{"id":100555,"date":"2023-07-06T15:00:19","date_gmt":"2023-07-06T13:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100555"},"modified":"2023-07-12T07:32:28","modified_gmt":"2023-07-12T05:32:28","slug":"wirtschaftsprognose-fuer-osteuropa-je-weiter-weg-von-deutschland-desto-besser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100555","title":{"rendered":"Wirtschaftsprognose f\u00fcr Osteuropa: Je weiter weg von Deutschland, desto besser"},"content":{"rendered":"<p>Einmal im Jahr gibt die bekannteste &ouml;konomische Forschungseinrichtung f&uuml;r Osteuropa im deutschsprachigen Raum, das &bdquo;Wiener Institut f&uuml;r Internationale Wirtschaftsvergleiche&ldquo;, eine <a href=\"https:\/\/wiiw.ac.at\/summer-forecast-growth-in-eastern-europe-weakens-n-602.html\">Zukunftsprognose<\/a> ab. Anfang Juli war es wieder soweit. Die Ergebnisse m&ouml;gen jene &uuml;berraschen, die sich an die t&auml;gliche Einnahme geopolitischer Beruhigungspillen der Mainstream-Medien gew&ouml;hnt haben. Je mehr die einzelnen Volkswirtschaften Osteuropas an der einstigen Wirtschaftslokomotive Deutschland h&auml;ngen, desto schlechter sind ihre Aussichten. Demgegen&uuml;ber weisen L&auml;nder wie Belarus, Moldawien und Russland steigende Wachstumszahlen auf und sogar die Ukraine liegt &ndash; nach einem desastr&ouml;sen Jahr 2022 &ndash; wieder leicht im Plus. Von <strong>Hannes Hofbauer<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3075\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-100555-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230711-Wirtschaftsprognose-Osteuropa-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230711-Wirtschaftsprognose-Osteuropa-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230711-Wirtschaftsprognose-Osteuropa-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230711-Wirtschaftsprognose-Osteuropa-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=100555-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230711-Wirtschaftsprognose-Osteuropa-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230711-Wirtschaftsprognose-Osteuropa-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Nun kann &ndash; und muss &ndash; man als &ouml;kologisch und sozial denkender Mensch Wachstumszahlen wie die Vermessung des Bruttoinlandsprodukts kritisch hinterfragen; das BIP k&uuml;mmert sich nicht um soziale Differenzen oder Umweltprobleme. Im Vergleich einzelner L&auml;nder zueinander bieten rein &ouml;konomische Aussagen dennoch einen Erkenntnisgewinn. Und diesen wollen wir uns ein wenig genauer zu Gem&uuml;te f&uuml;hren.<\/p><p>&bdquo;Rezession in Deutschland, Inflation und gestiegene Zinsen als Wachstumsd&auml;mpfer&ldquo; lautet die Unterzeile der Pressemitteilung des WIIW, gefolgt von &bdquo;Russland: R&uuml;stungsboom beendet Rezession&ldquo;. Von den 23 untersuchten Staaten weisen die drei mit der deutschen Industrie besonders eng verbundenen, n&auml;mlich Polen, Tschechien und Ungarn, im 1. Quartal 2023 negative Wachstumszahlen auf, wie es die Wirtschaftswissenschaftler ausdr&uuml;cken. Die deutsche Rezession, die nobel als &bdquo;technische&ldquo; umschrieben wird, zieht die Zuliefererstaaten mit in die Krise. Dazu kommen in allen drei L&auml;ndern sinkende Realeinkommen, die den privaten Konsum stark beeintr&auml;chtigen. &Auml;hnlich schlecht sieht es in den baltischen Republiken und in der Slowakei aus. Hohe, allesamt zweistellige Inflationsraten fressen dort auch Sparguthaben auf und f&uuml;hren zu weiterer Verarmung jener Menschen, die nichts als ihre Arbeitskraft und ein Sparbuch aufzuweisen haben. <\/p><p>Weiter im Osten und S&uuml;dosten, in den sogenannten Balkanl&auml;ndern, ist der Hemmschuh Deutschland nicht so heftig sp&uuml;rbar. Die nach den Corona-Jahren wieder steigenden Tourismuszahlen (in Kroatien und Bulgarien), ausl&auml;ndische Investitionen (in Rum&auml;nien) sowie R&uuml;ck&uuml;berweisungen von GastarbeiterInnen lassen S&uuml;dosteuropa besser dastehen als ihre nordwestlichen Nachbarn; mit der Ausnahme Serbiens (und des Kosovo), die das WIIW in einer schwierigen Lage sieht. In konkreten Zahlen: Rum&auml;nien wird f&uuml;r 2023 ein BIP-Wachstum von 3% prognostiziert, f&uuml;r Kroatien sind es 2,5%, f&uuml;r Bulgarien 1,3%, w&auml;hrend die Prognosen f&uuml;r Tschechien, Polen und Ungarn bei 02%, 0,9% und minus 0,5% liegen. Die ungarische Rezession ist im &Uuml;brigen EU-gemacht, verweigert doch Br&uuml;ssel dem Land die Auszahlung von Koh&auml;sionsfonds- und Coronafonds-Geldern in der H&ouml;he von 28 Mrd. Euro. Im Vergleich zur Situation in Osteuropa erwartet die Berliner Bundesregierung f&uuml;r Deutschland eine Wachstumsrate von 0,2%.