{"id":100530,"date":"2023-07-09T14:00:51","date_gmt":"2023-07-09T12:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100530"},"modified":"2023-07-08T23:34:42","modified_gmt":"2023-07-08T21:34:42","slug":"die-tugendpaechter-wie-sich-eine-neue-klasse-mit-moral-tarnt-und-solidaritaet-verraet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100530","title":{"rendered":"Die Tugendp\u00e4chter \u2013 wie sich eine neue Klasse mit Moral tarnt und Solidarit\u00e4t verr\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Tugendhaft im Dienst des Neoliberalismus: Die US-amerikanische Professorin <strong>Catherine Liu<\/strong> zeigt in ihrem viel diskutierten Bestseller, der nun auf Deutsch unter dem Titel <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/die-tugendpaechter.html\">&bdquo;Die Tugendp&auml;chter&ldquo;<\/a> erscheint, wie die sogenannte &bdquo;Professional Managerial Class&ldquo; (PMC), die linksliberale Mittelklasse der USA, fest im Dienst des Neoliberalismus steht. War sie in den 1970er Jahren noch getragen von den kreativen Freiheitsidealen der Hippies, hat sich die PMC sukzessive mit der Ideologie der Yuppies arrangiert und ist heute die wichtigste St&uuml;tze f&uuml;r einen sich progressiv w&auml;hnenden, globalisierten Kapitalismus. Der Individualismus dieser Tugendp&auml;chter ist fest mit der entsolidarisierenden Ideologie des neoliberalen Leistungsdenkens verzahnt. Lius linke (Selbst-)Kritik der Linken l&auml;sst sich ohne Umwege auf die urbanen Mittelklassen Europas &uuml;bertragen, wie die aktuellen politischen Diskussionen hierzulande zeigen.<br>\n<!--more--><br>\nAls Klasse redet die PMC lieber &uuml;ber Vorurteile als &uuml;ber Gleichheit, &uuml;ber Rassismus als &uuml;ber Kapitalismus, &uuml;ber Sichtbarkeit als &uuml;ber Ausbeutung. Toleranz ist f&uuml;r sie die h&ouml;chste s&auml;kulare Tugend&nbsp;&ndash; aber Toleranz hat fast keine politische oder wirtschaftliche Bedeutung. Die Rechte ist sich der liberalen Angeberei sehr wohl bewusst und hat die popul&auml;ren Ressentiments gegen diese Klasse von mutma&szlig;lichen Heuchlern als Waffe eingesetzt. Fox News lebt, um es den Liberalen zu zeigen; der reaktion&auml;re Hass auf Fachleute und auf Professionalit&auml;t entspringt aber nicht der Liebe zum Volk, sondern der Treue zur besonderen Souver&auml;nit&auml;t der freien M&auml;rkte, die alle sozialen Probleme l&ouml;sen sollen. In der Tat brauchen die Konservativen einen funktionierenden und m&auml;chtigen PMC-Kader von ausgebremsten wie gehemmten Fachleuten, die als Boxs&auml;cke f&uuml;r ihre Politik des allgemeinen Unmuts dienen. Die PMC kommt diesen Reaktion&auml;ren weiterhin entgegen, indem sie popul&auml;re Ma&szlig;nahmen wie <em>Medicare for All<\/em> verr&auml;t und sich stattdessen f&uuml;r bed&uuml;rftigkeitsgepr&uuml;fte, von Denkfabriken gebraute Big Pharma und von Lobbyisten genehmigte Formen der Gesundheitsversorgung entscheidet, die es erm&ouml;glichen, Profit auf Kosten der &ouml;ffentlichen Gesundheit und des Gesundheitspersonals zu machen. Die Versicherungsunternehmen haben ihre Gewinne seit Beginn der Coronapandemie verdoppelt. Ihre m&auml;chtigsten Lobbyisten haben die Demokratische Partei in ihren Bann gezogen. Wie sich herausstellt, hat die Tugend der PMC auch einen Farbton: Gr&uuml;n, genau wie die Dollarscheine. <\/p><p>Obwohl