{"id":101070,"date":"2023-07-17T08:45:44","date_gmt":"2023-07-17T06:45:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101070"},"modified":"2023-07-17T10:26:48","modified_gmt":"2023-07-17T08:26:48","slug":"jeffrey-sachs-frieden-ist-jetzt-moeglich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101070","title":{"rendered":"Jeffrey Sachs: Frieden ist jetzt m\u00f6glich"},"content":{"rendered":"<p>Kurz vor dem NATO-Gipfel im Baltikum hat Jeffrey Sachs, der <a href=\"https:\/\/www.finanznachrichten.de\/nachrichten-2023-06\/59467374-junge-welt-us-oekonom-jeffrey-sachs-ueber-washingtons-fehler-und-chancen-eines-friedensprozesses-fuer-die-ukraine-007.htm\">US-&Ouml;konom<\/a> und Berater von Regierungen, UN-Generalsekret&auml;ren und internationalen Institutionen, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=tejHnmT_ufM\">ein Interview<\/a> f&uuml;r die Website <a href=\"https:\/\/neutralitystudies.com\/\"><em>Neutrality Studies<\/em><\/a> gegeben, in dem er vor der Gefahr eines nuklearen Infernos als Folge der US- und NATO-Expansionspolitik warnt. Passagen des Interviews hat <strong>Bernhard Trautvetter<\/strong> ins Deutsche &uuml;bersetzt.<br>\n<!--more--><br>\nEs folgen &uuml;bersetzte Aussagen aus dem <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=tejHnmT_ufM\">Interview mit Jeffrey Sachs<\/a> vom 23. Juni:<\/p><p>&bdquo;Joe Biden k&ouml;nnte einen anderen Kurs einschlagen. Er ist mindestens seit einem Vierteljahrhundert auf dem Weg der NATO-Expansion. &hellip; Dies ist sein Weg seit 1990. Er war als Senator einer der wichtigsten Unterst&uuml;tzer des &sbquo;Milit&auml;risch-Industriellen Komplexes&lsquo; und der NATO-Erweiterung. Und 2014 spielte er eine pers&ouml;nliche Rolle in den Maidan-Ereignissen. &hellip; Ich selbst war f&uuml;r eine kurze Zeit Ratgeber des EU-Kommissars f&uuml;r &auml;u&szlig;ere Angelegenheiten, Josep Borrell. Damals sagte ich, dass die USA die North-Stream-II-Pipeline zerst&ouml;rt hatten, und an diesem Tag feuerte er mich. &hellip; Zu meinem Statement stehe ich nach wie vor, &hellip; Russland war es nicht &hellip; <\/p><p>Viele Diskurse betreffen die Maidan-Ereignisse. Ich glaube nicht, dass es ein Zufall war, dass Victoria Nuland drei Wochen vor dem gewaltsamen Umsturz der Regierung in Kiew war. Es endete mit den Sch&uuml;ssen aus Geb&auml;uden, die die Maidan-Verantwortlichen kontrollierten, und dem Sturm auf das Regierungsgeb&auml;ude. &hellip; Sie hatte die Zusammensetzung der n&auml;chsten Regierung exakt vorhergesagt. Sie war an den Pl&auml;nen dieses Wechsels ma&szlig;geblich beteiligt. &hellip; Ich wei&szlig;, dass eine signifikante Summe von US-Geldern in den Maidan floss, auf Wegen, die ernsthaft falsch zu nennen sind, und die USA spielten eine bedeutende Rolle in diesen Ereignissen. (<a href=\"https:\/\/daserste.ndr.de\/panorama\/archiv\/2014\/Putsch-in-Kiew-Welche-Rolle-spielen-die-Faschisten,ukraine357.html\">Panorama &ndash; ARD &ndash; nennt diese Ereignisse Putsch<\/a>, B.T.)  