{"id":100155,"date":"2023-07-02T11:45:11","date_gmt":"2023-07-02T09:45:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100155"},"modified":"2023-07-01T16:03:21","modified_gmt":"2023-07-01T14:03:21","slug":"pueblo-a-pueblo-in-venezuela-nahrung-ist-keine-ware-sondern-ein-menschenrecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100155","title":{"rendered":"\u201ePueblo a Pueblo&#8221; in Venezuela: Nahrung ist keine Ware, sondern ein Menschenrecht"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; ist eine Basisbewegung zur Organisierung von Produktion, Vertrieb und Verbrauch von Lebensmitteln. Das Projekt bringt die landwirtschaftlichen Erzeuger mit den Stadtbewohnern zusammen, womit es mit den rigorosen Diktaten des kapitalistischen Marktes bricht. Im ersten Teil dieser Serie berichten Mitglieder&nbsp;&uuml;ber die Geschichte ihrer Organisation und ihre Ziele. Von <strong>Cira Pascual Marquina<\/strong> und <strong>Chris Gilbert<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&Uuml;ber &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo;<\/strong><\/p><p><strong>Ricardo Miranda<\/strong> ist Mathematiker und Gr&uuml;nder der Bauernbewegung von Jirajara, in jungen Jahren war er Guerilla-Aktivist: <\/p><p>&bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; bezeichnet eine Haltung, einen Plan und eine Methode, die darauf abzielen, den Widerspruch zwischen dem Land und der Stadt aufzul&ouml;sen, um so die Mauern einzurei&szlig;en, die das Kapital errichtet, um unterschiedliche Bereiche des Volkes voneinander zu trennen und sie zu isolieren.<\/p><p>Das vorhandene Marktsystem konzentriert sich auf den Konsum, es ignoriert aber Produktion und Verteilung. Bei &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; werden Produktion, Verteilung und Konsum zu dem verbunden, was wir &bdquo;lebendige Wirtschaft&rdquo; [econom&iacute;a viva] nennen. Diese neue Art von Wirtschaft kann sich nur au&szlig;erhalb der herrschenden Mechanismen des entfremdeten Konsums entwickeln.<\/p><p>Was bedeutet das in der Praxis? Das Volk braucht die Kontrolle &uuml;ber Land, Saatgut und Verteilungsmechanismen, aber auch &uuml;ber den Konsum. Zu dem Zweck arbeiten wir zusammen mit den angeschlossenen Gemeinschaften in den Barrios und denen auf dem Land. In der Stadt, z.B. im Barrio San Agust&iacute;n in Caracas, treffen sich die Menschen, um &uuml;ber die ben&ouml;tigten Produkte zu beraten und zu entscheiden. Die Erzeuger auf dem Land, die mit &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; zusammenarbeiten, k&ouml;nnen so ihre Produktion planen. Wenn die Ernte fertig ist, legt eine Erzeugerversammlung die Preise f&uuml;r die Produkte fest, und zwar auf Grundlage der Produktionskosten. Die Erzeugnisse werden dann zu den Sammelstellen gebracht, der letzte Schritt sind organisierte Verteileraktionen &ndash; so wie in San Agust&iacute;n.<\/p><p>Damit entf&auml;llt der Zwischenh&auml;ndler, also der kapitalistische Marktteilnehmer, der die Campesinos &uuml;bervorteilt und denjenigen, die Obst und Gem&uuml;se auf dem Markt kaufen, zu hohe Preise abverlangt. Auf diese Weise sinken die Preise, Verschwendung und Ernteverluste gehen auch zur&uuml;ck.<\/p><p>Womit sich zeigt, dass der bestehende Markt nicht plant ist, sondern im Gegenteil: Das Einzige, was die &Ouml;konomie des Kapitals antreibt, sind Profite und nicht die Bed&uuml;rfnisse der Menschen. Bei &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; stimmen Produktion und Bed&uuml;rfnisse &uuml;berein, Erzeuger und Verbraucher treffen sich in einem konstruktiven Kreislauf, der auf realem Leben und nicht auf Profit basiert.