{"id":100100,"date":"2023-06-30T09:00:40","date_gmt":"2023-06-30T07:00:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100100"},"modified":"2026-01-27T11:43:16","modified_gmt":"2026-01-27T10:43:16","slug":"keine-argumente-nur-kampfbegriffe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100100","title":{"rendered":"Keine Argumente, nur Kampfbegriffe"},"content":{"rendered":"<p>Ob zum Thema Russland, zum Fall Julian Assange oder zu Corona: In weiten Teilen des &bdquo;Journalismus&ldquo; wird der Bruch mit der Realit&auml;t zur bestimmenden Konstante. Der &ouml;sterreichische Germanist und Philosoph Ortwin Rosner zeigt im NachDenkSeiten-Interview, wie sich Medien von der Realit&auml;t abkoppeln und wie die &bdquo;K&auml;mpfer gegen Hass&ldquo; selbst Hass sch&uuml;ren und Feindbilder pflegen. Die Folgen sind weitreichend: &bdquo;Wenn kritische Leute systematisch mit Kampfbegriffen und verzerrten Darstellungen der Wirklichkeit niedergemacht werden, dann ist eine Demokratie nicht mehr m&ouml;glich&ldquo;, sagt Rosner. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9823\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-100100-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230630_Keine_Argumente_nur_Kampfbegriffe_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230630_Keine_Argumente_nur_Kampfbegriffe_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230630_Keine_Argumente_nur_Kampfbegriffe_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230630_Keine_Argumente_nur_Kampfbegriffe_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=100100-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230630_Keine_Argumente_nur_Kampfbegriffe_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230630_Keine_Argumente_nur_Kampfbegriffe_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>&bdquo;Kampf gegen Hass&ldquo; &ndash; das ist seit Langem eine Formulierung, die in den gro&szlig;en Medien immer gerne aufgegriffen wird. Nur: W&auml;hrend der &bdquo;Coronazeit&ldquo; ist es selbst zu einer <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90128\">&bdquo;Dynamik des Hasses&ldquo;<\/a> in diesen Medien, die sonst vor Hass warnen, gekommen. Davon handelt ein Essay von Ihnen. K&ouml;nnen Sie uns sagen, was Sie beobachtet haben?<\/strong><\/p><p>Ich denke, dass nicht nur ich es beobachtet habe, sondern es im Grunde f&uuml;r jeden sichtbar war oder h&auml;tte sein m&uuml;ssen: n&auml;mlich dieser enorme Widerspruch zwischen dem, was die linksliberalen Meinungsmacher predigen, und dem, was sie selbst tun. Und das schier Unverst&auml;ndliche ist, dass ihnen selbst dieser Widerspruch nicht aufzufallen scheint. Das ist das eigentlich Unfassliche, und viele fragen sich, was da los ist, wie so etwas m&ouml;glich sein kann. Seit Jahren, Jahrzehnten, prangern diese Medien den &bdquo;Hass im Netz&ldquo; an, klagen sie die &bdquo;Rechtspopulisten&ldquo; ihrer Methoden der Polarisierung und der Spaltung an, werfen ihnen das Spiel &bdquo;Wir gegen die Anderen&ldquo;, das Sch&uuml;ren von Hass, die Pflege von Feindbildern und so weiter vor. W&auml;hrend der Coronazeit aber war es so, als sei da pl&ouml;tzlich ein Schalter umgelegt worden. Auf einmal lie&szlig; man selbst alle Hemmungen fallen. Der Wolf im Schafspelz kam zum Vorschein.<\/p><p><strong>Was hat dieser &bdquo;Wolf&ldquo; gemacht?