;ter ver&ouml;ffentlichte Eurostat, das Statistische Amt der Europ&auml;ischen Kommission, Ergebnisse eines Vergleichs zur Abgabenquote in der EU im Jahr 2006.74 Danach lag die gewichtete Gesamtabgabenquote75, das hei&szlig;t das Aufkommen an Steuern und Sozialabgaben in Prozent des BIP, in Deutschland bei 39,3 Prozent und damit knapp unterhalb der 27 EU-Staaten mit 39,9 Prozent und schon immerhin um 1 Prozent unter jener der Eurozone mit 40,5 Prozent. Die Gesamtbelastung mit Steuern und Sozialabgaben in Deutschland ist nur die neunth&ouml;chste in Europa. Die Abgabenquote in Deutschland liegt niedriger als in den skandinavischen Staaten, in Belgien, in Frankreich, in Italien, in den Niederlanden und in &Ouml;sterreich. D&auml;nemarks Abgabenquote liegt fast 10 Punkte &uuml;ber der deutschen, bei 49,1 Prozent, die schwedische bei 48,9.<\/p>\n<p>Eine solche Faktenlage wie auch die Frage danach, ob es in der heutigen Zeit angesichts der unerledigten &ouml;ffentlichen Aufgaben sinnvoll ist, pauschal eine niedrigere Abgabenquote zu verlangen, interessiert einen so wichtigen Verband wie den Bundesverband der Deutschen Industrie nicht. Er agitiert weiter nach dem vor &uuml;ber 30 Jahren festgelegten Schema, und er tut dies heute auf der Basis einer staatsfeindlichen Grundstimmung, die in diesen Kreisen Fu&szlig; gefasst hat. &raquo;Hassfigur Vater Staat&laquo; &uuml;berschreibt sogar das &raquo;Handelsblatt&laquo; einen Bericht zu einer &raquo;Road Show&laquo; stramm neoliberaler europ&auml;ischer &raquo;Denkfabriken&laquo; und Institute in Berlin unter F&uuml;hrung des Wiener Hayek-Instituts. &raquo;Die Marktidee ist in Deutschland aus dem Leben verschwunden&laquo;, kann die Generalsekret&auml;rin dieses Instituts dort erkl&auml;ren, ohne ausgelacht zu werden. Das ist die radikale, die Realit&auml;t ausblendende Agitation, auf der dann solche Gew&auml;chse wie das Manifest des BDI und seine Forderung nach weiterer Entstaatlichung gedeihen. Zur Entwicklung der Staatsquote zwischen 1960 und 2008 Die folgende Tabelle zeigt, wie sich die sogenannte Staatsquote zwischen 1960 und 2008 ver&auml;ndert hat. Das ist eine amtliche Tabelle des Bundesministeriums der Finanzen. Das Verst&auml;ndnis von Staatsquote weicht ab vom Begriff, der beim zitierten internationalen Vergleich zugrunde gelegt wurde. Das mindert jedoch nicht die Aussagekraft dieser Tabelle, weil es hier auf einen zeitlichen Vergleich in Deutschland ankommt. &raquo;Die Regierung definiert die Staatsquote als statistische Gr&ouml;&szlig;e, in der Ausga ben von Bund, L&auml;ndern und Gemeinden sowie der Sozialversicherung in Bezug zum nominalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) gesetzt werden.<\/p>\n<p>&laquo; So hei&szlig;t es in einer Meldung des Deutschen Bundestages vom 4. August 2008. &raquo;Eine sinkende Staatsquote zeige an, dass die staatlichen Ausgaben langsamer zugenommen haben als das nominale BIP, eine steigende Quote signalisiere einen vergleichsweise st&auml;rkeren Ausgabenzuwachs.&laquo;<\/p>\n<p>Zum Verst&auml;ndnis ist es hilfreich, sich den gesamten Zeitablauf anzuschauen. Zwischen 1960 und 1965, also zu Adenauers und Ludwig Erhards Zeiten, stieg die Staatsquote kr&auml;ftig an. Zwischen 1970 und 1975 stieg sowohl der Anteil der Gebietsk&ouml;rperschaften als auch der Anteil der Sozialversicherungen. Dahinter stecken die gewollte Ausweitung der &ouml;ffentlichen T&auml;tigkeit in der sozialliberalen Koalition und die damaligen Reformen &ndash; vermutlich aber auch die Stagnation des Bruttoinlandsproduktes, also des Nenners dieser Quote, nach der ersten &Ouml;lpreisexplosion von 1973.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/entwicklung_staatsquote.gif\" alt=\"Entwicklung der Staatsquote\" title=\"\"><\/p>\n<p><strong>Download:<\/strong> <a href=\"upload\/pdf\/Entwicklung_der_Staatsquote.pdf\">Entwicklung der Staatsquote [PDF &ndash; 12 KB]<\/a><\/p>\n<p>Mit der konjunkturellen Belebung in der zweiten H&auml;lfte der siebziger Jahre sinkt dann die Staatsquote wieder. Das geht so weiter in der ersten Phase der Regierung Kohl. Damals war die R&uuml;ckf&uuml;hrung des Staatsanteils erkl&auml;rte politische Absicht. Mit der deutschen Vereinigung kombiniert mit dem konjunkturellen Niedergang anfangs der neunziger Jahre steigt die Staatsquote 1996 auf ihren H&ouml;chstwert von 49,3 Prozent. Seitdem geht es in Schwankungen abw&auml;rts bis zu 43,9 Prozent im Jahr 2008.<\/p>\n<p>Den konjunkturellen Einfl uss kann man auch in diesen letzten zehn Jahren beobachten: Der kleine Boom zwischen 1996 und dem Jahr 2000 lie&szlig; den Quotienten Staatsquote sinken; der Abschwung in den darauffolgenden Jahren schl&auml;gt sich sofort in einer h&ouml;heren Staatsquote nieder, die wirtschaftliche Belebung seit 2005 in Kombination mit Steinbr&uuml;cks Sparversuchen dann in einem R&uuml;ckgang der Staatsquote.<\/p>\n<p>Wenn man auf diese Tabelle des Verlaufs des Staatsanteils und des Anteils der Sozialversicherungen im Zeitraum von 47 Jahren auch noch eine Folie mit Daten zum Wohlergehen unseres Volkes legen w&uuml;rde, dann w&uuml;rde man vermutlich schnell begreifen, wie unbedeutend niedrige Staatsquoten waren und sind.<\/p>\n<p>Zu Beginn der siebziger Jahre begann die Stimmungsmache gegen staatliche T&auml;tigkeit &ndash; &uuml;brigens interessanterweise parallel, auch zeitlich parallel, zum Putsch in Chile und der dort bewusst und unter Einfl uss der neoliberalen Chicago-Schule betriebenen Verringerung der Rolle des Staates. Es f&uuml;gt sich, dass beim erw&auml;hnten aktuellen Versuch des Hayek-Instituts, die radikal neoliberalen Kr&auml;fte zu sammeln, Pinochets fr&uuml;herer Arbeitsminister Jos&eacute; Pi&ntilde;era mitmacht.<\/p>\n<p>Der Einstieg &uuml;ber die hohen Abz&uuml;ge war ausgesprochen geschickt. <\/p>\n<p>Dieses Thema erzielt noch heute die gew&uuml;nschte Wirkung.<\/p>\n<p>Wer m&ouml;chte nicht von Steuern und Abgaben entlastet werden?<\/p>\n<p>Wenn man diese Frage von den &ouml;ffentlichen Leistungen trennt, dann ist das Ergebnis klar. Der Hinweis auf die hohen 207 Abz&uuml;ge spaltet zudem die Arbeitnehmerschaft und l&auml;hmt die Gewerkschaften.<\/p>\n<p>Sie sind gezwungen, im Interesse ihrer Mitglieder f&uuml;r die Verringerung der Abz&uuml;ge einzutreten, und wissen gleichzeitig, dass &ouml;ffentliche Leistungen gerade f&uuml;r Arbeitnehmer und die Schw&auml;cheren unserer Gesellschaft lebenswichtig sind. Dieses Dilemma wird weidlich genutzt, so immer wieder von der &raquo;Bild&laquo;- Zeitung. Typisch der Kommentar in &raquo;Bild&laquo; vom 4. M&auml;rz 2008:<\/p>\n<p>&raquo;Steuer-Gier immer gr&ouml;&szlig;er!<br>\nJetzt haben wir es erneut schwarz auf wei&szlig;: Steuern und Abgaben fressen uns auf! Ob Soli, &Ouml;ko-, Mehrwert- und bald Abgeltungssteuer &ndash; die Gier des Staates wird immer gr&ouml;&szlig;er. Die Leidtragenden sind vor allem die Millionen Besch&auml;ftigten! Denn bei den L&ouml;hnen tut sich im Gegenzug nichts. Die m&auml;&szlig;igen Steigerungen sind zwar gut f&uuml;r die Bilanzen der Firmen. Aber im Geldbeutel der Arbeitnehmer kommt kein sp&uuml;rbares Plus an &ndash; die Inflation frisst alles wieder auf. Unterm Strich sind die L&ouml;hne in den letzten zehn Jahren sogar leicht gesunken. Gleichzeitig stiegen die Belastungen durch den Staat weiter an. Im Klartext: Arbeit und Flei&szlig; lohnen sich nicht wirklich. Deshalb wird es h&ouml;chste Zeit, dass die Politik Abgaben und Steuern senkt. Nur so gibt es wirklich mehr Netto f&uuml;r alle!&laquo;<\/p>\n<p>&raquo;Bild&laquo; untermauerte diesen Kommentar noch mit einem zweiten Artikel: &raquo;Steuern und Abgaben. So raubt der Staat uns aus&laquo;.