{"id":101250,"date":"2023-07-18T14:09:32","date_gmt":"2023-07-18T12:09:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101250"},"modified":"2024-02-06T15:07:53","modified_gmt":"2024-02-06T14:07:53","slug":"vortrag-von-florian-warweg-bei-attac-dortmund-medien-vierte-gewalt-oder-meinungsmacher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101250","title":{"rendered":"Vortrag von Florian Warweg bei Attac Dortmund: \u201eMedien: Vierte Gewalt oder Meinungsmacher?\u201c"},"content":{"rendered":"<p>NachDenkSeiten-Redakteur Florian Warweg war vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac Dortmund eingeladen worden, um am 17. Juli &uuml;ber den aktuellen Zustand der bundesdeutschen Medien zu sprechen. Der Vortrag stand unter dem Titel <a href=\"https:\/\/www.attac-netzwerk.de\/dortmund\/termine\/eventansicht\/termin\/medien-vierte-gewalt-oder-meinungsmacher-der-auftrag-der-medien-in-der-demokratie-und-die-realitaet\">&bdquo;Medien: Vierte Gewalt oder Meinungsmacher? Der Auftrag der Medien in der Demokratie und die Realit&auml;t&ldquo;<\/a>. Florian Warweg verfolgt bei dem Vortrag einen induktiven Ansatz, indem er mit einigen Beispielen zur aktuellen Berichterstattung zum Ukraine-Krieg einleitet und dann darauf aufbauend die seiner Meinung nach wirkm&auml;chtigsten Manipulations-, Einfluss- sowie Repressionsmechanismen im bundesdeutschen Medienraum vorstellt. Die <em>NachDenkSeiten <\/em>dokumentieren f&uuml;r ihre Leser den Vortrag in der verschriftlichten Fassung. Von <strong>Redaktion<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nLiebe Freunde, <\/p><p>lasst mich meinen Vortrag mit einer Binsenweisheit beginnen: &bdquo;Das erste Opfer des Krieges ist immer die Wahrheit&ldquo;.<\/p><p>Wenn dem so ist, dann befindet sich Deutschland sp&auml;testens seit dem 13. Juni 2022 zumindest im medialen Krieg gegen Russland. An diesem Junitag vor einem Jahr brachte die Tagesschau in ihrer Hauptnachrichtensendung um 20 Uhr folgende emotionalisierte Meldung, unterlegt mit Bildern vom zerst&ouml;rten Marktplatz in Donezk:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Zivile Ziele, immer wieder stehen sie unter Beschuss der russischen Armee. Dies ist der Markt in der ostukrainischen Stadt Donezk, oder das, was davon &uuml;brig ist. 3 Menschen sollen bei diesem russischen Angriff get&ouml;tet worden sein. Gegen diesen massiven Beschuss durch die russische Armee ist die Ukraine zunehmend machtlos.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><div class=\"external-2click\" data-provider=\"X (Twitter)\" data-provider-slug=\"twitter\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Tweets werden Daten an X (ehemals Twitter) &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von X (Twitter) zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><blockquote class=\"external-2click-target twitter-tweet\">\n<p lang=\"de\" dir=\"ltr\">Ist das Euer Ernst <a href=\"https:\/\/twitter.com\/tagesschau?ref_src=twsrc%5Etfw\">@tagesschau<\/a>? \"Viel ist nicht &uuml;brig von diesem Markt in der ostukrainischen Stadt Donezk. 3 Menschen sollen bei dem russischen (!) Angriff get&ouml;tet worden sein.