{"id":101052,"date":"2023-07-15T15:00:59","date_gmt":"2023-07-15T13:00:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101052"},"modified":"2023-07-15T01:46:24","modified_gmt":"2023-07-14T23:46:24","slug":"warum-schmutzige-verhaeltnisse-fuer-schmutzige-fantasien-sorgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101052","title":{"rendered":"Warum schmutzige Verh\u00e4ltnisse f\u00fcr schmutzige Fantasien sorgen"},"content":{"rendered":"<p>Das Verh&auml;ltnis zur Pornographie ist nicht nur in linken und feministischen Kreisen umstritten. Handelt es sich bei ihr um perversen Kommerz und abweichendes Psycho-Verhalten, gar um eine Sucht? Oder ist sie ein Weg zu neuem Gl&uuml;ck &ndash; der nur offiziell verdr&auml;ngt wird? Ist mittlerweile die Pr&uuml;derie der alten Rechten auf die neue Linke &uuml;bergegangen? Und was haben schlechte Arbeits- und Sozialverh&auml;ltnisse mit schmutzigen Fantasien zu tun? Mit diesen und weiteren Fragen setzt sich der Psychosomatiker, Politiker und Liedermacher <strong>Diether Dehm<\/strong> in seinem neuen Buch &bdquo;Pornographie und Klassenkampf&ldquo; auseinander. Es ist ein Pl&auml;doyer f&uuml;r eine materialistische Psychologie, die den Einfluss der gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse einbezieht. <strong>Tilo Gr&auml;ser<\/strong> hat mit ihm dar&uuml;ber gesprochen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Dehm, Sie haben ein Buch &uuml;ber &bdquo;Pornographie und Klassenkampf &ndash; F&uuml;r eine materialistische Psychologie&ldquo; geschrieben. Was haben Pornographie und Klassenkampf gemeinsam, und was trennt sie?<\/strong><\/p><p>Seit der H&ouml;hlenmalerei bilden Menschen R&auml;tselhaftes und Bedrohliches in der Natur nach, um psychisch dar&uuml;ber eine Art Regie zu gewinnen. Als sie dann allm&auml;hlich, um den Begr&uuml;nder der &bdquo;Kritischen Psychologie&ldquo; Klaus Holzkamp zu zitieren, &bdquo;den Kampf gegen den Kampf ums Dasein&ldquo; aufnahmen, mussten sie dazu Lebensmittel und Werkzeuge anh&auml;ufen. &Uuml;ber diese strategischen Vorr&auml;te machten sich Klassen her. Und aus den K&auml;mpfen stiegen wieder neue Abbildungen in die K&ouml;pfe, wurden auch zu Refugien gegen Arbeitsqual und Unterdr&uuml;ckung. So spiegelt sich Klassenkampf in Verstand und Psyche. Und so formatiert die Gesellschaft auch die Triebe, die bei Marx &bdquo;animal spirits&ldquo; hei&szlig;en. Laut Antonio Gramsci wird damit die &bdquo;Geschichte zur Natur des Menschen&ldquo; &ndash; und nicht mehr die Biologie!<\/p><p><strong>Sie heben in ihrem Buch hervor, dass der Mensch sich radikal vom Tier unterscheidet. Gilt das auch f&uuml;r den Fortpflanzungstrieb?<\/strong><\/p><p>Die Verschmelzung zwischen Trieben und gesellschaftlichen Verh&auml;ltnissen ist zwar schwer vorstellbar, aber der Mensch ist kein graduell weiterentwickeltes Tier. Seine Art Sexualit&auml;t verhindert zumeist Fortpflanzung. Wie eine TV-Koch-Show die Abwesenheit von Hunger demonstriert oder eine Cocktailbar von echtem Durst. Vielleicht kann man sich die Entbiologisierung der Triebe im Gesellschaftlichen grob wie eine Espressomaschine vorstellen: Der Druck, das siedende Wasser und die Kaffeebohnen sind alleine in der Tasse nicht mehr getrennt auffindbar. Auch die menschliche Sexualit&auml;t ist eine eigene und historische Kraft geworden.