{"id":101041,"date":"2023-07-16T11:45:03","date_gmt":"2023-07-16T09:45:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101041"},"modified":"2023-07-15T05:23:19","modified_gmt":"2023-07-15T03:23:19","slug":"klicks-generieren-das-clickbaiting-ist-eine-weitere-spielart-der-verbloedung-und-geringschaetzung-von-mediennutzern-und-kunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101041","title":{"rendered":"Klicks generieren \u2013 Das Clickbaiting ist eine weitere Spielart der Verbl\u00f6dung und Geringsch\u00e4tzung von Mediennutzern und Kunden"},"content":{"rendered":"<p>Gerade habe ich ein Buch &uuml;ber das Backen von Brot gelesen. Backen ist eine wunderbare, ehrliche Arbeit f&uuml;r unser Leben. Eine meiner Ansicht nach perfide, dumme, stillose und nervende Arbeit, die ich hier mal &bdquo;Klicks f&uuml;r Medienartikel k&ouml;dern&ldquo; nenne, kann mit ehrlicher Brot-Arbeit nicht mithalten. Dabei w&auml;re diese K&ouml;derei gar nicht existent, w&uuml;rden die Klick-K&ouml;der-Macher ihre W&uuml;rde behalten wollen und sich auf ihre Aufgabe besinnen: Medienmacher sein, Journalisten, die Vierte Gewalt. Doch so? Man k&ouml;dert sich Leser. Auf Englisch (wie so vieles, was unn&uuml;tz auf Englisch mit &bdquo;cool&ldquo; beschrieben wird) hei&szlig;t dieses Locken, um Klicks zu generieren, &uuml;brigens Clickbaiting. Ein Zwischenruf von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nClickbaiting. K&ouml;dern f&uuml;r Klicks. Mittlerweile macht dieses K&ouml;dern inflation&auml;r in den Medien die Runde, auch im sich als seri&ouml;s gerierenden Mainstream, auf etlichen Internetplattformen. Sogar lokale und regionale Medien spezialisieren sich im K&ouml;der Auslegen f&uuml;r Klicks. Click bedeutet das Anklicken (via Maus) auf Artikel im Internet, bait ist der K&ouml;der. Was ist mit K&ouml;der gemeint? Einfach ausgedr&uuml;ckt, wird ein Mediennutzer durch ein Medium mit einer &bdquo;unvollst&auml;ndigen&ldquo; &Uuml;berschrift zu einem Artikel, einem Beitrag &bdquo;angelockt&ldquo;. Man spekuliert darauf: Der neugierig gewordene Nutzer will nat&uuml;rlich wissen, was unter\/hinter der &Uuml;berschrift steht, wie die Geschichte weitergeht. Also klickt er auf die &Uuml;berschrift, den Artikel. Der Medienmacher freut sich sogleich, ein Klick mehr wurde gez&auml;hlt, alles ist &ndash; wie so oft in unserer sch&ouml;nen Marktwirtschaft &ndash; nur ein Gesch&auml;ft.<\/p><p>Gut, Drama, &Uuml;berraschung, Spannung, ein bisschen Kino, ist okay. Die Clickbaiter k&ouml;nnten aber auch mal in die Vergangenheit schauen. Fr&uuml;her galt unter Medienprofis: Die Schlagzeile ist das A und O &ndash; was meist bedeutete, dass die erste, die wichtigste Zeile deutlich darauf hinwies, was Sache war. Heute werden vermehrt Schlagzeilen ganz, ganz anders geschrieben, von wegen erste Nachricht, Anf&uuml;ttern hei&szlig;t die Devise. Warum? Weil der Leser der ersten Zeile gelockt werden soll, damit dieser &bdquo;klickt&ldquo;, um zur eigentlichen Information zu gelangen. Verst&auml;ndnis f&uuml;r diese Praxis k&ouml;nnte man aufbringen, da das Medienmacher-Verhalten damit begr&uuml;ndet wird, wegen der Digitalisierung auf Klicks angewiesen zu sein, um wirtschaftlichen Erfolg zu erlangen. Erfolg ist zu w&uuml;nschen, doch sei erlaubt zu fragen: Wenn Medienmacher mehr Reichweite, mehr Publikum, mehr Umsatz und so mehr Ertrag erzielen wollen, warum tun sie das nicht &uuml;ber gute, direkte Inhalte, Qualit&auml;t, Aufrichtigkeit?