die PMC zutiefst s&auml;kularer Natur ist, ist ihre Rhetorik pseudoreligi&ouml;s. W&auml;hrend die PMC konservative Christen mit ihrem Medienmonopol auf liberale Rechtschaffenheit erz&uuml;rnt, findet sie, wie die meisten protestantischen Sekten, ihr Heil im materiellen und irdischen Erfolg. In liberalen Kreisen ist es nicht blo&szlig; kontrovers, von Klasse oder Klassenbewusstsein vor anderen Formen von Unterschieden zu sprechen; es ist ketzerisch. Man wird als &raquo;Klassenreduktionist&laquo;, beschimpft, wenn man argumentiert, dass <em>race<\/em>, Geschlecht und Klasse keine austauschbaren Kategorien sind. Sie verwenden den legalistischen und t&ouml;dlichen Begriff <em>intersektional<\/em>, um der materialistischen Kritik an ihrer Politik Rechnung zu tragen. Die PMC will einfach nicht, dass ihre Klassenidentit&auml;t oder ihre Interessen aufgedeckt werden. Junge Menschen, die in die sogenannten &bdquo;freien Berufe&rdquo; eintreten und Positionen in der Wissenschaft sowie in der Kultur- und Medienindustrie erlangen wollen, mussten sich an das Prokrustesbett von PMC-dominierten Einflussnetzwerken anpassen. Wer die Klassenkritik privilegieren will, sollte auf eine gr&uuml;ndliche Kommunistenhetze und Fragen gefasst sein wie: &bdquo;Warum tragen Sie vorzeigbare Kleidung, wenn Sie ein Sozialist sind? Sollten Sie nicht Jutes&auml;cke tragen?&rdquo; und: &bdquo;Warum machen Sie gerne Sport? Ist das nicht Teil des milit&auml;risch-industriellen Komplexes?&rdquo; und: &bdquo;Warum f&ouml;rdern Sie Konflikte? Sch&uuml;ren Sie nicht in unverantwortlicher Weise Gewalt?&rdquo; Die PMC-Eliten glauben, dass Askese das Schicksal der Linken ist und dass jede Art von sozialem Konflikt, der durch zersetzende Ungleichheit entsteht, ihre Schuld ist. Mit der F&ouml;rderung dieser unbedachten Annahmen &uuml;ber die Linke verteidigt die PMC den Kapitalismus als Lieferanten von Luxus und Harmonie. Gabriel Winants Charakterisierung der kriegerischen Sprache der Linken ist nur ein Beispiel f&uuml;r die Versuche des Liberalismus, seinen Antagonisten zu disziplinieren, den Sozialismus, der sich mit der PMC anlegt. Die Linken m&uuml;ssen akzeptieren, dass es f&uuml;r uns keine Klasse ohne Klassengegensatz und Klassenwiderspruch gibt. Ich &auml;u&szlig;ere mich nicht etwa zur PMC, weil ich hoffe, eine zivile Diskussion &uuml;ber unsere Differenzen f&uuml;hren zu k&ouml;nnen: Ich schreibe diese Kritik, um die historisch begr&uuml;ndete, tugendpachtende Politik der PMC herauszustellen, die sich weigert, die sozialen und politischen Ver&auml;nderungen, die wir dringend brauchen, anzunehmen und zu unterst&uuml;tzen.<\/p><p>1977 waren John und Barbara Ehrenreich die Ersten, die vorhersagten, dass die Werte und die Ideologie der PMC die liberale und schlie&szlig;lich die neoliberale Politik in absehbarer Zukunft dominieren w&uuml;rden. Seit der Ver&ouml;ffentlichung ihrer Abhandlung haben sich die Klasse und ihre charakteristischen Merkmale weiterentwickelt und ver&auml;ndert, w&auml;hrend sich ihre Macht ausgeweitet hat und der Kapitalismus noch raubtierhafter geworden ist. In der Tat ist die Fungibilit&auml;t der PMC Teil der strukturellen Dynamik der Klasse. Die Analyse der Ehrenreichs erm&ouml;glicht es uns, die Hegemonie einer Klasse zu isolieren und zu identifizieren, die in ihrer j&uuml;ngsten Inkarnation verzweifelt versucht, sich an die seit den 1970er Jahren angeh&auml;ufte Macht zu klammern. Die d&uuml;steren sozialen Folgen ihres Monopols auf Fachwissen sowie ihre Versuche, &ouml;ffentliche Tugenden zu monopolisieren und gleichzeitig alle Versuche einer sinnvollen wirtschaftlichen Umverteilung zu blockieren, haben unserer gegenw&auml;rtigen politischen Situation Gestalt gegeben.