<\/p><p><strong>Und was hat Arbeit mit Pornographie zu tun?<\/strong><\/p><p>Ohne Sex und das dazugeh&ouml;rige Kopfkino bliebe kapitalistisch vernutzte Arbeitskraft irreparabel besch&auml;digt. Aber zum erholsamen Ausruhen geh&ouml;rt auch das Tr&auml;umen. Brutale Arbeits-, Zeit- und Lohnregimes durchpr&auml;gen selbst die entlegensten intimen Vorstellungen direkt und dialektisch. Darum versuche ich aufzuweisen, wie das Entfesseln von Lust mit sozialen Befreiungsk&auml;mpfen verbunden ist. Ein gegl&uuml;ckter Akt ist zum Beispiel weniger an die St&auml;rke von Geschlechtsteilen als an die von Gewerkschaften gekn&uuml;pft. Als ich 1984 f&uuml;r die IG Metall und Franz Steink&uuml;hler die 35-Stunden-Kulturkampagne organisiert habe, hatten wir auch den Slogan &bdquo;Mehr Zeit zum Lieben&ldquo; genommen.<\/p><p><strong>Sie schreiben, dass schmutzige Verh&auml;ltnisse schmutzige Fantasien hervorbringen. Wie lassen sich &bdquo;saubere Fantasien&ldquo; hervorbringen, und was ist darunter zu verstehen? <\/strong><\/p><p>Tr&auml;ume, also unwillk&uuml;rliche &Auml;sthetik, kann man nicht s&auml;ubern. In der Kunst, also in der willk&uuml;rlichen &Auml;sthetik, sollten Verbote auch allenfalls Ultima Ratio bleiben. Hingegen vermag kostbare Pornographie viel produktiver billige Pornos zu &uuml;berwinden. Sogar Bertolt Brecht nannte seine erotischen Sonette &bdquo;pornographisch&ldquo;. Ich empfehle, solche Gedichte einander auch im Bett mal vorzulesen, mit entsprechenden Betonungen. Eine Aufkl&auml;rung, die keine Kunst mehr hat, &uuml;berl&auml;sst die Lust an erotischer und sozialer Befreiung kampflos der Demagogie von oben.<\/p><p><strong>Sie weisen im Buch auf die Rolle der Entfremdung im Kapitalismus durch die kapitalistischen Verh&auml;ltnisse hin. Pornographie gibt es aber seit der Antike, wie Sie auch schreiben. Was hat sich da mit den gewandelten gesellschaftlichen Verh&auml;ltnissen ver&auml;ndert?<\/strong><\/p><p>Sabine Kebir hat in ihrem Vorwort zum Buch die fr&uuml;heren K&auml;mpfe f&uuml;r freiere Erotik wunderbar erl&auml;utert &ndash;&nbsp;bis zu Engels&rsquo; Kritik an Freiligraths Pr&uuml;derie, bei dem h&auml;tten &bdquo;die Menschen gar keine Geschlechtsteile&ldquo;. Mit der Leibeigenschaft und der mittelalterlichen Inquisition war das Spiel der Geschlechter, der Scham mit der Schamlosigkeit, brutal verklemmt worden. In der griechischen Antike noch waren zum Beispiel alleinlebende Gespielinnen sozial anerkannt. Das waren musisch Gebildete: die Het&auml;ren. Aber es gab auch die preiswerteren: die Porne. Sp&auml;ter erhob Athen auf beide die &bdquo;Porne-Steuer&ldquo;.<\/p><p><strong>Pornographie gilt allgemein als verp&ouml;nt und schlecht, auch wenn viele sie nutzen. Sie beklagen eine neue Pr&uuml;derie gerade bei Linken. Wie ist aus der einst lustbejahenden Linke eine pr&uuml;de Linke geworden? Und welche Verbindung gibt es zu dem heutigen &bdquo;woken&ldquo; und auf alle m&ouml;glichen Minderheiten orientierten Trend bei Linken?