{"id":100490,"date":"2023-07-06T10:29:43","date_gmt":"2023-07-06T08:29:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100490"},"modified":"2026-02-18T13:53:27","modified_gmt":"2026-02-18T12:53:27","slug":"die-politische-verheimatlosung-oder-die-neue-babylonische-sprachverwirrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100490","title":{"rendered":"Die politische Verheimatlosung oder: Die neue babylonische Sprachverwirrung"},"content":{"rendered":"<p>Schon seit Jahren nimmt in der Gesellschaft die Verwirrung dar&uuml;ber zu, was als &bdquo;links&ldquo; und als &bdquo;rechts&ldquo; zu betrachten ist. Immer st&auml;rker breitet sich bei den B&uuml;rgern der Gedanke aus, dass &bdquo;links&ldquo; und &bdquo;rechts&ldquo; heutzutage keine Bedeutung mehr h&auml;tten und diese Einteilung eine zielgerichtete gesellschaftspolitische Diskussion eher behindert statt bef&ouml;rdert. Manch einer spricht sogar von einer vollst&auml;ndigen Linksverschiebung fast s&auml;mtlicher politischen Parteien. Die Realit&auml;t scheint diesen Kritikern auch recht zu geben. Und auch die Vorstellung, dass das, was fr&uuml;her einmal links war, nun rechts sei, und umgekehrt, ist hier und da gelegentlich zu h&ouml;ren. Zeit, diesen Dingen genauer auf den Grund zu gehen. Von <strong>Lutz Hausstein<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8641\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-100490-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230707_Die_politische_Verheimatlosung_oder_Die_neue_babylonische_Sprachverwirrung_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230707_Die_politische_Verheimatlosung_oder_Die_neue_babylonische_Sprachverwirrung_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230707_Die_politische_Verheimatlosung_oder_Die_neue_babylonische_Sprachverwirrung_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230707_Die_politische_Verheimatlosung_oder_Die_neue_babylonische_Sprachverwirrung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=100490-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230707_Die_politische_Verheimatlosung_oder_Die_neue_babylonische_Sprachverwirrung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230707_Die_politische_Verheimatlosung_oder_Die_neue_babylonische_Sprachverwirrung_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wer kennt ihn nicht, den vom &ouml;sterreichischen Schriftsteller Ernst Jandl schon 1966 formulierten Aphorismus:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;manche meinen<br>\nlechts und rinks<br>\nkann man nicht velwechsern<br>\nwerch ein illtum&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dieses Bonmot ist gerade heute wieder in aller Munde und passt scheinbar zu den aktuellen Verh&auml;ltnissen wie die Faust aufs Auge. Greift es doch die politische Verwirrung vieler B&uuml;rger auf, die politisch zwar interessiert sind, jedoch ob der Darstellung in Politik und Medien seit Jahren, ja Jahrzehnten nur einen Kreiselkompass in der Hand zu halten glauben. Und je tiefer sie sich mit diesen Punkten zu besch&auml;ftigen versuchen, desto gr&ouml;&szlig;er wird ihre Orientierungslosigkeit.