<\/strong><\/p><p>Mit einer unfasslichen Brutalit&auml;t, wie es sie bislang in der Nachkriegszeit nicht im &ouml;ffentlichen Diskurs gegeben hatte, bediente sich ausgerechnet der angeblich anti-faschistische linksliberale Mainstream systematisch genau jener agitatorischen Methoden, die er bislang sch&auml;rfstens verurteilt hatte, wenn andere sie verwendeten. Dieser krasse Widerspruch ist so offensichtlich wie der helllichte Tag. Und es ist darum an und f&uuml;r sich grotesk, dass man ihn &uuml;berhaupt eigens als These formulieren muss, so wie ich das in meinem Essay getan habe. Generell ist es ein Ausdruck der tiefen Erkrankung des &ouml;ffentlichen Diskurses, dass man heutzutage Dinge explizieren muss, die im Grunde jeder sehen m&uuml;sste &ndash; die so offensichtlich geworden sind wie die Tatsache, dass der Himmel blau ist.<\/p><p><strong>Vorab: In der ersten Zeit war es zun&auml;chst aber noch so, dass Medien eher keine gro&szlig;e Gefahr im Hinblick auf das Coronavirus gesehen haben. Erinnert sei an <a href=\"https:\/\/twitter.com\/UNSCDFspartan\/status\/1663806789484261376\">den l&auml;ngst schon legend&auml;ren Beitrag des BR-Magazins &bdquo;quer&ldquo;<\/a> (&bdquo;&hellip;doch in den sozialen Medien h&auml;ufen sich jetzt Fake News, Verschw&ouml;rungstheorien und Berichte, die Angst vor dem Coronavirus machen.&ldquo;) Und dann hat sich die Ausrichtung der Medien ge&auml;ndert. In &Ouml;sterreich war es auch so, oder?<\/strong><\/p><p>Allerdings. Das ist ja die n&auml;chste absurde Angelegenheit. Das war im Prinzip auch in &Ouml;sterreich so. Wer von Anfang an Corona-Alarm schlug, das war jedoch der Boulevard, das sind bei uns insbesondere die Gratisbl&auml;tter Heute und oe24. Aber die linksliberalen Leitmedien, das sind bei uns Bl&auml;tter wie der <em>Standard<\/em>, der Falter und das profil, die gingen in den ersten beiden Monaten &mdash; ich spreche hier von J&auml;nner und Februar 2020 &mdash; zuerst einmal ganz anders mit Corona um. Ich wei&szlig; nicht, ob da geradezu der Vorwurf von &bdquo;Fake News&ldquo; und &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorien&ldquo; in den &ouml;sterreichischen Medien irgendwo auftauchte, aber jedenfalls grenzte man sich explizit von &bdquo;Panik&ldquo; und &bdquo;Angstmache&ldquo; ab. Man setzte Covid der Grippe oder sogar einer blo&szlig;en Erk&auml;ltung gleich. Man verwies auf das hohe Alter der Todesopfer. Man zitierte Experten, die einem erkl&auml;rten, dass Viren etwas ganz Nat&uuml;rliches seien, vor dem man keine Angst haben m&uuml;sse. Man ging geradezu beschwichtigend mit dem Thema um.<\/p><p><strong>Dann sind Medien aber dazu &uuml;bergegangen, Ma&szlig;nahmenkritiker anzugreifen. Wie sind Journalisten vorgegangen?<\/strong><\/p><p>Grotesk daran ist, dass nur kurz darauf dieselben Medien jeden als &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretiker&ldquo;, &bdquo;Schwurbler&ldquo;, &bdquo;Corona-Verharmloser&ldquo; und so weiter an den &ouml;ffentlichen Pranger stellten, der eigentlich nur das sagte, was sie selbst zuvor gerade noch als Wahrheit verk&uuml;ndet hatten. Ich rede darum von zwei grundlegenden Ph&auml;nomenen, n&auml;mlich von &bdquo;Dissoziation&ldquo; und &bdquo;Assoziation&ldquo;. &bdquo;Dissoziation&ldquo; hei&szlig;t eben, dass es pl&ouml;tzlich so war, als ob die Journalisten sich nicht mehr an das erinnern h&auml;tten k&ouml;nnen, was sie selbst gerade zuvor noch gesagt hatten. Oder sie mussten sich von fr&uuml;heren Aussagen distanzieren, so wie der Wissenschaftsjournalist