<\/p>\n<p>Der Kommentator ist sinnigerweise Oliver Santen. Er kam von der Allianz zu &raquo;Bild&laquo; und betreibt dort Propaganda f&uuml;r die Privatvorsorge und gegen die gesetzliche Rente. Er ist also auch noch aktiv damit besch&auml;ftigt, f&uuml;r private Produkte wie Lebensversicherungen &agrave; la Riester und R&uuml;rup zu werben, die vom Staat hoch subventioniert sind. Dass das Geld daf&uuml;r auch vom &raquo;gierigen&laquo; Staat bei den B&uuml;rgern kassiert wird, spielt dann nat&uuml;rlich keine Rolle. Denn die daf&uuml;r notwendige Gier kommt seinen Freunden von der Finanzwirtschaft zugute.<\/p>\n<p>Sparen zu wollen ist popul&auml;r, und Schulden hinzunehmen ist unpopul&auml;r. Darauf baut eine zweite Linie der Meinungsmache gegen &ouml;ffentliche Leistungen auf. Sie erscheint uns im t&auml;glichen politischen Leben in vielen Variationen. Beliebt ist die Rolle des 208 Sparkommissars. Das ist ein Ehrentitel, den sich ein kluger PRMacher f&uuml;r den fr&uuml;heren Finanzminister Hans Eichel ausgedacht hatte; Peer Steinbr&uuml;ck versucht ihn mit allen Mitteln und ohne R&uuml;cksicht auf die konjunkturellen Gegebenheiten und dringlichen Aufgaben des Staates zu erobern. Hier wird eine der Ver&auml;nderungen sichtbar, die gravierende Auswirkungen auf die Anti-Staats-Kampagne hatten: Sozialdemokraten mauserten sich von Bef&uuml;rwortern einer Erweiterung des &ouml;ffentlichen Korridors zu Sparkommissaren.<\/p>\n<p>Selbstverst&auml;ndlich ist jeder anst&auml;ndige Mensch f&uuml;r Sparen und gegen Verschuldung; deshalb l&auml;dt dieses Thema profilierungsfreudige Jungpolitiker geradezu ein, sich seiner zu bem&auml;chtigen und dabei die Anerkennung wichtiger Meinungsf&uuml;hrer in den Medien zu ergattern: Carsten Schneider (SPD), Oswald Metzger (nacheinander SPD, Die Gr&uuml;nen, CDU), Antje Hermenau (Die Gr&uuml;nen) haben sich so profiliert und das Thema in der Diskussion gehalten.<\/p>\n<p>Wir werden st&auml;ndig und wiederum in vielen Variationen mit dem Problem zu hoher Staatsschulden konfrontiert. Wir werden vom Bund der Steuerzahler zum Blick auf die &raquo;Schuldenuhr&laquo; vor dem B&uuml;ro dieses Bundes in Berlin eingeladen. Diese Vereinigung nennt sich Bund der Steuerzahler, ist aber mehrheitlich ein Bund von Unternehmen und Freiberufl ern. Seine &raquo;Schuldenuhr&laquo;, die den Zuwachs der &ouml;ffentlichen Schulden dramatisch und optisch verwertbar anzeigt, wird von Fernsehjournalisten gerne zur Meinungsmache genutzt. So ist es gedacht und so funktioniert es.<\/p>\n<p>Die Bertelsmann Stiftung, die nicht fehlen darf, wenn es darum geht, Stimmung f&uuml;r Entstaatlichung zu machen, unterhielt uns Ende Juni 2008 mit einem Kommunalen Finanz- und Schuldenreport 2008 &uuml;ber die finanzielle Lage der Kommunen in Deutschland. In einem Bericht von &raquo;SpiegelOnline&laquo;, &uuml;ber den &raquo;Spiegel&laquo; zu 25 Prozent im Eigentum einer Bertelsmann-Tochter, hie&szlig; es zum Einstieg sch&ouml;n stimmungsmachend: &raquo;Kommunen rechnen ihre Schulden sch&ouml;n&laquo;. Sie sind &raquo;viel st&auml;rker verschuldet als angenommen&laquo;. Lobend hie&szlig; es: &raquo;Manche St&auml;dte und Gemeinden h&auml;tten sich allerdings durch den Verkauf von kommunalem 209 Eigentum &ndash; wie beispielsweise Dresden durch die Privatisierung einer Wohnungsgesellschaft &ndash; weitgehend entschuldet.&laquo; Das zeigt die Sto&szlig;richtung, die Forderung nach weniger Staat.<\/p>\n<p>Bei der stimmungmachenden Staatsschuldendebatte wird unverbl&uuml;mt ein Trick der Meinungsmache angewandt: die Ausblendung.<\/p>\n<p>Von der hohen Zunahme der Verschuldung durch die schlecht gemachte deutsche Vereinigung und die dabei begangenen teuren Untaten und Fehler spricht man nicht, obwohl es im Schnitt der neunziger Jahre j&auml;hrlich Spitzenwerte von rund 80 Milliarden Euro waren. Hier gibt es offensichtlich eine Absprache unter den Meinungsmachern in Politik und Medien. Es wird weder &uuml;ber die miserable Leistungsbilanz der Treuhand noch &uuml;ber das Verscherbeln der ostdeutschen Banken an die westdeutschen gesprochen. Das Schweigen &uuml;ber wichtige Vorg&auml;nge ist ein besonderes Mittel der Meinungsmache. Und das Schweigen &uuml;ber die Rolle der so schlecht gemachten Vereinigung der beiden Teile Deutschlands ist eines der herausragenden Beispiele daf&uuml;r.<\/p>\n<p>Zur Palette der Meinungsmache im Interesse der Reduzierung der Staatst&auml;tigkeit geh&ouml;rt weiter <\/p>\n<ul>\n<li>der wiederkehrende Vorwurf staatlicher B&uuml;rokratie,<\/li>\n<li>die Behauptung, die Manager in der Wirtschaft seien kompetent und die Politiker seien inkompetent, und<\/li>\n<li>der Vorwurf der Verschwendung.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es gibt B&uuml;rokratie, es gibt Verschwendung, es gibt inkompetente Politiker und inkompetente Verwaltungsbeamte. Aber zum einen trifft man auf diese Schw&auml;chen im privaten Sektor auch. Auch dort gibt es B&uuml;rokratien, auch dort gibt es Korruption, wie der Fall Siemens ausgiebig belegt, auch dort gibt es Inkompetenz.<\/p>\n<p>Was auf den Finanzm&auml;rkten zwischen 2001 und 2008 geschah, war entweder kriminell oder inkompetent oder beides.<\/p>\n<p>Zudem w&auml;re immer zuerst noch die Frage zu stellen, was man tun kann, um B&uuml;rokratisierung, Bequemlichkeit und Unbeweglichkeit bei der Bereitstellung &ouml;ffentlicher G&uuml;ter und Dienstleistungen abzumildern und letztlich loszuwerden. Dass dies praktisch geht, sehen wir hierzulande mittlerweile in vielen St&auml;dten und Gemeinden, in Rath&auml;usern und in Kreisverwaltungen, in 210 Landesverwaltungen und bei &ouml;ffentlichen Unternehmen. Es gibt in Deutschland inzwischen gut organisierte Verwaltungen, es gibt effizient arbeitende &ouml;ffentliche Verkehrsbetriebe und Stadtwerke.<\/p>\n<p>Und dann sollte man bei einer Bewertung noch beachten, dass wir es inzwischen mit neuen B&uuml;rokratien zu tun haben, die aus der Privatisierung wichtiger &ouml;ffentlicher Einrichtungen und Unternehmen folgen. Weil die Privatisierung der Energiewirtschaft und der Telekommunikation, der Eisenbahn und des Fernsehens beziehungsweise des H&ouml;rfunks angesichts der sogenannten Unteilbarkeiten77 zu neuen privaten Monopolen und Oligopolen f&uuml;hren, sieht man sich gezwungen, sogenannte Regulierungsbeh&ouml;rden und &ndash; im Falle des Rundfunks &ndash; Medienkontrolleure zu installieren. Damit sind nolens volens neue B&uuml;rokratien entstanden.<\/p>\n<p>Ihre Entscheidungen sind nahezu willk&uuml;rlicher Natur, und die betreibenden privaten Unternehmen bringen obendrein den Nachteil, dass sie nicht mehr &ouml;ffentlich und schon gar nicht parlamentarisch verantwortet und kontrolliert sind.<\/p>\n<p>Einige der von der &ouml;ffentlichen Hand entlassenen und privatisierten Unternehmen haben dann &uuml;brigens erst in dieser neueren befreiten Situation ihr Talent zur Verschwendung und zu abenteuerlichem Investitionsverhalten entdeckt. Die privatisierte Deutsche Telekom AG hat genauso wie die aus der direkten Kontrolle des Staates entlassene Deutsche Bahn AG die Verschwendung von finanziellen Mitteln auf den globalen M&auml;rkten f&uuml;r Beteiligungen richtig ausgekostet &ndash; der Spieltrieb der befreiten Manager vom Typ Ron Sommer und Hartmut Mehdorn konnte sich erst in dieser privatisierten beziehungsweise de facto privatisierten Konstellation richtig austoben.<\/p>\n<p>Fazit: Offensichtlich muss beim Urteil &uuml;ber die Frage &ouml;ffentlich oder privat die Scheidelinie nicht zwischen der privaten Organisation einerseits und der &ouml;ffentlichen Organisation einer Dienstleistung andererseits verlaufen. Unsinn ist bei beiden Formen des Eigentums m&ouml;glich.