{"id":100507,"date":"2023-07-08T14:00:39","date_gmt":"2023-07-08T12:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100507"},"modified":"2023-07-08T05:47:22","modified_gmt":"2023-07-08T03:47:22","slug":"umgehung-der-blockade-in-venezuela-pueblo-a-pueblo-baut-ernaehrungssouveraenitaet-von-unten-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100507","title":{"rendered":"Umgehung der Blockade in Venezuela: \u201ePueblo a Pueblo&#8221; baut Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t von unten auf"},"content":{"rendered":"<p>In Teil II sprechen die assoziierten Produzierenden und &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo;-Mitglieder &uuml;ber die &bdquo;Leiter der doppelten Beteiligung&rdquo; und &uuml;ber die Auswirkungen der US-Blockade. Teilnehmende: Ana Daniela D&aacute;vila, Laura Lorenzo Gabriel Gil und Ricardo Miranda vom &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo;- Koordinationsteam und die Produzierenden aus Carache Carmen Marquina, Josefa Zapata, Mar&iacute;a Godoy, Nadia Linares, Luis Vel&aacute;zquez, Antonio Bracamonte und Ronald Moreno. Von <strong>Cira Pascual Marquina<\/strong> und <strong>Chris Gilbert<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die doppelte Beteiligungsleiter<\/strong><\/p><p><strong>Ricardo Miranda<\/strong>: Die &bdquo;doppelte Beteiligungsleiter&rdquo; (Escalera de Doble Participaci&oacute;n) ist eine Methode, l&auml;ndliche Erzeuger und st&auml;dtische Arbeiterklasse miteinander zu verbinden und zu integrieren. Wir entziehen also die Ern&auml;hrung dem Marktgesch&auml;ft und stellen den Nutzwert &ndash; das Leben &ndash; in den Mittelpunkt.<\/p><p><strong>Ana Daniela D&aacute;vila<\/strong>: Bei der doppelten Beteiligungsleiter geht es um Kooperation von Stadtbewohnern und &bdquo;Campesinos&rdquo;, also darum, dass Produktion, Vertrieb und Konsum nicht von Dritten, von kapitalistischen Interessen, gelenkt werden, sondern dass sie sich nach den Bed&uuml;rfnissen der teilnehmenden Kommunen richten.<\/p><p>Dabei wird die Produktion auf Grundlage sowohl des st&auml;dtischen Verbrauchs als auch der Erntezyklen auf dem Land geplant. Bei der doppelten Beteiligungsleiter geht es au&szlig;erdem um &Auml;nderung von Konsummustern und die Abkehr von konventioneller, auf Pestiziden basierender Landwirtschaft. Deshalb ist Bildung ein wichtiger Bestandteil des Projekts.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230708-blockade-Bild1.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230708-blockade-Bild1.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><p>Nun k&ouml;nnte man nachfragen: Wie sollen Menschen von den Konsumgewohnheiten des Marktes wegkommen, die ihnen &uuml;ber Generationen vorgegeben wurden? Wie k&ouml;nnen sich die Campesinos von der marktorientierten Landwirtschaft l&ouml;sen, die ihnen seit Jahrzehnten als die L&ouml;sung all ihrer Probleme angepriesen wurde?<\/p><p>Wenn &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; in eine Gemeinde geht, dann sprechen wir mit den Menschen und halten Versammlungen ab. Au&szlig;erdem organisieren wir Workshops zu Themen wie Kompostierung, Diversifizierung von Kulturen, Auswahl und Pflege von Saatgut, Fruchtfolge, Konservierung von Lebensmitteln usw.