{"id":100822,"date":"2023-07-11T10:30:43","date_gmt":"2023-07-11T08:30:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100822"},"modified":"2023-07-14T16:28:23","modified_gmt":"2023-07-14T14:28:23","slug":"erdogans-werk-und-von-der-leyens-beitrag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100822","title":{"rendered":"Erdogans Werk und von der Leyens Beitrag"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;&Ouml;ffnet erst den Weg f&uuml;r den Beitritt der T&uuml;rkei zur Europ&auml;ischen Union und dann &ouml;ffnen wir den Weg f&uuml;r Schweden [in die NATO]&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/ausland\/erdogan-schweden-darf-in-die-nato-wenn-der-weg-fuer-einen-eu-beitritt-der-tuerkei-freigemacht-wird-a-64bb397e-9f39-4706-ad6e-d76c9a1066a2\">so t&ouml;nte es<\/a> noch am Wochenende vollmundig aus Ankara. Keine 24 Stunden sp&auml;ter machte Erdogan Schwedens Weg in die NATO frei, ohne dass sich ein Weg f&uuml;r die T&uuml;rkei in die EU ge&ouml;ffnet h&auml;tte. Schmierentheater. Es ist auch Erdogan klar, dass die T&uuml;rkei keine realistische EU-Beitrittsperspektive hat. Seltsamerweise gelten die Regeln, die der T&uuml;rkei den Weg in die EU versperren, offenbar f&uuml;r ein anderes Land nicht. So vergeht kaum ein Tag, an dem die EU-Kommission der Ukraine nicht die Hoffnung auf einen baldigen Beitritt machen w&uuml;rde. Laut EU-Kommissionspr&auml;sidentin von der Leyen bestehe <a href=\"https:\/\/de.euronews.com\/2023\/06\/21\/von-der-leyen-kein-zweifel-an-kunftigem-eu-beitritt-der-ukraine\">&bdquo;kein Zweifel&ldquo;<\/a> daran, dass die Ukraine schon bald der EU beitreten wird. Wer die Beitrittskriterien selbst zu einer Farce macht, muss sich nicht dar&uuml;ber wundern, wenn sie von anderen zur Verhandlungsmasse in einem Schmierentheater gemacht werden. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1806\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-100822-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230711_Erdogans_Werk_und_von_der_Leyens_Beitrag_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230711_Erdogans_Werk_und_von_der_Leyens_Beitrag_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230711_Erdogans_Werk_und_von_der_Leyens_Beitrag_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230711_Erdogans_Werk_und_von_der_Leyens_Beitrag_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=100822-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230711_Erdogans_Werk_und_von_der_Leyens_Beitrag_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230711_Erdogans_Werk_und_von_der_Leyens_Beitrag_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Es gibt zwei Weisen, die EU zu charakterisieren. Da ist zum einen die idealisierte Weise, die sich in Sonntagsreden und in deren Selbstbeschreibung gerne in blumigen Phrasen wiederfindet. Demnach ist die EU eine Wertegemeinschaft, deren Ziele die F&ouml;rderung des Friedens, der Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, sozialer Gerechtigkeit und vieles andere sind. Wenn man bei einer Grundsatzrede von Ursula von der Leyen f&uuml;r jeden dieser Begriffe f&uuml;nf Euro in das Phrasenschwein werfen w&uuml;rde, k&ouml;nnte man damit einen rum&auml;nischen Wanderarbeiter bei T&ouml;nnies sicher ein Jahr lang bezahlen. <\/p><p>Zum anderen gibt es noch die zynisch realistische Weise, auf die man die EU beschreiben k&ouml;nnten &ndash; als neoliberales Konstrukt, das es kunstvoll versteht, demokratische Prozesse zum Nachteil der Allgemeinheit auszuhebeln, und das sich am Nasenring von den USA durch die geopolitische Manege ziehen l&auml;sst. Auf welche Weise Sie die EU charakterisieren, steht Ihnen selbstverst&auml;ndlich frei. <\/p><p>Egal, ob man die EU nun idealisierend oder zynisch-realistisch charakterisiert &ndash; eines steht fest: Weder die T&uuml;rkei noch die Ukraine d&uuml;rften eine Beitrittsperspektive haben, wenn man die EU-Vertr&auml;ge auch nur im Ansatz ernst nimmt. Beide L&auml;nder haben massive Demokratiedefizite, offene milit&auml;rische Konflikte innerhalb ihrer Staatsgrenzen und massive Probleme mit Korruption auf allen Ebenen. Die Ukraine schneidet &uuml;brigens auf dem <a href=\"https:\/\/www.transparency.de\/publikationen\/detail\/article\/korruptionswahrnehmungsindex-2022\">Korruptionswahrnehmungsindex<\/a> mit