<\/p>\n<p>Die notwendige Debatte und Beratung dieser Probleme ist heute angesichts der Vorherrschaft der Entstaatlichungs- und 211 Privatisierungsparolen kaum m&ouml;glich. Die rationale sachliche Debatte wird &uuml;berlagert durch die Vorherrschaft einer einseitigen Meinungsmache.<\/p>\n<p>Die Propaganda gegen die staatliche T&auml;tigkeit und gegen &ouml;ffentliche Leistungen w&auml;re nicht ann&auml;hernd so wirkungsvoll wie heute, wenn sie nicht unterf&uuml;ttert und gest&uuml;tzt w&uuml;rde von politischen Entscheidungen, mit denen die Leistungsf&auml;higkeit der &ouml;ffentlichen Einrichtungen gef&auml;hrdet und verschlechtert wird &ndash; das ist hier &auml;hnlich wie bei der Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die gesetzliche Rente. Die Basis f&uuml;r die Meinungsmache wird politisch geschaffen: Man senkt die Steuern wie zum Beispiel mit der gro&szlig;en Unternehmenssteuerreform durch Rot-Gr&uuml;n und mit einem ansehnlichen Blumenstrau&szlig; von Steuersenkungen und -streichungen in Kohls Regierungszeit. Die Streichung der Verm&ouml;genssteuer und der Gewerbekapitalsteuer geht auf Kohl zur&uuml;ck; Letzteres hat die Kommunen viel Geld gekostet. Gewinner der vielen Steuersenkungsoperationen waren Unternehmen und vor allem gro&szlig;e Kapitalgesellschaften, die z.B. ihre Aktienpakete verkaufen k&ouml;nnen, ohne den dabei realisierten Gewinn zu versteuern.<\/p>\n<p>Die Mehrheit der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger war nicht unter den Gewinnern. Sie sehen aber die mangelhafte Leistung einer unterfinanzierten &ouml;ffentlichen Hand und klagen dar&uuml;ber. Das ist das, was sie lernen sollen.<\/p>\n<p>Jetzt ist ein neues Instrument zur Begrenzung der Leistungsf&auml;higkeit des Staates eingef&uuml;hrt worden. Die Politiker der gro&szlig;en Koalition haben sich die Idee einreden lassen, eine &raquo;Schuldenbremse &laquo; in die F&ouml;deralismusreform aufzunehmen und diese sogar im Grundgesetz zu verankern. Sie soll Bund, L&auml;nder und Gemeinden dazu zwingen, &uuml;ber einen Konjunkturzyklus hinweg die Haushalte ausgeglichen zu halten. Dieses Instrument ist schon makro&ouml;konomisch nicht zu verstehen, weil es eine prozyklische Politik st&auml;rkt, also die Konjunkturausschl&auml;ge insbesondere nach unten zu versch&auml;rfen droht. Es wird dazu f&uuml;hren, dass die &ouml;ffentlichen H&auml;nde dann am schlechtesten ausgestattet sind, wenn sie die Finanzmittel f&uuml;r &ouml;ffentliche Leistungen am dringendsten brauchen w&uuml;rden.78 Au&szlig;erdem wird dieses Instrument dazu f&uuml;hren, dass der Staat &ndash; und das sind wir alle &ndash; nicht mehr ausreichend f&auml;hig sein wird, neuen Bedarf an &ouml;ffentlichen Leistungen, falls es diesen gibt, ohne sehr gro&szlig;e Schwierigkeiten zu decken.<\/p>\n<p>H&auml;tte es eine solche Schuldenbremse Ende der 1960er Jahre gegeben, wir h&auml;tten den v&ouml;llig vernachl&auml;ssigten Schutz von Umwelt und Gew&auml;ssern wie auch den vernachl&auml;ssigten Hochschulbau nicht finanzieren k&ouml;nnen. Die Schuldenbremse ist ein gutes Beispiel f&uuml;r eine politische Entscheidung, die vornehmlich durch Meinungsmache in die &ouml;ffentliche Debatte und in den Entscheidungsprozess eingef&uuml;hrt wurde. Und wenn sie einmal eingef&uuml;hrt ist, dann wird sie immer wieder das Thema Sparen und Schulden am Kochen halten.<\/p>\n<p>Die Verarmung des Staates kostet uns sehr viel:<\/p>\n<p>Wir investieren nicht mehr ausreichend f&uuml;r die Zukunft<\/p>\n<p>Die &raquo;Frankfurter Rundschau&laquo; ver&ouml;ffentlichte am 10. Mai 2008 ein Interview mit dem Mitglied des Sachverst&auml;ndigenrates Peter Bofinger. Weil die Steuersch&auml;tzer &ndash; &uuml;brigens in gravierender Fehleinsch&auml;tzung der krisenhaften Entwicklung &ndash; bis zum Jahre 2012 mit Mehreinnahmen f&uuml;r die &ouml;ffentliche Hand in H&ouml;he von 100 Milliarden Euro rechneten, folgte ein Vorschlag dem andern, die Steuern zu senken. Der Bundesfinanzminister dagegen wollte lieber Schulden abbauen. Peter Bofinger wies auf die Selbstverst&auml;ndlichkeit hin, das Geld f&uuml;r Bildung und die Infrastruktur auszugeben.<\/p>\n<p>Und er nannte es typisch, dass nur die anderen Optionen zur Debatte gestellt werden: Steuern senken oder Schulden abbauen. Aus seiner Sicht hat der &raquo;&ouml;ffentliche Diskurs eine gef&auml;hrliche Unwucht&laquo;. Das ist angesichts der nunmehr jahrzehntelangen aggressiven Diskussion gegen den Staat als Fiskus und daraus folgend als Leistungstr&auml;ger kein Wunder.<\/p>\n<p>Unsere Infrastruktur wird schlechter. Kanalisationen verlottern, f&uuml;r Bildung und Ausbildung ist nicht ausreichend Geld da.<\/p>\n<p>Deutschland gibt f&uuml;r Bildung heute anteilsm&auml;&szlig;ig weniger aus als noch Mitte der neunziger Jahre. Damals standen 6,9 % des Bruttoinlandsproduktes f&uuml;r Bildung zur Verf&uuml;gung, 2006 nur noch 6,2 %, so steht es im zweiten nationalen Bildungsbericht, der im Juni 2008 bekannt wurde. Mit 6,2 % liegt Deutschland unterhalb des Durchschnitts der OECD-L&auml;nder, also der vergleichbaren Industriestaaten auf der Welt. In den Medien wird &uuml;ber die Misere berichtet, zum Beispiel in der &raquo;Berliner Zeitung&laquo; am 13. Juni 2008: &raquo;Noch immer verlassen fast 8 Prozent eines Altersjahrgangs die Schule ohne Abschluss. 40 Prozent der ehemaligen Hauptsch&uuml;ler haben nach zwei Jahren noch keine Berufsausbildung begonnen. Der Zentralverband des Handwerks h&auml;lt jeden vierten Jugendlichen f&uuml;r nicht ausbildungsf&auml;hig. Es studieren noch immer zu wenig junge Menschen; die Weiterbildung stagniert, die Benachteiligung von Migrantenkindern bleibt bestehen.<\/p>\n<p>Abhilfe ist kaum in Sicht. Laut Bildungsbericht wird der Nachwuchs an Lehrern und Erziehern immer knapper.&laquo; &raquo;Im Kern verrottet&laquo; &uuml;berschreibt der &raquo;Spiegel&laquo; einen Bericht &uuml;ber den baulichen und sonstigen Zustand unserer Hochschulen.79<\/p>\n<p>Wir wissen, was zu tun w&auml;re, und es gibt sogar &uuml;ber alle Parteien hinweg einen erstaunlichen Konsens dar&uuml;ber, dass wir mehr in die Zukunft investieren m&uuml;ssen. Die Sonntagsreden unserer Politikerinnen und Politiker sind voll von sorgenvollen Analysen und von sch&ouml;nen Spr&uuml;chen: Bildung f&uuml;r alle, Wissensgesellschaft, Wissen als Rohstoff der Zukunft, Megathema Bildung (Herzog), Bildung sei die soziale Frage des 21. Jahrhunderts, deklamierte ein CDU-Parteitag schon vor &uuml;ber zehn Jahren. In der gleichen Zeit wurden die Kassen des Staates genau auch f&uuml;r dieses Aufgabenfeld immer &auml;rmer ausgestattet.<\/p>\n<p>Was zu tun w&auml;re, wissen wir: Wir brauchten mehr Ganztagsschulen und eine bessere Vorschulerziehung; die Lehrer-Sch&uuml;ler-Relation m&uuml;sste verbessert, unsere Schulen und Universit&auml;ten saniert und modernisiert werden. Unsere Universit&auml;ten sind &uuml;berlastet.<\/p>\n<p>In Seminarr&auml;umen f&uuml;r 50 werden 300 Studenten untergebracht.<\/p>\n<p>Die Studienbedingungen werden mit Recht als schlecht bis katastrophal empfunden. Wir wissen, wo wir investieren m&uuml;ssten.<\/p>\n<p>Die Ganztagsbetreuung in unseren Schulen wird zum Teil von 214 daf&uuml;r nicht ausgebildeten Personen &uuml;bernommen, auch damit man niedrigere L&ouml;hne zahlen kann. Also brauchen wir mehr Geld f&uuml;r Personal.