<\/p><p>Die Erzeuger auf dem Land werden gewiss nicht auf &ouml;kologische Produktion umstellen, wenn ihnen keine Alternative zur Dauerpropaganda geboten wird, wie sie Monsanto &amp; Co. von sich geben. In der Stadt ist es dasselbe: Die Verbraucher werden nicht von hochverarbeiteten Lebensmitteln ablassen, wenn sie nicht &uuml;ber Alternativen gegen&uuml;ber der allgegenw&auml;rtigen Werbung aufgekl&auml;rt werden.<\/p><p>Es ist au&szlig;erdem wichtig, dass die Menschen die Welt des jeweils anderen kennenlernen, dass also Produzenten und Verbraucher wissen, wer die Gegen&uuml;ber auf der anderen Seite sind.<\/p><p>Als &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; anfing, kamen st&auml;dtische &bdquo;Konsumenten&rdquo; &ndash; etwa aus San Agust&iacute;n, einem Barrio in Caracas &ndash; nach Carache, um von den Campesinos zu lernen. Die Campesinos ihrerseits gingen nach San Agust&iacute;n, um die Organisation dort zu verstehen. Bei &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; geht es um rationale Produktion, die aber sozial angelegt ist und auf menschlichen Bed&uuml;rfnissen beruht.<\/p><p><strong>Gabriel Gil<\/strong>: Planung ist der Schl&uuml;ssel f&uuml;r das Funktionieren der doppelten Beteiligung, und sie muss beidseitig sein: im Barrio, wo das Volk die Erzeugnisse bekommt, und auf dem Land, wo die Erzeuger ihre Produktion planen und machen.<\/p><p>Au&szlig;erdem f&ouml;rdern wir die Diversifizierung des Fruchtanbaus. Das bedeutet, dass jeder Erzeuger vier oder mehr Sorten gleichzeitig anbaut, um die Risiken gering zu halten, die sowohl die Umwelt als auch den Markt betreffen.<\/p><p>Wir sind &uuml;berzeugt vom agrar&ouml;kologischen Wandel, der im Interesse sowohl von Erzeuger und Verbraucher ist, nicht aber unbedingt im Marktinteresse. Deshalb organisieren wir Workshops zu Saatgut und f&uuml;r organische D&uuml;ngemittelproduktion.<\/p><p>Schlie&szlig;lich &ndash; das ist der Schl&uuml;ssel f&uuml;r die &bdquo;Leiter-Theorie&rdquo; &ndash; organisiert das &bdquo;Konsumentennetzwerk&rdquo; die Verteilung der Produkte und sorgt f&uuml;r prompte Zahlungen. Gerade Letzteres ist wichtig, weil der kapitalistische Zwischenh&auml;ndler oftmals lange braucht, die Campesinos zu bezahlen &ndash; was diese in Schwierigkeiten bringen kann.<\/p><p><strong>Ricardo Miranda<\/strong>: Die doppelte Beteiligungsleiter l&ouml;st die Widerspr&uuml;che zwischen Land und der Stadt, in denen moderne Gesellschaften gefangen sind. Die &bdquo;Leiter&rdquo; bringt Produzenten und st&auml;dtische Verbraucher einander n&auml;her. Die Frage ist, wie das im Einzelnen gemacht ist. Eine genaue Analyse, die die Menschen in den Barrios und in den l&auml;ndlichen Gemeinden durchf&uuml;hren, erzeugt einen &bdquo;Nutzungs-Kreislauf&rdquo;, der es m&ouml;glich macht, die Bed&uuml;rfnisse beider Seiten in menschlich guter Weise zu befriedigen.<\/p><p>Dieses Verfahren erm&ouml;glicht den Campesinos Landanbau nach menschlichen Bed&uuml;rfnissen; Bauer oder B&auml;uerin sind nicht den Launen der &bdquo;unsichtbaren Hand&rdquo; des Marktes &uuml;berlassen. Nahrung ist f&uuml;r uns kein Handelsgut, Nahrung ist grundlegendes Menschenrecht. Deshalb machen wir die Preisbildungen in &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; &ouml;ffentlich, Grundlage ist der Erhalt des b&auml;uerlichen Lebens.