<\/p><p>F&uuml;r uns sind Lebensmittel keine Ware, sondern ein Menschenrecht. Unser Projekt bringt Erzeuger und Verbraucher als Subjekte zusammen und nicht als Randfiguren. In der Zeit zwischen den Anf&auml;ngen von &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; und dem Ausbruch der Pandemie hatten wir fast 300 Verteilaktionen. Dabei wurden die Preise auf transparente Weise festgelegt, sodass niemand sich an der Arbeit anderer bereicherte.<\/p><p><strong>Laura Lorenzo<\/strong> ist ebenfalls Gr&uuml;nderin der Bauernbewegung von Jirajara sowie deren nationale Koordinatorin: <\/p><p>&bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; ist ein Projekt, das die arbeitenden Menschen vom Land und aus der Stadt zusammenbringt, um denjenigen zu entkommen, die Handelsware aus dem machen, was die einen zum Leben herstellen und die anderen zum Leben brauchen.<\/p><p>Rechtlich gesehen sind wir eine Stiftung, aber bei unserem Projekt geht es nicht darum, Menschen in ein rechtliches Korsett zu zwingen, es geht um den freien und bewussten Zusammenschluss zu Gemeinschaften, die entschlossen sind, sich von den Marktdiktaten zu l&ouml;sen.<\/p><p>Es begann im Jahr 2015. Ausgangspunkt f&uuml;r die Produktion war Carache im Andenstaat Trujillo, dazugekommen sind die Kommune El Panal und sp&auml;ter San Agust&iacute;n Convive als st&auml;dtische Basisorganisationen in Caracas.<\/p><p>Au&szlig;erdem gab es seit 2021 eine Zusammenarbeit mit 270 Schulen, um ihnen die Erzeugnisse zu liefern, die sie ben&ouml;tigten, um gute Mahlzeiten f&uuml;r fast 100.000 Kinder zu kochen. Gerade dies ist wichtig in einer Zeit, in der sich die Blockade auf die Ern&auml;hrung der Kinder auswirkt. &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; sorgt f&uuml;r vielf&auml;ltige und ausgewogene Schulmahlzeiten mit Vor-Ort-Begleitung und ohne Zwischenh&auml;ndler.<\/p><p><strong>Salvador Salas<\/strong> ist Teil des Koordinierungsteams: <\/p><p>Im Kapitalismus sind die Arbeitskr&auml;fte auf dem Land von denen in der Stadt durch kaum zu &uuml;berwindende Mauern getrennt. Jeder versteht, dass die G&uuml;terversorgung im kapitalistischen System f&uuml;r arbeitende Menschen ein Problem ist. Der Zwischenhandel trennt die Welten von Produzenten und Konsumenten, und es ist nicht leicht, diese Trennung zu &uuml;berwinden.<\/p><p>Um dies zu &auml;ndern, m&uuml;ssen wir uns klarmachen, wie diese Barriere aufgebaut ist. Es geht nicht nur darum, dass die Zwischenh&auml;ndler die Lastwagen, die Silos und die Genehmigungen haben, was an sich schon wichtig ist. Es geht auch um die Ressourcen, die f&uuml;r den Anbau einer Pflanze ben&ouml;tigt werden. Um einen Hektar Tomaten anzubauen, braucht der Erzeuger Saatgut und andere Mittel; die Kosten f&uuml;r die Betriebsmittel gehen in die Tausende von Dollar.<\/p><p>Um die Ernte zu finanzieren, sieht ein Campesino sich oft gezwungen, sich an einen Kapitalgeber im Vertriebsgesch&auml;ft zu wenden; dieser liefert die Betriebsmittel, aber zu Bedingungen, die f&uuml;r den Campesino sehr ung&uuml;nstig sind. Durch solche Gesch&auml;fte verlieren die Bauern die Kontrolle &uuml;ber den Produktionsprozess, und einige machen am Ende sogar Verlust.<\/p><p><strong>Gabriel Gil<\/strong> ist Landwirt, Erzieher und Mitglied des Koordinierungsteams:<\/p><p>Deshalb regeln wir in &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; die b&auml;uerliche Produktion und den Konsum der Arbeiterklasse ohne kapitalistische Vermittlung oder Verteilung.