{"id":1004,"date":"2005-12-29T16:13:03","date_gmt":"2005-12-29T14:13:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1004"},"modified":"2016-02-22T13:57:34","modified_gmt":"2016-02-22T12:57:34","slug":"die-allgemeine-verunsicherung-uber-die-rente-ist-angekommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1004","title":{"rendered":"Die allgemeine Verunsicherung \u00fcber die Rente ist angekommen"},"content":{"rendered":"<p>Dreiviertel aller Deutschen rechnen auf Dauer mit weiter sinkenden Renten, nur 9% haben noch Hoffnung auf h&ouml;here Renten. 69% halten inzwischen eine private Altersvorsorge f&uuml;r n&ouml;tig, aber nur jeder Zweite spart f&uuml;rs Alter. Das meldet die Bild-Zeitung am 27. Dezember unter Bezugnahme auf eine Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK, die pikanterweise von der AachenM&uuml;nchner-Versicherung in Auftrag gegeben wurde. Die Versicherungswirtschaft hat also ihr erstes Teilziel erreicht:<br>\nDas Vertrauen in die Rente ist gr&uuml;ndlich zerst&ouml;rt. Jetzt muss es die Versicherungslobby, um ihr Endziel zu erreichen, nur noch schaffen, dass die Menschen auch Altersversicherungsvertr&auml;ge abschlie&szlig;en &ndash; am Besten mittels gesetzlichem Zwang, unabh&auml;ngig davon, ob sich die Menschen eine zus&auml;tzliche private Versicherung leisten k&ouml;nnen oder nicht.<br>\n<!--more--><br>\nEndlich scheint bei der Altersvorsorge der Umerziehungsprozess der Bev&ouml;lkerung gelungen zu sein. Mit riesigem Propagandaaufwand hat die Versicherungswirtschaft seit mehreren Jahren die gesetzliche umlagefinanzierte Rente zum Auslaufmodell heruntergemacht und gleichzeitig mit Ihrer Lobby vom Grafen Lambsdorff bis zum k&uuml;nftigen Chef des Bundespr&auml;sidialamtes die Bundesregierungen die Politik als Komplizen f&uuml;r ihre Privatisierungsstrategien gewonnen. <\/p><p>Vor allem Albrecht M&uuml;ller hat auf den NachDenkSeiten in vielen Beitr&auml;gen auf die Vorteile einer Umlagefinanzierung der Rente und die Privatisierungsstrategien der Versicherungswirtschaft und ihr Zusammenspiel mit der Politik beim eingeleiteten Systemwechsel offen gelegt und kritisiert. Dazu nur eine kleine Auswahl an Hinweisen:<\/p><ul>\n<li><a href=\"?p=265\">Verrentet &amp; verkauft<\/a><\/li>\n<li><a href=\"?p=963\">Politik, Wissenschaft und Publizistik als Werbetr&auml;ger der Versicherungswirtschaft<\/a><\/li>\n<li><a href=\"?p=123\">Rentenreform in Japan &ndash; Zukunftsf&auml;hig ohne radikale Schnitte<\/a><\/li>\n<li><a href=\"?p=872\">Walter Riester t&auml;te gut daran, Asche auf sein Haupt zu streuen<\/a><\/li>\n<li>Siehe auch die Denkfehler Nr. 5, 6 und 7 in Albrecht M&uuml;llers Buch, Die Reforml&uuml;ge.