{"id":1006,"date":"2005-12-29T16:28:36","date_gmt":"2005-12-29T14:28:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1006"},"modified":"2016-02-21T16:25:09","modified_gmt":"2016-02-21T15:25:09","slug":"muss-es-so-inhaltslos-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1006","title":{"rendered":"Muss es so inhaltslos sein?"},"content":{"rendered":"<p>Anmerkungen zum Jahreswechsel-Brief der Bundeskanzlerin und einem Bundespr&auml;sidenten-Interview mit dem Stern:<br>\nEs ist nichts dagegen zu sagen, dass die Bundeskanzlerin zum Jahreswechsel zus&auml;tzlich zur Fernsehansprache auch noch einen Brief an uns schreibt, selbst wenn er wie im konkreten Fall uns Steuerzahler 2,95 Millionen Euro kostet. Aber dann erwarten wir auch, dass etwas drin steht, was &uuml;ber den jetzt schon erfolgten Nachdruck in den Zeitungen hinausreicht. Wenigstens irgend einen neuen und weiterf&uuml;hrenden Gedanken. Das kann man von Merkels Brief leider nicht behaupten. Siehe unten. &ndash; Die neuesten Interview-Interventionen des Bundespr&auml;sidenten enthalten zwar ein bisschen was. Aber eher wieder Einseitiges zulasten der Arbeitnehmer und vor allem Unausgegorenes. Beiden Texten gemeinsam sind die Spr&uuml;che: Freiheit, gemeinsam sind wir st&auml;rker, Mut und Menschlichkeit, Bereitschaft f&uuml;r Ver&auml;nderungen, usw.<br>\n<!--more--><br>\nHier der Brief der Bundeskanzlerin, inklusive Kommentar in kursiv:<\/p><p><strong>Gemeinsam sind wir st&auml;rker<\/strong><br>\n29. Dezember 2005<\/p><p>Liebe B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger,<br>\nin den vergangenen Wochen und Monaten bin ich oft gefragt worden, warum ich dieses Land regieren m&ouml;chte. Bei all den Problemen, vor denen wir zurzeit stehen. Ich entgegne dann immer: weil ich an dieses Land und seine Menschen glaube! Weil Deutschland voller Chancen steckt. Und weil ich davon &uuml;berzeugt bin, dass wir sie nutzen k&ouml;nnen. Ich wei&szlig;, dass viele von Ihnen genauso denken. Die gro&szlig;e Koalition hat den festen Willen, die Probleme zu l&ouml;sen und die Herausforderungen zu meistern.<\/p><p>F&Uuml;R MEHR ARBEIT<br>\nAn erster Stelle steht die Bek&auml;mpfung der Arbeitslosigkeit. Ich kann nicht akzeptieren, dass wir f&uuml;r so viele arbeitswillige M&auml;nner und Frauen in unserem Land keine Besch&auml;ftigung finden. Die Bundesregierung hat damit begonnen, ein neues Klima f&uuml;r Unternehmen zu schaffen. Wir senken die Lohnnebenkosten, damit endlich wieder mehr Menschen in Arbeit kommen.<\/p><p><em>AM: Wieder kommt zuerst wieder das Lamento &uuml;ber die ach so gro&szlig;en Probleme, wie will man da ein &bdquo;neues Klima&ldquo; schaffen? Im &Uuml;brigen: Auch Schr&ouml;der hatte ein unternehmensfreundliches Klima geschaffen. An Wohltaten f&uuml;r die Unternehmen hat es nie gemangelt. Das hat aber keine neuen Arbeitspl&auml;tze gebracht. &ndash; Bei Merkel wie im Text von K&ouml;hler taucht wieder die stereotype Forderung nach Senkung der Lohnnebenkosten auf. Glauben diese Personen wirklich daran, dass man damit Arbeitspl&auml;tze schaffen kann? Wenn man wie im konkreten Fall die Beitr&auml;ge zur Arbeitslosenversicherung senkt und daf&uuml;r die Mehrwertsteuer um 3% erh&ouml;ht &ndash; wie sollen daraus Arbeitspl&auml;tze wachsen?<\/em> <\/p><p>F&Uuml;R N&Ouml;TIGE REFORMEN<br>\nWir brauchen die Bereitschaft f&uuml;r Ver&auml;nderungen. Nur so k&ouml;nnen wir unseren Wohlstand und das hohe soziale Niveau in Deutschland f&uuml;r uns und die kommenden Generationen bewahren. Deshalb werden wir alles daransetzen, dass die Wirtschaft st&auml;rker wachsen kann. Das ist die Voraussetzung daf&uuml;r, dass unsere Sozialsysteme finanzierbar und leistungsf&auml;hig bleiben und der Staat seine Aufgaben erf&uuml;llen kann.