Platz 116 noch schlechter ab als die T&uuml;rkei, die auf Platz 101 liegt, und ist das zweitkorrupteste Land Europas &ndash; nur Russland ist noch korrupter. Sogar das Kosovo, dem aufgrund seiner korrupten Strukturen der EU-Beitrittskandidatenstatus zu Recht verwehrt wird, liegt mit seinem 84. Platz noch deutlich vor der Ukraine. <\/p><p>Sowohl die T&uuml;rkei als auch die Ukraine weisen zudem volkswirtschaftliche Zahlen auf, die einen Beitritt zum gemeinsamen Binnenmarkt vollkommen abwegig erscheinen lassen. Dies gilt &uuml;brigens f&uuml;r die Ukraine noch mehr als f&uuml;r die T&uuml;rkei. Die kam 2022 immerhin noch auf ein BIP pro Kopf in H&ouml;he von 10.700 US-Dollar &ndash; knapp 50 Prozent weniger als Rum&auml;nien, das mit 14.850 US-Dollar das &auml;rmste EU-Land ist. Die Ukraine kam 2021, also vor der Invasion, auf 4.830 US-Dollar und damit nicht einmal auf ein Drittel des rum&auml;nischen Wertes. Die Ukraine liegt wirtschaftlich ungef&auml;hr auf dem Niveau Guatemalas. K&ouml;nnten Sie sich vorstellen, dass Deutschland, Frankreich oder D&auml;nemark sinnvoll mit Guatemala einen gemeinsamen Binnenmarkt mit Personenverkehrsfreiheit, Warenverkehrsfreiheit, Dienstleistungsfreiheit und Kapitalverkehrsfreiheit bilden? Wohl kaum. <\/p><p>Dass die Ukraine im letzten Juni tats&auml;chlich den offiziellen EU-Beitrittskandidatenstatus erhielt, ist daher auch v&ouml;llig unerkl&auml;rlich, wenn man die EU auf die idealistische Weise charakterisiert. In dieser idealisierten EU h&auml;tte die Ukraine aufgrund der massiven offensichtlichen Defizite auf allen nur erdenklichen Ebenen nicht die geringste Chance, jemals der EU beitreten zu k&ouml;nnen. Betrachtet man es zynisch-realistisch, sieht die Perspektive freilich anders aus. Sobald der offene Krieg mit Russland beendet ist, stellt die Ukraine mit ihren 36 Millionen Einwohnern ein neoliberales Beuteland wie aus dem Bilderbuch dar &ndash; und dies direkt vor den Grenzen der EU. Die Produktionskosten in Polen und Ungarn sind mittlerweile zu hoch? Prima! Die Ukraine liegt mit ihrem Durchschnittseinkommen von 291 US-Dollar pro Monat im internationalen Vergleich irgendwo zwischen Indonesien und Vietnam &ndash; das ist &uuml;brigens weniger als die H&auml;lfte des t&uuml;rkischen Wertes. Rum&auml;nische und bulgarische LKW-Fahrer und Fleischzerleger bekommen dann also Konkurrenz &ndash; da freut sich auch der Einzelhandel, der dann wieder leckere Schnitzel f&uuml;r drei Euro das Kilo anbieten kann. <\/p><p>Das ist zynisch? Selbstverst&auml;ndlich ist es das. Die gesamte Diskussion &uuml;ber einen m&ouml;glichen EU-Beitritt der Ukraine ist zynisch. Hochgradig zynisch ist es sogar, dass die EU-Kommission s&auml;mtliche Gr&uuml;nde, die einen EU-Beitritt der Ukraine vollkommen absurd erscheinen lassen, einfach wegwischt und stattdessen <a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/politik\/eu-beitritt-der-ukraine-von-der-leyen-zu-besuch-in-kiew-ist-eine-mitgliedschaft-bis-2025-moeglich-M7F6VNK65Z2KTJHQJ3S4OVRXGM.html\">aufs Gaspedal dr&uuml;ckt<\/a>, sodass eine Vollmitgliedschaft bereits f&uuml;r das Jahr 2025 nicht ausgeschlossen scheint. Nur zur Erinnerung: Die T&uuml;rkei ist seit 1999 offizieller Beitrittskandidat und eine EU-Mitgliedschaft der T&uuml;rkei gilt &ndash; zu Recht &ndash; zurzeit auch in der langfristigen Perspektive als illusorisch. Was dem Jupiter Selenskyj erlaubt ist, ist dem Ochsen Erdogan noch lange nicht erlaubt. <\/p><p>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101045\">finden Sie hier<\/a>.<\/p><p>Titelbild: &copy; European Union<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/4f2884628f53406fa2b020c0ff72e38e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;&Ouml;ffnet erst den Weg f&uuml;r den Beitritt der T&uuml;rkei zur Europ&auml;ischen Union und dann &ouml;ffnen wir den Weg f&uuml;r Schweden [in die NATO]&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/ausland\/erdogan-schweden-darf-in-die-nato-wenn-der-weg-fuer-einen-eu-beitritt-der-tuerkei-freigemacht-wird-a-64bb397e-9f39-4706-ad6e-d76c9a1066a2\">so t&ouml;nte es<\/a> noch am Wochenende vollmundig aus Ankara. 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