Jakob Simmank, der 2017 noch einen kritischen Artikel mit dem Titel &bdquo;Der heimliche WHO-Chef hei&szlig;t Bill Gates&ldquo; in der Zeit hatte unterbringen k&ouml;nnen. Allerdings nahm er in einem &ouml;ffentlichen Statement vom Juni 2020 diese Formulierung zur&uuml;ck und tat so, als sei ihm damals ein Fehler passiert. Mit anderen Worten hei&szlig;t das: Es kam im Fr&uuml;hjahr 2020 zu einer massiven Einengung der Grenzen des Sagbaren im gesamten journalistischen Feld. Womit wir schon bei der &bdquo;Assoziation&ldquo; w&auml;ren. Denn das bedeutete &uuml;berdies, dass ab nun jeder, der die Grenzen dessen &uuml;berschritt, was zu sagen noch erlaubt war, in ein bestimmtes Eck gestellt wurde. Kritiker wurden automatisch in einen Topf mit &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretikern&ldquo;, &bdquo;Antisemiten&ldquo;, &bdquo;Rechtsextremisten&ldquo;, &bdquo;Schwurblern&ldquo;, &bdquo;Corona-Leugnern&ldquo; usw. geworfen. So absurd diese Zuschreibungen teilweise waren, es wurde getan. Ab jetzt brauchte man einfach keine Argumente mehr. Es reichte zu sagen, jemand verbreite &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorien&ldquo;. Im Handumdrehen war damit ein Zeitungsartikel fertig. Es wurden journalistische Arbeiten fabriziert, die bestanden nur aus der ununterbrochenen Wiederholung, dass XY &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorien&ldquo; verbreite &ndash; ohne irgendeine sachliche, inhaltliche Auseinandersetzung. Der Content war blo&szlig; noch Diffamierung, die leere H&uuml;lle des Framings, sonst nichts.<\/p><p><strong>Sie gehen in Ihrem Essay so weit zu sagen, dass f&uuml;r den Journalismus, der dann sichtbar wurde, die Wirklichkeit keine Rolle mehr gespielt hat. W&uuml;rden Sie das bitte n&auml;her erl&auml;utern?<\/strong><\/p><p>Ein wesentliches Element sind eben die Kampfbegriffe. Sie sind blo&szlig;e Worth&uuml;llen, die eigentlich keine Inhalte mehr vermitteln und die darum jede sachliche Auseinandersetzung und damit nat&uuml;rlich auch jede Auseinandersetzung mit der Realit&auml;t blockieren. So ein Journalismus braucht keine Realit&auml;t mehr. Sie haben selbst ein sehr gutes Beispiel daf&uuml;r gebracht, wie so etwas funktioniert, durch Ihren Hinweis auf den Beitrag vom <em>Bayrischen Rundfunk<\/em>. Zuerst wurde also diejenige Meinung, die im Coronavirus eine ernsthafte Bedrohung sah, als &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; diffamiert. Dann pl&ouml;tzlich diejenige Meinung, die das nicht tat. Was bedeutet das aber? Das bedeutet, dass diese Begriffe oder Pseudobegriffe letztlich v&ouml;llig beliebig verwendbar sind, sie sind in keiner ihnen entsprechenden Wirklichkeit mehr sachlich fundiert. Es sind blo&szlig;e Wortgespenster, die von jeglicher Realit&auml;t entkoppelt benutzt werden k&ouml;nnen. &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretiker&ldquo; &ndash; das ist eben immer derjenige, den man gegenw&auml;rtig zum politischen Gegner auserkoren hat. Im n&auml;chsten Moment kann das schon wieder jemand ganz anderes sein. Das ist ja das Praktische an diesen Kampfbegriffen: Man kann sie jederzeit umdrehen &ndash; so, wie es einem gerade passt.<\/p><p><strong>Was bedeutet das f&uuml;r die Berichterstattung, wenn, zum Beispiel, ein Reporter eine Demonstration gegen die Corona-Ma&szlig;nahmen besucht?