<\/p><p><strong>In der Mitte ist es kuschlig<\/strong><\/p><p>Geht man diesem Ph&auml;nomen tiefer auf den Grund, so stellt man fest, dass die parteipolitischen Verschiebungen schon seit rund zwei Jahrzehnten zu verzeichnen sind. Die wohl erste Partei, die sich in best&auml;ndiger &Ouml;ffentlichkeitsarbeit als &bdquo;Partei der Mitte&ldquo; bezeichnete, war die CDU. Obschon sie in ihrer politischen Alltagsarbeit zweifelsfrei als konservativ-rechts wirksam war (und noch ist), demzufolge auch keine grundlegende Neuverortung der CDU zu verzeichnen ist, gelang es den PR-Strategen der Partei, sie der Bev&ouml;lkerung nach den als &bdquo;bleiern&ldquo; empfundenen 16 Jahren der Kanzlerschaft Helmut Kohls als mittig zu verkaufen, um so ihrem langsam br&uuml;chiger gewordenen Status als &bdquo;Volkspartei&ldquo; durch die Erschlie&szlig;ung neuer W&auml;hlerpotenziale entgegenzuwirken. Die Medien verst&auml;rkten diese PR-Offensive sogar noch, indem sie der CDU, insbesondere Angela Merkel, eine <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3802\">&bdquo;Sozialdemokratisierung&ldquo;<\/a> andichteten, wie Albrecht M&uuml;ller schon 2009 anmerkte.<\/p><p>Doch nicht nur die CDU zog vermeintlich in die &bdquo;Mitte&ldquo; der Gesellschaft, auch die FDP gerierte sich nun als Partei der Mitte. Obschon sie ihrer Klientel, vor allem der Konzernwirtschaft, treu blieb, gab sich die FDP &ouml;ffentlich als Vertreterin der kleinen und mittleren Wirtschaft, des Mittelstandes, aus. Dies sollte der FDP gerade in der Zeit, in der sie in Serie aus mehreren Landtagen und schlussendlich 2013 auch aus dem Bundestag flog und deshalb um ihr parlamentarisches &Uuml;berleben k&auml;mpfte, die Existenz sichern. Die damalige Splitterpartei versuchte ihr Heil als weitere Partei der vermeintlichen Mitte. Die politische Marke &bdquo;rechts&ldquo; wurde von diesen Parteien aufgegeben, der Platz in der Mitte wurde schon um einiges enger.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170810-Zukunft-FDP_2.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Dass nun aber auch die SPD, die neben der LINKEN, damals noch als PDS, eigentlich klassisch linke Partei, wie auch die Gr&uuml;nen, die urspr&uuml;nglich in ihrer politischen Ausrichtung zwar leicht ambivalent, aber in Kernfragen eindeutig links zu verorten waren, ebenfalls in die Mitte strebten, war da schon kaum mehr verwunderlich. Hatten beide Parteien doch mit ihrem radikalen Kurswechsel durch das Durchpeitschen der unsozialen Agenda-2010-Gesetze ihr eigentliches W&auml;hlerpotenzial schn&ouml;de verraten und suchten ihren darauffolgenden Absturz, besonders die SPD, ebenfalls durch die Erschlie&szlig;ung neuer W&auml;hlerpotenziale abzufedern. Die Gr&uuml;nen fanden in der st&auml;dtischen urbanen, akademischen Mittelschicht schnell ihr neues Zuhause. W&auml;hrend bei den Gr&uuml;nen diese Neuorientierung quasi ger&auml;uschlos vonstattenging, gab es in der SPD noch l&auml;ngere Zeit massive Auseinandersetzungen ob dieser Abkehr vom urspr&uuml;nglichen Gr&uuml;ndungszweck der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Dessen ungeachtet dichtete ihr die <em>S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/em> 2007 gar einen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2726\">Linksrutsch<\/a> an. Letzten Endes fanden beide Parteien ihren Weg in die Mitte, und es wurde auf diesem Terrain noch enger. Es hat sich so eine Mitte gebildet, in der sich nun in die Mitte gerutschte, mehr oder weniger linke Parteien sowie konservative und (wirtschafts-)liberale Parteien tummeln. Doch w&auml;hrend die beiden fr&uuml;her linken Parteien mit gro&szlig;en Teilen ihrer Politik real in der Mitte angekommen sind, ist der vermeintliche Linksrutsch der anderen Parteien nur das Abbild einer medialen PR-Inszenierung.