{"id":101056,"date":"2023-07-16T15:00:11","date_gmt":"2023-07-16T13:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101056"},"modified":"2023-07-15T05:54:56","modified_gmt":"2023-07-15T03:54:56","slug":"seine-exzellenz-der-android","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101056","title":{"rendered":"Seine Exzellenz der Android"},"content":{"rendered":"<p>Im Jahr 1907, mitten in der Belle &Eacute;poque, auch als Fin de Si&egrave;cle bezeichnet, ver&ouml;ffentlichte der Wiener Wissenschaftsjournalist <strong>Leo Silberstein-Gilbert<\/strong> einen &bdquo;phantastisch-satirischen Roman&ldquo;, der heute als eines der ersten Science-Fiction-Werke gelten kann. 1933 geriet er in die Zensur und wurde aus den Bibliotheken im Herrschaftsbereich des NS-Regimes aussortiert. Die von <strong>Nathanael Riemer<\/strong> unter dem Titel <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=A45642920&amp;listtype=search&amp;searchparam=Leo%20gilbert%20Nathanael%20riemer%20Seine%20Exzellenz%20der%20Android\">&bdquo;Seine Exzellenz der Android&ldquo;<\/a> herausgegebene Neuauflage will das eliminierte Buch und die Erinnerung an seinen Autor neu beleben, denn es nimmt gut 100 Jahre, bevor KI hier ein gro&szlig;es Thema wurde, die Gefahren der K&uuml;nstlichen Intelligenz klug, erschreckend sowie humorvoll vorweg. Der Protagonist des Romans, der geniale Physiker Frithjof Andersen, konstruiert den vollkommenen Androiden Lars. Dessen K&ouml;rperbau, seine Gesichtsz&uuml;ge, Pulsieren der Adern und selbst Gef&uuml;hlsregungen imitieren den Menschen auf so nat&uuml;rliche Weise, dass die perfekte T&auml;uschung gelingt. Doch das Gesch&ouml;pf emanzipiert sich von seinem Sch&ouml;pfer Andersen &ndash; der Android Lars macht als Gro&szlig;industrieller Karriere und wird vom K&ouml;nig zum Minister ernannt. Als er schlie&szlig;lich einen Krieg vorzubereiten beginnt und das Volk seine Misere in Hurrapatriotismus ertr&auml;nkt, sieht sich Andersen in der Pflicht, sein eigenes Gesch&ouml;pf zu zerst&ouml;ren&hellip; Ein Auszug.<br>\n<!--more--><br>\nDer Eindruck, den Lars machte, war durchaus der eines Mannes von Geltung. Er sa&szlig; bequem im Lehnstuhl, hielt Zeitung und Zigarre in den H&auml;nden, l&auml;chelte mit dem zuvorkommenden L&auml;cheln, das ihm Andersen beigebracht hatte, und erwiderte auf alle Fragen je nach den Stichworten. Frithjof gewann die &Uuml;berzeugung: Sein Android war gelungen, ganz Mensch! Er unterschied sich durch nichts von den anderen als durch den Mangel von Herz und Gem&uuml;t. Und vielleicht nicht einmal dadurch. Lars machte auf Frithjof ganz den Eindruck eines vornehmen Mannes. Die einladende Handbewegung, das entgegenkommende L&auml;cheln, das nicht in Grinsen ausarten darf, die Bereitschaft, mit Frithjof stets einer Meinung zu sein, die Kunst, gedankenlos zu versprechen. Der Doktor freute sich, alles wiederzusehen, was er in seinen Automaten hineingesteckt. Lars bedauerte ihn, Lars tr&ouml;stete ihn, Lars versprach, ihm eine bescheidene Sekret&auml;rstelle zu verschaffen, und Frithjof lachte innerlich dar&uuml;ber. Er sah das Werk seiner H&auml;nde, das er R&auml;dchen f&uuml;r R&auml;dchen zehn Jahre lang unter den Fingern gehabt, nach und nach sein G&ouml;nner werden. Sein Automat protegierte ihn! Er dachte an das sch&ouml;ne Goethesche Wort: &bdquo;Am Ende h&auml;ngen wir noch ab von Kreaturen, die wir machten.&rdquo; Und er hatte nicht &uuml;bel Lust, auf Lars zuzuspringen und ihn zu zertr&uuml;mmern. Aber der linke Ellbogen schmerzte ihm noch von jenem Vorfall, als er den Androiden verkaufen wollte.