{"id":100,"date":"2005-02-14T16:15:19","date_gmt":"2005-02-14T15:15:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=100"},"modified":"2016-03-20T10:06:33","modified_gmt":"2016-03-20T09:06:33","slug":"hans-weiss-ernst-schmiederer-asoziale-marktwirtschaft-kiepenheuer-witsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100","title":{"rendered":"Hans Weiss \/ Ernst Schmiederer: Asoziale Marktwirtschaft (Kiepenheuer &#038; Witsch)"},"content":{"rendered":"<p>Einer unserer aktivsten Leser, Bernd Frank Schwab, hat f&uuml;r uns dieses angesichts der aktuellen Debatte um eine weitere Senkung der Unternehmenssteuern h&ouml;chst interessante Buch rezensiert.<br>\n<!--more--><br>\nHans Weiss \/ Ernst Schmiederer<br>\n<strong>Asoziale Marktwirtschaft<\/strong><br>\nKiepenheuer &amp; Witsch<\/p><p>Warum sind die Steuereinnahmen in den letzten Jahren so massiv eingebrochen ?<br>\nWie k&ouml;nnen die gegenw&auml;rtig etwa 65 000 multinationalen Konzerne Ihre Besteuerungsgrundlage legal so vermindern, dass dem deutschen Fiskus keine Steuereinnahmen zur Verf&uuml;gung stehen oder sogar Steuerr&uuml;ckerstattungen erfolgen m&uuml;ssen, obwohl tats&auml;chlich hohe Unternehmensgewinne erzielt werden konnte?<br>\nWie gro&szlig; sind die Einflussnahmen der Steuer- und Rechtsabteilungen insbesondere von gro&szlig;en Unternehmen auf die Politik ? Gibt es M&ouml;glichkeiten, das grunds&auml;tzliche Prinzip der Besteuerung nach Leistungsf&auml;higkeit wieder durchzusetzen ? <\/p><p>Diesen und vielen anderen Fragen widmen sich die Hans Weiss und Ernst Schmiederer in ihrem sehr gut lesbaren Buch unter dem Titel &bdquo;Asoziale Marktwirtschaft&ldquo;. Die M&ouml;glichkeiten, wie Konzerne und Einkommensmillion&auml;re, das deutsche und internationale Steuerrecht zu ihrem Vorteil (aus)nutzen k&ouml;nnen, werden auch f&uuml;r den Laien verst&auml;ndlich dargestellt. <\/p><p>Der Gelsenkirchener Oberb&uuml;rgermeister Wittke (CDU) wird im Buch mit der Klage zitiert: &bdquo;Wenn ein Konzern Unternehmensanteile verkauft, dann kann er den Gewinn steuerfrei kassieren. Aber wenn ein Handwerksmeister am Ende eines erf&uuml;llten Berufslebens seinen Betrieb verkauft, ist er voll steuerpflichtig. Wo bleibt da die Gleichheit, wo bleibt da die Steuergerechtigkeit ?&ldquo; <\/p><p>Die deutsche und franz&ouml;sische Initiative des Fr&uuml;hjahres 2004, innerhalb der EU einen einheitlichen Mindeststeuersatz einzurichten, wurde durch einige Staaten, die durch die gegenw&auml;rtigen Steuergesetzgebungen profitieren, abgeblockt. Die mit der &bdquo;Steuerreform 2000&ldquo; in mehreren Schritten begonnene Steuerreform, deren letzte Stufe zum 01.01.2005 erfolgte, hat zu den selbstverschuldeten Steuereinnahmeausf&auml;llen beigetragen. &bdquo;Die Bundesregierung hat mit der Steuerreform 2000 B&uuml;rger und Unternehmen erheblich steuerlich entlastet. Mit Inkrafttreten der letzten Stufe der Steuerreform &hellip; ergibt sich ein Volumen der Entlastung im Vergleich zu 1998 von knapp 60 Milliarden Euro.<br>\nDas entspricht deutlich mehr als 2 % des Bruttoinlandsproduktes&ldquo;. (Aus der Rede des Bundesfinanzministers Hans Eichel (SPD), die der am 30.03.2004 auf dem Steuerforum des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) gehalten hat). <\/p><p>Dass Steuermindereinnahmen vor allem bei der Gewerbesteuer und K&ouml;rperschaftssteuer entstanden, k&ouml;nnen insbesondere Kommunalpolitiker best&auml;tigen. Dadurch werden Gestaltungsm&ouml;glichkeiten auch in diesem gerade f&uuml;r Investitionen wichtigen Politikbereich massiv eingeschr&auml;nkt, h&auml;ufig kann nicht mehr als der Mangel verwaltet werden. <\/p><p>Petra Roth (CDU), derzeitige Pr&auml;sidentin des Deutschen St&auml;dtetages wird im Buch zitiert: &bdquo;Die Investitionen sanken 2003 um weitere 8,3 % und lagen damit im vergangenen Jahr um 35 % unter dem Stand von 1992. Die Sozialausgaben stiegen um 7,7 % und werden sich 2004 um weitere 4,6 % erh&ouml;hen. Sie liegen dann um rund 45 % &uuml;ber dem Niveau des Jahres 1992.&ldquo; <\/p><p>Die deutsche Steuerquote (Besteuerung von Unternehmen) ist mit gegenw&auml;rtig 20,1 % die zweitniedrigste im OECD-Vergleich (hinter der Slowakei) und dennoch enden hierzulande die Forderungen nach Steuersenkungen vor allem f&uuml;r Konzerne nicht.