<\/p><p>Eine solche Entwicklung hatte auch Rainer Mausfeld <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53505\">in seinem Buch &bdquo;Warum schweigen die L&auml;mmer&ldquo; nachgezeichnet<\/a>. Seit der Zeit der Aufkl&auml;rung, also seit mehr als 300 Jahren, wird der als zul&auml;ssig bezeichnete gesellschaftliche Debattenraum kontinuierlich immer weiter eingeschr&auml;nkt, in der Regel stets durch Reduzierung auf der gesellschaftlich linken Seite. Dies erfolgte schrittweise mit einer Vielzahl von Zwischenstufen.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190720_01_Grafik-aus-Mausfeld_Warum_schweigen_die_Laemmer.jpeg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Gleichzeitig wird jedoch die Debatte innerhalb des dann als zul&auml;ssig erachteten neuen Debattenraums massiv befeuert, um so der &Ouml;ffentlichkeit den Eindruck zu vermitteln, dass es eine funktionierende Demokratie g&auml;be, die selbst abweichende, kritische Meinungen zul&auml;sst.<\/p><p><strong>Die Inszenierung eines rechts (fast) freien Raums<\/strong><\/p><p>Die Besetzung au&szlig;erhalb der Mitte oblag f&uuml;r die gr&ouml;&szlig;eren Parteien nun nur noch der LINKEN sowie der AfD. Da beide Parteien jedoch kaum politische Verantwortung tragen, ist diese politische Verortung ausschlie&szlig;lich nur ein Mix aus Selbstdarstellung und medialer Zuschreibung.<\/p><p>Die AfD sieht sich selbst als rechtskonservative Partei, und ihr wird dabei auch weder von den Medien noch den politischen Konkurrenten widersprochen. Einzig in der Betonung unterscheidet sich ihr Selbstbild von der politisch-medialen Zuschreibung. Denn w&auml;hrend sie selbst sich den W&auml;hlern als eher konservativ pr&auml;sentiert, wird der Schwerpunkt der Einordnung durch Medien und politische Gegner haupts&auml;chlich auf &bdquo;rechts&ldquo; konzentriert, wobei die Spanne der Bewertung h&auml;ufig bis hin zu &bdquo;rechtsradikal&ldquo; und &bdquo;in Teilen rechtsextremistisch&ldquo; reicht. Zur Einordnung der AfD verweise ich auf die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75502\">Analyse von Jens Berger von 2021<\/a>, die so auch heute noch zutrifft. Gerade in Bezug auf die Selbstdarstellung der AfD muss an dieser Stelle betont werden, dass diese keine &Uuml;berpr&uuml;fung anhand der Realit&auml;t bef&uuml;rchten muss, da die AfD in keinem Parlament in politischer Verantwortung steht. Ihre Forderungen, Statements und Absichtserkl&auml;rungen, ja sogar ihr Parteiprogramm, sind nichts weiter als Theaterdonner, der (unter den derzeitigen Umst&auml;nden) keinen Realit&auml;tscheck zu bestehen hat. Selbst die vor Kurzem erfolgte Wahl eines AfD-Politikers zum Landrat des s&uuml;dth&uuml;ringischen Landkreises Sonneberg d&uuml;rfte daran nichts &auml;ndern, da auf einer solch strukturell untergeordneten Ebene ein wirksamer Realit&auml;tsabgleich zwischen Parteiprogramm und Realpolitik aufgrund des stark eingeschr&auml;nkten Gestaltungsspielraums kaum m&ouml;glich ist. Mithin bleibt festzuhalten, dass die AfD die einzige im Bundestag vertretene Partei ist, die sowohl von Medien, politischen Konkurrenten wie auch sich selbst als &bdquo;rechts&ldquo; einsortiert wird.