\" Ihr wisst doch ganz genau, wer Donezk regiert &amp; das &#127482;&#127462;Armee Donezk beschie&szlig;t. Seit 8 Jahren &uuml;brigens. <a href=\"https:\/\/t.co\/e2SJin6Baw\">pic.twitter.com\/e2SJin6Baw<\/a><\/p>\n<p>&mdash; Florian Warweg (@FWarweg) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/FWarweg\/status\/1536647617991651328?ref_src=twsrc%5Etfw\">June 14, 2022<\/a><\/p><\/blockquote><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"twitter\">Inhalte von X (Twitter) nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><p>  <\/p><p>Im weiteren Verlauf des St&uuml;ck wurde dann noch dieser angebliche &bdquo;russische Angriff&ldquo; als Begr&uuml;ndung angef&uuml;hrt, dass Deutschland der Ukraine doch bitte schwere Waffen zukommen lassen sollte. <\/p><p>Alle hier im Raum wissen wohl um die Geschichte von Donezk und wer an diesem 13. Juni tats&auml;chlich den stark frequentierten Marktplatz mit Raketen beschossen hatte. Und auch, dass der Beschuss von Donezker ziviler Infrastruktur und Wohnh&auml;usern durch ukrainische Truppen seit 2014 Bestand hat. Bis zum heutigen Tag. Dieses Vorgehen, Bildmaterial des zerst&ouml;rten Marktplatzes in Donezk um 180 Grad zu drehen, war, nach allem, was wir wissen, eine bewusste Entscheidung der Tagesschau-Redaktion. Daran kann es kaum Zweifel geben, denn die Grundlage f&uuml;r den Tagesschau-Bericht, das ist mittlerweile bekannt, waren zwei Agenturmeldungen von Reuters und dpa. Und dort hie&szlig; es unmissverst&auml;ndlich, ich zitiere exemplarisch aus der Reuters-Meldung: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Bei einem ukrainischen Artillerieangriff auf einen Markt in der von Russland unterst&uuml;tzten Separatistenregion Donezek wurden am Montag mindestens drei Personen, darunter ein Kind, get&ouml;tet und 18 verletzt&hellip;&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230718-Dortmund-Screenshot1_ARD_Reuters.jpeg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230718-Dortmund-Screenshot1_ARD_Reuters.jpeg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Selbst Springers <em>Welt<\/em> gab diese Meldung im Gegensatz zur Tagesschau <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article239324659\/Ukraine-Pro-russische-Separatisten-in-Donezk-berichten-von-heftigem-ukrainischem-Beschuss.html\">korrekt wieder<\/a>.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die von Russland kontrollierten Separatisten in Donezk haben am Montag von dem bislang angeblich heftigsten ukrainischen Beschuss auf die Stadt seit Beginn des Krieges berichtet. Vier Menschen seien get&ouml;tet und mindestens 23 Menschen verletzt worden, hie&szlig; es in &ouml;rtlichen Medienberichten. Auch eine Geburtsklinik in der fr&uuml;heren Millionenstadt sei in Brand geraten.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Diese Tagesschau-Meldung wurde bis heute nicht richtiggestellt, in dem Sinne, dass die ukrainische Armee als T&auml;ter benannt wurde. Es wurde lediglich nach massiver Zuschauerkritik eine Anmerkung der Redaktion eingef&uuml;gt, dass es nicht vollst&auml;ndig erwiesen sei, dass es sich um eine russische Rakete gehandelt h&auml;tte. Man habe daher den Beitrag entsprechend erg&auml;nzt. In der Tagesschau-Redaktion knipste man also lediglich in den pseudo-&bdquo;objektiven&ldquo; Modus, nach dem Motto, die Quellenlage ist prek&auml;r, die einen sagen so, die anderen so. <\/p><p>Und damit sind wir bei einer etablierten Technik der bundesdeutschen Leitmedien bei ihrer Berichterstattung zum Ukraine-Krieg. <\/p><p>Stellen wir uns vor, in einem Krieg zwischen Macht A und Macht B bringt Macht A einen bestimmten Ort unter Kontrolle. Wie wahrscheinlich ist es, dass sich Macht A permanent an diesem Ort selbst beschie&szlig;t? Dieser Ort &uuml;bertragen auf die reale Situation ist u.a. das Kernkraftwerk Saporischschja, das gr&ouml;&szlig;te seiner Art in Europa. Es steht seit Kriegsbeginn unter russischer Kontrolle und wird regelm&auml;&szlig;ig mit schwerer Artillerie beschossen. Bei der ARD gibt es bei Berichten zu diesen Angriffen eine feste Sprachregelung &ndash; ich zitiere:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Moskau und Kiew beschuldigen sich immer wieder gegenseitig, f&uuml;r Angriffe auf das Atomkraftwerk verantwortlich zu sein.