Ich bestreite nicht, dass an diesem Punkt Neutralit&auml;t nicht der Kern des Problems war, au&szlig;er f&uuml;r die USA, die diesbez&uuml;glich gegen Pr&auml;sident Janukowitsch standen, der Neutralit&auml;t wollte. Aber die USA wollten eine Regierung, die die NATO-Expansion unterst&uuml;tzte. Und diese Regierung erhielten sie schlie&szlig;lich, da die neue Regierung Ende 2014 einforderte, in die NATO aufgenommen zu werden. <\/p><p>Es ist bekannt, dass das Parlament, obwohl nicht implementiert, als erstes Russisch als Amtssprache verbot &hellip; Was da geschah, war ein hegemoniales Unternehmen der USA &hellip; Die Idee der US-Administration ist, dass die USA eine vollst&auml;ndige Dominanz in allen Regionen der  Welt innehaben. Und die zwei Bedrohungen daf&uuml;r sind Russland und China. Und so ist in die US-Strategie, die US-Au&szlig;enpolitik und die Milit&auml;rpolitik in diesen Punkten v&ouml;llig klar: &hellip; Die USA m&ouml;gen Europa, aber sie wollen absolute Dominanz &uuml;ber Eurasien. Und das ist, wovon Brzezinski im Buch &raquo;Das gro&szlig;e Schachbrett&laquo;  sprach, und er betonte, dass die Ukraine der Eckpfeiler von Eurasien sei, und das war die Theorie, die er in Details ausbreitete, und ich denke, das ist die neokonservative Vision, die nun seit 30 Jahren umgesetzt wird. Ich denke nicht, dass dies per se antieurop&auml;isch ist, aber es ist pro-amerikanisch. Und es ist m.E. extrem fehlleitend, zu denken, dass du mit 4,1 Prozent der Weltbev&ouml;lkerung die Welt regieren solltest oder anstreben solltest, die Macht zu sein, die in der Welt die konkurrenzlose  &Uuml;berlegenheit &uuml;berall innehaben sollte.<\/p><p>Und es gibt so viele Beispiele daf&uuml;r, wie dieses Denken funktioniert. Ich gebe dazu ein interessantes Beispiel: Ein fr&uuml;herer Kollege von mir, der hochgesch&auml;tzte Botschafter Robert Blackwell, schrieb 2015, wie die USA die Konfrontation mit China ben&ouml;tigten, weil Chinas Aufstieg nicht mehr im US-amerikanischen Interesse lag. Und er breitete alle Ma&szlig;nahmen aus, zu denen die USA greifen sollten, um Chinas Aufstieg einzugrenzen; und sie  werden eine nach der anderen umgesetzt, zum Beispiel: Verhandele Handelsvertr&auml;ge in Asien, die China ausgrenzen! Was f&uuml;r eine kluge Idee: Lasst uns Handel in Asien betreiben, aber ohne China, den Haupthandelspartner aller asiatischen L&auml;nder. &hellip; Das ist bizarr und wird explizit gedruckt und dann befolgt. Auf der Liste der Ma&szlig;nahmen war 2015 der Export von Technologie, Sanktionen unter Inanspruchnahme des Finanzsystems. &hellip; Dies sind Fragen, die die Strategieschmieden und US-Spitzenpolitiker besch&auml;ftigen, um Nr. Eins zu bleiben, was meines Erachtens eine sehr uninteressante Frage ist, au&szlig;er dass es gef&auml;hrlich ist, so zu denken.<\/p><p>Dies ist es, wo wir leider stehen. 