<\/p>\n<p>Wir wissen, dass Kinder und Jugendliche aus einkommensschw&auml;cheren Schichten in unserem Bildungssystem immer noch Schwierigkeiten haben weiterzukommen. Wir wissen, dass unsere Hochschulen wegen der mangelhaften &ouml;ffentlichen Hilfe tendenziell immer mehr von den Kindern der Bessergestellten, von Akademikerkindern besucht werden und die Kinder der finanziell Schlechtergestellten benachteiligt sind. Diese Vernachl&auml;ssigung der Begabungsreserven ist unfair und gesellschaftspolitisch genauso dumm wie in den 1950er und 1960er Jahren, als dies &raquo;Bildungsnotstand&laquo; genannt wurde. Wir wissen, dass das dicke Ende dieser Fehlentwicklung noch auf unsere Gesellschaft zukommt. Wir wissen, dass diese Konsequenz der Verarmung des Staates die eigentliche Benachteiligung der jungen Generation ausmacht. Wir wissen das, aber es geschieht nichts Entscheidendes.<\/p>\n<p>Das gilt auch f&uuml;r benachbarte Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens: Wir wissen, dass wir mehr tun m&uuml;ssten f&uuml;r unsere Jugend &ndash; f&uuml;r Jugendzentren, f&uuml;r seelische Betreuung, f&uuml;r Jugendarbeit insgesamt. Und dennoch wird bei der Jugendhilfe immer noch gestrichen und sogar zusammengestrichen, statt neu zu investieren.<\/p>\n<p>Wir wissen, dass wir Integrationsprobleme haben. Wir brauchten mehr Sprachunterricht f&uuml;r Kinder von Aussiedlern und Ausl&auml;ndern.<\/p>\n<p>Aber die Mittel sind schon zu Kohls Zeiten gek&uuml;rzt worden, obwohl gerade die Regierung Kohl besonders viele Aussiedler ins Land geholt hat.<\/p>\n<p>Die Verarmung des Staates werden k&uuml;nftige Generationen zu sp&uuml;ren bekommen. Und zwar sehr viel mehr, als die im Jahr 2008 von einigen Wortf&uuml;hrern aus der j&uuml;ngeren Generation und vom fr&uuml;heren Bundespr&auml;sidenten Herzog zum Symbol ihrer Benachteiligung durch die Rentner hochgespielte Rentenerh&ouml;hung um 1,1 Prozent die k&uuml;nftigen Generationen kosten k&ouml;nnte. Wir tun den jungen Leuten und Kindern einen Gefallen, wenn wir ihnen 215 eine gute, m&ouml;glichst perfekte, moderne Infrastruktur hinterlassen.<\/p>\n<p>Jenen unter der j&uuml;ngeren Generation, die heute &uuml;ber Staatsschulden und die daraus angeblich folgenden Benachteiligungen jammern, w&auml;re zu w&uuml;nschen, einen aufgeschlossenen Blick in die USA zu werfen oder wenigstens zu lesen, was von dort berichtet wird. Der &raquo;Spiegel&laquo;, sonst hier nicht besonders respektvoll zitiert, hat einen kritischen USA-Korrespondenten. Dieser berichtete am 2. August 2007: &raquo;Kollaps der US-Infrastruktur. Marode Br&uuml;cken, miese Stra&szlig;en, morsche D&auml;mme. Die Br&uuml;cken-Katastrophe von Minneapolis ist ein Menetekel. Mehr als 160 000 Stra&szlig;enbr&uuml;cken in den USA gelten als einsturzgef&auml;hrdet. Fernrouten, Tunnel, D&auml;mme und Deiche sind in so miserablem Zustand, dass Ingenieure schon lange Alarm schlagen &ndash; bisher vergeblich.&laquo; <\/p>\n<p>Das sind die Folgen einer systematischen Verarmung des Staates.<\/p>\n<p>Das geht zu Lasten k&uuml;nftiger Generationen. Das m&uuml;sste man doch eigentlich verstehen. Dagegen stehen bei uns nicht nur die herrschende Ideologie, sondern auch gut organisierte und meinungsstarke Interessen. Wer die Profiteure der Verarmung des Staates sind, liegt auf der Hand, neben den auf diesem Feld nun wirklich virulenten Ideologen der neoliberalen Wirtschaftsvorstellungen sind auch einige handfestere Interessen erkennbar:<\/p>\n<p>Wenn den &ouml;ffentlichen Schulen und Universit&auml;ten das Geld f&uuml;r die notwendige Modernisierung fehlt, dann bieten sich private Tr&auml;ger an. Und Eltern gehen auf die Angebote ein, weil sie es mit ihren Kindern gut meinen. Die Verarmung des Staates sorgt indirekt daf&uuml;r, dass die Kinder von Besserverdienenden eine gr&ouml;&szlig;ere Chance auf eine gute Ausbildung und damit auf ein privilegiertes Berufsleben haben. Mit der Verarmung des Staates von heute werden also die Weichen auf eine Segmentierung der Ausbildungs- und Berufschancen entsprechend der Herkunft und der finanziellen St&auml;rke der Eltern gestellt.<\/p>\n<p>Wenn den Kreisen und St&auml;dten das Geld f&uuml;r die Krankenh&auml;user ausgeht und sie sich &uuml;berfordert f&uuml;hlen, dann privatisieren sie. Und gro&szlig;e private Krankenhauskonzerne stehen bereit.<\/p>\n<p>Wenn unsere Kommunen Probleme haben, ihre Verwaltung ordentlich zu gestalten, dann steht die Bertelsmann-Tochter 216 Arvato bereit zur &Uuml;bernahme. Damit ist 2007 in W&uuml;rzburg begonnen worden. Verarmung und Entstaatlichung &ouml;ffnen nach Einsch&auml;tzung des Gesch&auml;ftsf&uuml;hrers von Arvato vor allem dieser Bertelsmann-Tochter ungeahnte neue Gesch&auml;ftsfelder.<\/p>\n<p>Wenn dem Bundesverkehrsminister das Geld f&uuml;r Bundesstra&szlig;en und Autobahnen fehlt und die Staus wachsen, dann bieten sich Private zur &Uuml;bernahme an; weil die nackte Privatisierung zu auff&auml;llig ist und Widerst&auml;nde ausl&ouml;st, w&auml;hlt man seit ein paar Jahren &ndash; begonnen in Gro&szlig;britannien &ndash; den angenehmer klingenden Weg &uuml;ber sogenannte &Ouml;ffentlich-Private Partnerschaften. <\/p>\n<p>Wenn die Schulden wachsen, weil die Steuern zur Finanzierung der &ouml;ffentlichen Aufgaben nicht reichen, dann rufen die Interessierten nach der Privatisierung &ouml;ffentlicher Unternehmen, &ouml;ffentlicher Einrichtungen und &ouml;ffentlicher Wohnungsbest&auml;nde.<\/p>\n<p>Dann verdienen die einen an der Transaktion staatlichen Eigentums zu privatem und die andern am g&uuml;nstigen Einkauf neuer Verm&ouml;genswerte. Und eine durch permanente Meinungsmache verbildete &Ouml;ffentlichkeit glaubt wirklich, die staatlichen Stellen, die Gemeinden, die L&auml;nder, der Bund h&auml;tten etwas gewonnen, wenn sie ihre Bilanz verk&uuml;rzen &ndash; links weniger Verm&ouml;gen, rechts weniger Schulden. Wie in Dresden durch den Verkauf st&auml;dtischer Wohnungen.<\/p>\n<p>Wenn dem Staat das Geld f&uuml;r eine ausreichende Ausstattung mit Finanzbeamten fehlt, dann haben es jene gut, die Steuern hinterziehen wollen. Dem Fiskus entgehen allein bei der Umsatzsteuer durch nationale und internationale Betrugsdelikte j&auml;hrlich zweistellige Milliardenbetr&auml;ge.80 Der Vorsitzende der deutschen Steuergewerkschaft, Dieter Ondracek, sch&auml;tzt das Volumen der j&auml;hrlichen Steuerhinterziehung auf rund 30 Milliarden Euro. Die Memo-Gruppe, eine Gruppe kritischer Wirtschaftswissenschaftler, sieht Ausf&auml;lle zwischen 70 und 100 Milliarden. Und dennoch l&ouml;sen die L&auml;nder die Vereinbarung &uuml;ber eine bessere personelle Ausstattung der Steuerpr&uuml;fung und Steuerfahndung nicht ein.<\/p>\n<p>Wenn der Staat mehr Geld zur Bedienung gro&szlig;er privater Interessen braucht, dann fehlt es &uuml;brigens nicht an Mitteln. In die 217 Gro&szlig;betriebe der Landwirtschaft fl ie&szlig;en nach wie vor die Milliarden an Subventionen, genauso wie in die Versicherungswirtschaft und selbstverst&auml;ndlich auch die Flugzeugindustrie; zur Rettung einer einzigen privaten Bank werden weit &uuml;ber 100 Milliarden bereitgestellt, die Aktion&auml;re der eigentlich pleitegegangenen HRE, deren Kurs ohne staatlichen Rettungsschirm vermutlich bei 0,0 l&auml;ge, sollen vom staatlichen Rettungsschirm SoFFin 1,39 &euro; je Aktie erhalten (Stand: 1. Juni 2009). Das ist eine 290-Millionen-Euro-Pr&auml;mie f&uuml;r die Zocker. Einfach so, unser Geld f&uuml;r wertlose Papiere. Die 480 Milliarden, die der Rettungsschirm insgesamt bereith&auml;lt, machen insgesamt mehr als das Anderthalbfache des gesamten Bundeshaushalts aus.