<\/p><p>Das Konzept der transparenten Preise ist nicht zu verwechseln mit &bdquo;fairen&rdquo; oder &bdquo;solidarischen&rdquo; Preisen, die unscharfe Begriffe sind. Von transparenten Preisen reden wir, weil wir wissen, wie viel die Bauern f&uuml;r Saatgut und Betriebsmittel bezahlt haben, wie hoch die Gesamtkosten waren, wie hoch die Transportkosten und wie viel nach Verkauf in den H&auml;nden der Bauern &uuml;brig bleibt. All dies ist m&ouml;glich, weil unser Modell selbstorganisiert ist und keine Zwischenh&auml;ndler oder Ladenbesitzer beteiligt sind.<\/p><p>Die doppelte Beteiligungsleiter basiert auf ethischen Grunds&auml;tzen, nicht auf Ausbeutung. Die Ethik betreffend ist es interessant, dass die rund 260 Lebensmittel-Verteilaktionen, die wir seit 2015 durchgef&uuml;hrt haben, nicht durch schriftliche Dokumente oder Kaufauftr&auml;ge gesichert wurden. Stattdessen war gegenseitiges Vertrauen die Grundlage dieser Tauschvereinbarungen.<\/p><p><strong>Laura Lorenzo<\/strong>: In der konkreten Praxis ging es mit der &bdquo;Leiter&rdquo; so: Wir arbeiteten &uuml;ber Jahre mit der Kommune El Panal in &bdquo;23 de Enero&rdquo; [Barrio in Caracas]. Dort waren es um die 3.000 Familien, die bei &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; mitmachten und gemeinsam ihren tats&auml;chlichen Bedarf ermittelten. Die Produzenten konnten daraufhin entscheiden, was an Bodenfl&auml;che, Saatgut, Betriebsmitteln usw. ben&ouml;tigt w&uuml;rde und konnten die Anbauzyklen planen. Gleichzeitig war zu kl&auml;ren, wie viele Silos man ben&ouml;tigt, wie hoch der Transportbedarf ist, wie viel Treibstoff ben&ouml;tigt w&uuml;rde und so weiter.<\/p><p>Die Verteilung der Lebensmittel war ein Gesch&auml;ft, so lange wir uns erinnern. Mit unserer Methodik jedoch gelangten vier Millionen Kilo, die wir zwischen 2015 und 2020 verteilten, bis in die Haushalte der venezolanischen Arbeiterklasse, ohne &uuml;ber einen &bdquo;Markt&rdquo; zu gehen &ndash; die doppelte Beteiligungsleiter machte uns das m&ouml;glich.<\/p><p><strong>Assoziierte Produzentinnen und Produzenten<\/strong><\/p><p><strong>Mar&iacute;a Godoy<\/strong>: Als &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; Carache zu seinem Zentrum machte, sprachen sie als Erstes mit den Menschen und veranstalteten Versammlungen. Aber sie wandten sich auch an die nationale Regierung wegen der Instandsetzung der Stra&szlig;en, die in schlechtem Zustand waren. Es versteht sich, dass ein guter Stra&szlig;enzustand kritisch sein kann f&uuml;r die Aufrechterhaltung von Produktion.<\/p><p>&bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; arbeitet zusammen mit kleinen und mittleren Erzeugern und unterst&uuml;tzt sie bei der G&uuml;terverteilung, beim Saatgut und bei den Betriebsmitteln und, besonders wichtig, veranstaltet Workshops, um wegzukommen von den kommerziellen Anbaumethoden, die sch&auml;dlich sind f&uuml;r die Erde, f&uuml;r die Erzeuger und Verbraucher.<\/p><p><strong>Josefa Zapata<\/strong>: F&uuml;r mich als Produzentin bei &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; ist es am wichtigsten, verantwortungsvoll zu arbeiten. Ich bin alleinstehende Campesino-Frau und musste mir mein Handwerk selbst beibringen. Ich musste mir sogar das &bdquo;Recht&rdquo; erk&auml;mpfen, auf meinem eigenen Land anzubauen. Machismo ist hier tief verwurzelt, und es ging nicht von heute auf morgen, den Respekt der anderen zu bekommen. Ich habe das alleine geschafft, aber ich hatte auch die Unterst&uuml;tzung von &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo;.