<\/p><p><em>AM: Bei Merkel wie auch bei K&ouml;hler die wiederkehrende Forderung nach &bdquo;Ver&auml;nderungen&ldquo;. Ver&auml;nderungen, das h&ouml;rt sich ja immer gut an, entscheidend ist aber die Richtung in die ver&auml;ndert werden soll. Weg vom Sozialstaat? Weg von den solidarischen Sicherungssystemen? Hin zu Privatisierung (Neudeutsch: Eigenverantwortung)? Warum denn? Und vor allem: Wem bringt das was? Was ist das von Herzogs Ruck &uuml;ber Schr&ouml;ders Reformen bis Merkel und K&ouml;hlers Wunsch nach Ver&auml;nderungen f&uuml;r eine seltsame Ideologie der Bewegung! Will sagen: &Uuml;ber die Ziele reden wir besser nicht, Bewegung ist alles.<\/em><\/p><p>F&Uuml;R MEHR WACHSTUM<br>\nSchon in wenigen Tagen beschlie&szlig;en wir ein Sofortprogramm f&uuml;r h&ouml;heres Wachstum und mehr Besch&auml;ftigung &uuml;ber insgesamt 25 Milliarden Euro. Damit investieren wir in bessere Verkehrswege, in Forschung und Technologie, in Geb&auml;udesanierung. Wir entlasten kleine und mittlere Unternehmen. Und wir st&auml;rken die privaten Haushalte als Arbeitgeber. Handwerkerarbeiten und Dienstleistungen wie Pflege und Betreuung sind k&uuml;nftig st&auml;rker steuerlich absetzbar.<\/p><p><em>AM: Zum Sofortprogramm, auch Investitionsprogramm genannt, haben wir in den NachDenkSeiten schon mehrmals das N&ouml;tige gesagt. Ich verweise z. B. auf den Beitrag von Wolfgang Lieb <a href=\"?p=264\">&bdquo;Warten auf ein Geschenk von oben&ldquo;<\/a> in der Rubrik Ver&ouml;ffentlichungen der Herausgeber vom 27.11.2005 und mein Tagebucheintrag <a href=\"?p=941\">&bdquo;Ein erster Kommentar zur Koalitionsvereinbarung &ndash; Wo bleibt das Positive?&ldquo;<\/a> vom 13.11.2005&ldquo;<\/em>.<\/p><p>F&Uuml;R EINE BESSERE ZUKUNFT<br>\nUns geht es um Zukunftsvorsorge f&uuml;r alle B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, um bessere F&ouml;rderung der Familien, um mehr Kinder. Wir wollen es Eltern leichter machen, f&uuml;r ihre Kinder zu sorgen. Nur wenn unser Land stark und unsere Wirtschaft konkurrenzf&auml;hig ist, k&ouml;nnen wir all denjenigen, die unsere Hilfe brauchen, auch Hilfe geben.<\/p><p><em>AM: Unsere Wirtschaft ist konkurrenzf&auml;hig, sonst w&auml;ren wir nicht seit Jahren Exportweltmeister. Die Bundeskanzlerin sieht unsere wirtschaftlichen Probleme nicht richtig. Wenn Sie die Forderung ihrer Parteifreunde R&uuml;ttgers und Glos nach Lohnerh&ouml;hung unterst&uuml;tzen w&uuml;rde, w&auml;re das eine weiterf&uuml;hrende Aufforderung zum Jahreswechsel gewesen.<\/em><\/p><p>&Uuml;berraschen wir uns damit, was m&ouml;glich ist und was wir k&ouml;nnen! Lassen Sie uns unser Land gemeinsam nach vorn bringen. Mit Mut und Menschlichkeit.<br>\nIch w&uuml;nsche Ihnen und Ihren Familien alles Gute f&uuml;r 2006!<br>\nAngela Merkel<\/p><p><em>AM: &Uuml;berraschung! Und daf&uuml;r fast 3 Millionen f&uuml;r Werbeanzeigen?<\/em><\/p><p>Hier noch der Link zu dem <a href=\"http:\/\/www.bundespraesident.de\/-,2.628096\/Bundespraesident-Horst-Koehler.htm?global.printview=2\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.bundespraesident.de\/-,2.628096\/Bundespraesident-Horst-Koehler.htm?global.printview=2\">Interview des Bundespr&auml;sidenten mit dem Stern<\/a>.<\/p><p>Und dazu ein paar kommentierende Anmerkungen: <\/p><ol>\n<li>Der Bundespr&auml;sident hat wirklich noch vor der Wahl geglaubt (und wohl auch darauf gehofft), es g&auml;be eine andere als die gro&szlig;e Koalition, also schwarz-gelb. Diese Einsch&auml;tzung wirft ein bezeichnendes Licht auf K&ouml;hlers Motive f&uuml;r seine Neuwahlentscheidung, sie wird dadurch verfassungsrechtlich eher noch zweifelhafter.<\/li>\n<li>Bemerkenswert, dass K&ouml;hler die Politiker Angela Merkel, Matthias Platzeck, Franz M&uuml;ntefering und Wolfgang Sch&auml;uble als Belege f&uuml;r Sachkompetenz einf&uuml;hrt und dies so bewertet: &bdquo;eine solche Kombination hatten wir noch nie.&ldquo; So kommentiert der Bundespr&auml;sident eine Kombination von Personen, von denen man (mit Ausnahme von Sch&auml;uble vielleicht und dessen politische Vergangenheit ist ja gewiss nicht lupenrein) behaupten kann, sie vereine in jedem Fall die Eigenschaft, n&auml;mlich dass es sich um ziemlich unbeschriebene Bl&auml;tter handelt. Auch M&uuml;ntefering hat sich bislang als Fachminister nicht gerade hervorgetan.