<\/li>\n<\/ul><p>Schon unter der Regierung Kohls wurden die Rentenleistungen von den Bruttol&ouml;hnen entkoppelt und an die Nettolohnentwicklung angepasst und damit erheblich gesenkt. Durch die &Uuml;bertragung des Rentensystems auf den beigetretenen Osten Deutschlands, wurden die Rentenkassen gepl&uuml;ndert. Vor allem dadurch, dass es in der ehemaligen DDR offiziell keine Arbeitslosigkeit gab und deshalb fast alle erwerbsf&auml;higen M&auml;nner und ein hoher Prozentsatz an erwerbst&auml;tigen Frauen eine vergleichsweise lange Beitragszeit angerechnet wurde, aber umgekehrt durch &bdquo;platt gemachte&ldquo; Betriebe und die dadurch verursachte immens hohe Arbeitslosigkeit vergleichsweise geringe Einzahlungen in das Umlagefinanzierungssytem erfolgten, geriet die Rentenversicherung in finanzielle Schwierigkeiten. Auch die Massenentlassungen, bedingt durch den wirtschaftlichen Strukturwandel in den neunziger Jahren im Westen, wurden durch die Einf&uuml;hrung der &bdquo;Fr&uuml;hverrentung&ldquo; in die gesetzliche Rentenversicherung der Rentenkasse aufgeb&uuml;rdet. <\/p><p>Kein Wunder also, dass die Rentenkassen immer h&ouml;here Zusch&uuml;sse aus Steuermitteln ben&ouml;tigten, um liquide zu bleiben. Der Zuschussbedarf stieg von 16 % am Ende der achtziger Jahre auf 19,5% im Jahre 2005; das sind rund 80 Milliarden Euro, oder fast ein Drittel der derzeitigen Ausgaben des Bundeshaushalts. <\/p><p>In einer Art Zangenangriff, n&auml;mlich mit der Forderung nach Senkung der Staatsquote bei gleichzeitigen &bdquo;historisch einmaligen&ldquo; (Schr&ouml;der) Steuersenkungen wurden die staatlichen Zusch&uuml;sse an die Rentenversicherungen immer st&auml;rker ins politische Visier genommen.<\/p><ul>\n<li>Weil Sparpolitik und Steuersenkungen zu offensichtlich als politisch gewollt, und deshalb nicht als vermittelbare Argumente f&uuml;r drastische Rentenk&uuml;rzungen benutzt werden konnten,<\/li>\n<li>weil die Anhebung der Rentenbeitr&auml;ge, wegen der zum Dogma erhobenen &bdquo;Senkung der Lohnnebenkosten&ldquo; nicht in Betracht gezogen werden durfte und<\/li>\n<li>weil der R&uuml;ckgang der Beitragszahler durch Massenarbeitslosigkeit und der R&uuml;ckgang der Beitr&auml;ge durch die Stagnation der L&ouml;hne und durch die Zunahme von Minijobs und Niedrigl&ouml;hne gleichfalls der Politik angelastet worden w&auml;ren und deshalb dieses Problem nicht thematisiert werden durfte, weil man damit das Scheitern der eigenen Arbeitsmarktpolitik h&auml;tte eingestehen m&uuml;ssen,<\/li>\n<\/ul><p>deshalb bedurfte es f&uuml;r die &bdquo;Rentenreform&ldquo; eine jenseits der politischen Einflusssp&auml;hre liegende, sozusagen der eigenen Schuld der Bev&ouml;lkerung anzulastende Begr&uuml;ndung. <\/p><p>Mit statistischen Horrorzahlen &uuml;ber die (in 50 Jahren vielleicht) eintretende &bdquo;demografische Entwicklung&ldquo; wurde der rot-gr&uuml;nen Bundesregierung dann endlich der Hebel f&uuml;r den Um- und Abbau der Rente geliefert &ndash; und die intellektuellen Methusaleme dieser Republik malten diese Apokalypse in buntesten Farben aus.<\/p><p>Rot-Gr&uuml;n rettete sich in ihrer ersten Regierungszeit noch durch den &bdquo;Kunstgriff&ldquo; der Einf&uuml;hrung der &Ouml;kosteuer f&uuml;r die Rente und senkte daf&uuml;r den Rentenbeitrag von 20,3 auf 19,1%, angeblich um der Senkung der Lohnnebenkosten willen. (Das war nat&uuml;rlich ein propagandistischer Kunstgriff, denn die &Ouml;kosteuer ging nach den &bdquo;Nonaffektations-Prinzip&ldquo; des Steuerrechts selbstverst&auml;ndlich in den allgemeinen Haushalt ein und war de facto eine Steuererh&ouml;hung.) Das &bdquo;gr&uuml;ne&ldquo; Argument war damals, mit der &Ouml;kosteuer k&ouml;nne man die Arbeit billiger und den Ressourcenverzehr teuerer machen.