<\/p><p>Ich sollte noch etwas hinzuf&uuml;gen: Die kleinb&auml;uerliche Produktion ist tats&auml;chlich sehr effizient. Nach Angaben der &bdquo;Sociedad Cient&iacute;fica Latinoamericana de Agroecolog&iacute;a&rdquo; werden etwa 70 Prozent des weltweit konsumierten Obstes und des Gem&uuml;ses von Kleinbauern produziert. Andere Quellen, wie die Berichte der Ern&auml;hrungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, kommen zu &auml;hnlichen Zahlen, Venezuela ist gar keine Ausnahme.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230630-Pueblo-Fotos1.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230630-Pueblo-Fotos1.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Foto1: <a href=\"https:\/\/venezuelanalysis.com\/interviews\/15763\">venezuelanalysis.com\/interviews\/15763<\/a><\/p><p><strong>Salvador Salas:<\/strong>&nbsp;Werfen wir einen Blick auf unsere Erfahrungen bei &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo;: Zwischen 2015 und 2020 wurden im Rahmen unseres Plans vier Millionen Kilo G&uuml;ter verteilt, mit denen sich Tausende von Menschen ern&auml;hrten. Das meiste davon stammt von den 140 angeschlossenen Erzeugern, die insgesamt etwa 100 Hektar Land bewirtschaften.<\/p><p>Das zeigt, dass b&auml;uerliche Produktion &ndash; gerade in Zeiten, in denen sich die Krise des Kapitals mit der imperialistischen Belagerung Venezuelas verbindet &ndash; nicht nur effizient ist, sondern auch den Ausweg weist. Konventionelle Landwirtschaft ist destruktiv f&uuml;r die Umwelt, f&uuml;r das Sozialgef&uuml;ge und die Souver&auml;nit&auml;t, und der Ertrag pro Hektar ist tendenziell niedriger als bei kleinb&auml;uerlicher Produktion.<\/p><p>Deshalb pl&auml;dieren wir f&uuml;r ein selbst organisiertes Modell, das den Markt abschafft, indem es Erzeuger und Verbraucher zusammenbringt, und das die Umwelt, die Bauern und die Verbraucher sch&uuml;tzt.<\/p><p><strong>Gabriel Gil<\/strong>:<\/p><p>Die &bdquo;Gr&uuml;ne Revolution&rdquo;, die in den 1960ern hier Einzug hielt, f&uuml;hrte zum Bruch zwischen Bauern und Natur. Damals setzte sich die industrielle Landwirtschaft mit einem Modell durch, das Boden und Wasser verschmutzt und dem Land die N&auml;hrstoffe entzieht. Dieses Modell beg&uuml;nstigt das Kapital gegen&uuml;ber dem Leben der Bauern &ndash; und dem Leben im Allgemeinen &ndash; und stellt die &uuml;bergreifenden Unternehmerinteressen &uuml;ber die eigenen nationalen Vorstellungen.<\/p><p>&bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; ist ein Projekt, das nicht nur die Barrieren zwischen st&auml;dtischer und l&auml;ndlicher Arbeiterschaft abbaut, sondern auch die Verwendung eigenen Saatguts und agro&ouml;kologischer Praktiken f&ouml;rdern will. Nun k&ouml;nnte man zweifeln, ob das tats&auml;chlich machbar ist. Ja, ist es: W&auml;hrend ein Hektar mit gentechnisch ver&auml;ndertem, agroindustriellem Mais bis zu 10.000 Kilo Mais ergibt, kann ein &ouml;kologisch und b&auml;uerlich bewirtschafteter Hektar h&ouml;heren Ertrag bringen, und die Ernte wird diversifiziert.<\/p><p><strong>Ana D&aacute;vila<\/strong> ist Mitglied im Grundlagen- und Vertriebsteam: <\/p><p>Die Campesinos von &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; sind Teil des &bdquo;Netzwerks freier Produzenten&rdquo; (Red de Productores Libres y Asociados). Carache ist der l&auml;ndliche Ursprung des Projekts, weitere Produzenten gibt es in verschiedenen Bundesstaaten, darunter Lara, Portuguesa, Yaracuy und Barinas. Die Bauern produzieren f&uuml;r unser Verbrauchernetzwerk, in welchem Gemeinschaften aus Caracas, Miranda, La Guaira, aus Aragua und Carabobo organisiert sind. Ich w&uuml;rde sagen, dass unsere wichtigste Errungenschaft darin besteht, Produzenten und Konsumenten zusammenzubringen. Wenn Campesino und Barrio-Bewohner einander in die Augen sehen, wenn sie die Geschichten des anderen h&ouml;ren, entsteht eine klassenbewusste Solidarit&auml;t.