<\/p><p>Die &ndash; nach der &ouml;ffentlich zwar nie erkl&auml;rten, aber anhand ihrer praktischen Politik belegbaren Verschiebung von SPD und Gr&uuml;nen in &bdquo;die Mitte&ldquo; &ndash; nunmehr einzig verbliebene Partei im linken Spektrum, die LINKE, befindet sich derzeit in einem Transformationsprozess &ndash; &auml;hnlich den Gr&uuml;nen in der Endphase der 80er, Anfang der 90er Jahre &ndash; von einer zweifelsfrei linken Partei zu einer Partei der Mitte. Dieser Prozess ist zwar noch lange nicht abgeschlossen, und es ist auch nicht endg&uuml;ltig ausgemacht, ob und wo dieser seinen Abschluss finden wird. Denn es gibt innerhalb der Partei nach wie vor starke Kr&auml;fte, die sich solch einer Entwicklung vehement entgegenstemmen. Die abgeschlossene Transformation der Gr&uuml;nen legt jedoch die Vermutung nahe, dass auch bei der LINKEN eine solche Entwicklung erfolgreich sein k&ouml;nnte. So muss denn auch die aktuelle Politik anhand des Wahlprogramms von 2021 zwar als eindeutig linkes Programm gekennzeichnet werden, wie Tobias Riegel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75410\">in diesem Artikel<\/a> beschrieben hat. Die Tatsache, dass die LINKE in Phasen einer Regierungsbeteiligung in den Bundesl&auml;ndern jedoch wiederholt Teile ihrer Programmatik erheblich verletzt hat, zeigt auf, dass auch sie in Zeiten der Bew&auml;hrung, n&auml;mlich einer Teilhabe an der Macht, Teile ihres Selbstverst&auml;ndnisses aufzugeben bereit ist. Sie ist demzufolge (zumindest) ambivalent, wenn es um die Zuordnung ihrer realen Politik zum linken Parteienspektrum geht.<\/p><p><strong>Die neue Achse des B&ouml;sen<\/strong><\/p><p>Nach der medial erfolgreich inszenierten Verr&auml;umung der rechtskonservativen und wirtschaftsliberalen Parteien CDU, CSU und FDP aus dem rechten Raum in die politische Mitte verblieb rechts einzig die AfD. So fiel es den politischen Konkurrenzparteien, aber auch den Medien nicht sonderlich schwer, den politisch rechten Raum mit immer drastischer werdenden Begriffen als &bdquo;Hort des B&ouml;sen&ldquo; zu markieren. L&auml;sst man diesen Vorgang noch einmal in aller Ruhe Revue passieren, begreift man so richtig die Absurdit&auml;t dieses Vorgehens. Politische Parteien, die nicht nur in ihrer Tradition rechts zu verorten sind, sondern auch mit ihrer aktuellen Politik klar rechte Positionen vertreten und diese umsetzen, verteufeln den politisch rechten Raum. Einzig ihre inszenierte Verschiebung in die politische Mitte bildet ein d&uuml;nnes M&auml;ntelchen f&uuml;r ihren politischen Betrug. &bdquo;Rechts&ldquo; wird so zu einem politischen Leerraum, der beliebig mit unliebsamen Personen oder Gruppen bef&uuml;llt werden kann. Aus welchem politischen Zusammenhang diese kommen oder ob sie &uuml;berhaupt politisch klar zu verorten sind, ist dabei unwichtig. Der neue &bdquo;Hort des B&ouml;sen&ldquo; ist bereit f&uuml;r die Aufnahme weiterer &bdquo;Mitglieder&ldquo;. Dies ist auch umso wirksamer, da die einzige gr&ouml;&szlig;ere, im rechten Spektrum offiziell verbliebene Partei, die AfD, als gemeinsames Feindbild der anderen im Bundestag vertretenen Parteien als passende &bdquo;Klammer&ldquo; dieser Verortung markiert wurde.<\/p><p>Man begann Schritt f&uuml;r Schritt, unliebsame Gruppen einem rechten Framing zu unterziehen und diese mit fortlaufend versch&auml;rften Kampfbegriffen zu diffamieren. So wurde die Querdenken-Bewegung, welche sich anfangs zur&uuml;ckhaltend kritisch mit den von der Bundesregierung getroffenen Ma&szlig;nahmen zur Bek&auml;mpfung der Coronapandemie auseinandersetzte, anf&auml;nglich recht schnell als &bdquo;sich nicht ausreichend gegen rechts abgrenzend&ldquo;, &bdquo;teilweise von rechts unterwandert&ldquo;, &bdquo;rechtsoffen&ldquo; und sp&auml;ter zunehmend mit den ideologischen Diffamierungsbegriffen &bdquo;Verschw&ouml;rungsideologen&ldquo;, &bdquo;Aluhut-Tr&auml;ger&ldquo;, &bdquo;Schwurbler&ldquo;, &bdquo;Reichsb&uuml;rger&ldquo;, &bdquo;Verfassungsfeinde&ldquo;, &bdquo;Antisemiten&ldquo; oder (XYZ)-Leugner verschiedener Tatbest&auml;nde stigmatisiert.