<\/strong><\/p><p>Hier hat sich die folgende bizarre Konstellation als typisch herauskristallisiert: Ein Reporter geht zu einer Corona-Demonstration, um davon zu berichten. Allerdings: Was er davon berichten wird, das steht von vornherein fest. Im Kopf ist das Drehbuch immer schon fertig. Es werden dort lauter &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretiker&ldquo;, &bdquo;Schwurbler&ldquo; und &bdquo;Rechtsextremisten&ldquo; sein. Es kann ja gar nicht anders sein. Er wird also demnach auf der Demo auch nur lauter &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretiker&ldquo;, &bdquo;Schwurbler&ldquo; und &bdquo;Rechtsextremisten&ldquo; sehen, ganz gleich, was sich dort tats&auml;chlich abspielt. Das war der typische Ablauf der Corona-Demo-Berichterstattung. Ein besonders krasses Beispiel daf&uuml;r ist ein Artikel der <em>Standard<\/em>-Redakteurin Colette M. Schmidt, die eine Demonstrantengruppe namens &bdquo;Freie Linke&ldquo; gesichtet hatte. Das Drehbuch wurde dadurch gest&ouml;rt. Aber das konnte ja nicht falsch sein. Die Schlussfolgerung lag f&uuml;r Schmidt demnach auf der Hand: Das konnten keine wirklichen Linken sein, vermutlich seien das blo&szlig; verkappte Rechte, unterstellte sie in ihrem Artikel.<\/p><p><strong>Ist diese Abkopplung von der Realit&auml;t dessen, was als &bdquo;Berichterstattung&ldquo; bezeichnet werden will, nicht l&auml;ngst Normalit&auml;t im Journalismus geworden &ndash; zumindest, wenn es um weitreichende politische Themen geht?<\/strong><\/p><p>Kampfbegriffe wie &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretiker&ldquo; oder &bdquo;Putinversteher&ldquo; sind ja in Wahrheit schon lange im Spiel, genauso wie die Methoden des Framings und der Diffamierung. Und Journalismus nach Drehbuch ist auch nichts Neues. Diese Methoden haben sich in den letzten drei Jahren blo&szlig; radikalisiert. Die Verwandlung des Journalismus in ein System reiner Meinungsmache hat sich aber bereits l&auml;nger abgezeichnet. Insofern muss ich meine obige Aussage relativieren, es sei hier ganz &bdquo;pl&ouml;tzlich&ldquo; ein Schalter umgelegt worden. Da gab es eine jahrzehntelange Entwicklung, r&uuml;ckblickend ist das erkennbar, und uns ist es gegangen wie dem Frosch im siedenden Kochtopf, der nicht gesehen hat, worauf das hinausl&auml;uft. W&auml;re es nicht Corona gewesen, dann etwas anderes, bei dem das passiert w&auml;re, was jetzt passiert ist.<\/p><p><strong>Beim Fall <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=assange-julian\">Julian Assange<\/a> ist es nicht viel anders, oder?<\/strong><\/p><p>Sp&auml;testens hier wurde es erkennbar, dass irgendetwas ganz im Argen mit dem &ouml;ffentlichen Diskurs liegt. Es ist geradezu unfassbar, dass da ein Journalist seit mittlerweile vier Jahren unter Bedingungen, die man als Folter bezeichnen muss, in einem Londoner Hochsicherheitsgef&auml;ngnis gefangen gehalten wird, als w&auml;re er ein gemeingef&auml;hrlicher M&ouml;rder und Terrorist. Und das blo&szlig; deswegen, weil er Dokumente ver&ouml;ffentlicht hat, die die USA nicht ver&ouml;ffentlicht haben wollten &ndash; und, weil er dabei unter anderem schwere Kriegsverbrechen an die &Ouml;ffentlichkeit gebracht hat. Was aber hat das Personal in den Redaktionsstuben getan, Leute, die in ihm eigentlich einen Kollegen sehen m&uuml;ssten, den sie mit ganzer Kraft im Namen der Pressefreiheit unterst&uuml;tzen sollten? Die hatten oft nichts anderes zu tun, als l&auml;ngst widerlegte Vorw&uuml;rfe gegen ihn am Leben zu halten. Vor allem haben sie aber viel geschwiegen. Schlie&szlig;lich passt der Fall nicht in das Drehbuch. Das besagt ja, dass der Westen der Besch&uuml;tzer der Menschenrechte ist, aber keinesfalls, dass er eine Bedrohung f&uuml;r sie ist.