<\/p><p>Als ich zu &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; kam, wurden meine Aussichten, die eigenen Produkte zu verkaufen, erheblich besser. Sie brachten mir auch bei, wie man Saatgut produziert, und jetzt ist meine Produktion breit gef&auml;chert: Ich baue Sellerie an, schwarze Bohnen, Mais, Tomaten, Fr&uuml;hlingszwiebeln und Brokkoli. Ich habe auch ein Saatbeet, das zu einem wichtigen Teil meines Einkommens geworden ist. Ich z&uuml;chte sowohl Saatgut als auch Setzlinge.<\/p><p>Nochmal zur Frage der Organisation: Bei &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; treffen sich die Produzenten alle zwei Wochen. Bei diesen Treffen planen wir gem&auml;&szlig; der Anfragen unserer Br&uuml;der und Schwestern in der Stadt und ebenso entsprechend der Nachfrage nach Lebensmitteln, die von Schulen kommen, die wir bei &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; auch bedienen.<\/p><p><strong>Antonio Bracamonte<\/strong>: &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; gr&uuml;ndete sich in Carache am Beginn des Wirtschaftskrieges, als die Beschaffung von Saatgut schwieriger wurde. &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; hat uns geholfen, gemeinsam unsere Abh&auml;ngigkeit von den Zwischenh&auml;ndlern zu durchbrechen, die mit der Arbeit der Bauern Profit machen. Die Praktiken der kapitalistischen Zwischenh&auml;ndler sind hinterh&auml;ltig. Um ein Beispiel zu geben: Sie zahlen uns vielleicht zwei Bol&iacute;vares pro Kilo f&uuml;r eine LKW-Ladung Sellerie, aber wenn sie in Caracas ankommen, ist der Preis bei 30!<\/p><p>Nur kann man sich nicht einzeln aus der Abh&auml;ngigkeit von Zwischenh&auml;ndlern befreien. An dieser Stelle kommt &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; ins Spiel. Wie wir betonen: &bdquo;Ein Baum alleine macht noch keinen Wald.&rdquo; Wenn wir uns nicht organisieren, dann werden wir vom Markt verschlungen!<\/p><p>Bei Ch&aacute;vez ging es darum, dem Volk Macht zu geben. Deshalb ist Organisation so wichtig. Was die l&auml;ndlichen Gebiete betrifft, so sprach Ch&aacute;vez davon, dass die Bauern die Kontrolle &uuml;ber ihr Land und ihre Produkte brauchen, und davon, dass sie die Marktlogik &uuml;berwinden m&uuml;ssen. &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; macht genau das &ndash; und nicht nur mit Worten, sondern mit Methoden, die funktionieren und deren Eckpfeiler die Organisationen an der Basis sind.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230708-blockade-Bild2.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230708-blockade-Bild2.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><p><strong>Luis Vel&aacute;zquez<\/strong>: Argimiro&nbsp;<a href=\"https:\/\/venezuelanalysis.com\/analysis\/15408\">Gabald&oacute;n<\/a>&nbsp;und seine Leute waren auch hier und gewannen gro&szlig;e Sympathien bei den Campesinos von Carache. Jahrzehnte sp&auml;ter, als &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; ankam, waren wir besser in der Lage, uns gemeinsam um die &bdquo;Saat&rdquo; zu k&uuml;mmern, die Argimiro und dann Ch&aacute;vez in diesen fruchtbaren Boden gesetzt hatten.