<\/p><p>Noch recht vern&uuml;nftig h&ouml;rte sich an, dass die Versicherungspflichtgrenze im Jahre 2003 von 4.500 auf 5.150 Euro (im Westen) angehoben wurde.<\/p><p>Mit steigenden Arbeitslosenzahlen wurden jedoch die Rentenkassen trotz allem weiter geschw&auml;cht und da an eine Beitragserh&ouml;hung oder Ausdehnung der Zahl der Beitragszahler auf Selbst&auml;ndige oder Beamte nicht zu denken war, wurde ein fr&uuml;here IG-Metall-Gewerkschaftsf&uuml;hrer vorgeschickt und der musste als Sozialminister, um die Altersvorsorge auf einem angemessenen Niveau zu sichern, unter dem neoliberalen Kampfbegriff von &bdquo;mehr Eigenverantwortung&ldquo; mit der &bdquo;Riester-Rente&ldquo; den Systemwechsel zum dualen Rentensystem vorbereiten. Dass die Bev&ouml;lkerung die &bdquo;Riester-Rente&ldquo; nicht in erhoffter Weise annahm, wurde dann Walter Riesters angeblicher Ungeschicktheit, seinen handwerklichen Fehlern und den angeblich zu hohen b&uuml;rokratischen H&uuml;rden f&uuml;r diese private Rente angelastet.<br>\nSchr&ouml;der hat ihn deshalb gefeuert. Er hatte als Gewerkschafter den &bdquo;Mohr&ldquo; abgegeben und seine Kollegen ruhig gehalten und damit seine Schuldigkeit getan. Sein Arbeits- und Sozialministerium wurde gleich ganz ins Wirtschaftsministerium integriert und dem neuen &bdquo;Superminister&ldquo; Clement &uuml;bertragen.<\/p><p><strong>Es ging Schlag auf Schlag, so wurden u.a.<\/strong><\/p><ul>\n<li>die Rentenbeitragss&auml;tze gedeckelt,<\/li>\n<li>das Renteneintrittsalter zun&auml;chst von 60 auf 63 und jetzt unter der gro&szlig;en Koalition gar gleich auf 67 Jahre angehoben.<\/li>\n<li>Seit 2004 und auch die kommenden 4 Jahre gibt es &bdquo;Nullrunden&ldquo; f&uuml;r die Rentner (was unter Einberechnung der Inflationsraten (2005 = 2%) real Rentenk&uuml;rzungen um sch&auml;tzungsweise rund 10% bedeutet).<\/li>\n<li>Die Rente wird einen Bankarbeitstag sp&auml;ter ausbezahlt und Neurentner erhalten ihre Rente nicht mehr am Monatsanfang sondern am Monatsende.<\/li>\n<li>Die Anrechungszeiten f&uuml;r die Ausbildung wurden verk&uuml;rzt.<\/li>\n<li>Rentner m&uuml;ssen statt des halben nunmehr den ganzen Pflegeversicherungsbeitrag von 1,7% ihres Renteneinkommens bezahlen.<\/li>\n<li>Nach dem Alterseink&uuml;nftegesetz m&uuml;ssen alle Rentner mit einer Rente von knapp 1.600 Euro (also etwa 25% der Rentner) (wie die Pension&auml;re) Steuern auf ihre Renten bezahlen, (Parole: steuerliche Belastung im Alter zugunsten steuerlicher Entlastung im Erwerbsleben aus angeblichen Gr&uuml;nden der Generationengerechtigkeit).<\/li>\n<li>Die Senkung der Witwenrente von heute 60 auf 55%.<\/li>\n<\/ul><p>Bei der kaum noch &uuml;berschaubaren Vielzahl der &bdquo;Reformen&ldquo; im Rentenrecht und dem begleitenden Katastrophentremolo in den Medien und durch die Anzeigenkampagnen der Versicherungswirtschaft konnte es nicht ausbleiben, dass nicht nur die Rentner sondern auch die j&uuml;ngeren Jahrg&auml;nge verunsichert wurden. Die Renten-&bdquo;Reform&ldquo; wurde geradezu zum Synonym daf&uuml;r, dass Reformen f&uuml;r die davon Betroffenen nur noch Verschlechterungen und Belastungen bringen.