<\/strong><\/p><p>Ich erinnere in meinem Buch an Wilhelm Reichs Sex-Pol-Bewegung in der KPD und auch an meinen t&ouml;dlich verungl&uuml;ckten Freund und Philosophen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), G&uuml;nter Amendt, mit seinem Buch &bdquo;Sex-Front&ldquo;. Aber seit der Wende wuchern &uuml;ber die Befreiung der Sexualit&auml;t kommerzielle und woke Giftgew&auml;chse &ndash;&nbsp;etwa das Geschw&auml;tz von der &bdquo;toxischen M&auml;nnlichkeit&ldquo;, mit Verzichtsparolen von oben herab &ndash; besonders gegen die Pornos der Wenigerverdienenden. Darum versuche ich auch, Therapieans&auml;tze zu widerlegen, etwa gegen Pornosucht, die zu heilen vorgeben, aber mit unwirksamen Verboten, die eher an Mittelalter und Vierzigerjahre erinnern.<\/p><p><strong>Was verstehen Sie unter materialistischer Psychologie? Was unterscheidet diese von der etablierten Psychologie, die sich zum Gro&szlig;teil immer noch an Sigmund Freud orientiert?<\/strong><\/p><p>Bei Freud fehlt jegliche Kategorie der pers&ouml;nlichkeitsbildenden Wirkmacht von Arbeit! Demzufolge w&auml;re mit Besch&auml;digungen der kindlichen Psyche gleichsam das letzte Wort gesprochen; sp&auml;ter bestenfalls noch zu lindern und zu mindern &ndash; auf dem Einzelsofa des Psychoanalytikers. Die sowjetische Psychologie Lew S. Wygotskis und Alexej N. Leontjews hingegen ist wesentlich realistischer und lebenslang hoffnungsvoll. Sie geht auch auf Friedrich Engels&lsquo; &bdquo;Vom Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen&ldquo; zur&uuml;ck. Sie weist empirisch nach, wie die menschlichen T&auml;tigkeiten in ihrer jeweilig historischen Verfasstheit Denken und Sprechen produzieren &ndash; biographisch und gattungsgeschichtlich. Ich habe in meinem Buch nur noch Tr&auml;ume und Metaphern hinzugef&uuml;gt &ndash; auch die erotischen.<\/p><p><strong>Welche Rolle kann eine materialistische Psychologie in einer Gesellschaft spielen, die eher &uuml;berpsychologisiert wirkt, wo gesellschaftliche und politische Probleme schnell psychologisiert werden?<\/strong><\/p><p>Pseudopsychologisiert! Es kommt darauf an, der verlogenen Egoverg&ouml;tzung des Imperialismus eine bessere Psychologie entgegenzusetzen, in der auch ein gegl&uuml;ckter Streik erotisch enthemmt. &Uuml;ber Liebe ist neu zu sprechen &ndash; in subversiver Heimlichkeit, aber auch &ouml;ffentlich und politisch. Weil auch Therapie immer auf kollektiven Beinen steht und geht &ndash; aber auch liegt.<\/p><p><strong>Diether Dehm ist promovierter Psychosomatiker. Er ist Autor zahlreicher kommerzieller Nummer-1-Hits sowie von Liebes-, Antifa- und Friedensliedern. 17 Jahre lang war er f&uuml;r SPD und Die Linke im Bundestag. Er war Manager von Katarina Witt, BAP, Klaus Lage und anderen sowie Moderator und Autor diverser TV-Sows und Satire-Sendungen, von Romanen und Musicals.<\/strong><\/p><p><em>Dehm, Diether: <a href=\"https:\/\/mediashop.at\/buecher\/pornographie-und-klassenkampf\/\">&bdquo;Pornographie und Klassenkampf. F&uuml;r eine materialistische Psychologie&ldquo;<\/a><\/em>.<br>\n<em>Promedia Verlag 2023, 312 Seiten; ISBN: 978-3-85371-512-3; Print: &euro; 28,00<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Verh&auml;ltnis zur Pornographie ist nicht nur in linken und feministischen Kreisen umstritten. Handelt es sich bei ihr um perversen Kommerz und abweichendes Psycho-Verhalten, gar um eine Sucht? Oder ist sie ein Weg zu neuem Gl&uuml;ck &ndash; der nur offiziell verdr&auml;ngt wird? Ist mittlerweile die Pr&uuml;derie der alten Rechten auf die neue Linke &uuml;bergegangen? 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