{"id":101061,"date":"2023-07-15T16:00:05","date_gmt":"2023-07-15T14:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101061"},"modified":"2023-07-15T03:56:14","modified_gmt":"2023-07-15T01:56:14","slug":"venezuela-haben-wir-ein-recht-auf-information","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101061","title":{"rendered":"Venezuela: Haben wir ein Recht auf Information?"},"content":{"rendered":"<p>In Liebesangelegenheiten erwarten wir oft, dass unser Partner auch ohne Worte wei&szlig;, was los ist. Wir gehen davon aus, dass unser Partner eine Art Hellseher ist, der unsere Handlungen und Haltungen akzeptieren muss, auch wenn er sie nicht versteht. Das ist nicht die ges&uuml;ndeste aller Angewohnheiten und kann dazu f&uuml;hren, dass Beziehungen auf lange Sicht Schaden nehmen oder gar nicht &uuml;berleben. Die venezolanische Journalistin <strong>Jessica Dos Santos<\/strong> &uuml;ber die frustrierende Angewohnheit der Beh&ouml;rden, nur gute Nachrichten zu verk&uuml;nden.<br>\n<!--more--><br>\nIm Moment ist das mehr oder weniger die Beziehung zwischen dem venezolanischen Volk und dem Staat. Wir leben in einem Zustand des st&auml;ndigen R&auml;tselratens, der Selbsterkl&auml;rungen, des Suchens unter Steinen nach Informationen, die allen zug&auml;nglich sein sollten. Ich nenne ein Beispiel: Vor ein paar Wochen ging die Wasserversorgung in meinem Bezirk so weit zur&uuml;ck, dass es fast keine mehr gab.<\/p><p>Ich lebe seit sieben Jahren hier, habe also die H&ouml;hen und Tiefen dieses Themas erlebt. Am Anfang war es schrecklich. Dann wurde es besser, dann wieder schlechter. Sicher gab es f&uuml;r jede dieser Phasen einen guten Grund, eine fundierte Erkl&auml;rung (auch wenn das ein schwacher Trost ist, wenn man kein Wasser hat). Aber niemand hat je eine gegeben. Wir wissen nie, warum es passiert, was sich ge&auml;ndert hat.<\/p><p>Beim letzten Mal kamen die Nachbarn zusammen, um zu versuchen, Antworten zu bekommen. Der Bezirk ist in 50 Gemeinden aufgeteilt, die sich &uuml;ber 272 Stra&szlig;en erstrecken. Jede von ihnen setzte sich mit den Wasserbeh&ouml;rden in Verbindung, wie in den alten Tagen der &bdquo;Wassertische&rdquo; (Mesas T&eacute;cnicas de Agua[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]). Dabei wurden Probleme festgestellt, die von 40 Jahre alten, nicht mehr funktionierenden Rohren bis zu undichten Stellen oder gar fehlenden Ventilen reichen.<\/p><p>Ich habe mich gefragt, ob das auch in anderen Stadtteilen die Regel ist, aber das kann man unm&ouml;glich wissen.<\/p><p>Doch hier geht es nur um Wasser, was passiert mit anderen Dingen? Im Jahr 2009 k&uuml;ndigte Pr&auml;sident Ch&aacute;vez beispielsweise einen Plan zur Rationierung des Stromverbrauchs an, da die Wasserst&auml;nde in den gro&szlig;en Staud&auml;mmen aufgrund des Klimaph&auml;nomens El Ni&ntilde;o gesunken waren.<\/p><p>Er nahm die politischen Kosten dieser Entscheidung, die Angriffe der Opposition und die Kritik der Medien auf sich. Ehrlich gesagt war es l&auml;stig, die Zeitung zu kaufen oder das PDF-Dokument zu finden, dein Gebiet ausfindig zu machen und herauszufinden, an welchen Tagen und zu welchen Zeiten du keinen Strom hast. In manchen Bezirken dauerte das mehr als vier Stunden pro Tag. Dennoch konnten wir damit unsere Angelegenheiten planen, Ger&auml;te vor Sch&auml;den sch&uuml;tzen usw.<\/p><p>Heutzutage gibt es keine M&ouml;glichkeit mehr, &Auml;rger zu vermeiden, alles ist eine (unangenehme) &Uuml;berraschung.<\/p><p>Ein weiteres wiederkehrendes Thema: Treibstoff. Als es wieder einmal zu Engp&auml;ssen mit langen Warteschlangen in vielen Regionen und einer fast vollst&auml;ndigen Abschaffung des subventionierten Benzins kam, riefen die Beh&ouml;rden zur &bdquo;Ruhe&rdquo; auf, weil &bdquo;der Betrieb in der Raffinerie El Palito wieder aufgenommen wurde&rdquo;.&nbsp;Wiederaufgenommen? Wann wurde er gestoppt? Und warum?<\/p><p>Mitten in der Suche nach Antworten meldete sich die National Iranian Oil Engineering &amp; Construction Co. (NIOEC) zu Wort. Im vergangenen Jahr erhielt sie einen Vertrag &uuml;ber 110 Millionen US-Dollar, um Reparaturarbeiten durchzuf&uuml;hren, und k&uuml;ndigte an, dass die Raffinerie in zwei Monaten wieder voll betriebsbereit sein werde.<\/p><p>Dieser Mangel an Informationen ist eine Bedingung, damit nur gute Nachrichten verbreitet werden. Reaktivierte Raffinerien werden nie besch&auml;digt. Was auch immer negativ ist, wird uns von der Realit&auml;t aufgezwungen.