<br>\nAlle diese Belastungen h&auml;tte man allerdings noch als Renten-&bdquo;Anpassungen&ldquo; abtun k&ouml;nnen gegen&uuml;ber dem Schlag mit der Axt an den Stamm der gesetzlichen Rentenversicherung mit der Einf&uuml;hrung des sog. &bdquo;Nachhaltigkeitsfaktors&ldquo;. <\/p><p><strong>Zur Erinnerung &ndash; in die Rentenformel gingen bislang ein:<\/strong><\/p><ul>\n<li>die &bdquo;Entgeltpunkte&ldquo; (also der Verdienst pro Jahr geteilt durch das Durchschnittseinkommen aller Versicherten),<\/li>\n<li>der &bdquo;Zugangsfaktor&ldquo; (die Rente mindert sich f&uuml;r jedes Jahr, das man vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalter in Rente geht um 3,6%, deshalb &ndash; vor dem Hintergrund des tats&auml;chlich f&uuml;r die meisten viel fr&uuml;heren (&uuml;berwiegend unfreiwilligen) Ausscheidens aus dem Berufsleben bedeutet dieser Faktor eine tats&auml;chliche Rentenk&uuml;rzung f&uuml;r mehr als die H&auml;lfte der Versicherten &ndash; das ist auch der eigentliche Grund f&uuml;r die Anhebung der Altersgrenze auf 67 Jahre im Koalitionsvertrag. Wer mit 60 in Rente geht verliert also &uuml;ber Viertel der Rentenleistung.),<\/li>\n<li>der &bdquo;Rentenartenfaktor&ldquo; (also die Art der Rente, z.B. Alters- oder Hinterbliebenenrente) und<\/li>\n<li>der &bdquo;aktuelle Rentenwert&ldquo; (2005 betrug diese Rechengr&ouml;&szlig;e 26,13 Euro im Westen und 22,79 Euro im Osten).<\/li>\n<\/ul><p>Beim Ausscheiden aus dem Erwerbsleben mit 65 Jahren und 45 Entgeltpunkten (also 45 Jahren Durchschnittsverdienst) bekommt gegenw&auml;rtig der sog. &bdquo;Standardrentner&ldquo; 45 x 1 x 26,13 = 1.175 Euro pro Monat im Westen. (Nicht zu verwechseln mit der durchschnittlichen Rente, die liegt bei Arbeitern bi 841 Euro und bei Angestellten bei 1165 Euro.)<\/p><p>Mit dem 2005 eingef&uuml;hrten &bdquo;Nachhaltigkeitsfaktor&ldquo; wird diese Rentenformel also um einen weiteren (dramatischen Unsicherheits-)Faktor erweitert: Die Gesamtzahl der Rentner wird in Beziehung gesetzt zur Anzahl der erwerbst&auml;tigen Beitragszahler. Damit soll neben der demografischen Entwicklung &ndash; &uuml;ber die haupts&auml;chlich geredet wird &ndash; auch noch stiekum die Besch&auml;ftigungsentwicklung in die Berechnung des Rentenniveaus einbezogen werden. Damit zieht sich die Politik gleich doppelt aus der Verantwortung, n&auml;mlich f&uuml;r die Sicherheit der Renten und f&uuml;r mehr Besch&auml;ftigung. <\/p><p>Gibt es also weniger Einzahler wird der Anstieg der Rente entsprechend gesenkt. Die Last des Geburtenr&uuml;ckgangs und der Arbeitslosigkeit sollen also k&uuml;nftig die Rentner tragen. Damit k&ouml;nnte das Rentenniveau von derzeit etwa 53% des Nettoerwerbseinkommens ins Bodenlose sinken, wenn immer weniger Beitragszahler einzahlen und immer mehr Rentner Renten beziehen w&uuml;rden. Dieser &bdquo;Nachhaltigkeitsfaktor&ldquo; ist im &Uuml;brigen auch unter anderen Gesichtspunkten h&ouml;chst fragw&uuml;rdig: Er hat eine typisch prozyklische &ouml;konomische Wirkung, er versch&auml;rft n&auml;mlich in einer wirtschaftlich kritischen Situation die Krise durch Beschr&auml;nkung der Einkommen der Rentner noch mehr.