<\/p>\n<p>Einige andere L&auml;nder gehen bewusst einen anderen Weg. Die skandinavischen L&auml;nder zum Beispiel haben eine merklich h&ouml;here Staatsquote. D&auml;nemark und auch Schweden &raquo;belasten&laquo; ihre B&uuml;rger um fast ein Viertel h&ouml;her als wir. Die skandinavischen L&auml;nder erzielen trotz &ndash; oder vielleicht wegen &ndash; hoher Staatsquoten durchgehend bessere wirtschaftliche Erfolge. Das m&uuml;sste doch zu denken geben. Das m&uuml;sste zun&auml;chst dazu f&uuml;hren, dass wir unsere Sprache von Vorurteilen reinigen. Es ist eben falsch, von &raquo;Belastung&laquo; zu sprechen, wenn wir gemeinsam als Staat gute Leistungen zum Beispiel f&uuml;r Bildung und Infrastruktur bieten und daf&uuml;r mehr Abgaben und Steuern einsammeln: ein besseres, durchl&auml;ssiges Bildungswesen, eine gute Infrastruktur, ein gutes soziales Netz f&uuml;r den Fall der Arbeitslosigkeit und des Alters &ndash; das sind Leistungen, die offensichtlich ihren Preis wert sind und zu Unrecht &raquo;Belastungen&laquo; genannt werden.81<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass Entstaatlichung und wirtschaftlicher Erfolg durchgehend nicht positiv korreliert sind, m&uuml;sste endlich doch auch bei unseren Meinungsf&uuml;hrern Nachdenken ausl&ouml;sen.<\/p>\n<p>In der Praxis ist das nicht so. Die &raquo;Bild&laquo;-Zeitung, die Bertelsmann Stiftung, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die Wirtschaftsverb&auml;nde, die etablierten Parteien und eine Unzahl von Stiftungen, Initiativen und PR-Agenturen machen weiter ihre Propaganda gegen den Staat. Und Politiker profilieren sich 218 reihenweise mit ihrer Spartugend, die im Ernst wegen der damit verbundenen versch&auml;rften Abw&uuml;rgung der Konjunktur gar keine ist. Und je weiter unser Land in eine wirkliche Wirtschaftskrise abrutscht, umso mehr wird diese primitive Profilierung zu Lasten &ouml;ffentlicher Leistungen und zu Lasten einer aktiven Konjunkturpolitik zum Horror. Das traurige Ergebnis der gezielten Meinungsmache verhindert rationale politische Entscheidungen.<\/p><\/li>\n<li><a name=\"l09\"><\/a><strong>Auszug aus &bdquo;Meinungsmache&ldquo; Seite 181f.\n<p>III. Die neoliberale Bewegung hinterl&auml;sst eine Spur der Verw&uuml;stung und der Pl&uuml;nderung<\/p><\/strong>\n<p>Das Unbehagen und die Gef&uuml;hle der Ohnmacht vieler Menschen sind keine nur gef&uuml;hlten Schmerzen. Sie haben eine reale Basis. In den letzten 20 bis 30 Jahren ist vieles, was uns lieb und teuer war, umgestaltet worden. Und immer in eine Richtung. Was wir gemeinsam an gesellschaftlichen Einrichtungen und Gemeineigentum geschaffen haben, wird uns allen st&uuml;ckweise genommen und Privaten gegeben. Was wir gemeinsam an sozialer Sicherheit auf Gegenseitigkeit verankert hatten, ist losgerissen; einer gro&szlig;en Zahl von Menschen, vermutlich der &uuml;berwiegenden Mehrheit, ist die soziale Sicherheit genommen worden. Wichtige gemeinsame Einrichtungen und Errungenschaften sind dahin: Die Arbeitslosenversicherung ist mit Hartz IV keine Arbeitslosenversicherung mehr, die gesetzliche Rente wird durch absichtliche Schnitte zur Minderung ihrer Leistungsf&auml;higkeit nur noch eine Basisrente sein. Der Einfluss auf unsere Universit&auml;ten ist der Wirtschaft &uuml;bereignet, &raquo;verkauft&laquo; &ndash; einfach so. In den Schulen wird reformiert, oft ohne vorher zu &uuml;berlegen, welche Voraussetzungen das Gelingen solcher Reformen erfordern w&uuml;rden. Und von jungen Menschen verlangt man, sich zu verschulden, wenn sie ihre Studiengeb&uuml;hr nicht durch Nebent&auml;tigkeit abarbeiten k&ouml;nnen oder wollen. Wichtige &ouml;ffentliche Unternehmen sind verschleudert worden &ndash; bei schlechter Konjunktur und unter Preis: so unter anderem die Bundesdruckerei, die Rastst&auml;tten an den Autobahnen, reihenweise Industriebeteiligungen, Stadtwerke, Wasserwerke, &ouml;ffentliche Wohnungsbaugesellschaften und die dazugeh&ouml;rigen Wohnungen.<br>\nDiese Ver&auml;nderungen entsprechen der Ideologie der herrschenden neoliberalen Bewegung. Sie hat sich durchgesetzt. Sie hinterl&auml;sst eine Spur der Verw&uuml;stung.<br>\nDas Zerst&ouml;rungswerk gr&uuml;ndete auf einer wohlgestalteten Einflussarbeit, einer Lobbyarbeit, die mit allen Finessen ans Werk ging und immer noch am Werk ist. Sie wird vorbereitet und begleitet von massiver Meinungsmache.<br>\nPropaganda ist bei undemokratischen und antidemokratischen Organisationen schon immer ein besonders beliebtes und geeignetes Mittel der Herrschaftsaus&uuml;bung gewesen. Insofern ist Meinungsmache wirklich nichts Neues. Das war bei den Diktatoren dieser Welt so. Propaganda war und ist das Schmiermittel f&uuml;r Kriege. Meinungsmache ist heute bei L&auml;ndern wie dem unseren das lautloseste und sanfteste Mittel zur Machteroberung und zur Machtaus&uuml;bung. Das Volk wird mit Propaganda kurz und auf Distanz gehalten und zugleich de facto zur Resignation animiert, was einer Unterwerfung gleichkommt, wenn wie &uuml;blich nur die Stimmen jener gez&auml;hlt werden, die sich am Wahlakt beteiligen.<\/p>\n<p><strong>Hier noch die &Uuml;berschriften der Kapitel in Abschnitt III:<\/strong><\/p>\n<p>Kapitel 12: Inkompetenz in der Wirtschaftspolitik (S. 183)<br>\nKapitel 13: Die Verarmung des Staates als strategischer Hebel (S. 200)<br>\nKapitel 14: Die Auslieferung der Universit&auml;ten an die Wirtschaft * (S. 219)<br>\nKapitel 15: Mit Bachelor und Master die Hochschulabschl&uuml;sse verschlimmbessert (S. 249)<br>\nKapitel 16: Der st&auml;rkste Motor beim Zerst&ouml;rungswerk &ndash; die Bertelsmann Stiftung* (S. 256)<br>\nKapitel 17: Die Pl&uuml;nderung unseres Volksverm&ouml;gens (S. 267)<br>\nKapitel 18: Kapitalmarkt als Casinobetrieb und die Pl&uuml;nderung deutscher Unternehmen (S. 281)<br>\nKapitel 19: Die Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die sichere Altersvorsorge &ndash; ein Musterbeispiel gelungener Gehirnpr&auml;gung (S. 298)\n<\/p><\/li>\n<li><a name=\"l10\"><\/a><strong>Kapitel 16<br>\nVon Wolfgang Lieb<\/strong>\n<p><strong>Der st&auml;rkste Motor beim Zerst&ouml;rungswerk &ndash; die Bertelsmann Stiftung<\/strong><\/p>\n<p>Die Bertelsmann AG ist der gr&ouml;&szlig;te Oligopolist der ver&ouml;ffentlichten Meinung in Deutschland. Die Zeitungen, Zeitschriften, Fernseh- und Radiosender und nicht zuletzt die Verlage des Konzerns beeinflussen nicht nur die Meinungsbildung, sondern auch die gesamte Stimmungslage und die Befindlichkeiten in Deutschland.<\/p>\n<p>Schon diese Medienmacht alleine stellt eine Bedrohung f&uuml;r die Meinungsvielfalt in Deutschland dar. Bertelsmann &uuml;bt aber dar&uuml;ber hinaus eine politische Gestaltungsmacht aus, die weit &uuml;ber den Einfluss von Verb&auml;nden, Kirchen, Gewerkschaften, ja sogar von Parteien hinausgeht &ndash; und das geschieht durch die Bertelsmann Stiftung.<\/p>\n<p>Der Firmenpatriarch Reinhard Mohn hat die Stiftung 1977 gegr&uuml;ndet und ihr zwischen 76,9 Prozent der Anteile an der Bertelsmann AG &uuml;bertragen. Sie ist die reichste Stiftung in Deutschland.<\/p>\n<p>Seit ihrer Gr&uuml;ndung hat sie bisher rund 666 Millionen Euro in &uuml;ber 700 Projekte investiert und insgesamt rund 728 Millionen Euro f&uuml;r &raquo;gemeinn&uuml;tzige Arbeit&laquo; zur Verf&uuml;gung gestellt. Im Gesch&auml;ftsjahr 2007 hat sie aus Ertr&auml;gen der Bertelsmann AG 72 Millionen Euro erhalten, aufgrund von Kooperationen und Ertr&auml;gen aus der Verm&ouml;gensverwaltung verf&uuml;gte die Bertelsmann Stiftung &uuml;ber ein Volumen von knapp 84 Millionen Euro. Allein f&uuml;r die Bildungsaktivit&auml;ten standen 2006 knapp elfeinhalb Millionen Euro zur Verf&uuml;gung.<\/p>\n<p>109 Mit &uuml;ber 330 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die bis zu 100 Projekte betreuen, hat sie sich seit den 1990er Jahren zu einem f&uuml;hrenden deutschen Think-tank entwickelt. Das Spezifikum der Stiftung ist, dass sie nur von ihr selbst definierte Projekte finanziert und keine extern gestellten Antr&auml;ge f&ouml;rdert. W&auml;hrend die Stiftung sonst st&auml;ndig vom Wettbewerb redet, l&auml;sst sie einen Wettbewerb um ihre F&ouml;rdermittel nicht zu. Um Synergien zu erzielen, arbeitet die Bertelsmann Stiftung unter anderem mit der Heinz Nixdorf Stiftung, der K&ouml;rber-Stiftung, der Volkswagen Stiftung, der Hertie-Stiftung, der Ludwig-Erhard-Stiftung und der Robert Bosch Stiftung zusammen.