<\/p><p>Wurden diese Begrifflichkeiten zuerst noch einzeln verwendet, erfolgte sp&auml;ter die Nutzung vermehrt in einem immer gr&ouml;&szlig;er werdenden Block. Insbesondere die Begriffskette &bdquo;Schwurbler, Verschw&ouml;rungserz&auml;hler, Reichsb&uuml;rger, Antisemiten und Corona-Leugner&ldquo; wurde so zu einem beinahe monophonen Narrativ, das jedoch stets eine beweiskr&auml;ftige Begr&uuml;ndung vermissen lie&szlig;. Die Verkn&uuml;pfung der Querdenken-Bewegung mit dem rechten politischen Spektrum wurde jedoch durchg&auml;ngig explizit betont. Dass dies aber keinerlei sachliche Grundlage hat, da Querdenken eine sehr heterogene Bewegung ist, die zudem ausschlie&szlig;lich auf liberale Freiheitsrechte abzielt, hat dieser Stigmatisierung bislang keinen Abbruch getan.<\/p><p>So konnte es auch nicht verwundern, dass die K&uuml;nstleraktion &bdquo;#allesdichtmachen&ldquo; direkt nach ihrer Ver&ouml;ffentlichung <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72153\">als rechte Verschw&ouml;rungserz&auml;hlung gelabelt<\/a> wurde. Dabei entbl&ouml;deten sich die Kritiker dieser K&uuml;nstleraktion nicht einmal, die beteiligten K&uuml;nstler <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71825\">als &bdquo;rechtsradikal&ldquo; zu stigmatisieren<\/a>. Auch hier muss konstatiert werden, dass eine unliebsame Gruppe mittels einer Kampagne in das rechte (sogar rechtsradikale) Spektrum verschoben wurde, obgleich sie gesellschaftsliberale Positionen vertreten hatte.<\/p><p>Das, was in der Zeit der Corona-Ma&szlig;nahmen erlebbar war, wurde nahtlos seit dem 24. Februar 2022, dem russischen Angriff auf die Ukraine, weitergef&uuml;hrt. Gruppen wie auch einzelne Personen, die mit ihrer Bewertung der Ursachen des Krieges eine den Medien und der vorherrschenden Politik unliebsame Position einnahmen, wurden postwendend als &bdquo;Putinversteher&ldquo;, &bdquo;Kreml-Marionetten&ldquo;, &bdquo;F&uuml;nfte Kolonne Moskaus&ldquo; oder &bdquo;von Putin bezahlt&ldquo; geframt &ndash; und dies stets mit einem impliziten, h&auml;ufig aber sogar dem expliziten Hinweis auf ihre rechte\/rechtsextreme Verortung. Es wurde dabei nicht einmal vor zweifelsfrei auf einen Frieden ausgerichteten Aktionen Halt gemacht, wie das Beispiel der Berichterstattung &uuml;ber die Friedenskundgebung in Berlin am 25. Februar 2023 mit den Initiatorinnen Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht eindr&uuml;cklich beweist. Auch ihnen wurde &bdquo;Rechtsoffenheit&ldquo; sowie das <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94371\">Paktieren mit den Rechten vorgeworfen<\/a>.<\/p><p>Dabei ist doch die Forderung nach Frieden eine urlinke Forderung, die bis heute in jedem Stammbuch jeder linken Bewegung und linken Person steht. In diesem Fall wurden also nicht nur B&uuml;rger mit einem gesellschaftsliberalen Standpunkt, sondern zum gr&ouml;&szlig;ten Teil Menschen, die eine Kernforderung aus dem linken Spektrum vertreten, massiv als &bdquo;rechts&ldquo; gelabelt. Die Sch&auml;rfe der Angriffe hat sich auch seit dem 25. Februar 2023 nicht verringert. Selbst die geringsten Versuche, die Ursachen dieses Krieges nur ein wenig detaillierter zu beleuchten, werden im Ansatz abgew&uuml;rgt, wie schon zuvor der Umgang mit <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84493\">Ulrike Gu&eacute;rot in der Sendung von Markus Lanz<\/a> am 2. Juni 2022 zeigte.