<\/p><p>Ein weiteres unserer Anliegen war es, eigene Kostenstrukturen au&szlig;erhalb des Systems zu schaffen, was Folgendes bedeutet: Unsere Preise werden nicht vom Markt, sondern von den Campesinos bestimmt, die somit keinen Preisspekulationen ausgesetzt sind. Auch die Verbraucher sind nicht den Launen des Marktes ausgeliefert, wo die Preise oft grundlos in die H&ouml;he gehen. Das bedeutet, dass die Erzeuger bei &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; eine faire Bezahlung f&uuml;r ihre Ernte erhalten und dass die Verbraucher in der Lage sind, Lebensmittel zu Preisen zu beziehen, die bis zu 70 Prozent unter dem Marktpreis liegen.<\/p><p>Wie Sie sich vorstellen k&ouml;nnen, ist all dies sehr wichtig in einem Land, das einer brutalen US-Blockade ausgesetzt ist.<\/p><p><strong>Die Leitprinzipien von &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo;<\/strong><\/p><p><strong>Gabriel Gil<\/strong>: Um &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; zu verstehen, ist es wichtig, die f&uuml;nf agro&ouml;kologischen Dimensionen zu benennen, die wir f&ouml;rdern und die auch universelle Prinzipien sind.<\/p><p>Die erste Dimension f&uuml;r uns ist die Verk&uuml;rzung der zerst&ouml;rerischen Distanz zwischen Land und Stadt. Mit anderen Worten, es geht um die Verteilung von Lebensmitteln ohne Zwischenh&auml;ndler, Spekulanten und andere Akteure. Sie [die Zwischenh&auml;ndler] sind in der Lage, die Produktion an sich zu rei&szlig;en, weil die kapitalistische Welt so konzipiert ist, dass Konsum auf der einen Seite und die Produktion auf der anderen Seite konzentriert ist.<\/p><p>Deshalb arbeiten wir an Systemen, bei denen Erzeuger und Verbraucher sich ohne Zwischenh&auml;ndler und au&szlig;erhalb von Marktverwerfungen austauschen. Auf diese Weise entsteht eine solidarische, geschwisterliche Klassenverbindung zwischen Erzeugern und Verbrauchern. Dies ermutigt den Campesino, sorgf&auml;ltiger und mit weniger Giftstoffen zu produzieren, und der St&auml;dter &uuml;berwindet den Zustand des entfremdeten Konsumenten, und vielleicht kommt er sogar nach Carache, um bei der Ernte zu helfen.<\/p><p>Ein weiteres unserer Prinzipien ist die Rettung von Land und Territorium. Wenn wir von Rettung des Landes sprechen, dann meinen wir Aktionen, die Campesinos zu Eigent&uuml;mern des Landes machen. Wenn wir von der Befreiung der Territorien sprechen, so meinen wir auch die kulturelle Wiederaneignung.<\/p><p>Und was bedeutet das konkret? Wenn Campesinos die Kontrolle &uuml;ber ein St&uuml;ck Land &uuml;bernehmen, so ist das gewiss gut. Wenn sie jedoch weiterhin im konventionellen, hochgradig umweltsch&auml;dlichen System arbeiten, so reproduzieren sie nur die bestehenden Lebensweisen. Deshalb f&ouml;rdert &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; auch den kulturellen Wandel, bei dem Werte wie Solidarit&auml;t, Kooperation und Vergemeinschaftung wieder ins Zentrum r&uuml;cken.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230630-Pueblo-Foto2.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230630-Pueblo-Foto2.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Foto2: <a href=\"https:\/\/venezuelanalysis.com\/interviews\/15763\">venezuelanalysis.com\/interviews\/15763<\/a><\/p><p>Dazu kommt das Prinzip, gesunde Nahrungsmittel zu erzeugen. Und das bedeutet, eine andere Gangart einzulegen und den Einsatz chemischer Pestizide und anorganischer D&uuml;ngemittel hinter sich zu lassen. Skeptiker m&ouml;gen sagen, dass dies alles nicht machbar sei. Aber laut Miguel Angel Altieri, einem international anerkannten Experten f&uuml;r Agrar&ouml;kologie, liegen die Ertr&auml;ge der konventionellen, biotechnischen Landwirtschaft unter denen der b&auml;uerlichen Landwirtschaft. Eine Parzelle Monokultur zum Beispiel kann 10.000 Kilo Mais pro Hektar erbringen, aber eine diversifizierte Campesino-Parzelle wird Kochbanane, Yucca und Avocado (um nur einige zu nennen) anbauen und dabei systematisch eine gr&ouml;&szlig;ere Ernte einbringen als die Monokultur.