<\/p>\n<p>&raquo;Eigentum verpflichtet&laquo; nennt Reinhard Mohn als Motiv f&uuml;r die Gr&uuml;ndung seiner Stiftung. Doch so ganz altruistisch motiviert d&uuml;rfte die &Uuml;bertragung von &uuml;ber dreiviertel der Kapitalanteile an der Bertelsmann AG an eine Stiftung nicht gewesen sein. Man liegt gewiss nicht falsch mit der Vermutung, dass Reinhard Mohn dadurch, dass er dieses Kapital &raquo;gestiftet&laquo; hat, hohe Summen an Erbschafts- und\/oder Schenkungssteuer &raquo;gespart&laquo; hat. Zudem sind die j&auml;hrlichen Dividendezahlungen des Konzerns an die &raquo;gemeinn&uuml;tzige&laquo; Bertelsmann Stiftung steuerbeg&uuml;nstigt, und die Vermutung d&uuml;rfte nicht unbegr&uuml;ndet sein, dass ein Gutteil des Etats der Stiftung &uuml;ber Steuerminderungen finanziert wird. Der Fiskus f&ouml;rdert also die Aktivit&auml;ten der Stiftung mit. Dabei ist es keineswegs so, dass die Ziele des Konzerns von den Zielen der gemeinn&uuml;tzigen Stiftung unabh&auml;ngig sind. Nach eigenem Bekenntnis will Reinhard Mohn, dass seine Stiftung &raquo;nicht nur ein bedeutender Reformmotor f&uuml;r die Gesellschaft, sondern auch ein Garant der Unternehmenskontinuit&auml;t des Hauses Bertelsmann&laquo; sein soll.<\/p>\n<p>Der G&ouml;ttinger Soziologe Frank Adloff kritisiert wohl nicht ganz zu Unrecht, dass f&uuml;r solche Zwecke, f&uuml;r die die Stiftung steht, &raquo;die Steuerbefreiung f&uuml;r gemeinn&uuml;tzige Stiftungen nicht gedacht&laquo; sei.110 Denn die Bertelsmann Stiftung ist &ndash; entgegen dem Anschein, den sie zu erwecken versucht &ndash; eben keine neutrale Einrichtung zu uneigenn&uuml;tzigen Zwecken. Man kann Reinhard Mohn nicht einmal vorwerfen, dass er mit seiner &raquo;Mission&laquo; hinter dem Berg h&auml;lt. Jeder kann die Botschaften im Internet etwa auf der Website der Bertelsmann Stiftung oder in Mohns Buch &raquo;Die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmers&laquo;111 nachlesen. Der Bertelsmann-Firmenpatriarch legte auch in zahlreichen Schriften seine Weltanschauung ausgiebig dar. Im Hinblick auf diese Mission ist die Stiftung &ndash; wie Harald Schumann im &raquo;Tagesspiegel&laquo; schrieb &ndash; eine &raquo;Macht ohne Mandat&laquo;.<\/p>\n<p>Wenn man Vertretern der Bertelsmann Stiftung diesen Vorhalt macht, erntet man regelm&auml;&szlig;ig die treuherzig bescheidene Antwort: &raquo;Wir machen doch nur Vorschl&auml;ge, entscheiden tut die Politik.<\/p>\n<p>&laquo; Unter dem Pathos der &raquo;Gemeinwohlverpflichtung&laquo; oder der Losung &raquo;Wir helfen der Politik, dem Staat und der Gesellschaft, L&ouml;sungen f&uuml;r die Zukunft zu finden&laquo; (R. Mohn) gibt es kaum ein politisches Feld von Bedeutung, wo die Stiftung mit ihren Handreichungen nicht ihre L&ouml;sungsangebote macht.<\/p>\n<p>Die Bertelsmann AG ist der gr&ouml;&szlig;te europ&auml;ische Medienkonzern, und mit einem Umsatz von 16,1 Milliarden Euro und weit &uuml;ber 100 000 Besch&auml;ftigten in mehr als 60 L&auml;ndern ist Bertelsmann das f&uuml;nftgr&ouml;&szlig;te Medienunternehmen weltweit.112 Bertelsmann ist zwar nicht das nach Umsatz gr&ouml;&szlig;te Unternehmen in Deutschland, aber durch seine Medienmacht gepaart mit der Mission der Bertelsmann Stiftung das gesellschaftlich und politisch wirkungsm&auml;chtigste.<\/p>\n<p>Die Erfolgsgeschichte des Familienunternehmens begann mit B&uuml;chern und sp&auml;ter Schallplatten, man baute Leseringe auf, kaufte in den letzten Jahrzehnten Gro&szlig;druckereien und Verlage und stieg ins Funk-, Fernseh-, Film- und Musikgesch&auml;ft ein. Radiostationen, Filmproduktion, Rechtehandel, Medien- und Kommunikationsdienstleistungen sowie Immobilien-, Finanzfirmen und &ndash; zunehmend bedeutsam &ndash; auch private Bildungsinstitute wie etwa das &raquo;Hamburger Institut f&uuml;r Lernsysteme&laquo; (ILS) geh&ouml;ren heute zum Bertelsmann-Konzern. Hier ein &Uuml;berblick &uuml;ber den Konzern:<\/p>\n<ul>\n<li>Random House ist laut Gesch&auml;ftsbericht der Bertelsmann AG 2008 die weltweit f&uuml;hrende Publikumsverlagsgruppe der Welt.<br>\nDas Portfolio umfasst mehr als 120 Einzelverlage, die j&auml;hrlich rund 11 000 Neuerscheinungen ver&ouml;ffentlichen. Random House verkauft j&auml;hrlich mehr als 500 Millionen B&uuml;cher. Die Gruppe geh&ouml;rt zu 100 Prozent zu Bertelsmann. Zu ihr geh&ouml;ren in Deutschland neben den unter dem Namen Bertelsmann erscheinenden Verlagen etwa die Deutsche Verlags-Anstalt, der Heyne Verlag, K&ouml;sel, der Luchterhand Literaturverlag, Goldmann, Siedler und viele andere.<\/li>\n<li>Die RTL Group ist Europas f&uuml;hrender Unterhaltungskonzern mit Beteiligungen an 45 Fernsehsendern und 32 Radiostationen in elf L&auml;ndern sowie an Produktionsgesellschaften weltweit.<br>\nDie RTL Group ist das f&uuml;hrende europ&auml;ische Entertainment-Netzwerk. Das TV-Portfolio des gr&ouml;&szlig;ten europ&auml;ischen TV-Senders umfasst Fernsehkan&auml;le in Deutschland, Frankreich, Gro&szlig;britannien, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Kroatien, Ungarn, Griechenland, Russland und Spanien. Das Flaggschiff der RTL Group im Radiobereich ist RTL in Frankreich, insgesamt geh&ouml;ren der RTL Group 32 Stationen in Europa komplett oder anteilig. Der weltweit arbeitende Produktionsbereich Fremantle Media ist einer der gr&ouml;&szlig;ten internationalen Produzenten au&szlig;erhalb der USA. Nach firmeneigenem Bekunden schalten mehr als 200 Millionen Zuschauer in ganz Europa t&auml;glich die Fernsehsender der RTL Group ein: RTL Television, Super RTL, VOX oder N-TV in Deutschland, M6 in Frankreich, Five in Gro&szlig;britannien, Antena 3 in Spanien, RTL 4 in den Niederlanden, RTL TVI in Belgien und RTL Klub in Ungarn &ndash; um nur wenige zu nennen. Auch die &ouml;ffentlichrechtlichen Sender sind mit Bertelsmann verbandelt. So ist zum Beispiel der ehemalige stellvertretende Chefredakteur des ZDF und fr&uuml;herer Leiter der Hauptredaktion Aktuelles und heutige Leiter des Washingtoner ZDF-Studios, Klaus-Peter Siegloch, im Kuratorium der Bertelsmann Stiftung. Auch der fr&uuml;here ZDF-Intendant Dieter Stolte, der 1999 eine kritische Reportage &uuml;ber die Rolle Bertelsmanns im Dritten Reich verhinderte, geh&ouml;rte noch w&auml;hrend seiner Amtszeit dem Kuratorium an. Der Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios, Peter Frey, ist &raquo;Fellow&laquo; des von Bertelsmann getragenen &raquo;Centrums f&uuml;r angewandte Politikforschung&laquo; (CAP).<\/li>\n<li>Der Bertelsmann AG geh&ouml;ren 74,9 Prozent des gr&ouml;&szlig;ten europ&auml;ischen Magazinhauses Gruner + Jahr mit &uuml;ber 14 400 Mitarbeiter erreichen mit mehr als 500 Magazinen und digitalen Angeboten Leser und User in 30 L&auml;ndern. Zudem h&auml;lt G+J zusammen mit der Bertelsmann-Tochter Arvato je eine 37,45-Prozent-Beteiligung an Europas gr&ouml;&szlig;tem Tiefdruck-Konzern Prinovis und besitzt mit Brown Printing eines der gr&ouml;&szlig;ten Offsetdruck-Unternehmen in den USA. Gruner + Jahr hat mit 25,25 Porzent eine Sperrminorit&auml;t im &raquo;Spiegel&laquo; Verlag. Das Bertelsmann Zeitschriften-Imperium beherrscht die Kioske: &raquo;Stern&laquo;, &raquo;GEO&laquo;, &raquo;Capital&laquo;, &raquo;Brigitte&laquo;, &raquo;Gala&laquo;, &raquo;manager-magazin &laquo;, &raquo;Financial Times Deutschland&laquo;, &raquo;Essen-und-trinken&laquo; sind nur einige der Titel.