<\/p><p><strong>Kann man lechts und rinks also doch velwechsern?<\/strong><\/p><p>Hat Ernst Jandl mit seinem Aphorismus also doch recht?<\/p><p>Jein. Man kann es nur verwechseln, wenn man sich der Inhalte der politischen Richtungen &bdquo;rechts&ldquo; und &bdquo;links&ldquo; nicht bewusst ist. Und sobald man sich der Inhalte bewusst ist, sollte man sich auch von niemandem mehr ein X f&uuml;r ein U vormachen lassen &ndash; von keinem Politiker, keinem Journalisten und keinem Partei-PR-Profi.<\/p><p>Doch wie unterscheidet man nun links von rechts, wo sind die klaren, eindeutigen Kriterien daf&uuml;r? Rainer Mausfeld hat in einem <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34504\">Interview im Jahr 2016<\/a> auf den NachDenkSeiten wichtige Kriterien f&uuml;r das Linkssein benannt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Den Kern dieser Leitvorstellungen bildet ein universeller Humanismus, also die Anerkennung einer prinzipiellen Gleichwertigkeit aller Menschen. [&hellip;] Beispielsweise schlie&szlig;t ein universeller Humanismus Positionen aus, die auf der &Uuml;berzeugung einer prinzipiellen Vorrangstellung der eigenen biologischen, sozialen, kulturellen, religi&ouml;sen oder nationalen Gruppe beruhen; er schlie&szlig;t also Rassismus, Chauvinismus, Nationalismus oder Exzeptionalismus aus. [&hellip;] Aus dem universellen Humanismus ergibt sich also das spezifische Leitideal einer radikal-demokratischen Form einer Gesellschaft, in der ein jeder einen angemessenen Anteil an allen Entscheidungen hat, die die eigene &ouml;konomische und gesellschaftliche Situation betreffen; er schlie&szlig;t also Gesellschaftsformen aus, die auf einer Elitenherrschaft oder auf einem F&uuml;hrerprinzip beruhen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Den Kernpunkt der Aussage Mausfelds bildet, so l&auml;sst sich unschwer erkennen, die von ihm angef&uuml;hrte &bdquo;prinzipielle Gleichwertigkeit aller Menschen&ldquo;. Mit anderen Worten k&ouml;nnte man die Definition von &bdquo;links&ldquo; und &bdquo;rechts&ldquo; folgenderma&szlig;en beschreiben: Links ist in einer hierarchisch strukturierten Gesellschaft wie der unsrigen die Unterst&uuml;tzung von unterprivilegierten, machtunterlegenen Menschen und das Eintreten f&uuml;r deren Rechte, um die Gesellschaft in Richtung von mehr Gleichheit im Sinne der Gleichwertigkeit aller Menschen voranzutreiben. Linke sind auf einen solidarischen Ausgleich der Mitglieder der Gesellschaft bedacht. Ungleichheit &ndash; gleich ob &ouml;konomische, gesellschaftliche, politische oder soziale &ndash; und das Eintreten einzelner Personen oder Gruppen f&uuml;r diese ist hingegen ein konstituierendes Merkmal f&uuml;r rechts.<\/p><p>Diese Kriterien im Hinterkopf habend, ergeben sich so auch v&ouml;llig neue Bewertungen der politischen Parteien, Bewegungen oder einzelner Personen. Schlagartig wird die permanente Propagierung der politischen Verortung von SPD oder Gr&uuml;nen als linke Parteien obsolet. Denn so gut wie alle Ma&szlig;nahmen, die diese in der Zeit ihrer Regierungsbeteiligung zu verantworten haben, sind nicht auf einen Ausgleich der zunehmenden Ungleichheit ausgerichtet, sondern verfestigen diese bzw. versch&auml;rfen sie gar noch. Die angeblich &bdquo;sozialdemokratisierte&ldquo; CDU oder die vermeintliche Partei der Mitte, die FDP, sind ebenfalls aktiv darum bem&uuml;ht, die bestehende Ungleichheit zumindest zu sch&uuml;tzen, wenn nicht gar weiter auszubauen.