<\/p><p>Der&nbsp;<em>conuco<\/em>, die&nbsp;<em>milpa<\/em>, die&nbsp;<em>chacra<\/em>&nbsp;&ndash; so hei&szlig;en die Anbaufl&auml;chen der Bauern in Lateinamerika &ndash; sind der Schl&uuml;ssel zur Ern&auml;hrungssouver&auml;nit&auml;t. Und warum? Weil intensive Pflege, Diversifizierung, Fruchtwechsel und andere nicht-industrielle Praktiken wie der Einsatz von Zugtieren zu hohen Ernteertr&auml;gen f&uuml;hren und dem Boden nicht die N&auml;hrstoffe entziehen.<\/p><p>Ein weiterer Grundsatz von &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; ist die Weiterentwicklung der Campesino-Produktion. Traditionell nehmen Indigene, Schwarze und allgemein conuco-Erzeuger einen Teil ihrer Ernte und verarbeiten sie zu Mehl und anderen Produkten f&uuml;r die eigene Vorratskammer. Wir wollen diese Praxis ausweiten, damit die Erzeuger ein eingebautes Sicherheitsnetz haben und Verbraucher die verarbeiteten Produkte erwerben k&ouml;nnen. Auf diese Weise vermeiden Erzeuger und Verbraucher die hochgradig verarbeiteten Lebensmittel, die unserer Gesundheit schaden und die vom globalen agroindustriellen Komplex kontrolliert werden.<\/p><p>Und nicht zuletzt die Organisation. F&uuml;r den Erfolg unkonventioneller, gesunder, nicht-marktf&ouml;rmiger Praktiken ist Organisation das A und O. Wir brauchen eine neue Perspektive. Die Menschen in Stadt und Land sollten sich um das alternative Modell herum organisieren, und auch die Institutionen m&uuml;ssen den Wandel f&ouml;rdern. Den Wandel hin zu etwas, das gerade jetzt, in einem belagerten Land, von zentraler Bedeutung ist: die Souver&auml;nit&auml;t unserer Ern&auml;hrung.<\/p><p>Wir sagen oft, dass wir zwei Schritte vom Hunger und einen Schritt von Ern&auml;hrungssouver&auml;nit&auml;t entfernt sind. Wenn wir den richtigen Weg einschlagen, werden wir gedeihen. Wenn nicht, so kann sich die Krise versch&auml;rfen.<\/p><p><strong>Die Urspr&uuml;nge von &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo;<\/strong><\/p><p><strong>Ricardo Miranda<\/strong>: Die Geschichte von &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; l&auml;sst sich bis in die 1980er-Jahre und den Kampf der Bauern um ihr Land zur&uuml;ckverfolgen. Damals brachte ein langer Konflikt in Los Ca&ntilde;izos-Palo Quemao im Bundesstaat Yaracuy Studenten der Universit&auml;t und Campesino-Familien zusammen. Die Campesinos waren in den sp&auml;ten 1950ern von ihrem Land vertrieben worden, als Tausende Hektar in die H&auml;nde von Kubanern gerieten, die Zuckerrohr anbauten.<\/p><p>In einem Lager in der N&auml;he von Los Ca&ntilde;izos leisteten wir Widerstand gegen die brutale Unterdr&uuml;ckung durch Milit&auml;r und Polizei, wir bauten Barrikaden, es gab Scharm&uuml;tzel mit dem Milit&auml;r, Pestizide wurden aus dem Flugzeug gespr&uuml;ht, was das Vieh t&ouml;tete und die Jungen und die Alten krank machte. So kamen wir in Bewegung, damals schrieb ein Journalist von <em>Le Monde Diplomatique<\/em> einen Artikel &uuml;ber die &bdquo;chemische Kriegsf&uuml;hrung&rdquo; gegen das venezolanische Volk.<\/p><p>Wir st&uuml;rmten die spanische und die mexikanische Botschaft in Caracas. 1991 musste [Pr&auml;sident] Carlos Andr&eacute;s P&eacute;rez schlie&szlig;lich nachgeben, und die Campesinos konnten endlich auf ihr Land und sich dort niederlassen.