1989 wurde ich angefragt, Berater von Polens Solidarno&#347;&#263;-Bewegung zu werden und dann f&uuml;r seine Regierung mit Premierminister Mazowiecky. Ich entwickelte f&uuml;r sie einen Plan, einen Rahmen f&uuml;r die finanzielle Stabilisierung. Und ich schrieb einige Schl&uuml;ssel-Schritte (key-steps), wie die W&auml;hrung, das Finanzsystem und das Geld zu stabilisieren waren. Die USA akzeptierten jedes meiner Elemente. Eines Tages im September 1989 hatte ich die Idee eines Stabilisierungsfonds von einer Milliarde US-Dollar, um Polens W&auml;hrung zu st&uuml;tzen. Und ich arbeitete die Idee am Morgen dieses Tages aus, und ich &uuml;bergab das dem Senator Robert Dole, dem Mehrheitssprecher der Senatsmehrheit.  Noch am Vormittag sollte ich mit General Scowcroft, dem Nationalen Sicherheitsberater, sprechen. &hellip; Er bat mich, am Abend Senator Dole zu informieren: Er sagte, ich m&ouml;ge meinen polnischen Freunden mitteilen, sie erhalten ihre Milliarde US-Dollar. &hellip; Ich unterbreitete viele Empfehlungen. Und ich freute mich, sie wurden angenommen, und sie haben funktioniert. <\/p><p>Das war der Grund daf&uuml;r, dass der sowjetische Pr&auml;sident Gorbatschow mich um Hilfe ersuchte. Ich schlug eine &auml;hnliche Strategie vor, allerdings mit f&uuml;nf multipliziert, was dem Unterschied der Gr&ouml;&szlig;e geschuldet ist. Obwohl ich es urspr&uuml;nglich mit zehn multiplizieren musste, da es 1991 die Sowjetunion war. (Und nicht nur ihr gr&ouml;&szlig;ter Teil, Russland, B.T.)<\/p><p>Gorbatschow war damals zum G7-Gipfel eingeladen, und ich pr&auml;sentierte dort mit einem  Harvard-MIT-Team einen Plan f&uuml;r die Unterst&uuml;tzung von Gorbatschow unter dem Begriff &raquo;The Great Bargain&laquo; (Die g&uuml;nstige Gelegenheit,  B.T.). Das war vor Russlands Unabh&auml;ngigkeit. Das Wei&szlig;e Haus wies den Plan ab. Sie wollten nicht einmal eine Nachfolge-Erkl&auml;rung mit der Aussage, wir geben der Sowjetunion nichts.  Dann kam Gorbatschow zur&uuml;ck vom G7-Treffen und wurde im Putsch-Versuch gekidnappt, und Jelzin kam als dominante Figur ins politische Geschehen. Und im September 1991 bat mich Jelzin, nach Moskau zu kommen, um ihm zu helfen. So kam ich nach Moskau und ich erkl&auml;rte, wie Polen seine W&auml;hrung &hellip; stabilisierte. Und ich erkl&auml;rte die Prozesse und bekam die Frage gestellt, ob dies f&uuml;r Russland funktionieren k&ouml;nne. &hellip; Weil sie ein unabh&auml;ngiges Russland anstrebten. Ich sagte, es sei wichtig, da ein finanzieller Kollaps droht &hellip; Mein ganzes Denken war von John Maynard Keynes&lsquo; &raquo;Konsequenzen des Friedens&laquo; 1919 geleitet: Lass einen Krieg nie im Desaster enden! &hellip; Das wirkt sich noch auf die Folgegeneration aus! &hellip; Ich schlug eine Strategie f&uuml;r Russland vor, die der &auml;hnelte, die ich Gorbatschow empfohlen hatte. Sie wurde komplett abgewiesen. Ich sagte: &bdquo;Es hat sich doch bereits bew&auml;hrt!&ldquo; Der Au&szlig;enminister sagte mir Anfang 1992 ins Gesicht: &bdquo; Mr. Sachs, nehmen wir einmal an, ich w&uuml;rde sogar mit Ihnen &uuml;bereinstimmen. &hellip; Ich gebe Ihnen einen Rat: Es wird nicht kommen!