<\/p><p>Die Workshops von &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; halfen uns bei der Abkehr von sch&auml;dlichen Anbaumethoden, sie organisierten die Kommune und die Kommunalen R&auml;te&nbsp;und sie verbesserten gr&uuml;ndlich die Situation der Produzenten durch die Zusammenarbeit mit der Regierung, um die Stra&szlig;en wieder ganz zu machen.<\/p><p><strong>Vertrauen<\/strong><\/p><p><strong>Laura Lorenzo<\/strong>: Wir, die Organisatoren von &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo;, haben unsere Wurzeln im Kampf der Bauern, aber wir kommen aus dem Flachland von Yaracuy und nicht aus diesen Bergen.<\/p><p>Als wir hier ankamen, wussten wir, dass es f&uuml;r uns nicht leicht sein w&uuml;rde, das Vertrauen der Campesinos zu gewinnen, also sprachen wir mit ihnen &uuml;ber unseren Traum, die Barriere einzurei&szlig;en, die der Kapitalismus zwischen Land und der Stadt errichtet, um das Volk auszupl&uuml;ndern. Die Idee, die Zwischenh&auml;ndler abzuschaffen, r&uuml;hrte nat&uuml;rlich an die Fantasie der Leute, aber wir mussten zeigen, dass die Tr&auml;ume nicht nur Wunsch und leere Worte waren.<\/p><p>Das Wichtigste beim Aufbau von Vertrauen ist das Einhalten von Versprechen; unser Wort in &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; muss &bdquo;heilig&rdquo; sein. Wenn ein mit Produkten beladener Lastwagen losf&auml;hrt, dann wissen die Campesinos, dass sie vollst&auml;ndig und schnell ihr Geld bekommen. Sie wissen auch, dass sie sich auf &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; verlassen k&ouml;nnen, wenn sie Probleme haben, oder dass sie einen der beiden verf&uuml;gbaren Traktoren benutzen k&ouml;nnen und uns mit Saatgut zur&uuml;ckbezahlen.<\/p><p>Aber bei &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; geht es nicht nur um die Befriedigung des Elementarbedarfs. Kurz nachdem wir ankamen, entdeckten wir, dass die Menschen in Carache f&uuml;r Musik, Theater, Poesie empf&auml;nglich sind, und so begannen wir, Br&uuml;cken durch Kultur zu bauen, indem wir Joropo-Tanzworkshops und andere Kultur-Events organisierten.<\/p><p><strong>Die Auswirkungen der Blockade<\/strong><\/p><p><strong>Josefa Zapata<\/strong>: Das Leben der Campesinos ist nie einfach gewesen, aber die&nbsp;<a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/254354\/un-bericht-sanktionen-venezuela\">Blockade<\/a>&nbsp;hat unser Leben noch schwieriger gemacht. Die gr&ouml;&szlig;ten Engp&auml;sse f&uuml;r viele von uns waren die Beschaffung der Betriebsmittel und der Transport unserer Produkte. Die Folge war, dass der Ertrag in den letzten Jahren stark zur&uuml;ckgegangen ist, ich selber habe eine komplette Ernte Fr&uuml;hlingszwiebeln eingeb&uuml;&szlig;t.<\/p><p>Aber die Tatsache, dass wir mit &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; zusammenarbeiten, hat uns widerstandsf&auml;hig gemacht. Einerseits stelle ich mein eigenes Saatgut her. Das habe ich bei Gabriel Gil gelernt, der vielen von uns beigebracht hat, wie man Saatgut macht und wie man eine G&auml;rtnerei aufbaut. Andererseits hat er uns auch gezeigt, wie man organischen D&uuml;nger herstellt. Das ist eine der St&auml;rken unserer Organisation, die Abkehr von kommerziellen Praktiken, die uns abh&auml;ngig halten.