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Wieder sind wir bei &bdquo;Die einen sagen so, die anderen so&ldquo;. Ganz formal erscheint das f&uuml;r die meisten Mediennutzer erstmal eine in dieser Form korrekte Nachricht. Doch wird in der aktuellen Berichterstattung dieser Modus nur eingeschaltet, wenn man eben gerade nicht sagen will, was ist. Denn die Entscheidung zu behaupten, man k&ouml;nne nicht wissen, wer dieses Kraftwerk beschie&szlig;t, instrumentalisiert ganz bewusst eine scheinbar formale Objektivit&auml;t zur einseitigen Parteinahme. <\/p><p>In Vor-Zeitenwende-Zeiten w&auml;re es v&ouml;llig normal gewesen, dieses Vorgehen journalistisch entsprechend zu hinterfragen. Denn den Verantwortlichen in den Redaktionen ist nat&uuml;rlich im Zweifel schon klar, wer das unter russischer Kontrolle stehende Kernkraftwerk beschie&szlig;t. Es ist aber eben nicht opportun, das offen zu sagen. Sagen, was ist, wenn es nicht die eigene Haltung best&auml;rkt, hat schon l&auml;nger in den meisten Redaktionsstuben dieser Republik ausgedient.<\/p><p>Fast noch eklatanter als im Falle des Kernkraftwerks Saporischschja ist das Argument des Selbstbeschusses &uuml;brigens im Falle von Butscha. Die bisher einzige internationale forensische Untersuchungskommission, die die Leichen in Butscha untersuchte, haupts&auml;chlich durchgef&uuml;hrt von Forensikern der franz&ouml;sischen Gendarmerie, fand im April 2022 heraus, dass Dutzende obduzierte Leichen aus Massengr&auml;bern durchl&ouml;chert waren mit sogenannten Fl&eacute;chette-Geschossen. Das sind kleine Metallpfeile, die sich, bis zu 8.000 St&uuml;ck pro Granate, nach Abschuss in einem kegelf&ouml;rmigen Bogen in etwa 300 Meter Breite und 100 Meter L&auml;nge ausbreiten. <\/p><p>Was war das Narrativ dazu in westlichen Medien? Unisono wurde erkl&auml;rt, falls &uuml;berhaupt auf die Ergebnisse eingegangen wurde, die Fl&eacute;chette-Artillerie-Geschosse seien von russischen Truppen, einige Tage vor ihrem R&uuml;ckzug, &uuml;ber Butscha verschossen worden. Beispiele <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/world\/2022\/04\/18\/flechette-projectile-ukraine-russia\/\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2022\/apr\/24\/dozens-bucha-civilians-killed-flechettes-metal-darts-russian-artillery\">hier<\/a>. <\/p><p>Kein einziges der sogenannten Leitmedien hinterfragte auch nur im Ansatz, wie wahrscheinlich diese Behauptung sei, dass die russische Armee mit dieser Art von &uuml;ber hunderte von Metern breitstreuender Munition ausgerechnet das von ihren eigenen Truppen besetzte Gebiet beschie&szlig;t. <\/p><p>Mir geht es hier wohlgemerkt nicht darum, Position zu beziehen, welche Seite der Kriegsparteien sich f&uuml;r das mutma&szlig;liche Massaker, dessen Untersuchung noch l&auml;uft, verantwortlich zeichnet, sondern darum, aufzuzeigen, wie extrem einseitig das Ergebnis der franz&ouml;sischen und ukrainischen Forensiker medial aufbereitet und interpretiert wurde. Insbesondere, mit welcher Selbstverst&auml;ndlichkeit die These des Eigenbeschusses als angeblich einzige Option fast v&ouml;llig unhinterfragt medial verbreitet wurde.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230718-Dortmund-Screen2.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230718-Dortmund-Screen2.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Das einzige bekanntere deutsche Medium, welches dieses journalistische Vorgehen hinterfragte, war die Wochenzeitung<em> Der<\/em> <em>Freitag<\/em> in einem Artikel von Velten Sch&auml;fer mit dem Titel <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/velten-schaefer\/haltung-essen-nachricht-auf-corona-krieg-und-ein-deformierter-journalismus\">&bdquo;Journalismus: Corona, Krieg &ndash; und der Tod der Nachricht&ldquo;<\/a>, in dem gefragt wird: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wie wahrscheinlich ist es, dass die Russen sich selbst beschie&szlig;en?