<br>\nUm die Durchschnittsrente wenigstens &uuml;ber dem Sozialhilfesatz zu halten wurde &uuml;ber eine Untergrenze von 46% diskutiert, doch bis heute gibt es keine Vorschl&auml;ge, wie diese Untergrenze sichergestellt werden kann. Eine Mindestrente wurde jedenfalls einhellig abgelehnt.<br>\nIm Gegenteil: Durch die von der Gro&szlig;en Koalition angestrebte Senkung der staatlichen Zusch&uuml;sse an die Rentenversicherung wird der Ausweg &uuml;ber eine st&auml;rkere Steuerfinanzierung sogar noch ausgeschlossen. <\/p><p>Ganz unabh&auml;ngig davon, dass dies politisch so herbeigef&uuml;hrt worden ist, wird seit einigen Jahren allenthalben in Politik und Medien nur noch davon geredet, dass k&uuml;nftig durch die gesetzliche Rente allenfalls noch das Existenzminimum abgesichert werden k&ouml;nne und, um eine angemessene Alterversorgung erreichen zu k&ouml;nnen, bliebe kein anderer Ausweg als die private Vorsorge &ndash; in Eigenverantwortung eben. <\/p><p>Damit hat die Versicherungswirtschaft ihr Ziel erreicht, sie kann in den Milliardenmarkt der Altersversicherungen einsteigen, der dazu sogar noch staatlich gef&ouml;rdert wird, und wenn das nicht freiwillig und &bdquo;eigenverantwortlich&ldquo; geschieht reicht, werden die Kunden eben gesetzlich zum Abschluss von Altersicherungsvertr&auml;gen gezwungen. Der n&auml;chste Schlag wird folgen:<br>\nDie Menschen werden mit der Frage konfrontiert, warum sie unter diesen Umst&auml;nden &uuml;berhaupt noch eine gesetzliche Versicherung brauchen, wo doch ohnehin eine private Alternative besteht. <\/p><p>Man mag nun entgegnen, alle diese Schritte seien doch angesichts der Knappheit der Rentenkassen und der demografischen Entwicklung &bdquo;objektiv notwendig&ldquo;. <\/p><p>Dieser Denkfehler bei der Rentenreform hat &auml;hnliche Ursachen, wie bei jetzt schon offenkundigen Scheitern der Arbeitsmarktreformen. Man denkt nur innerhalb des Systems und will dort die Symptome behandeln, man schaut aber nicht auf die Ursachen f&uuml;r die Probleme und Engp&auml;sse des Systems. Genauso wie die Hartz-Gesetze nichts oder allenfalls ganz wenig bewirken, wenn keine Arbeit nachgefragt wird, so k&ouml;nnen auch die Probleme des Rentensystems nicht gel&ouml;st werden, wenn man nur an den Stellschrauben innerhalb des Systems dreht. <\/p><p><strong>Dabei b&ouml;ten sich ganz naheliegende L&ouml;sungen an:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Eine bessere Aussch&ouml;pfung des Erwerbspersonenpotentials oder sogar dessen Ausdehnung etwa durch eine h&ouml;here Erwerbsbeteilung von Frauen, um dadurch die Zahl der Beitragszahler zu erh&ouml;hen, etwa durch eine aktive Konjunktur- und Wachstumspolitik.<\/li>\n<li>Eine produktivit&auml;ts- und inflationsorientierte Erh&ouml;hung der L&ouml;hne und damit h&ouml;here Beitragszahlungen.