<\/p><p>Er suchte sich einzureden, da&szlig; sein Zorn unberechtigt sei, da&szlig; es nur eine Maschine w&auml;re, das Werk seines Geistes, auf das er schlie&szlig;lich stolz sein k&ouml;nne; da&szlig; Lars nur einem Naturgesetz folge, freilich einem Naturgesetz, das noch von keinem Professor entwickelt und in keiner unserer Schulen gelehrt wird, das aber einst den Mittelpunkt der wichtigsten aller Wissenschaften bilden werde, der Gesellschafts-Wissenschaft: Lars war mit tausend anderen das Produkt der Verh&auml;ltnisse. Man schob ihn, er lie&szlig; sich schieben, man hob ihn, er lie&szlig; sich heben. Freilich geh&ouml;rt dazu eine Art Geschicklichkeit; man mu&szlig; beim Geschobenwerden immer eine Lage einzunehmen wissen, die f&uuml;r sich und die Hebenden nicht unbequem ist. Einfach wie das Schwimmen! Wer es gelernt hat, wundert sich, da&szlig; sich von der Flut tragen zu lassen erst gelernt werden m&uuml;sse. Doch gibt es st&ouml;rrische Leute, Phlegmatiker, die auch von den besten Verh&auml;ltnissen sich nicht heben lassen. Ihre Wehleidigkeit vertr&auml;gt diesen oder jenen Griff nicht, oder sie machen sich zu schwer. Lars, der berechnete und berechnende Lars, widersprach niemals, weil er weder sentimentale Anwandlungen noch ein reizbares Temperament besa&szlig;, weil er sich wahrhaft jenseits von Gut und B&ouml;se befand.<\/p><p>Frithjof h&auml;tte auch aus einem anderen Grunde nicht den zertr&uuml;mmernden Faustschlag ausgef&uuml;hrt: Er schauderte zur&uuml;ck, es war ihm, als ob er ein Menschenleben vernichten sollte, wie ihn Lars herablassend mit den grau-gr&uuml;nen Reptilaugen anblickte, die so nichtssagend naiv waren, da&szlig; sich dahinter alles Denkbare verstecken konnte. Lars, der eben den Rauch seiner Zigarre &ndash; wie man am Duft sp&uuml;rte, eine der feinsten Sorten &ndash; in die Luft blies, Lars mit den frischen, roten, nat&uuml;rlichen Wangen war ihm eine zu lebendige Pers&ouml;nlichkeit, als da&szlig; er nicht gef&uuml;rchtet h&auml;tte, einen Mord zu begehen. Und schlie&szlig;lich, wer beweist ihm, da&szlig; er sich nicht t&auml;uscht? Da&szlig; er, Andersen, nicht wirklich im Wahn herumwandelt? Da&szlig; dieser Mann wirklich kein Mann, sondern ein Android ist? Allerdings kannte er St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck und H&auml;rchen f&uuml;r H&auml;rchen an ihm. Diese nichtssagenden Augen, die grasgr&uuml;ne Glash&uuml;lle f&uuml;r jede T&uuml;cke, die nat&uuml;rlichsten, die er beim Optiker gefunden, hatte er ihm selbst mit diesen seinen eigenen H&auml;nden eingesetzt. Die Haut mit den vollen Wangen und dem elastischen Muskelspiel hatte er selbst monatelang zwischen diesen seinen eigenen Fingern gehabt, ehe sie vollkommen t&auml;uschend funktionierte. Er kannte die Gelenke dieser Arme und sah bei jeder Handbewegung im Geist unter dem feinen Kammgarnrock die Stahlsehnen, die anzogen. Er wu&szlig;te, da&szlig; unter diesem &uuml;ppigen Haarwuchs sich das komplizierteste R&auml;derwerk verbarg, die beste Rechenmaschine der Neuzeit. Er wu&szlig;te, da&szlig; in der linken Seite dieser Brust, wo bei anderen Menschen sich das Herz befindet, nichts lag als eine gew&ouml;hnliche metallene Pumpe, die durch Elektrizit&auml;t in Bewegung gesetzt, die rote Fl&uuml;ssigkeit dirigierte, die den Menschen, ohne da&szlig; er wei&szlig;, warum, err&ouml;ten und erblassen macht. Ein k&uuml;nstliches Schamgef&uuml;hl, eine rein physikalische Erscheinung!<\/p><p>Und doch, wer b&uuml;rgt ihm daf&uuml;r, da&szlig; dies alles nicht Einbildung, nicht das Produkt eines hitzigen Fiebertraumes ist? Vielleicht haben die Leute wirklich recht, wenn sie von seiner ausbrechenden Tollheit munkeln?<\/p><p>Titelbild: Phonlamai Photo\/shutterstock.com<\/p><p>Leo Gilbert: &bdquo;Seine Exzellenz, der Android&ldquo;, ein phantastisch-satirischer Roman, herausgegeben von Nathanael Riemer, 318 Seiten, Edition W, 13. M&auml;rz 2023<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 1907, mitten in der Belle &Eacute;poque, auch als Fin de Si&egrave;cle bezeichnet, ver&ouml;ffentlichte der Wiener Wissenschaftsjournalist <strong>Leo Silberstein-Gilbert<\/strong> einen &bdquo;phantastisch-satirischen Roman&ldquo;, der heute als eines der ersten Science-Fiction-Werke gelten kann. 1933 geriet er in die Zensur und wurde aus den Bibliotheken im Herrschaftsbereich des NS-Regimes aussortiert. 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