<\/p><p>Anders als die im &ouml;konomischen Umfeld Deutschlands und von deren Industrie abh&auml;ngigen L&auml;nder gestalten sich die Aussichten f&uuml;r die untersuchten GUS-Staaten (Belarus, Moldawien, Kasachstan und Russland) positiv. Kasachstan erh&auml;lt von den WIIW-&Ouml;konomen den Titel des &bdquo;Jahresbesten&ldquo; mit einer BIP-Wachstumsrate von 4,5% f&uuml;r 2023. &Uuml;berrascht gaben sich die Forscher von der guten &ouml;konomischen Performance Russlands. Der kurzfristige Einbruch des Jahres 2022 ist &uuml;berwunden. Und das hat laut dem Experten Vasily Astrov mehrere Ursachen. Mithilfe von Kapitalverkehrskontrollen und einer sinkenden Importquote hatte sich der Rubel bereits Mitte 2022 wieder stabilisiert; eine k&uuml;rzlich erfolgte Lockerung der Devisenpolitik durch die russische Zentralbank l&auml;sst die russische W&auml;hrung seit Anfang Juli 2023 allerdings wieder schw&auml;cheln.<\/p><p>Die im Vergleich zu vielen osteurop&auml;ischen L&auml;ndern boomende russische Wirtschaft ist auf mehrere Faktoren zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Der Krieg &ndash; bzw. die R&uuml;stungsindustrie &ndash; funktioniert als treibende Kraft; wobei neben den Milit&auml;rg&uuml;tern auch Branchen wie Textil (Uniformen), Pharma (Spitalsaufenthalte) und Tourismus im Lande boomen. Kr&auml;ftige Lohnerh&ouml;hungen kurbeln zudem den privaten Konsum an; und die Arbeitslosigkeit ist mit 3,5% (neben Tschechien) auf europ&auml;ischem Rekordtief. Sie ist auch eine Folge der Auswanderung junger russischer M&auml;nner, die sich damit der Einberufung entzogen haben und der Tatsache, dass das Milit&auml;r als &bdquo;Arbeit&ldquo;geber eine hohe Nachfrage am Arbeitsmarkt erzeugt.<\/p><p>Auf der Seite der Importe konnte Russland, dem WIIW-Experten Astrov zufolge, den transatlantischen Sanktionen mit einer Diversifizierung der Handelspartner (von China bis zu den Vereinigten Arabischen Emiraten) antworten. Es importiert nun genauso viel wie vor 2022. Anders im Export. Dort haben die Sprengung von Nord Stream I und das Zudrehen der Jamal-Pipeline ein Loch ins russische Budget gerissen. Russisches Erdgas wird nun auf dem Weltmarkt um 57 US-Dollar pro Barrel gehandelt, w&auml;hrend die Marke &bdquo;Brent&ldquo; auf 75 US-Dollar kommt. Dass ein Gro&szlig;teil davon nicht mehr in Dollar, sondern in Yuan oder anderen W&auml;hrungsk&ouml;rben gehandelt wird, war seltsamer Weise kein Thema auf der Pressekonferenz des WIIW. Wie &uuml;berhaupt die transatlantischen Sanktionen heruntergespielt wurden. Auf Nachfrage, welchen Anteil der EU- und US-Wirtschaftskrieg an der Rezession z.B. in Deutschland hat, antwortete der Direktor des Instituts, Mario Holzner, im einge&uuml;bten westlichen Propagandasprech, dass wohl Russland f&uuml;r die explosionsartig angestiegenen Energiepreise verantwortlich sei. Sein Kollege Astrov erkannte dann keinen Widerspruch dazu, als er das westliche Erd&ouml;lembargo mit seinem Preisdeckel als Beweis daf&uuml;r nannte, dass nun die anti-russischen Sanktionen zu greifen beg&auml;nnen. Allerdings meinte er, Russland habe noch finanzielle Reserven, wodurch die Situation &bdquo;aus russischer Sicht vorderhand nicht sehr problematisch&ldquo; sei.<\/p><p>Abschlie&szlig;end gingen die Wirtschaftsforscher dann noch auf die Lage in der Ukraine ein. Den katastrophalen Einbruch um ein Drittel des BIP aus dem Jahr 2022 sehen sie als &uuml;berwunden an und attestierten dem Land im Krieg ein geringes Wirtschaftswachstum. Allerdings geht dieses nicht aus eigener Kraft, sondern beruht auf ausl&auml;ndischen Geldgebern. Die Devisenreserven der Ukraine liegen zurzeit bei 37 Mrd. US-Dollar und sind g&auml;nzlich auf ausl&auml;ndischen Zufluss angewiesen. Eben erst hat der Internationale W&auml;hrungsfonds gr&uuml;nes Licht f&uuml;r eine weitere Kredittranche von 900 Mio. US-Dollar freigegeben. Die Ukraine-Expertin des Instituts, Olga Pindyuk, sieht darin ein &bdquo;positives Signal an ausl&auml;ndische Investoren&ldquo;. Bei einer offiziellen Arbeitslosigkeit von 25 Prozent und einem Mindestlohn von 1,20 US-Dollar pro Stunde, so das Kalk&uuml;l, k&ouml;nnten sich risikofreudige Investoren auch ins Kriegsgebiet wagen.<\/p><p>Titelbild: Shutterstock \/ Natanael Ginting<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68872\">Hannes Hofbauer: Europa &ndash; Ein Nachruf<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100034\">Br&uuml;ssel im totalen Wirtschaftskrieg: Das 11. 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