<\/li>\n<li>Eine moderate Erh&ouml;hung der Beitragss&auml;tze. (Warum sollen 22% eine Obergrenze darstellen, wo die Menschen doch k&uuml;nftig und zwar ohne Arbeitgeberanteil einen viel h&ouml;heren Anteil ihres Einkommens f&uuml;r die private Versicherung aufbringen m&uuml;ssen?)<\/li>\n<li>Eine Ausdehnung der Beitragszahler &uuml;ber die unselbst&auml;ndig Besch&auml;ftigten hinaus und\/oder die Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze f&uuml;r h&ouml;her Verdienende.<\/li>\n<li>Die Finanzierung wenigstens der sog. versicherungsfremden Leistungen &uuml;ber die allgemeine Steuer.<\/li>\n<li>Schlie&szlig;lich eine h&ouml;here Steuerfinanzierung der Rente, etwa nach skandinavischem Vorbild.<\/li>\n<\/ul><p>Alle diese L&ouml;sungswege sind durch den Machteinfluss der Versicherungswirtschaft und der von ihr in die K&ouml;pfe eingeh&auml;mmerten Ideologien der Privatisierung, der Senkung der Staatsquote und der Lohnnebenkosten dem gegenw&auml;rtigen politischen Denken versperrt.<\/p><ul>\n<li>Die Aussch&ouml;pfung des Erwerbspersonenpotentials (also durch mehr Besch&auml;ftigung von Arbeitslosen und Frauen) ben&ouml;tigte eine aktive Konjunktur- und Wachstumspolitik und nicht nur Gottvertrauen auf einen irgendwann vielleicht einmal eintretenden Aufschwung.<\/li>\n<li>Lohnerh&ouml;hungen verlangten allerdings eine R&uuml;ckbesinnung darauf, dass L&ouml;hne einen Doppelcharakter haben, n&auml;mlich als betriebswirtschaftliche Kosten einerseits und als volkswirtschaftliche Binnennachfrage andererseits. Der &ldquo;Wirtschafts-Weise&ldquo; Bofinger nennt das einen Wechsel von einer ausschlie&szlig;lich &bdquo;defensiven Strategie, wonach angeblich nur mit sinkenden Reall&ouml;hnen Arbeitspl&auml;tze gesichert werden k&ouml;nnen. Die skandinavischen L&auml;nder k&ouml;nnten ein Vorbild f&uuml;r eine offensive Strategie sein, dort (wie &uuml;brigens fast &uuml;berall bei unseren Wettbewerbern) stiegen die L&ouml;hne deutlich, ohne das das dem Wirtschaftswachstum den geringsten Abbruch tat, im Gegenteil.<\/li>\n<li>Gegen eine Erh&ouml;hung der Beitragss&auml;tze, steht das Dogma der &bdquo;Senkung der Lohnnebenkosten&ldquo;. Wie hoch m&uuml;ssen eigentlich die Export&uuml;bersch&uuml;sse noch steigen, bis endlich diese Legende, dass die hohen Arbeitskosten unsere Wettbewerbsf&auml;higkeit gef&auml;hrdeten, aus der Welt ger&auml;umt werden kann?<\/li>\n<li>Gegen die Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze, steht die geballte Macht der Besserverdienenden und der Selbst&auml;ndigen (&uuml;brigens gerade auch unter Politikern und Journalisten).<\/li>\n<li>Man k&ouml;nnte auch &uuml;ber eine Ausdehnung der Beitragszahler auf Selbst&auml;ndige und Beamten nachdenken (wobei das wegen der Anwartschaften, die diese erworben haben und in die der Gesetzgeber wohl kaum eingreifen darf, wohl eine ganze Generation dauern w&uuml;rde).<\/li>\n<li>Gegen eine (vermehrte) Steuerfinanzierung etwa in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit oder zum Ausgleich von versicherungsfremden Leistungen stehen die Apologeten vom &bdquo;schlanken Staat&ldquo;, obwohl die skandinavischen L&auml;nder mit Staatsquoten von weit &uuml;ber 50% und erheblich h&ouml;heren Steuerneinnahmen des Staates ein Gegenbeispiel sind.