<\/p><p>Die Ehrenreichs st&uuml;tzten sich auf Siegfried Kracauers Studie &uuml;ber die Angestellten der Zwischenkriegszeit in Berlin, die die verblendeten politischen Subjekte schlechthin waren. Sie verachteten jeden, der k&ouml;rperliche Arbeit verrichtete, und tr&auml;umten von sofortigem Luxus und Reichtum, w&auml;hrend sie mit Begeisterung ihre eigenen K&uuml;ndigungen verfassten. C. Wright Mills verurteilte den Angestellten der Nachkriegszeit als hoffnungslos mit dem Verkaufen identifiziert und hielt diesen speziellen Arbeitnehmer f&uuml;r besonders anf&auml;llig f&uuml;r die Marktdisziplin und ihre vorgefertigten, verdinglichten Versionen von Pers&ouml;nlichkeit und Intersubjektivit&auml;t. Christopher Lasch hielt die anzugtragende Angestellten- und Managerklasse f&uuml;r hoffnungslos und kollektiv von ihrem eigenen Narzissmus hypnotisiert. F&uuml;r die Ehrenreichs verk&ouml;rpert die heutige PMC all diese Eigenschaften, die von linken Sozialkritikern der Vergangenheit identifiziert wurden, aber die neuen Eliten dieser Klasse haben ihre Identifikation mit dem Kapitalismus zur Waffe gemacht. Obwohl sie auf die Vulgarit&auml;t und Dummheit der Massen herabsehen, stehen sie den von ihren liberalen Vorg&auml;ngern verteidigten Berufsprotokollen und -normen v&ouml;llig gleichg&uuml;ltig, ja sogar feindselig gegen&uuml;ber. In Wirklichkeit sch&auml;tzen sie eine traditions- und geschichtsfeindliche Form des Unternehmertums, die auf Publicity setzt und Hierarchie und Organisation hasst. <\/p><p>Da Sie dieses Buch lesen, sind Sie wahrscheinlich, so wie ich, ein ambivalentes Mitglied der PMC. Ich geh&ouml;re bestenfalls zur zweiten Generation der PMC, aber mir gef&auml;llt nicht, was ich von meiner Klasse sehe, und ich bin entschlossen, f&uuml;r die Vergesellschaftung jener Dinge zu k&auml;mpfen, die die PMC pachten will: Tugend, Z&auml;higkeit, Ausdauer, Gelehrsamkeit, Fachwissen, Prestige und Vergn&uuml;gen sowie kulturelles und tats&auml;chliches Kapital. Die sich ver&auml;ndernden Konturen einer Klasse zu definieren, der man teilweise selbst angeh&ouml;rt, bedeutet, sich auf den schwierigen Prozess politischer Selbstkritik einzulassen, der mit einer entbl&ouml;&szlig;enden und brutalen Rekonzeptualisierung und Historisierung der eigenen Werte, Empfindungen und Affekte beginnt. Der Verzicht auf die eigene narzisstische Fetischisierung des Intellekts oder der Raffinesse ist kein einfacher Akt. Diese kurze Einf&uuml;hrung soll uns dabei helfen, die notwendige Arbeit der Selbstkritik zu leisten, und gleichzeitig einige Werkzeuge bereitstellen, um PMC-Positionen in ihren am besten verteidigten Refugien anzugreifen&nbsp;&ndash; in politischen Organisationen, im Verlagswesen, in den Medien, in privaten Stiftungen, in Thinktanks und in den Universit&auml;ten.