<\/p><p>Die Praxis des Clickbaitings stellt meiner Beobachtung nach, meinem Erleben als Mediennutzer, als Kunde nach schlicht eine Geringsch&auml;tzung dar, ja eine Verspottung der Nutzer, der B&uuml;rger, der m&uuml;ndigen, derer, die sich ihre eigene Meinung bilden. Clickbaitende Medien verachten ihre Kunden. Ihnen sei gesagt: Sie, die Medien, sind f&uuml;r die Menschen da und nicht umgekehrt. Wenn selbst in der Heimatzeitung steht &bdquo;Jetzt spricht der Landrat&ldquo; oder &bdquo;Das passiert jetzt mit dem Brunnen in der Stadt&ldquo;, merkt B&uuml;rger, wie sehr dieser &bdquo;Trend&ldquo; fortgeschritten ist. Dann stellt man sich Fragen: Na was sagt er denn nun, der Landrat? Sprudelt der Brunnen oder versiegt er oder wird er abgerissen? Warum wird nicht in der ersten Zeile, in der &Uuml;berschrift gesagt: &bdquo;Landrat &auml;u&szlig;ert Kritik zu Landespl&auml;nen&ldquo; und &bdquo;Der Brunnen wird saniert&ldquo;? Die Neugier w&auml;re damit auch geweckt, allein die konkrete, offene Erstinformation ist guter Auftakt vor dem Artikel, das ist seri&ouml;s, das ist Aufgabe der Medien.<\/p><p>Der Alltag ist stattdessen, dass Medien B&uuml;rger an der Nase herumf&uuml;hren, sie locken, ihre Neugier ausnutzen. Die Schlagzeilen mit offenem Ende, unklaren Inhalten &ndash; sie sind kein guter Journalismus. Wie kommt eine Redaktion in der Provinz dazu, sich von diesen von Trends besoffenen PR-Leuten sagen zu lassen, man solle zun&auml;chst m&ouml;glichst nur wenig verraten, weil das mehr Aufmerksamkeit bringt? Geht es um Aufmerksamkeit, oder geht es um Information?<\/p><p>Was mich wirklich emp&ouml;rt, ist, dass solche Entwicklungen wie die des nervigen und geradezu wehtuenden Clickbaitings schleichend in den Alltag der B&uuml;rger getragen und nach und nach wie eine Selbstverst&auml;ndlichkeit und in aller Vertrautheit praktiziert werden. Ich wundere mich &uuml;ber unkritische Zeitgenossen in meiner Umgebung, die &uuml;berhaupt nicht misstrauisch sind und flei&szlig;ig die Halbschlagzeilen anklicken &ndash; zum Jubel derer, die derlei Produkte erstellen und sich &uuml;ber die damit generierten Zahlen und ihre monet&auml;ren Folgen freuen. Der Journalismus legt sich selbst einen weiteren Nagel neben seinen Sarg, beerdigen kann man ihn aktuell eigentlich schon &ndash; mindestens den Mainstream. Dem angepassten, dem gewinnorientierten, dem &bdquo;woken&ldquo; Inhalt schaffenden, dem der Regierung nicht fernen, sondern treuen Journalismus ist abhandengekommen, wof&uuml;r Journalismus bzw. Medienarbeit steht: Er ist die Vierte Gewalt.<\/p><p>Wir B&uuml;rger brauchen uns nicht zu wundern, dass wir nach und nach alle durchdrehen. Die, die sich um unser Wohl k&uuml;mmern, uns begleiten, uns beraten, uns dienen sollten, tun es zunehmend nicht. Verarsche, Tricks, Betrug, Beschiss, Schummelei und falsche Versprechen sind an der Tagesordnung, nahezu in allen Bereichen. Negatives wird passend dazu chic in positive Worth&uuml;lsen gepackt. Eine Entlassung ist eine Freistellung, eine Preiserh&ouml;hung eine angemessene Anpassung, ein K&uuml;rzungspaket der Regierung eine Reform. Im Laden kaufen wir Mogelpackungen, mit dem Auto f&auml;hrt es sich schadstoffarm, bis herauskommt, dass bei den Daten ein wenig geschummelt wurde. Und wenn man es auf die Spitze treiben will, sagt man, dass eine Pleite gar keine sei, weil halt gerade einfach nicht produziert werde.<\/p><p>Wir leben in einer freien Welt (eigentlich). Ja. Darum m&uuml;ssen, k&ouml;nnen und sollen wir Geschmacklosigkeiten und Tricks aushalten. Das steht gar in etwa so im Grundgesetz, eine freie Gesellschaft h&auml;lt folgerichtig Schmutz und Schund aus. Doch genauso kann eine freie Gesellschaft den Produzenten von Schmutz und Schund sagen: So nicht, Mitb&uuml;rger! Und gegenhalten.