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Ergebnis: In Deutschland geht man lieber die Spirale nach unten, koste es noch so viel Opfer. <\/strong><\/p><p>Aber was ist mit der &bdquo;demografischen Entwicklung&ldquo; oder brutaler gesagt, was ist mit der &bdquo;&Uuml;beralterung&ldquo; Deutschlands? Dieses Argument ist ein weiterer Beweis f&uuml;r die Eindimensionalit&auml;t der typisch deutschen Problembetrachtung: W&uuml;rden wir in Deutschland auf die Steigerung der Produktivit&auml;t setzen und w&uuml;rde das Wachstum unter gegebenen Bedingungen nur um 1,5% (das erreichen wird selbst in der gegenw&auml;rtigen Stagnation) steigern, so h&auml;tten wir dann, wenn die angeblichen Horrorzahlen in 50 Jahren Wirklichkeit geworden w&auml;ren, unser Bruttosozialprodukt um die H&auml;lfte gesteigert. Wie kann man uns ernsthaft einreden, dass bei einer fairen gesellschaftlichen Verteilung dieses erheblich gr&ouml;&szlig;eren Kuchens, Junge und Alte nicht sogar besser dast&uuml;nden als heute? <\/p><p>Vielleicht fragen Sie noch weiter: Jetzt aber mal ganz ehrlich, bei all diesem Umdenken, das dazu stattfinden m&uuml;sste, bei all diesen konfliktbeladenen politischen Entscheidungsprozessen und Umverteilungsk&auml;mpfen, w&auml;re es da nicht letztlich doch viel einfacher, statt an der Umlagefinanzierung festzuhalten in die Kapital gedeckte Rente zu wechseln? <\/p><p>Leider ist die Flucht aus der Umlagefinanzierung in die Kapitaldeckung ein Trugschluss. Einmal ganz davon abgesehen dass die Umlagefinanzierung mit etwa 4% Verwaltungskosten erheblich g&uuml;nstiger ist als die private Altersversicherung mit realistisch gesch&auml;tzten 12 bis 20% Overhead-Kosten (Man denke nur an die Kosten und die Provisionen f&uuml;r Versicherungsvertreter oder an die Kosten f&uuml;r die Fachleute f&uuml;r eine gewinnbringende Kapitalanlage). Mit der Privatversicherung steht weder die &auml;ltere noch die j&uuml;ngere Generation besser da. Die &auml;ltere (Rentner-)Generation geht der weiteren Verarmung entgegen und die j&uuml;ngere Generation zahlt mehr als die schlimmste Beitragserh&ouml;hung ausmachen k&ouml;nnte.<br>\nDa man ja die Alten nicht einfach ganz verhungern lassen kann, m&uuml;ssen die Jungen bis n&auml;mlich zum &bdquo;Aussterben&ldquo; der umlagefinanzierten Rentner in die gesetzliche Rentenversicherung einbezahlen und zus&auml;tzlich m&uuml;ssen sie sich noch privat &uuml;ber die Kapital gedeckte Rente absichern. Aber selbst wenn man einmal unterstellt, dass die Beitragss&auml;tze wegen der &bdquo;aussterbenden&ldquo; gesetzlichen Rentner &uuml;ber 20 oder 30 Jahren abn&auml;hmen, h&auml;tte sich damit ihre Alterssicherung stabilisiert? Oder um das ber&uuml;hmte Wort Norbert Bl&uuml;ms abzuwandeln: &bdquo;Ist die kapitalgedeckte Rente sischeer? <\/p><p>Kapital liegt nicht in einem sicheren Safe und man kann davon nicht abbei&szlig;en. Jede Kapitalabsicherung unterliegt den Risiken des Kapitalmarktes. Nicht nur beim B&ouml;rsen-Crash der New Economy sind zahlreiche Pensionsfonds zusammengebrochen, wir lesen tagt&auml;glich &uuml;ber &auml;hnliche Zusammenbr&uuml;che aus den USA, aus England oder gar nicht zu reden &uuml;ber die Pleite der privaten Altersversicherung in Chile. Will sagen, die kapitalgedeckte Altersvorsorge ist in gleichem Ma&szlig;e von der wirtschaftlichen Entwicklung abh&auml;ngig, wie die beitragsfinanzierte.