&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Was hier in den meisten Redaktionen zum Tragen kommt, hat der herrschaftskritische franz&ouml;sische Soziologe Pierre Bourdieu einst als &bdquo;Doxa&ldquo; bezeichnet. Er meint damit internalisierte Glaubenss&auml;tze und Annahmen in einer Gesellschaft, die weder kritisiert noch debattiert oder hinterfragt werden. Doxa muss nicht faktisch richtig sein, sondern stimmig und &bdquo;Sinn machen&ldquo;. <\/p><p>&Uuml;bertragen, insbesondere auf die Ukraine-Berichterstattung, hei&szlig;t dies, dass in fast allen Redaktionen die Doxa herrscht, dass nur &bdquo;der Russe&ldquo; Zivilisten beschie&szlig;t, Meldungen, die dieser Annahme widersprechen, sind unstimmig und m&uuml;ssen dann entsprechend umgeframt werden. Das f&uuml;hrt unter anderem dazu, dass die Verantwortlichen bei der Tagesschau-Meldung zum Beschuss von Donezk &bdquo;vergessen&ldquo;, welchen Status Donezk eigentlich hat. Doch damit dies so internalisiert, also quasi unbewusst passiert, muss einiges an Vorarbeit geleistet werden. Und wir alle hier im Raum wissen wohl, dass gerade in der Ukraine-Berichterstattung seit 2014, also seit fast 10 Jahren, ordentlich daf&uuml;r das Doxa-Feld &bdquo;Der Russe war&rsquo;s und nur der Russe&ldquo; vorbereitet wurde. &Auml;hnliches konnten wir j&uuml;ngst auch im Falle der Berichterstattung zur Zerst&ouml;rung des Staudamms Kachowaka in der Oblast Cherson beobachten. Hier mit der bezeichnenden Einschr&auml;nkung, dass US-Medien und Politiker sich weit zur&uuml;ckhaltender mit eindeutigen Schuldzuweisungen verhielten, als dies deutsche Medien und Politiker taten. Die von Beginn an, ohne jede Art seri&ouml;ser Informationsgrundlage, von Russland als T&auml;ter und Kriegsverbrecher sprachen. <\/p><p>Doch zur&uuml;ck zur Ausgangsfrage. Wie erkl&auml;rt sich diese sehr einseitige Berichterstattung etwa zu Russland und dem Krieg in der Ukraine, die auch eine aktuelle Medienanalyse der Otto-Brenner-Stiftung <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91770\">best&auml;tigt<\/a>? Es gibt zu den strukturellen Hintergr&uuml;nden einige interessante Ver&ouml;ffentlichungen. Verwiesen sei etwa auf die &bdquo;DIE PROPAGANDA-MATRIX&ldquo; von Michael Meyen, Medienwissenschaftler an der Uni M&uuml;nchen (der derzeit um seinen Lehrstuhl bangen muss), in welcher er von vier &bdquo;Arenen&ldquo; ausgeht, welche die mediale Diskursordnung bestimmen.&nbsp;<\/p><p>1. Die herrschende Ideologie, 2. Die Medialisierung (also alles, was Menschen tun, damit sie selbst oder das, was ihnen wichtig erscheint, gut in den Medien dargestellt wird), 3. Die Medienorganisation und 4. Das journalistische Feld (also Berufsideologie, Pr&auml;gungen etc.). <\/p><p>Die letzte Ver&ouml;ffentlichung in diesem Zusammenhang in Deutschland, die f&uuml;r Furore sorgte, ist das Buch die &bdquo;Vierte Gewalt&ldquo; von Richard David Precht und Harald Welzer. Sie diagnostizieren in diesem Buch ein &bdquo;frappierend einheitliches Meinungsbild&ldquo;, insbesondere in Bezug auf den Ukraine-Krieg und die Forderung nach immer mehr Waffen bei gleichzeitiger Delegitimierung aller Stimmen, die sich anders &auml;u&szlig;ern. Und allein wie dieses Buch im Gro&szlig;teil des bundesdeutschen Feuilletons rezipiert wurde, best&auml;tigt die These eindrucksvoll. Oder man denke an die skandalisierende Berichterstattung &uuml;ber die Vortr&auml;ge zu den Hintergr&uuml;nden des Ukraine-Kriegs von Krone-Schmalz und Ulrike Gu&eacute;rot. Erst letzte Woche hatten die Malteser die R&auml;umlichkeit f&uuml;r eine Veranstaltung mit den beiden in Mainz aufgek&uuml;ndigt, nachdem es zuvor das entsprechende mediale Vorbereitungsfeuer gab. <\/p><p>Ich pers&ouml;nlich finde aber f&uuml;r eine Analyse des Zustandes der deutschen Medienlandschaft einen Klassiker aus den 1980er Jahren am zielf&uuml;hrendsten. 