<\/p><p>Oder ein anderes Beispiel: Denken Sie an den Anti-Handke-Journalismus. Wie v&ouml;llig verzerrt man da den Inhalt des Jugoslawien-Buchs von Peter Handke wiedergegeben hat, auf eine Art und Weise, dass das nichts damit zu tun hatte, was tats&auml;chlich drinstand. Das ist ja schon nahe an die Corona-Meinungsmachemaschinerie gekommen, wie da im Herbst 2019 im <em>Standard<\/em> bisweilen mehrere Anti-Handke-Artikel gleichzeitig herausgeschossen kamen, und das fast tagt&auml;glich. Das waren also die Corona-Vorboten.<\/p><p><strong>Kritische Akteure werden also schon seit geraumer Zeit mundtot gemacht. Und wie bewerten Sie die Arbeit der Medien im Zusammenhang mit dem aktuellen Krieg in der Ukraine?<\/strong><\/p><p>Hatte der Corona-Diskurs seine Vorboten, so ist demgegen&uuml;ber der aktuelle Ukraine-Journalismus so eine Art Corona-Nachfolger. Da findet das radikalisierte agitatorische Instrumentarium seit mittlerweile mehr als einem Jahr seine fortgesetzte Anwendung. Fast eins zu eins wurden hier die Methoden &uuml;bertragen, die man w&auml;hrend Corona etabliert hatte. Ein charakteristisches Beispiel daf&uuml;r ist mir noch relativ frisch in Erinnerung: Ende Januar fand hier in Wien eine Demonstration gegen die Panzerlieferungen vor der deutschen Botschaft statt. Ich war dabei. Und ich kann daher bezeugen, dass das Bild, das der <em>Standard<\/em>-Journalist Markus Sulzbacher davon auf Twitter zeichnete, fast nichts mit der Realit&auml;t zu tun hatte. Vom Inhalt der Reden teilte er &uuml;berhaupt nichts mit. Stattdessen ging es in seinem Tweet um einen Mann, der vor Ort gar keine Rolle gespielt hatte und von den meisten gar nicht bemerkt worden war, der aber eine Reichsflagge oder so etwas bei sich getragen hatte. Auf dieser Grundlage framte Sulzbacher im Handumdrehen die gesamte Kundgebung als &bdquo;rechtsextrem&ldquo;. Man pickt sich von der Realit&auml;t immer genau jene Details heraus, die man braucht, um das stets gleiche Narrativ herunterzuspulen &ndash; das Drehbuch eben, wie gesagt.<\/p><p><strong>Gerade steht der M&uuml;nchner Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen im Fokus. Aber auch Patrik Baab, Ulrike Gu&eacute;rot und noch einige andere <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98788\">werden &ouml;ffentlich angegriffen<\/a>, weil sie es wagen, eine Meinung zu vertreten, die vom Mainstream abweicht. W&uuml;rden Sie diese Entwicklung bitte einordnen?<\/strong><\/p><p>Da geht es um die K&uuml;ndigung und Einsch&uuml;chterung von im Wissenschaftsbetrieb t&auml;tigen Personen. Analoge Vorf&auml;lle gab es ja schon in der Coronazeit. Hier in &Ouml;sterreich erhielt etwa der Mediziner Andreas S&ouml;nnichsen von seiner Universit&auml;t in Wien die K&uuml;ndigung. Beim Thema Ukraine findet das nun seine Fortsetzung. Was hier passiert, ist absolut einschneidend, weil es &uuml;ber das Problem des Journalismus noch hinausgeht. F&uuml;r mich hatten die Universit&auml;ten, was auch immer rundherum in der Gesellschaft geschah, im Verh&auml;ltnis dazu lange doch als ein Reservat des freien und kritischen Denkens gegolten &ndash; wo es zwar auch manchmal hart zuging, wo es nat&uuml;rlich auch Ideologien gab, Machtk&auml;mpfe, aber letztlich doch die Argumente galten. Wenn es nun die Freiheit der Wissenschaft nicht mehr gibt, dann ist das im Grunde genommen eine noch viel gr&ouml;&szlig;ere Katastrophe, als dass der Journalismus seine Unabh&auml;ngigkeit verloren hat, die er ja vielleicht so richtig ohnehin nie hatte.