<\/p><p>Ich war mit vielen anderen dabei, und diese Erfahrung ver&auml;nderte nicht nur unser Bewusstsein f&uuml;r den Kampf der Campesinos, wir lernten auch, dass mittels &ouml;ffentlicher Medien breite Sympathie f&uuml;r die K&auml;mpfe auf dem Land erreicht werden kann.<\/p><p>Ab 1991 waren wir Teil der Bauernbewegung Jirajara. In Los Ca&ntilde;izos erkannten wir, dass die Zwischenh&auml;ndler den Bauern das Leben aussaugten, und wir machten unseren ersten Versuch, die abzuschaffen. In Caracas gab es eine Gruppe von Priestern, die sich f&uuml;r die Menschen einsetzten, und wir errichteten dort mehrere Zentren zur Verteilung der b&auml;uerlichen Produktion.<\/p><p>Am Anfang war es nicht leicht, wir hatten einiges an Produktionsausf&auml;llen. Aber auf diese Weise fingen wir an, etwas von Verteilung zu verstehen. In Los Ca&ntilde;izos haben wir unser Handwerkszeug gelernt; wir lernten etwas &uuml;ber Organisation, &uuml;ber landwirtschaftliche Produktion, aber auch, dass es nicht reicht, die Kontrolle &uuml;ber das Land zu haben. Es ist ebenso wichtig, &uuml;ber Verteilung und Konsum und die Sozialstrukturen nachzudenken. Dies ist eine Aufgabe, die beim Bolivarischen Prozess immer noch ansteht.<\/p><p>Ich m&ouml;chte erg&auml;nzen, dass unser Blick viel weiter zur&uuml;ckreicht, bis ins 16. Jahrhundert, als Miguel de Bur&iacute;a und sein Partner Guiomar, die in Dahomey [heutiges Benin] gefangen genommen wurden und nach Yaracuy verkauft worden waren, sich gegen ihre Sklavenhalter auflehnten und &bdquo;Cumbes&rdquo;, befreite Gebiete, gr&uuml;ndeten. In diesen freien Gebieten lebten ehemals versklavte und indigene Menschen in Gemeinschaft. F&uuml;r &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; ist es von erheblicher Bedeutung, auf diese Vergangenheit zur&uuml;ckzublicken.<\/p><p>Wobei der Ursprung von &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; auch auf [den 2013 verstorbenen Pr&auml;sidenten Hugo] Ch&aacute;vez zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden kann. Und auf das Landgesetz von 2001, das den Weg f&uuml;r die Revolution auf dem Land &ouml;ffnete.<\/p><p>In den fr&uuml;hen 2000ern &uuml;bernahmen Laura, Gabriel, auch ich und andere Genossinnen und Genossen Posten in der staatlichen Agrarb&uuml;rokratie in Yaracuy. Von dort aus konnten wir die b&auml;uerliche Produktion gut unterst&uuml;tzen: Wir verteilten zehntausend Traktoren und setzten uns ein f&uuml;r das &bdquo;Dekret 090&Prime;.<\/p><p><strong>Laura Lorenzo<\/strong>: Das Dekret 090 ist ein wichtiger Teil unserer Geschichte. Es wurde 2004 verabschiedet und war hilfreich zur Aktivierung des Bodengesetzes in zwei Bundesstaaten: Cojedes und Yaracuy. Das Dekret war ein juristisches Instrument, aber auch ein sozialer Hebel, der es landlosen Campesinos erm&ouml;glichte, effektiv ihr Land zur&uuml;ckzugewinnen.<\/p><p>Das Dekret machte, kurz gesagt, das Bodengesetz anwendbar: Nach einer juristischen und technischen &Uuml;berpr&uuml;fung eines reklamierten Grundst&uuml;cks und mit dem Dekret in der Hand, konnten die Menschen zum Landst&uuml;ck gehen und es in Besitz nehmen. Allein in Yaracuy, wo wir t&auml;tig waren, wurden 110.000 Hektar zur&uuml;ckgewonnen, und f&uuml;r Hunderte, wenn nicht Tausende Bauernfamilien gab es Gerechtigkeit.<\/p><p><strong>Ricardo Miranda<\/strong>: Die Jahre, in denen wir Regierungs&auml;mter hatten, waren lehrreich und erm&ouml;glichten uns ein umfassendes Verst&auml;ndnis der b&auml;uerlichen Situation, genauer gesagt Verst&auml;ndnis der Notlage der Bauern im Kapitalismus. Auf dem Weg dorthin hatten wir zwei Engp&auml;sse, zum einen die Frage der G&uuml;terverteilung und au&szlig;erdem die Frage der politischen Bildung.