1988 ver&ouml;ffentlichten Noam Chomsky und Edward Herman das Buch&nbsp;<a href=\"https:\/\/edisciplinas.usp.br\/pluginfile.php\/5537300\/mod_resource\/content\/1\/Noam%20Chomsky_%20Edward%20S.%20Herman%20-%20Manufacturing%20Consent_%20The%20Political%20Economy%20of%20the%20Mass%20Media-Bodley%20Head%20%282008%29.pdf\">&bdquo;Manufacturing Consent&ldquo;<\/a>, auf Deutsch wurde dies mit &bdquo;Konsensfabrik&ldquo; &uuml;bersetzt. Dieses Buch wurde Anfang der 2000er Jahre nochmals aktualisiert. Hauptthese ist, dass die Massenmedien &bdquo;wirkungsvolle und m&auml;chtige ideologische Institutionen sind, die eine systemerhaltende Propagandafunktion erf&uuml;llen. Sie st&uuml;tzen sich auf die Kr&auml;fte des Marktes, internalisierte Annahmen und eine Selbstzensur, dabei besteht aber kein offener Zwang&ldquo;.<\/p><p>Das von Chomsky &amp; Co daf&uuml;r entwickelte Propagandamodell umfasst f&uuml;nf Filter und besagt, dass Medien in kapitalistischen Demokratien einen gesellschaftlichen Konsens im Sinne der wirtschaftlichen und politischen Eliten herstellen.&nbsp;<\/p><p>Die f&uuml;nf Filter auf dem Weg zur Produktion von Konsens lauten:&nbsp;<\/p><ol>\n<li>Gr&ouml;&szlig;e, Besitzverh&auml;ltnisse und Profitorientierung<\/li>\n<li>Werbung<\/li>\n<li>Quellen der Massenmedien<\/li>\n<li>Flak (negative Reaktion der M&auml;chtigen auf kritische Berichterstattung)&nbsp;<\/li>\n<li>Herrschende Ideologie als Kontrollmechanismus (im Sinne eines Feindbildaufbaus)<\/li>\n<\/ol><p>Beginnen wir mit dem ersten Filter, den Eigentumsverh&auml;ltnissen hier in der BRD. In Deutschland beherrscht etwas mehr als eine Handvoll von Konzern-Verlagen einen Gro&szlig;teil des privaten Presse- und allgemeinen News-Marktes.<\/p><ol>\n<li>Axel Springer,<\/li>\n<li>Bauer Media Group, <\/li>\n<li>Bertelsmann, <\/li>\n<li>Holtzbrinck-Verlagsgruppe,<\/li>\n<li>Die Madsack Mediengruppe, an der, nicht zu vergessen, die SPD mit ihrem Medienbeteiligungsunternehmen &bdquo;Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft&ldquo; mit &uuml;ber 23 Prozent den gr&ouml;&szlig;ten Anteil h&auml;lt.<\/li>\n<li>Es folgen noch Burda Media,<\/li>\n<li>und last but not least die Funke Mediengruppe, die hier in Dortmund etwa die WAZ sowie die Westf&auml;lische Rundschau herausbringt.<\/li>\n<\/ol><p>Die genannten sieben Konzerne dominieren aber nicht nur den Pressemarkt, sondern auch die journalistische Ausbildung in diesem Land: Die Henri-Nannen-Schule geh&ouml;rt gr&ouml;&szlig;tenteils Bertelsmann, dann gibt es noch die Burda-Journalisten-Schule, die Holtzbrinck-Schule sowie die Springer-Akademie. Bei den letzten Dreien sagen die Namen ja schon, wer inhaltlich und finanziell hinter diesen Journalisten-Schulen steht. Das hei&szlig;t, hinter den gro&szlig;en und zentralen Ausbildungsst&auml;tten f&uuml;r Journalisten in Deutschland stecken die einflussreichsten Medienkonzerne der Republik. <\/p><p>Es versteht sich fast von selbst, was f&uuml;r eine enorme Filterwirkung von dieser Art der Ausbildungsrealit&auml;t auf angehende Journalisten ausgeht. Menschen, die etwa das herrschende kapitalistische Wirtschaftssystem hinterfragen oder auch nur eine kritischere Haltung zur aktuellen Rolle Deutschlands im Ukraine-Krieg