<\/p><p>In diesem Zusammenhang haben Pr&auml;sident Nicol&aacute;s Maduro und Kulturminister Ernesto Villegas k&uuml;rzlich bei einer Feierlichkeit zum Nationalen Journalistentag die verb&uuml;ndeten Medienschaffenden &bdquo;ermahnt&rdquo;, denn &bdquo;Information ist ein Recht, kein Geschenk. Die Menschen verdienen es zu wissen, was vor sich geht. Sie fordern informative Berichterstattung.&rdquo;<\/p><p>Die Witze schreiben sich an diesem Punkt von selbst, aber gleichzeitig habe ich mich gefragt: Was sollen Journalisten denn berichten, wenn die Beh&ouml;rden (in verschiedenen Bereichen) keine Informationen geben? Selbst Minister brauchen die Erlaubnis von h&ouml;herer Stelle, um Stellungnahmen zu machen. Es hat viele F&auml;lle gegeben, in denen Beamte ihren Job verloren haben, weil sie ohne Erlaubnis mit der Presse gesprochen haben.<\/p><p>Was tun wir, wenn sogar die grundlegendsten offiziellen Daten seit Jahren versteckt werden? Zum Beispiel hat die Zentralbank 2019 aufgeh&ouml;rt, die BIP-Daten zu ver&ouml;ffentlichen. Wir haben erst wieder monatliche Zahlen erhalten, als die Inflation deutlich gesunken war.<\/p><p>Gerade als mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, schien Villegas, der selbst Journalist ist, die Zweischneidigkeit seiner Worte klar zu werden. So beklagte er, dass die Medien nicht angemessen &uuml;ber die Orte und Zeiten eines k&uuml;rzlich stattgefundenen Theaterfestivals berichtet h&auml;tten. Information ist gut, aber ziemlich selektiv, so scheint es.<\/p><p>Als Journalistin erf&uuml;llt es mich mit Sorge, dass ich nicht in der Lage bin, nachzuforschen oder Fragen zu stellen. Ein aktueller Fall mit gro&szlig;er &ouml;ffentlicher Aufmerksamkeit war der Korruptionsskandal bei der staatlichen &Ouml;lgesellschaft PDVSA. Die Beh&ouml;rden lieferten viele Informationen &uuml;ber die Inhaftierten, die Zahlen der Veruntreuung und sogar &uuml;ber die B&uuml;ros, in denen die Betr&uuml;gereien stattfanden. Und dann drehten sie den Hahn zu. Der ehemalige &Ouml;lminister Tareck El Aissami, der zumindest politische Verantwortung in dem Ganzen tr&auml;gt, ist seit M&auml;rz einfach verschwunden.<\/p><p>Ich werde nicht so tun, als sei der Journalismus in Venezuela kein Schlachtfeld, vor allem, wenn es um die Konzernmedien geht. Uns ist also klar, dass Vorsicht geboten ist. Der Staatsstreich von 2002 ist ein warnendes Beispiel. Aber diese Angewohnheit, unbequeme Informationen zu verheimlichen und denen gegen&uuml;ber, die mehr wissen wollen, sogar Misstrauen zu hegen, zeugt von mangelndem Vertrauen in das Volk. Das Volk ist schon immer der Situation gewachsen gewesen, ob es nun Putschversuche abwehrte oder herausfand, warum es kein Wasser gibt.<\/p><p><em>Jessica Dos Santos aus Venezuela ist Universit&auml;tsdozentin, Journalistin und Schriftstellerin. Sie ist die Autorin des Buches &bdquo;Caracas en Alpargatas&rdquo; (2018)<\/em><\/p><p>&Uuml;bersetzung: <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/blog\/2023\/07\/264831\/venezuela-recht-auf-information\">Vilma Guzm&aacute;n, Amerika21<\/a><\/p><p>Titelbild: Shutterstock \/ Anton Watman<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Die sogenannten &bdquo;Wassertische&rdquo; (Mesas T&eacute;cnicas de Agua) waren Basisgruppen, vor allem in den Barrios. Gemeinsam mit staatlichen und kommunalen Wasserbetrieben arbeiteten sie an der Verbesserung der Versorgung. 2011 gab es etwa 7.500 dieser Komitees im ganzen Land. Sie erstellten Analysen der Probleme in ihrer Nachbarschaft und koordinieren dann deren L&ouml;sung in den &bdquo;Kommunit&auml;ren Wasserr&auml;ten&rdquo; mit Ingenieuren und Vertretern der Wasserbetriebe<\/p>\n<\/div><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100507\">Umgehung der Blockade in Venezuela: &bdquo;Pueblo a Pueblo&rdquo; baut Ern&auml;hrungssouver&auml;nit&auml;t von unten auf<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98033\">Venezuela: Die ununterbrochene Pl&uuml;nderung durch den Westen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91106\">&ldquo;Die Klassenidentit&auml;t ist entscheidend, um so ziemlich alles in Venezuela zu verstehen&rdquo;<\/a><\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/661ddcb0f43a43398d6f4fb61ec5c93f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Liebesangelegenheiten erwarten wir oft, dass unser Partner auch ohne Worte wei&szlig;, was los ist. 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