<\/p><p>Ch&aacute;vez war unser Lehrer, und als er starb, da war der Raum, den er mit seinem Denken gef&uuml;llt hatte, leer.<\/p><p>2014 verlie&szlig;en wir unsere B&uuml;roposten, um direkt auf dem Land mit den Campesinos zu arbeiten, wobei wir aber weiterhin mit staatlichen Stellen kooperierten. Unsere Idee war, die Barriere zwischen Stadt und Land zu &uuml;berwinden, wichtig war uns auch, neue und eigene Denkweisen bei den Campesinos und den st&auml;dtischen Arbeitern zu verankern.<\/p><p>So machten wir uns auf den Weg und begannen, die Route der Sim&oacute;n Bol&iacute;var-Guerillafront [der Fuerzas Armadas de Liberaci&oacute;n Nacional,&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=X3JynCzFIKE\">FALN<\/a>] zur&uuml;ckzuverfolgen, die in den 1960er-Jahren gegen die korrupte Regierung und das Kapital rebelliert hatte. Angef&uuml;hrt von Argimiro Gabald&oacute;n k&auml;mpfte sie damals in den Bundesstaaten Yaracuy, Portuguesa, Barinas, Lara und Trujillo.<\/p><p>Auf der Suche nach einem Ort, um mit dem Aufbau eines gerechten Modells f&uuml;r Produktion, Vertrieb und Verbrauch der b&auml;uerlichen Produktion zu beginnen, erfuhren wir, dass die Guerillafront in ihrem gesamten Gebiet die Campesinos schon organisiert und zur Gr&uuml;ndung l&auml;ndlicher Finanzkassen ermutigt hatte. Au&szlig;erdem f&ouml;rderte sie die Gr&uuml;ndung von Genossenschaften und von Bauernverb&auml;nden.<\/p><p>So beschlossen wir, das, was die Guerilleros schon geleistet hatten, in deren Sinne weiter zu verfolgen.<\/p><p>Wir folgten der historischen Route der Guerilla und gelangten nach Carache im P&aacute;ramo de Tucam&aacute;n im Bundesstaat Trujillo. In den 60ern hatte Gabald&oacute;n &bdquo;Carache&rdquo; als seinen Guerrilla-Namen gew&auml;hlt, f&uuml;nf Jahrzehnte sp&auml;ter machten wir Carache zum Ursprungsort des Plans &bdquo;&bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo;&rdquo;.<\/p><p>Im Jahr 2015, unserem offiziellen Geburtsjahr, begannen wir, mit dem Ernst zu machen, was wir die &bdquo;doppelte Partizipation&rdquo; nennen [siehe Teil II dieses Gespr&auml;chs], also damit, Produzenten und Konsumenten zusammenzubringen, um den kapitalistischen Zwischenhandel auszuschalten.<\/p><p>Unsere Geschichte ist im Inneren verwoben mit den K&auml;mpfen der Campesinos, die unterdr&uuml;ckt werden durch das landraubende Agrarmodell, das den Kapitalismus ausmacht.<\/p><p>&Uuml;bersetzung: Herwig Meyer, <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/264305\/venezuela-pueblo-pueblo\">Amerika21<\/a><\/p><p>Titelbild: <a href=\"https:\/\/venezuelanalysis.com\/interviews\/15763\">venezuelanalysis.com\/interviews\/15763<\/a><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98033\">Venezuela: Die ununterbrochene Pl&uuml;nderung durch den Westen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95461\">Proteste und Lohnforderungen in Venezuela: Soziale Gerechtigkeit oder Destabilisierungskampagne?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91106\">&ldquo;Die Klassenidentit&auml;t ist entscheidend, um so ziemlich alles in Venezuela zu verstehen&rdquo;<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; ist eine Basisbewegung zur Organisierung von Produktion, Vertrieb und Verbrauch von Lebensmitteln. Das Projekt bringt die landwirtschaftlichen Erzeuger mit den Stadtbewohnern zusammen, womit es mit den rigorosen Diktaten des kapitalistischen Marktes bricht. Im ersten Teil dieser Serie berichten Mitglieder&nbsp;&uuml;ber die Geschichte ihrer Organisation und ihre Ziele. 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