<br>\nEs f&uuml;hrt eben kein Weg daran vorbei, dass aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der jeweils laufenden Periode gedeckt werden muss. Es gibt keine andere Quelle f&uuml;r die Rente und es hat auch noch nie eine andere gegeben. Egal ob Umlagefinanzierung oder Kapitaldeckung (denn die Zinsen m&uuml;ssen ja auch erwirtschaftet werden) gibt es keine Ansammlung von Periode zu Periode, also kein &bdquo;Ansparen&ldquo; im privatwirtschaftlichen Sinne. Es gibt einfach keine andere Quelle als das jeweils laufende Volkseinkommen f&uuml;r den jeweiligen Sozialaufwand. <\/p><p>Die Hoffnung, dass Kapital nicht an den Binnenmarkt gebunden ist sondern weltweit &bdquo;arbeiten&ldquo; k&ouml;nnte, ist ziemlich vage. Wer garantiert, dass die Spekulationsblasen des internationalen Kapitalmarktes nicht vielleicht viel schneller platzen als die Real&ouml;konomie im eigenen Lande. <\/p><p>Aber von der demografischen Entwicklung ist die Kapitaldeckung wenigstens nicht abh&auml;ngig, werden Sie vielleicht noch zum Schluss einwenden. Leider ist auch das ein Fehlschluss: Wenn die &Auml;lteren ihre Kapitaldeckung &bdquo;verkonsumieren&ldquo;, verkaufen sie &ndash; um das praktisch zu machen &ndash; eben Wertpapiere, um von diesem Geld leben zu k&ouml;nnen. Wenn es aber immer mehr Alte gibt, die ihre Wertpapiere verkaufen und gleichzeitig weniger Junge, die diese Wertpapiere aufkaufen, dann sinkt deren Wert, weil es ein &Uuml;berangebot an solchen Wertpapieren gibt. Entweder kaufen dann die J&uuml;ngeren mehr Wertpapiere (m&uuml;ssen also ihren &bdquo;Beitragssatz&ldquo; erh&ouml;hen) oder der Wert dieser Papiere sinkt. <\/p><p>&Ouml;konomisch l&auml;sst sich jedenfalls das Kapitaldeckungssystem nicht so ohne weiteres von den demographischen Ver&auml;nderungen abkoppeln &ndash; es sei denn, man setzt wie bei der Umlagefinanzierung auf produktivit&auml;tsorientiertes Wachstum und &ndash; man wagt es heute kaum noch zu sagen &ndash; auf eine auch in Zukunft gerechte Verteilung des gr&ouml;&szlig;er gewordenen Kuchens. <\/p><p>Bis diese Zusammenh&auml;nge die Politik vielleicht wieder begreift, bis dahin sind die gesetzliche, umlagefinanzierte Rente und deren Rentner vielleicht l&auml;ngst tot und die Rentenversicherer oder die Pensionsfonds sind l&auml;ngst pleite. Aber vielleicht k&ouml;nnen sich ja dann die Jungen wieder auf den Staat, auf den &bdquo;Generationenvertrag&ldquo; oder einfach auf die Solidarit&auml;t innerhalb der Gesellschaft besinnen.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dreiviertel aller Deutschen rechnen auf Dauer mit weiter sinkenden Renten, nur 9% haben noch Hoffnung auf h&ouml;here Renten. 69% halten inzwischen eine private Altersvorsorge f&uuml;r n&ouml;tig, aber nur jeder Zweite spart f&uuml;rs Alter. Das meldet die Bild-Zeitung am 27. 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