<\/p><p>Was k&ouml;nnte man tun gegen Klicks und Beschiss? Leger formuliert kann ich nur sagen: Legen Sie eine ebensolche Penetranz wie die Clickbaiter an den Tag, die aber ins Gegenteil verkehrt: auf Halbschlagzeilen nicht klicken. Sammeln Sie eigene &bdquo;Ich klicke nicht&ldquo;-Klicks. Das macht Spa&szlig; und erh&ouml;ht das Selbstbewusstsein. Suchen Sie nach echten Schlagzeilen, suchen Sie nach langweiligen Schlagzeilen-&Uuml;berschriften, nach sachlichen Aussagen. Das kracht zwar nicht so wie rei&szlig;erische Worte, macht aber nachhaltigerweise mehr Freude. Gute Inhalte sind wie gutes Brot.<\/p><p>Lohnt sich das? Ja. Ich habe hin und her &uuml;berlegt und meine, dass das mit dem &bdquo;Es bringt ja doch nix&ldquo; eben nicht stimmt. Das ist so bei den Medien wie in anderen Lebensbereichen. Ein Beispiel: H&auml;tten viele, die in der Pandemie den Coronawahn   n i c h t   mitgemacht haben, die dagegen protestierten, Einspruch erhoben, Kritik &uuml;bten, Fragen stellten, dem vorherrschenden Kurs trotzten, selbst auf die Gefahr und selbst bei Eintreten des Verlustes wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, ja gar physischer Existenz &ndash; h&auml;tten diese alle resigniert, mit den vielen anderen Mitl&auml;ufern mitgemacht und sich dem &bdquo;Es bringt ja doch nix&ldquo; gebeugt &ndash; wir h&auml;tten bis heute diesen Ausnahmezustand.<\/p><p>Nun haben wir, zugegeben, neue Ausnahmezust&auml;nde &ndash; und doch bringt es weiter und erneut etwas, &bdquo;Nein&ldquo; zu sagen. Der &ouml;sterreichische Dichter Ernst Jandl hat zum Nein und Ja Sagen seinerzeit deutlich gesagt:<\/p><blockquote><p>\nhier tut kein weg sein und ich tu ihn auch nicht suchen<br>\nich tu was ich tu was ich tun m&uuml;ssen tu<br>\nimmer sein da die die sagen<br>\ndas du m&uuml;ssen tun und das du m&uuml;ssen tun<br>\nund ich sein das was da ja sagen tut ja ich immer tu ja sagen<br>\nund dann ich mir sagen da&szlig; falsch war das ja sagen ja ganz falsch\n<\/p><\/blockquote><p>Titelbild: Jirsak\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerade habe ich ein Buch &uuml;ber das Backen von Brot gelesen. Backen ist eine wunderbare, ehrliche Arbeit f&uuml;r unser Leben. Eine meiner Ansicht nach perfide, dumme, stillose und nervende Arbeit, die ich hier mal &bdquo;Klicks f&uuml;r Medienartikel k&ouml;dern&ldquo; nenne, kann mit ehrlicher Brot-Arbeit nicht mithalten. Dabei w&auml;re diese K&ouml;derei gar nicht existent, w&uuml;rden die Klick-K&ouml;der-Macher<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101041\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":101042,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[41,183,161],"tags":[2094,2669,244],"class_list":["post-101041","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-medienanalyse","category-medienkritik","category-wertedebatte","tag-digitalisierung","tag-leitmedien","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/shutterstock_1165536154.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/101041","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=101041"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/101041\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101158,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/101041\/revisions\/101158"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/101042"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=101041"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=101041"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=101041"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}