<\/li>\n<li>Die Direct Group Bertelsmann ist mit ihren Medienclubs, Buchhandlungen, Internetaktivit&auml;ten, Verlagen und Distributionsfirmen in 15 L&auml;ndern t&auml;tig und verf&uuml;gt &uuml;ber mehr als 700 Club-Shops und Buchhandlungen. Zu den Medienclubs z&auml;hlen bekannte Marken wie Der Club in Deutschland, France Loisirs in Frankreich und der C&iacute;rculode Lectores in Spanien.<br>\nDie Direct Group ist mit Chapitre.com (Frankreich) und Bertrand (Portugal) zweitgr&ouml;&szlig;ter bzw. gr&ouml;&szlig;ter Buchh&auml;ndler der jeweiligen M&auml;rkte. 15 Millionen Menschen in 21 L&auml;ndern sind Mitglieder in den Clubs der Direct Group.<\/li>\n<li>Eine 100-prozentige Tochter der Bertelsmann AG ist die Arvato AG, die mit 60 000 Mitarbeitern weltweit zu den gr&ouml;&szlig;ten Medien- und Kommunikationsdienstleistern geh&ouml;rt. Das Gesch&auml;ft umfasst Druckereien, Call- und Service-Center sowie Logistikdienstleistungen und die Herstellung optischer Speichermedien.<br>\nArvato bietet Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen integrierte und ma&szlig;geschneiderte L&ouml;sungen rund um die Kernkompetenzen Datenmanagement, Druck, IT, Customer Relationship Management, Replikation von Speichermedien und Supply Chain Management und Direktvertrieb von Wissensmedien. Arvato betreut in aller Welt mehr als 150 Millionen Endkunden in &uuml;ber 20 Sprachen. Arvato-Mitarbeiter managen die Lagerung und Distribution von mehr als 650 Millionen Packst&uuml;cken, entwickeln, integrieren, betreuen und betreiben Anwendungen und IT-Systeme. Arvato ist die gr&ouml;&szlig;te Druckereigruppe Europas und der zweitgr&ouml;&szlig;te Speichermedienhersteller der Welt. Arvato Services st&auml;rkte seine Marktposition in Europa unter anderem durch die &Uuml;bernahme von Servicecenter-Standorten der Deutschen Telekom sowie des franz&ouml;sischen Mobilfunkunternehmens SFR. Unter dem Stichwort &raquo;Moderner Staat&laquo; bietet Arvato s&auml;mtliche Servicemodule f&uuml;r das Management von Kunden- bzw. B&uuml;rgerbeziehungen zur &ouml;ffentlichen Hand aus einer Hand an. Arvato managt etwa in Gro&szlig;britannien schon ganze Kommunen, erhebt Geb&uuml;hren und zieht Steuern ein. Mit dem Projekt &raquo;W&uuml;rzburg integriert!&laquo; fiel 2007 der Startschuss f&uuml;r die Zusammenarbeit von Arvato und &ouml;ffentlicher Verwaltung in Deutschland. Mit diesem Pilotprojekt sollen die Servicequalit&auml;t verbessert und Verwaltungsabl&auml;ufe beschleunigt werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Die T&auml;tigkeit von Konzern und Stiftung<\/strong><\/p>\n<p>Das Spektrum der Projekte reicht vom Kindergarten &uuml;ber die Schule bis zur Hochschule und weiter bis ins Arbeitsrecht. Bertelsmann macht Vorschl&auml;ge zur Bew&auml;ltigung des demographischen Wandels, zur Integration von Migranten, zur Altersvorsorge, zur Reform des F&ouml;deralismus, zur Familienpolitik, zur Gesundheitspolitik, zur Politik in Europa, zur transatlantischen Kooperation und zur globalen Durchsetzung der von Mohn f&uuml;r richtig befundenen Prinzipien. Bertelsmann bietet seine Dienstleistungen zum &raquo;modernen Regieren&laquo; an und sieht in der &ouml;ffentlichen Verwaltung gleichzeitig ein gewinntr&auml;chtiges Gesch&auml;ftsfeld f&uuml;r die Konzerntochter Arvato. <\/p>\n<p>Bertelsmann will &raquo;Motor&laquo; f&uuml;r Reformen auf allen diesen Feldern sein. &Uuml;berall bietet die Stiftung ihre &raquo;L&ouml;sungen f&uuml;r die Zukunft&laquo; an. Vom Bundespr&auml;sidenten &uuml;ber die Bundeskanzler und die Bundes- und vor allem Landesministerien bis hin zur Kommunal- oder Finanzverwaltung, &uuml;berall dient Bertelsmann seine Vorschl&auml;ge an. Die L&ouml;sungskonzepte werden auf allen Ebenen, von zahllosen &ouml;ffentlichen oder halb&ouml;ffentlichen Institutionen, von Regierungen und Parlamenten und von fast allen Parteien von der FDP, &uuml;ber die CDU oder die SPD bis zu den Gr&uuml;nen im Sinne des herrschenden Modernisierungsdenkens begierig aufgegriffen.<\/p>\n<p>Bertelsmann liefert zahllose Angebote vor allem f&uuml;r die Schulen:<\/p>\n<p>Angefangen vom Projekt &raquo;Bildungswege in der Informationsgesellschaft (BIG 2006)&laquo;, &uuml;ber Gesundheitserziehung, die Initiative &raquo;Notebooks im Schulranzen&laquo;, die F&ouml;rderung der Musikkultur bei Kindern, das Projekt &raquo;Wirtschaft in der Schule&laquo;, die &raquo;Toolbox Bildung&laquo; bis zu den Projekten &raquo;Eigenverantwortliche Schule und Qualit&auml;tsvergleich in Bildungsregionen&laquo;. Unter dem Titel &raquo;SEIS macht Schule&laquo; entwickelte die Bertelsmann Stiftung den Schulen ein Selbstevaluations- und Steuerungsinstrument, das den &raquo;Entwicklungsprozess einer Schule zielgerichtet, effizient, systematisch und nachhaltig&laquo; voranbringen soll. Ein Netz von weit &uuml;ber 1000 Schulen in 16 Bundesl&auml;ndern ist schon aufgebaut.<\/p>\n<p>Das Projekt soll k&uuml;nftig ohne Unterst&uuml;tzung der Stiftung fortgef&uuml;hrt werden.<\/p>\n<p>Bertelsmann bietet neue Steuerungsmodelle etwa f&uuml;r &ouml;ffentliche Bibliotheken, den &raquo;Bibliothekindex&laquo;, die &raquo;Bibliothek 2007&laquo;, und last but not least baut die Stiftung eine Deutsche Internetbibliothek auf. Bertelsmann legt Studien zum demographischen Wandel vor. Das Ergebnis ist immer das gleiche, die sozialen Sicherungssysteme bluten angesichts der &Uuml;beralterung aus, private Vorsorge ist die Rettung. Die Stiftung f&uuml;hrte etwa am 20. November 2006 in Berlin zusammen mit dem Internationalen W&auml;hrungsfonds IWF hochrangig besetzte Symposien &uuml;ber die Situation der &ouml;ffentlichen Finanzen durch. Ergebnis: Wir brauchen eine Neuverschuldung von null, etwas anderes kann sich niemand mehr leisten. Die Bertelsmann Stiftung verfolgt die Idee eines Niedriglohnsektors, sie war an der Ausgestaltung des fr&uuml;heren B&uuml;ndnisses f&uuml;r Arbeit, der Agenda 2010 und von Hartz IV (wenn auch nur indirekt, aber doch pr&auml;gend) beteiligt.113<\/p>\n<p>Die Bertelsmann Stiftung hat es vermocht, ein enges personelles und organisatorisches Netz zu einflussreichen Personen aus Kultur, Wissenschaft und Politik bis zu den Bundespr&auml;sidenten, vor allem zu Roman Herzog und Horst K&ouml;hler, zu kn&uuml;pfen. Bei Bertelsmann absolvierten Schr&ouml;der, Fischer, Merkel p&uuml;nktlich ihre Antrittsbesuche.<\/p>\n<p>Und es ist ja nicht unter der Decke geblieben, dass die beiden Grandes Dames des deutschen Medienwesens, Liz Mohn und Friede Springer, in freundschaftlicher Verbundenheit zu Angela Merkel stehen. Von der Stiftung stammt die Idee eines europ&auml;ischen Au&szlig;enministers, und sie nimmt sich auch der europ&auml;ischen Milit&auml;rpolitik im Sinne der Verteidigung europ&auml;ischer &raquo;Interessen&laquo; an. Bertelsmann l&auml;dt zusammen mit dem &ouml;sterreichischen Bundeskanzler zum Salzburger Dialog. Bertelsmann organisierte die 30-Millionen-Kampagne &raquo;Du bist Deutschland&laquo; mit.<\/p>\n<p>Sicher, Bertelsmann stand nicht allein, da waren die Arbeitgeberverb&auml;nde, da war die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, da war der B&uuml;rgerKonvent und wie die zahllos gewordenen, vom gro&szlig;en Geld finanzierten PR-Agenturen auch alle hei&szlig;en m&ouml;gen.<\/p>\n<p>Aber keine dieser Institutionen war so wirkm&auml;chtig wie die Bertelsmann Stiftung.