<\/p><p>Somit sind auch eine Vielzahl der Aktivit&auml;ten, Initiativen und Gesetze der vermeintlich linken Parteien SPD und Gr&uuml;ne wie auch der &bdquo;Parteien der Mitte&ldquo; CDU, CSU und FDP &ndash; wie beispielweise die repressiven, die <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/wirtschaft-verantwortung\/ueberraschendes-corona-urteil-duerfen-klaeger-nun-hoffen-li.361490\">b&uuml;rgerliche Freiheit beschr&auml;nkenden Anti-Corona-Ma&szlig;nahmen<\/a> die Einschr&auml;nkung der Meinungs-, Wissenschafts- und Kunstfreiheit; eine massive <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99192\">Forcierung menschenm&ouml;rderischer Kriege<\/a> statt auf Frieden ausgerichtete Aktivit&auml;ten, nicht nur in der Ukraine, sondern schon in zahlreichen Kriegen davor; ein medial forciertes Durchpeitschen gendergerechter Sprache bis hin zu <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64811\">Diversit&auml;tsregeln<\/a> ohne jegliche Einflussnahme auf die weiterhin bestehende reale Ungleichheit oder gar Diskriminierung dieser Personengruppen; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97202\">staatliche finanzielle Unterst&uuml;tzung<\/a> bellizistischer sowie sich dem Kampf gegen regierungskritische (fr&uuml;her sagte man dazu: oppositionelle) Kr&auml;fte verschriebener Thinktanks zum Zwecke des Ausschlusses der Regierungskritiker aus dem &ouml;ffentlichen Diskurs u.v.a.m. &ndash; das Gegenteil linker Politik, auch wenn dies regelm&auml;&szlig;ig und gern in (real) rechte(re)n Medien und von rechts zu verortenden Personen behauptet wird. Da dies h&auml;ufig mit dem autorit&auml;ren Charakter der DDR in Verbindung gebracht wird, und somit die Politik der aktuellen &bdquo;linken&ldquo; Parteien als nahtlose Fortsetzung der DDR bezeichnet wird, erscheint es notwendig, dem argumentativ zu begegnen. Es ist eben kein konstituierendes (!) Merkmal einer linken Politik, autorit&auml;re Gewalt gegen die Gesellschaft auszu&uuml;ben. Denn genau diese autorit&auml;re Politik der DDR-F&uuml;hrung &ndash; eine Politik, die den eigenen Werten und Versprechungen entgegenstand &ndash; war eine der entscheidenden Grundlagen f&uuml;r die Entstehung des breiten Widerstands in der DDR-Bev&ouml;lkerung. Deshalb kann autorit&auml;r verfasste Politik auch niemals Bestandteil einer linken Politik sein &ndash; weder damals in der DDR oder im real existierenden Sozialismus anderer L&auml;nder noch heutzutage.<\/p><p>Wenn nun immer wieder von einzelnen Personen behauptet wird, dass es nicht um &bdquo;rechts&ldquo; oder &bdquo;links&ldquo; bzw. besser &bdquo;rechts gegen links&ldquo; gehen w&uuml;rde, sondern um &bdquo;oben&ldquo; gegen &bdquo;unten&ldquo;, so hat derjenige die Inhalte der jeweiligen Richtungen nicht bedacht. Denn unter der Ber&uuml;cksichtigung der oben dargelegten Grundlagen ist ein &bdquo;rechts gegen links&ldquo; genau das beschriebene &bdquo;oben gegen unten&ldquo;.