einnehmen, werden im Zweifel in so einem Kontext bereits bei der Vorauswahl rausgefiltert oder sind halt gezwungen, sich langfristig zu verbiegen und zu verstellen. <\/p><p>Apropos Filter und Pr&auml;gungen, hier ist noch bemerkenswert zu erw&auml;hnen, dass die famili&auml;re Weitergabe des Berufes von einer Generation zur n&auml;chsten bei Journalisten &auml;hnlich hoch ausgepr&auml;gt ist wie sonst nur bei Medizinern und Anw&auml;lten. Was nat&uuml;rlich nochmal einen zus&auml;tzlichen sozialen Filter in der Branche mit sich bringt. Damit w&auml;ren wir auch wieder beim Doxa von Bourdieu gelandet. <\/p><p>Bis heute pr&auml;gt die gehobene westdeutsche Mittelschicht die Leitungsfunktionen der Redaktionen. Egal ob Spiegel, S&uuml;ddeutsche, Welt oder FAZ oder auch Magdeburger oder Leipziger Volksstimme. Denn auch in Ostdeutschland gibt es kaum eine Redaktion, in welcher der Chefredakteur keinen westdeutschen Hintergrund hat. Das ist kein unerhebliches Detail. Denn meiner Beobachtung nach, und dies belegen ja auch zahlreiche Umfragen, ist etwa in Bezug auf die aktuelle Russland-Berichterstattung der Aspekt der Russophobie und Kalter-Kriegs-Denke viel ausgepr&auml;gter bei Menschen, die im Westen der Republik sozialisiert wurden. <\/p><p><em>In diesem Zusammenhang frage ich mich auch immer wieder, was der Gro&szlig;vater von Au&szlig;enministerin Annalena Baerbock ihr als Kind so erz&auml;hlt haben mag. Denn dieser war von 1939 an soweit bekannt ohne Unterbrechung an der Ostfront eingesetzt. Seinen &bdquo;Abwehrkampf&ldquo; an der Oder gegen sowjetische Soldaten (bei Baerbock ist nat&uuml;rlich immer von &bdquo;russischen&ldquo; die Rede) hat unsere amtierende AM &uuml;brigens mal in einem Interview mit dem Atlantic Council als &bdquo;ihre Inspiration&ldquo; f&uuml;r einen Kampf um ein &bdquo;wiedervereinigtes&ldquo; Europa bezeichnet. Man achte auch auf den von ihr gew&auml;hlten Begriff der &bdquo;Wiedervereingung Europas&ldquo;. Soviel zur Gedankenwelt der aktuellen Au&szlig;enministerin unseres Landes. <\/em><\/p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"X (Twitter)\" data-provider-slug=\"twitter\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Tweets werden Daten an X (ehemals Twitter) &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von X (Twitter) zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><blockquote class=\"external-2click-target twitter-tweet\">\n<p lang=\"de\" dir=\"ltr\">Kennt Ihr schon <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ABaerbock?ref_src=twsrc%5Etfw\">@ABaerbock<\/a>'s Auftritt beim <a href=\"https:\/\/twitter.com\/AtlanticCouncil?ref_src=twsrc%5Etfw\">@AtlanticCouncil<\/a>? <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/BaerbockforKanzlerin?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#BaerbockforKanzlerin<\/a> verkauft sich dort zun&auml;chst als Ostdeutsche (h&auml;?), um dann zu erz&auml;hlen, wie ihr Ostfront-Opa im Winter 45 an der Oder gegen die Rote Armee k&auml;mpfte. Dies sei ihre Inspiration f&uuml;r \"fighting for&#127466;&#127482;\"&hellip; <a href=\"https:\/\/t.co\/VJrnQcTnKO\">pic.twitter.com\/VJrnQcTnKO<\/a><\/p>\n<p>&mdash; Florian Warweg (@FWarweg) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/FWarweg\/status\/1395046719524585479?ref_src=twsrc%5Etfw\">May 19, 2021<\/a><\/p><\/blockquote><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"twitter\">Inhalte von X (Twitter) nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><p>  <\/p><p>Kommen wir nun zu Punkt 2 bei Chomsky: Der Werbung. Ein Gro&szlig;teil aller &uuml;berregionalen Tageszeitungen und auch Regionalzeitungen befindet sich wie erw&auml;hnt im Besitz von profitorientierten Konzernen, welche ihre Printerzeugnisse zum gr&ouml;&szlig;ten Teil &uuml;ber Anzeigen-Werbung finanzieren oder besser gesagt finanzierten.