&ldquo; Ich glaubte ihm nicht, aber er hatte recht. Es kam weder mit Bush noch mit Clinton dazu. Die Idee, die USA k&ouml;nnten Russland helfen, sich zu erholen, kam ihnen nie in den Sinn &hellip; <\/p><p>Dies ist ihr fundamentaler Ausgangspunkt: Russland ist auf der Au&szlig;enseiterposition, wir verschieben den Eisernen Vorhang einige hundert Kilometer ostw&auml;rts &hellip; Das ist die Denkweise. Die Motivation daf&uuml;r ist: Die USA sind die Nr. Eins. Wir haben auf niemanden zu h&ouml;ren; wir sind die unipolare Macht, wir sind das m&auml;chtigste Land in der Weltgeschichte.<\/p><p>Und da gibt es eine ber&uuml;hmte Episode: Der Oberbefehlshaber der NATO unter Clinton &ndash; Wesley Clark &ndash;, der in den fr&uuml;hen 1990ern zum Pentagon ging &ndash; ihm sagte man 1992, wir werden eine Serie von Kriegen haben und all diese von der Sowjetunion gest&uuml;tzten Regierungen s&auml;ubern: Iraq, Syrien, Libyen, &hellip; Und dann nach 2001 sagte man ihm das Gleiche: Wir werden jetzt alles s&auml;ubern k&ouml;nnen. Diese Idee ist ein Konzept von Staatsmacht, kein gesundes. Und es wurde tief verwurzelt, und wir sind immer noch damit befasst. Diese Pl&auml;ne werden gerade in realer Zeit umgesetzt; sie sind extrem gef&auml;hrlich, und sie bringen uns zur&uuml;ck zum Abgrund des Nuklearkriegs, da Russland keine von den USA gef&uuml;hrte unipolare Welt will. China will das auch nicht. Au&szlig;erhalb der EU, der USA, Gro&szlig;britanniens, Japans, Koreas, Australiens, Neuseelands und Singapurs will das absolut niemand. <\/p><p>So haben wir den Westen mit circa 15 Prozent der Weltbev&ouml;lkerung und den Rest der Welt, der fragt: Was tut Ihr?!  K&ouml;nnt Ihr nicht Frieden machen und aus der Spannung herunterkommen, um nicht alles zu zerst&ouml;ren? Ich verteidige  Russlands Verantwortlichkeiten mitnichten. Ich sage, dass wir diesen Konflikt h&auml;tten vermeiden k&ouml;nnen. Und wir k&ouml;nnen diesen Konflikt jetzt beenden. Aber im US-Verst&auml;ndnis der NATO-Expansion k&ouml;nnen wir ihn nicht beenden. Wir haben zu verstehen, dass wir vor dem Risiko der Eskalation und im Krieg stehen (&sbquo;risk of eskalation and we will have war&lsquo;). Der einzige Weg, dies zu vermeiden, ist der Respekt f&uuml;r Russlands Sicherheitsinteressen, konkret, dass die Ukraine kein Mitglied der NATO wird. Wenn wir das akzeptieren, ist vieles m&ouml;glich.<\/p><p>Titelbild: Shutterstock \/ Lightspring<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurz vor dem NATO-Gipfel im Baltikum hat Jeffrey Sachs, der <a href=\"https:\/\/www.finanznachrichten.de\/nachrichten-2023-06\/59467374-junge-welt-us-oekonom-jeffrey-sachs-ueber-washingtons-fehler-und-chancen-eines-friedensprozesses-fuer-die-ukraine-007.htm\">US-&Ouml;konom<\/a> und Berater von Regierungen, UN-Generalsekret&auml;ren und internationalen Institutionen, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=tejHnmT_ufM\">ein Interview<\/a> f&uuml;r die Website <a href=\"https:\/\/neutralitystudies.com\/\"><em>Neutrality Studies<\/em><\/a> gegeben, in dem er vor der Gefahr eines nuklearen Infernos als Folge der US- und NATO-Expansionspolitik warnt. 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