<\/p><p>Ich selbst habe mich lange Jahre als einen Linksliberalen oder dem Linksliberalismus nahestehenden, politisch denkenden Menschen verstanden und auch so bezeichnet. Unter normalen Umst&auml;nden w&uuml;rde ich dies heute auch noch tun. Denn auch heute basieren meine Wertvorstellungen nach wie vor auf einem linken Liberalismus. Vor dem Hintergrund jedoch, wer sich heutzutage selbst als linksliberal bezeichnet und von den im Lande meinungsbestimmenden Medien als linksliberal deklariert wird, ist mir dies inzwischen nicht mehr m&ouml;glich. Nicht deshalb, weil ich mich nicht mehr als linksliberal begreife, sondern weil ich mir bewusst bin, dass ich, wenn ich diese Bezeichnung f&uuml;r mich verwenden w&uuml;rde, bei den Zuh&ouml;rern eine <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97262\">v&ouml;llig falsche Assoziation<\/a> wecken w&uuml;rde. Umso wichtiger ist es, wieder das Verst&auml;ndnis bei den B&uuml;rgern daf&uuml;r herzustellen, welche Inhalte mit einer politischen Richtung korrekterweise zu verbinden w&auml;ren. Die Deutungshoheit &uuml;ber Begriffe ist elementar f&uuml;r eine gemeinsame Kommunikation, um mit genannten Begrifflichkeiten auch gleiche Inhalte verbinden zu k&ouml;nnen. Gelingt dies nicht, so wird die babylonische Sprachverwirrung noch st&auml;rker um sich greifen.<\/p><p>Ist man sich all dessen bewusst, sollte zuk&uuml;nftig die Bewertung politischer Standpunkte weniger schwerfallen und man w&uuml;rde eine st&auml;rkere Resistenz gegen&uuml;ber PR-Aktivit&auml;ten einer angeblichen politischen Verortung entwickeln, auch wenn dies politisch so gew&uuml;nscht ist, um die politische Verheimatlosung in der Bev&ouml;lkerung aktiv voranzutreiben. Denn eine aufgekl&auml;rte Gesellschaft braucht politisch aufgekl&auml;rte, m&uuml;ndige B&uuml;rger.<\/p><p>Titelbild: FrankHH\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon seit Jahren nimmt in der Gesellschaft die Verwirrung dar&uuml;ber zu, was als &bdquo;links&ldquo; und als &bdquo;rechts&ldquo; zu betrachten ist. Immer st&auml;rker breitet sich bei den B&uuml;rgern der Gedanke aus, dass &bdquo;links&ldquo; und &bdquo;rechts&ldquo; heutzutage keine Bedeutung mehr h&auml;tten und diese Einteilung eine zielgerichtete gesellschaftspolitische Diskussion eher behindert statt bef&ouml;rdert. Manch einer spricht sogar von<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100490\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":100492,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,123,189,85],"tags":[2938,3058,3625,2554,452,1782,1352,240],"class_list":["post-100490","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-kampagnentarnworteneusprech","category-parteien-und-verbaende","category-pr","tag-autoritarismus","tag-diffamierung","tag-links-rechts-debatte","tag-linksliberalismus","tag-linksrutsch","tag-mausfeld-rainer","tag-rechtsruck","tag-sozialdemokratisierung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Shutterstock_2266518145.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/100490","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=100490"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/100490\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100642,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/100490\/revisions\/100642"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/100492"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=100490"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=100490"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=100490"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}