<\/p><p><strong>Laura Lorenzo<\/strong>: Die Krise, die Pandemie und die Blockade haben uns in &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; sehr geschadet. Aber wir haben auch gelernt, dass unser Modell gut ist, dass es L&ouml;sungen f&uuml;r die Menschen bietet und in die richtige Richtung geht, in Richtung Souver&auml;nit&auml;t f&uuml;r die Ern&auml;hrung.<\/p><p>Die Probleme fingen 2017 an, als die faschistische Rechte des Landes den Osten von Caracas &bdquo;in Brand steckte&rdquo;. Damals arbeiteten wir bei La Hidrol&oacute;gica de Chacao, einer Kommune, die von oppositionellen Gewaltt&auml;tern&nbsp;<a href=\"https:\/\/venezuelanalysis.com\/analysis\/11211\">belagert<\/a>&nbsp;war. Das bedeutete, dass wir die Produkte nicht mehr zur Kommune bringen konnten. Die Preise begannen in die H&ouml;he zu schie&szlig;en, auch die Preise f&uuml;r landwirtschaftliche Betriebsmittel, von denen einige einfach nicht mehr zu bekommen waren. Schlie&szlig;lich wurde auch noch der Treibstoff knapp.<\/p><p>Treibstoffmangel hat verheerende Auswirkungen auf die Nahrungsmittelproduktion. Obwohl ein Gro&szlig;teil der Feldarbeit in Carache mit Zugtieren erledigt wird, gingen in der schlimmsten Zeit der Krise ganze Ernten verloren. Die Lage ist immer noch ernst. Deshalb fordern die Bauern, dass der venezolanische Staat ihnen eine spezielle Treibstoffquote zuweist. Diese Forderung ist gerecht, sie ist aber auch notwendig wegen der Ern&auml;hrungssouver&auml;nit&auml;t, die umso wichtiger in Zeiten der Blockade ist.<\/p><p><strong>Luis Vel&aacute;zquez<\/strong>: Die Sanktionen haben viel Leid &uuml;ber die Menschen gebracht. F&uuml;r uns sind die Beschaffung von Betriebsmitteln und der Marktzugang f&uuml;r unsere Produkte die wichtigsten Probleme. Betriebsmittel waren zuerst nirgends zu finden. Dann tauchten sie auf dem Schwarzmarkt auf, jetzt sind sie verf&uuml;gbar, aber zu Preisen, die fast nicht zu bezahlen sind. Die Kosten beispielsweise f&uuml;r Tomaten k&ouml;nnen sich auf zwei- bis dreitausend Dollar belaufen, wenn man Saatgut, Betriebsmittel und die Arbeitskosten zusammenz&auml;hlt.<\/p><p>Einen Vorteil haben wir aber: &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo;. Ohne diese Organisation w&auml;ren unsere Stra&szlig;en in einem schrecklichen Zustand, was unsere Produktion erheblich reduzieren w&uuml;rde. Au&szlig;erdem hilft &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; den Produzenten bei der Abkehr von der kommerziellen giftbelasteten Landwirtschaft.<\/p><p>Diese Jahre sind schrecklich gewesen, aber Venezuela ist ein reiches Land. Wenn wir hart arbeiten und uns gut organisieren, dann werden wir es schaffen, aus dem Loch herauszukommen. Aber es gibt noch etwas, das gebraucht wird. Wir k&ouml;nnen nicht erwarten, dass der imperialistische Feind seine Blockade l&ouml;st, aber wir sollten von unserer Regierung erwarten k&ouml;nnen, dass sie f&uuml;r die kleinb&auml;uerliche Landwirtschaft das Erforderliche tut.<\/p><p>Wir sind diejenigen, die das venezolanische Volk ern&auml;hren, und nicht die Gro&szlig;konzerne &ndash;&nbsp;was bedeutet, dass der Staat den Campesinos den Zugang zu Betriebsmitteln und Treibstoff m&ouml;glich machen muss. Au&szlig;erdem sollte die Regierung &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; und anderen Organisationen, die mit kleinen und mittleren Erzeugern kooperieren, dabei helfen, dass unsere Ernte wirklich bis zu den Haushalten der Arbeiter gelangt.