<\/p><p>W&auml;hrend die Rechte ein hartn&auml;ckiges Hindernis f&uuml;r eine wirtschaftliche Neuordnung und eine gro&szlig; angelegte soziale Umverteilung darstellt, ist es jedoch in Wirklichkeit die liberale PMC, die der politischen Revolution im Wege steht, die notwendig ist, um eine andere Art von Gesellschaft und Welt zu schaffen, in der die W&uuml;rde der einfachen Menschen und der Arbeiterklasse im Mittelpunkt steht. Die PMC ist zutiefst feindselig gegen&uuml;ber einfachen Umverteilungsma&szlig;nahmen, die eine Pr&auml;sidentschaft von Bernie Sanders umgesetzt h&auml;tte: Sie ist gegen die Idee, Solidarit&auml;t unter den Unterdr&uuml;ckten aufzubauen. Sie zieht Obskurantismus, Balkanisierung und die Verwaltung von Interessengruppen einer transformativen Neugestaltung der sozialen Ordnung vor. Sie will den tugendhaften Sozialhelden spielen, aber als Klasse ist sie hoffnungslos reaktion&auml;r. Die Interessen der PMC sind heute mehr denn je an ihre Konzernoberherren gebunden als an die K&auml;mpfe der Mehrheit der Amerikaner, deren Leiden lediglich als Hintergrunddekoration f&uuml;r die ehrenamtliche Arbeit der PMC-Elite dient. Die Mitglieder der PMC mildern die Sch&auml;rfe ihres Schuldgef&uuml;hls angesichts des kollektiven Leids, indem sie ihre Qualifikationsnachweise streicheln und sich selbst einreden, dass sie besser und qualifizierter als andere Menschen sind, um zu f&uuml;hren und zu leiten.<\/p><p>Der Zentrismus der PMC ist eine m&auml;chtige Ideologie. Seine Priorit&auml;ten in Forschung und Innovation werden immer mehr von Unternehmensinteressen und dem Profitmotiv gepr&auml;gt, w&auml;hrend in den Geistes- und Sozialwissenschaften Forscher von privaten Stiftungen f&uuml;r ihre generelle Missachtung des historischen Wissens, ganz zu schweigen vom historischen Materialismus, belohnt werden. Die Belohnungen f&uuml;r die Befolgung der Direktiven der herrschenden Klasse sind einfach zu gro&szlig;, aber der intellektuelle und psychische Preis, der f&uuml;r diese Compliance gezahlt werden muss, sollte f&uuml;r jedes Mitglied der Gesellschaft zu hoch sein. In der Wissenschaft hat die amerikanische PMC viel dazu beigetragen, strenge Begutachtungsverfahren durch (gleichrangige) Fachkollegen (Peer-Review-Verfahren) und Forschungsautonomie zu etablieren, aber wir k&ouml;nnen es uns nicht l&auml;nger leisten, ihren hochgesch&auml;tzten Grundsatz der erkenntnistheoretischen Neutralit&auml;t als Geheimwaffe gegen &bdquo;Extremismus&rdquo; zu verteidigen. Wir leben in einer politischen, &ouml;kologischen und sozialen Notlage: Der Klassenkampf um die Verteilung der Ressourcen ist der entscheidende Kampf unserer Zeit.<\/p><p><em>Catherine Liu: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/die-tugendpaechter.html\">&bdquo;Die Tugendp&auml;chter. Wie sich eine neue Klasse mit Moral tarnt und Solidarit&auml;t verr&auml;t&ldquo;<\/a>, 128 Seiten, Westend Verlag 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tugendhaft im Dienst des Neoliberalismus: Die US-amerikanische Professorin <strong>Catherine Liu<\/strong> zeigt in ihrem viel diskutierten Bestseller, der nun auf Deutsch unter dem Titel <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/die-tugendpaechter.html\">&bdquo;Die Tugendp&auml;chter&ldquo;<\/a> erscheint, wie die sogenannte &bdquo;Professional Managerial Class&ldquo; (PMC), die linksliberale Mittelklasse der USA, fest im Dienst des Neoliberalismus steht. 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