<br>\nUnd dies, obwohl beispielsweise die Gewinne der 30 Dax-Unternehmen Deutschlands im vergangenen Jahr um etwa 30 % gestiegen sind. Urs&auml;chlich durch einen Wettlauf von m&ouml;glichst niedrigen Steuers&auml;tzen und Sozialversicherungsbeitr&auml;gen bzw. &ndash;abgaben z. B. durch die Agenda 2010 entmachten sich Staaten vor allem zugunsten von Gro&szlig;verdienern und Gro&szlig;konzernen. Die Autoren sprechen von einem um sich greifenden &bdquo;Casinokapitalismus&ldquo;.<br>\nEin aufsehenerregendes Beispiel von Konzernen, die trotz hoher Gewinne eine Steuerr&uuml;ckerstattung beanspruchen, ist der Vodafone-Konzern, der 20 Milliarden Euro durch die Verlustabschreibung der Mannesmann-&Uuml;bernahme erwartet. Dies ist jedoch nur die Spitze des Eisberges, es gibt noch eine Vielzahl andere Beispiele, die im Buch beschrieben sind. <\/p><p>Die Autoren erkundigten sich teilweise vor Ort, wie man national (z. B. in Norderfriedrichskoog) oder international (die Kanalinseln Jersey und Guernsey) Geld so anlegt, dass m&ouml;glichst keine Steuern gezahlt werden m&uuml;ssen.<br>\nAuch die &bdquo;Deutsche Bank&ldquo; nutzt diverse M&ouml;glichkeiten des internationalen Steuerrechts. Im Buch ist dargestellt, dass die Bank in den Jahren 1999-2003 etwa 6-7 Milliarden Euro vom deutschen Fiskus zur&uuml;ck erhielt. Gleichzeitig wurden im gleichen Zeitraum Dividenden in H&ouml;he von 3,995 Milliarden Euro ausgesch&uuml;ttet.<br>\nDie Deutsche Bank ist aktuell in der Kritik, weil trotz nahezu einer Verdoppelung des Gewinns (87 %) weitre 6400 Besch&auml;ftigte &bdquo;frei gesetzt&ldquo; werden sollen. Im vergangenen Jahr erzielte die &bdquo;Deutsche Bank&ldquo; einen Gewinn 2,5 Milliarden Euro. Welchen Anteil wohl der deutsche Fiskus als Steuereinnahme erh&auml;lt ? <\/p><p>Personen aus der Theorie (z. B. Prof. Dr. Jarass) und Praxis (Steuerberater, Betriebspr&uuml;fer, Wirtschaftsanw&auml;lte usw.) zeigen auf, welche L&uuml;cken im nationalen und internationalen Steuerrecht vorhanden waren und noch heute sind und stellen Mutma&szlig;ungen an, warum diese bewusst nicht geschlossen werden.<br>\n&bdquo;Das Kapital ist ein scheues Reh !&ldquo; liest und h&ouml;rt man in diesem Zusammenhang immer wieder. Dieser Drohung ordnet sich offenbar die Politik unter. <\/p><p>Die legale Gewinnr&uuml;ckstellung zur Verrechnung mit legal errechneten k&uuml;nftigen Verlusten wird zurecht kritisch hinterfragt. In den Gesch&auml;ftsberichten von deutschen Konzerne sollen gegenw&auml;rtig etwa 450 Milliarden Euro f&uuml;r diesen Zweck vorgehalten sein. Das Verhalten von Gewerkschaftsfunktion&auml;ren in den Aufsichtsr&auml;ten und der &Ouml;ffentlichkeit wird in diesem Buch ebenfalls kritisch beschrieben.<br>\nKritisch durchleuchtet werden auch die Spitzengeh&auml;lter von Managern in ihrem Verh&auml;ltnis zur unternehmerischen Entwicklung und die Konsequenzen f&uuml;r Arbeitspl&auml;tze und Betriebsverlagerungen. Schlie&szlig;lich geht das Buch auf die nationale und internationale Subventionspolitik vor allem zugunsten von Konzernen eingegangen.<br>\nZu guter Letzt werden das Modell der &bdquo;solidarischen Einfachsteuer&ldquo; der globalisierungskritischen Bewegung &bdquo;attac&ldquo; und &bdquo;Steuerportraits von 20 multinationalen Konzernen&ldquo; vorgestellt.<\/p><p><a href=\"mailto:B.F.Schwab@web.de\">B.F.Schwab@web.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer unserer aktivsten Leser, Bernd Frank Schwab, hat f&uuml;r uns dieses angesichts der aktuellen Debatte um eine weitere Senkung der Unternehmenssteuern h&ouml;chst interessante Buch rezensiert.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[208,138,137],"tags":[266,1474,278,1207,291],"class_list":["post-100","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","category-steuerhinterziehungsteueroasensteuerflucht","category-steuern-und-abgaben","tag-deutsche-bank","tag-managergehaelter","tag-steuersenkungen","tag-unternehmenssteuer","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/100","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=100"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/100\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32293,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/100\/revisions\/32293"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=100"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=100"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=100"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}