<\/p><p>Nicht der Journalismus hatte f&uuml;r mich lange als diejenige Institution gegolten, die die Rolle des sorgf&auml;ltigen wie kritischen H&uuml;ters der &bdquo;Realit&auml;t&ldquo; f&uuml;r die Gesellschaft zu &uuml;bernehmen h&auml;tte, falls man das so formulieren will, sondern unsere Forschungs- und Bildungseinrichtungen. Auch in der allgemeinen Wahrnehmung, glaube ich, ist es so, dass am ehesten das als &bdquo;Wirklichkeit&ldquo; gilt, was von den Wissenschaften als &bdquo;Wirklichkeit&ldquo; ausgegeben wird. Ihnen kommt daher die h&ouml;chste Verantwortung zu. Dass diese Festung nun am Fallen ist, weist auf eine tiefergehende Umstrukturierung der gesamten Gesellschaft hin. &Auml;hnliche Entwicklungen gibt es im Kunst- und Kulturbetrieb, der gleichfalls seine kritische Funktion verloren hat. Man kann all diese Ver&auml;nderungen in ihrer Bedeutung gar nicht hoch genug einsch&auml;tzen. So wie mit der modernen Wissenschaft stets der Begriff der Freiheit verbunden war, so mit der modernen Kunst der Begriff ihrer Autonomie. Wir haben es, das m&uuml;ssen wir uns bewusst machen, mit wirklich sehr tiefgehenden historischen Umbr&uuml;chen in den westlichen Gesellschaften zu tun, deren Zeitzeugen wir sind. So grauenhaft das alles ist, so gerne man sich das erspart h&auml;tte, aber spannend ist das allemal, was wir da erleben.<\/p><p><strong>Was sind die Folgen f&uuml;r unsere Gesellschaft?<\/strong><\/p><p>Wir haben es meines Erachtens mit einem v&ouml;lligen Verfall des gesamten &ouml;ffentlichen Diskurses zu tun, einhergehend nat&uuml;rlich mit seiner gleichzeitigen Verh&auml;rtung. Es gibt keinen &ouml;ffentlichen demokratischen Diskurs mehr, der diesen Namen verdienen w&uuml;rde. Und das ist das Ende der Demokratie. Wenn kritische Leute systematisch mit Kampfbegriffen und verzerrten Darstellungen der Wirklichkeit niedergemacht werden, wenn aller Widerspruch dagegen mechanisch als &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; stigmatisiert wird, dann ist eine Demokratie nicht mehr m&ouml;glich. Wir haben es endg&uuml;ltig nur mehr mit einer Fassadendemokratie zu tun. Ja, so drastisch w&uuml;rde ich das ausdr&uuml;cken.<\/p><p>Titelbild: Khakimullin Aleksandr\/shutterstock.com<\/p><p><em><strong>Lesetipp: Andreas Urban. <a href=\"https:\/\/mediashop.at\/buecher\/schwerer-verlauf\/\">Schwerer Verlauf &ndash; Corona als Krisensymptom<\/a>. Promedia. 272 S. 24 Euro.<\/strong><\/em><\/p><p><em><strong>Anmerkung Redaktion:<\/strong> In dem Buch enthalten ist das Essay von Ortwin Rosner &bdquo;Dynamik des Hasses: Zur Metamorphose der Medien unter dem Corona-Regime&ldquo;.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob zum Thema Russland, zum Fall Julian Assange oder zu Corona: In weiten Teilen des &bdquo;Journalismus&ldquo; wird der Bruch mit der Realit&auml;t zur bestimmenden Konstante. Der &ouml;sterreichische Germanist und Philosoph Ortwin Rosner zeigt im NachDenkSeiten-Interview, wie sich Medien von der Realit&auml;t abkoppeln und wie die &bdquo;K&auml;mpfer gegen Hass&ldquo; selbst Hass sch&uuml;ren und Feindbilder pflegen. 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