<\/p>\n<p><strong>Methoden der &raquo;&Uuml;berzeugungsarbeit&laquo;<\/strong><\/p>\n<p>Die Methoden, die Bertelsmann und das CHE f&uuml;r ihre &raquo;&Uuml;berzeugungsarbeit&laquo; einsetzen, sind im Gro&szlig;en und Ganzen immer dieselben:<\/p>\n<p>Gutachten, Konferenzen, Umfragen und besonders beliebt sind Rankings und Benchmarks. So veranstaltet die Stiftung seit Jahren ein Standort-Ranking, und regelm&auml;&szlig;ig landet Deutschland auf dem letzten Platz. Und regelm&auml;&szlig;ig ist die Schlussfolgerung, Deutschland braucht weniger Staat, eine Senkung der Staatsquote, einen Umbau des Sozialstaats, niedrigere L&ouml;hne und vor allem niedrigere Lohnnebenkosten, Deregulierung und vor allem weniger K&uuml;ndigungsschutz. <\/p>\n<p>Mit dem wesentlich von der Stiftung getragenen &raquo;Centrum f&uuml;r angewandte Politikforschung&laquo; (CAP) mit seinem Direktor und ehemaligen Stiftungs-Vorstandsmitglied Werner Weidenfeld verschaffte sich Bertelsmann weiteres internationales Renommee.<\/p>\n<p>Nahezu alle Aktivit&auml;ten stehen im Dienste des Bertelsmannschen Verst&auml;ndnisses von der F&ouml;rderung des &raquo;Gemeinwohls&laquo;, und das hei&szlig;t konkret zur F&ouml;rderung des &raquo;gesellschaftlichen Wandels&laquo; und von &raquo;Reformen&laquo; in allen gesellschaftlichen Bereichen.<\/p>\n<p>Dies alles gem&auml;&szlig; der Bertelsmannschen &raquo;&Uuml;berzeugung, dass Wettbewerb&laquo; und &raquo;die Prinzipien unternehmerischen Handelns zum Aufbau einer zukunftsf&auml;higen Gesellschaft&laquo; die wichtigsten Merkmale sind. Indem &raquo;die Grunds&auml;tze unternehmerischer, leistungsgerechter Gestaltung in allen Lebensbereichen zur Anwendung gebracht werden&laquo;, soll das Regieren besser werden, und das wiederum alles stets nach dem Prinzip &raquo;so wenig Staat wie m&ouml;glich&laquo;.<\/p>\n<p><strong>Privatisierung der Politik<\/strong><\/p>\n<p>Manche Stimmen halten die Kritik am Einfluss von Bertelsmann f&uuml;r &uuml;berzogen oder tun sie gar als Verschw&ouml;rungstheorie ab. Etwa weil sie einwenden, die Bertelsmann Stiftung habe doch nichts mit der Unternehmenspolitik Bertelsmann AG und schon gar nichts mit den von diesem Konzern beherrschten oder beeinflussten Medien zu tun.<\/p>\n<p>Nat&uuml;rlich ist es nach wie vor richtig, dass Bertelsmann die Gesetze nicht selber verabschiedet, sondern dass diese von der Exekutive vorgelegt und vom Parlament verabschiedet werden.<\/p>\n<p>Aber &uuml;ber die Meinungsmacht und &uuml;ber die personellen Netze wird der &raquo;Reformmotor&laquo; Bertelsmann zur eigenst&auml;ndigen politischen Antriebskraft, der auch au&szlig;erhalb der Parlamente eine Art Eliten-Konsens schafft &ndash; und dabei nebenbei auch noch ein positives Image f&uuml;r den Konzern erzielt.<\/p>\n<p>Es ist das Recht eines jeden Unternehmers, der meint, etwas zur Verbesserung der Gesellschaft beitragen zu k&ouml;nnen, eine Stiftung zu gr&uuml;nden und Themen bearbeiten zu lassen. Dass sich dabei Gleichgesinnte treffen, wird jeweils unvermeidlich sein. Es ist auch das gute Recht einer jeden Regierung, denjenigen mit einer Politikberatung zu beauftragen, der ihr politisch sympathisch ist. Doch wer &ouml;ffentliche Aufgaben erf&uuml;llt, Gesetze ver&auml;ndern will, die in Gestaltungsrechte und Lebenschancen von Millionen B&uuml;rgern eingreift, der muss sich der &ouml;ffentlichen Auseinandersetzung stellen. Die Mitwirkenden m&uuml;ssen ihre gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Ziele offenlegen, die &Ouml;ffentlichkeit muss den Prozess nachvollziehen und erkennen k&ouml;nnen, wer welchen Einfluss aus&uuml;bt und welche Konsequenzen das Vorgehen hat. Das geradezu Paradoxe am Verhalten der Bertelsmann Stiftung ist, dass sie zwar &uuml;berall nach Wettbewerb ruft, diesen Wettbewerb aber bei sich selbst konsequent verhindert.<\/p>\n<p>Nicht nur indem sie lediglich ihre von ihr selbst initiierten Projekte f&ouml;rdert und keine Projektantr&auml;ge von au&szlig;erhalb zul&auml;sst, also wissenschaftlichen Pluralismus satzungsm&auml;&szlig;ig ausschlie&szlig;t, sondern indem sie dar&uuml;ber hinaus sich vor keinem Parlament und keinem Rechnungshof, ja nicht einmal vor einem Aufsichtsrat, der wenigstens unterschiedliche Interessen von Kapitalanlegern vertreten k&ouml;nnte, f&uuml;r den Einsatz ihrer Gelder und die damit verfolgten Ziele rechtfertigen muss.<\/p>\n<p>Die Netzwerkarbeit und Projektentwicklung der Bertelsmann Stiftung ist so angelegt, dass sich die Akteure gar nicht mehr mit Gegenmeinungen und Kritik auseinandersetzen, dass sie Kritik in einer Haltung der Selbstgewissheit an sich abprallen lassen und so auftreten, als h&auml;tten sie die Richtigkeit und Wahrheit ihrer Konzepte von vornherein und zweifelsfrei erkannt. Das Spektrum der &ouml;ffentlichen Meinung und der Politik wurde so nicht etwa erweitert, sondern im Gegenteil verengt und in einer Weise kanalisiert, wie es offen ausgewiesene Interessengruppen &ndash; wie z.B. Industrieverb&auml;nde oder PR-Organisationen, wie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft &ndash; kaum zu erreichen verm&ouml;gen.<\/p>\n<p>Unter dem Zwang der leeren &ouml;ffentlichen Kassen und unter dem besch&ouml;nigenden Etikett eines &raquo;zivilgesellschaftlichen Engagements&laquo; greift der Staat die &raquo;gemeinn&uuml;tzigen&laquo; Dienstleistungen privater Think-Tanks nur allzu gerne auf. Noch mehr, er zieht sich aus seiner Verantwortung immer mehr zur&uuml;ck und &uuml;berl&auml;sst wichtige gesellschaftliche Bereiche den Selbsthilfekr&auml;ften b&uuml;rgerschaftlichen Engagements. Demokratisch legitimierte Macht im Staate wird so mehr und mehr durch Wirtschaftsmacht zur&uuml;ckgedr&auml;ngt, ja sogar teilweise schon ersetzt. Aus privaten Netzen und Souffleuren der Macht werden tats&auml;chliche Machthaber.<\/p>\n<p>So hat sich inzwischen eine private institutionelle Macht des Reichtums herausgebildet, die streng hierarchisch organisiert ihren Einfluss &uuml;ber das gesamte politische System ausdehnt und die Machtverteilung zwischen Parteien, Parlamenten und Exekutive unterwandert und gleichzeitig die &ouml;ffentliche Meinung pr&auml;gt.<\/p>\n<p>Diese Art von &raquo;Zivilgesellschaft&laquo; bef&ouml;rdert nicht nur die zunehmende materielle Ungleichheit zwischen Arm und Reich, sondern dieser Weg schlie&szlig;t &ndash; anders als das im Modell des Mehrheitsprinzips in der Demokratie vorgesehen ist &ndash; vor allem die gro&szlig;e Mehrheit der weniger wohlhabenden Bev&ouml;lkerung mehr und mehr von der politischen Teilhabe und von der Gestaltung ihrer gesellschaftlichen Zukunft aus.<\/p>\n<p>Die Timokratie &ndash; eine Herrschaft der Besitzenden &ndash; droht die Demokratie abzul&ouml;sen.<\/p>\n<p>Und dieser schleichende Systemwechsel vom demokratischen Wohlfahrtsstaat zur Herrschaft des gro&szlig;en Geldes, wird sogar noch mit dem Pathos von &raquo;mehr Freiheit&laquo; vorangetrieben.<\/p><\/li>\n<li><a name=\"l11\"><\/a><strong>Kapitel 8<br>\nExkurs: Zu den hirnphysiologischen Grundlagen der Meinungsmache<\/strong><br>\n<a href=\"upload\/pdf\/meinungsmache_kapitel_8.pdf\">Mehr &hellip; [PDF &ndash; 53 KB]<\/a><\/li>\n<li><a name=\"l12\"><\/a><strong>Kapitel 6<\/strong><br>\n<strong>&bdquo;Meinungsmache bestimmt das Bild der Geschichte&ldquo;<\/strong>:<br>\n<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/130506_mm_kapitel_6.pdf\">Mehr&hellip; [PDF &ndash; 136.9 KB]<\/a>\n<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"wp-content\/themes\/nds\/images\/covermeinungsmache.jpg\" alt=\"Meinungsmache\"\/><\/p>\n<p><strong>Leseproben zu &ldquo;Meinungsmache. Wie Wirtschaft, Politik und Medien uns das Denken abgew&ouml;hnen wollen&rdquo;<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><a name=\"l01\"><\/a><strong>Einf&uuml;hrung<\/strong><br \/> Jeder dritte Deutsche hat kein Vertrauen mehr in die demokratische Staatsform, in Ostdeutschland sind es sogar 53 Prozent. Das hat Konsequenzen: Das Interesse an Politik schwindet. 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