<\/p><p>F&uuml;r einen Campesino gibt es keine gr&ouml;&szlig;ere Befriedigung, als gutes, gesundes Essen herzustellen und es den Familien zu bringen, die &ndash; ob Regen oder Sonnenschein &ndash; beschlossen haben, hier in Venezuela zu bleiben.<\/p><p><strong>Antonio Bracamonte<\/strong>: Die Blockade hat uns dazu gebracht, &bdquo;mit den Fingern&auml;geln zu arbeiten&rdquo;. Ich zum Beispiel hatte 10.000 K&ouml;pfe Sellerie gepflanzt, aber jetzt sind es nur noch 1.000. Insgesamt bin ich bei 25 Prozent meiner Kapazit&auml;t, aber es gab Zeiten, in denen war die Produktion auf null. Das war tragisch. In diesen Zeiten hat uns der conuco [Subsistenzanbau] am Leben gehalten.<\/p><p>Die Betriebskosten sind zu hoch, was wiederum soziale Kosten f&uuml;r meine Familie, die Gemeinde und f&uuml;r das ganze Land hat.<\/p><p>Die Blockade ist grausam, und die venezolanische Opposition ist ohne Herz. Nat&uuml;rlich wollten die USA unsere Regierung sanktionieren und st&uuml;rzen, aber dazu brauchten sie eine Marionette wie [den ehemaligen selbsternannten &bdquo;Pr&auml;sidenten&rdquo; Ju&aacute;n] Guaid&oacute; und seine Mafia. Die waren es, die die Blockade vom Wei&szlig;en Haus gefordert hatten. Und das werden wir nie vergessen!<\/p><p>Die USA sind ein dekadentes Imperium, und sie werden alles tun, um ihre politische, wirtschaftliche und milit&auml;rische Vorherrschaft zu behalten. Deshalb ist ihre Politik auch so brutal. Aber wir sind ein starkes Volk, und wir sind entschlossen, hier zu bleiben &ndash; im Land von Bol&iacute;var und Ch&aacute;vez &ndash;, auch wenn wir daf&uuml;r Baumwurzeln essen m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Ana Daniela D&aacute;vila<\/strong>: Blockade und Pandemie hatten verheerende Auswirkungen auf die Produktion, aber wir von &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; sind immer Optimisten. Die Krise hatte auch eine positive Seite: Die Tatsache, dass der Kauf von Agrochemikalien schwierig wurde, weckte Interesse an agrar&ouml;kologischen Techniken. &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; hat Neues dabei geschaffen mit seinen Workshops zur Verbreitung derartiger Methoden.&nbsp; Au&szlig;erdem gibt es Traditionelles wie den&nbsp;<em>conuco<\/em>, der in l&auml;ndlichen Gebieten Menschen das Leben sichert.<\/p><p><strong>Carmen Marquina<\/strong>: Sie [die USA] greifen an, wo es am meisten weh tut: bei der F&auml;higkeit des Landes, die eigenen Lebensmittel herzustellen.<\/p><p>Nun kann man einwenden: Die Campesinos in Carache haben doch ihr Land, sie pfl&uuml;gen die Felder mit Pferden und mit Ochsen, also sollte die Tatsache, dass Venezuela kein &Ouml;l verkaufen kann, kaum Auswirkungen haben? Aber das stimmt nicht. Die Produktion der Campesinos geschieht nicht im leeren Raum.<\/p><p>Wir befinden uns hier in El Potrero, einer kleinen Gemeinde, von Carache kilometerweit entfernt. Ohne Treibstoff kommen unsere Produkte nicht zur Stadt und wir nicht zum Arzt.<\/p><p>Dazu kommt das Problem der Dollarisierung, das die kleinen Produzenten wie ein Meteorschlag trifft. Die Produktionskosten sind in die H&ouml;he geschossen. Hier bauen wir Zwiebeln an, und unsere Produktion ging auf die H&auml;lfte. Seit der Krieg begonnen hat, hatten wir Verluste.