<\/li>\n<li>K&ouml;hler gibt offen zu, dass er mit seiner Entscheidung zur Aufl&ouml;sung des Bundestages in die innere Willensbildung der SPD eingreifen wollte. W&ouml;rtlich: &bdquo;Mir ging aber auch die Zukunft der SPD als traditionsreicher, verdienstvoller Partei durch den Kopf.&ldquo; Hat er etwa bef&uuml;rchtet, dass in der SPD eine Diskussion &uuml;ber den Schr&ouml;der-Kurs ausbrechen k&ouml;nnte? Und wenn er die Entscheidung nachtr&auml;glich mit dem Hinweis auf den R&uuml;cktritt M&uuml;nteferings vom Parteivorsitz der SPD sogar f&uuml;r &bdquo;gut&ldquo; bewertet, so muss man daraus schlie&szlig;en, in Deutschland kann ein Bundestag aufgel&ouml;st werden, weil Andrea Nahles Generalsekret&auml;rin der SPD werden will.<\/li>\n<li>Denkw&uuml;rdig auch sein Pl&auml;doyer f&uuml;r den einstmaligen Finanzexperten Paul Kirchhof in Merkels Kompetenzteam. K&ouml;hler interessiert nicht ob dessen Steuermodell gerecht oder ungerecht ist, ob es Reiche entlastet und &Auml;rmere und Durchschnittsverdiener belastet, f&uuml;r ihn ist es entscheidend, dass es &bdquo;eine echte Alternative, etwas v&ouml;llig Neues&ldquo; ist. Hauptsache neu, egal wie, das kommt heraus, wenn man alles nur noch schwarz malt.<\/li>\n<li>Interessant, dass K&ouml;hler sich offen zu einer Sockelarbeitslosigkeit von 4 bis 5% bekennt. Das ist die herrschende Lehre in seinen Kreisen.<\/li>\n<li>Dann kommt auch in diesem Interview die seit Jahrzehnten bekannte Ablenkung von der Notwendigkeit, die L&ouml;hne zu erh&ouml;hen: die Kapitalbeteiligung in Arbeitnehmerhand. Der Bundespr&auml;sident erlaubt sich offenbar vorzuschlagen, was ihm gerade so in den Sinn kommt. Weder gibt es im Augenblick irgendeine politische Kraft, die sich f&uuml;r solche Ideen einsetzen w&uuml;rde, noch begr&uuml;ndet er seine Hoffnung, wie mit einer Kapitalbeteiligung der Kluft zwischen Arm und Reich entgegengewirkt werden kann. Sollen die &Auml;rmeren etwa mehr am Kapital beteiligt werden als die Reicheren und an welchem Kapital k&ouml;nnen sich die wirklich Armen, n&auml;mlich die Arbeitslosen, die Alleinerziehenden und die zunehmende Zahl der in Armut lebenden Kinder beteiligen? Wie eine Kapitalbeteiligung in Zeiten der von K&ouml;hler so oft zitierten Globalisierung leichter durchgesetzt werden k&ouml;nnte, als eine fast &uuml;berall bei unseren Mitbewerbern durchgesetzte produktivit&auml;ts- und kaufkraftorientierte Lohnerh&ouml;hung, darauf h&auml;tte man gerne eine Antwort erhalten.<\/li>\n<li>Und nat&uuml;rlich kommt wieder die konservative Formel vor, wonach Arbeitgeber und Arbeitnehmer &bdquo;im selben Boot sitzen&ldquo;. Man muss sich dieses Bild mal vor dem Hintergrund der gegenw&auml;rtigen Situation vor Augen halten: Die einen erh&ouml;hen sich ma&szlig;los ihre Bez&uuml;ge und schrauben die Gewinne nach oben und schmei&szlig;en die anderen aus dem Boot oder sie setzen sie auf Brot und Wasser.<\/li>\n<li>K&ouml;hler fordert von den Koalition&auml;ren &bdquo;den durchdachten, ausgestalteten &Uuml;berbau&ldquo; der klar macht &bdquo;wohin die Reise gehen soll&ldquo;. Dazu und nicht zu tagespolitischen Fragen, wie etwa dem Kombi-Lohn h&auml;tte der Bundespr&auml;sident wirklich mal einen durchdachten Gedanken in die Diskussion werfen k&ouml;nnen oder gar m&uuml;ssen.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anmerkungen zum Jahreswechsel-Brief der Bundeskanzlerin und einem Bundespr&auml;sidenten-Interview mit dem Stern:<br \/> Es ist nichts dagegen zu sagen, dass die Bundeskanzlerin zum Jahreswechsel zus&auml;tzlich zur Fernsehansprache auch noch einen Brief an uns schreibt, selbst wenn er wie im konkreten Fall uns Steuerzahler 2,95 Millionen Euro kostet. 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