<\/p><p>Obendrein hat die Krise soziale Aspekte. Wir halten die Schule mit schierer Willenskraft ge&ouml;ffnet: Der Kommunale Rat unterst&uuml;tzt den Lehrer, was sehr wichtig ist, denn sein Gehalt sichert dem Lehrer nicht die Existenz. Es ist auch ein Problem, die Kinder bis zum Abitur zu bringen. Die Oberschule ist weit weg, und wenn es keinen Treibstoff gibt, dann verschwinden die jungen Leute aus der Schule.<\/p><p><strong>Nadia Linares<\/strong>: Wenn die Leute uns nach den Auswirkungen der Blockade fragen, dann sprechen wir meistens &uuml;ber die Dollarisierung der Betriebsmittel und &uuml;ber die Benzinpreise, die manchmal auf zwei und drei Dollar pro Liter angestiegen sind [der offizielle Preis liegt bei 50 Cent]. All das hat zu drastischen Produktionsr&uuml;ckg&auml;ngen gef&uuml;hrt, aber es gibt andere Aspekte, &uuml;ber die wir selten reden.<\/p><p>Die Blockade hat dazu gef&uuml;hrt, dass viele Kinder die Schule abgebrochen haben, weil der Schulzugang erschwert ist und viele Lehrerstellen nicht besetzt sind. Auch der Zugang zur Gesundheitsversorgung und zur medizinischen Behandlung ist wegen hoher Kosten schwierig. Selbst allt&auml;gliche Dinge wie Geburten werden zur Tortur, wenn Krankenh&auml;user kilometerweit entfernt sind. K&uuml;rzlich musste eine Compa&ntilde;era, bei der die Wehen eingesetzt hatten, mit dem Motorrad in die Klinik.<\/p><p>Aus Gr&uuml;nden wie diesen haben viele Carache verlassen. Sie wandern aus nach Kolumbien oder andere L&auml;nder, wo sie sich bessere Bedingungen erwarten. Das ist verst&auml;ndlich, aber was uns betrifft, wir bleiben hier. Cahing&oacute; [in der Region Carache] ist ein wundersch&ouml;nes Tal, und hier wollen wir unsere Kinder gro&szlig;ziehen.<\/p><p><strong>Ronald Moreno<\/strong>: Die Menschen hier leben bescheiden, aber mit W&uuml;rde. Das Leben der Campesinos ist nicht einfach, aber es lohnt die Entbehrungen. Ich sp&uuml;re das im Innersten, ich bin damit nicht der Einzige.<\/p><p>Ich lebte in Barquisimeto [eine Stadt vier Stunden von Carache weg], und ich beschloss vor Jahren, hierher zur&uuml;ckzukommen und den Hof mit meinen Eltern zu betreiben. Wir essen vielleicht nicht so viel Fleisch, wie wir es gerne t&auml;ten, aber wir werden nicht verhungern, wenn wir hier auf dem Land leben.<\/p><p>&Uuml;bersetzung: Herwig Meyer, <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/264305\/venezuela-pueblo-pueblo\">Amerika21<\/a><\/p><p>Titelbild: <a href=\"https:\/\/venezuelanalysis.com\/interviews\/15769\">venezuelanalysis.com\/interviews\/15769<\/a><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100155\">&bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; in Venezuela: Nahrung ist keine Ware, sondern ein Menschenrecht<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99069\">Stimmen aus Lateinamerika: Ver&auml;ndert die Sozialpolitik die Denkweise der Menschen?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99675\">Stimmen aus Lateinamerika: Ursula von der Leyens Besuch in der Region war ein Reinfall<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/90892169c2444b0387cbc9478bd68513\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Teil II sprechen die assoziierten Produzierenden und &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo;-Mitglieder &uuml;ber die &bdquo;Leiter der doppelten Beteiligung&rdquo; und &uuml;ber die Auswirkungen der US-Blockade. 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