<\/p><p>Denn beinahe ausnahmslos sinken seit mindestens anderthalb Jahrzehnten nicht nur massiv die Auflagen, sondern als direkte Konsequenz auch die Einnahmen via Anzeigen, und damit auch die Renditen. Um dies mal an einer konkreten Zahl deutlich zu machen:<\/p><p>2019 betrug das Anzeigengesch&auml;ft der deutschen Printmedien noch 2,1 Mrd. Euro. Ein Jahr sp&auml;ter lag dies 2020 bei nur noch 1,7 Mrd. Ein fettes Minus von rund 400 Millionen Euro (und dabei sind in den 1,7 Mrd. die massiven staatlichen Querfinanzierungen etwa in Form von Werbekampagnen der Bundesregierung im Zuge der Corona-Krise, insbesondere des Gesundheitsministeriums, schon eingerechnet &ndash; der R&uuml;ckgang w&auml;re sonst noch signifikanter ausgefallen). Diese Tendenz setzte sich auch 2022 fort, hier kam, zumindest im Printgesch&auml;ft auch noch der massiv gestiegene Papierpreis hinzu. <\/p><p>Im konkreten Fall f&uuml;hren die sinkenden Werbeeinnahmen zum einen zu einer gr&ouml;&szlig;eren Abh&auml;ngigkeit von den verbliebenen Werbepartnern und damit auch zu einem mutma&szlig;lichen Anstieg der inneren Zensur-Schere. Vielleicht doch lieber auf die Enth&uuml;llungsstory &uuml;ber VW verzichten, denkt der verantwortliche Cicero-Redakteur (fiktives Beispiel), wissend, dass dieser Konzern als einer der wenigen relevanten Anzeigen-Kunden &uuml;briggeblieben ist.<\/p><p>Zum anderen f&uuml;hrt dieser Niedergang an Werbeeinnahmen aus privaten Quellen zu einer zunehmenden Querfinanzierung durch staatliche Stellen, mit &auml;hnlicher Konsequenz. Man wird sich in der PR-Abteilung und Redaktion von ZEIT oder S&uuml;ddeutsche 3-mal &uuml;berlegen, ob man z.B. die Aussagen des amtierenden Gesundheitsministers oder Verteidigungsministers kritisiert, wenn die Hauptwerbeeinnahmen dieser Zeitungen aus dem Topf des jeweiligen Ministeriums stammen.<\/p><p>In diesem Zusammenhang sei auch beispielhaft auf die bereitgestellten 220 Millionen Euro f&uuml;r &bdquo;Digitalisierung von Zeitungsverlagen&ldquo; im Nachtragshaushalt der Bundesregierung von 2020 verwiesen. Die z.B. in den staatlich finanzierten Erwerb von Zeitungs-Digitalabos f&uuml;r Sch&uuml;ler und Schulen flossen. <\/p><p><em>Kurze Anmerkung\/Erg&auml;nzung in diesem Zusammenhang: Der Ansatz der Medienkonzerne, &uuml;ber verst&auml;rkte Investitionen in Online-Abos (Bezahlschranken) den massiv sinkenden Auflagen etwas entgegenzusetzen, hat sich bisher nicht ausgezahlt. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, schreiben derzeit fast alle Medienkonzerne soweit bekannt rote Zahlen oder zumindest keinen Gewinn mit ihrem Online-Angebot. <\/em><\/p><p>Die Aufgabe der Medien als Vierte Gewalt, als watch-dog und Kontrolleur der Politik, insbesondere der Exekutive, wird angesichts dieser zunehmenden Querfinanzierung und damit auch zunehmender Abh&auml;ngigkeit von Regierungszahlungen geradezu ad absurdum gef&uuml;hrt. Hier seien zudem noch die k&uuml;rzlich bekannt gewordenen Zahlungen in H&ouml;he von 2,3 Millionen Euro der Bundesregierung <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94769\">an ausgew&auml;hlte Journalisten<\/a> allein in den letzten f&uuml;nf Jahren erw&auml;hnt. Diese &bdquo;Einzelhonorare&ldquo; f&uuml;r Moderation oder Konzepterstellung im Auftrag von Ministerien beliefen sich teilweise im f&uuml;nfstelligen Bereich und entsprachen damit mehreren durchschnittlichen Monatsl&ouml;hnen. <\/p><p>Kommen wir jetzt zum dritten Filter von Chomskys Modell, der Abh&auml;ngigkeit der Massenmedien von gewissen Quellen.<\/p><p>Insbesondere die sogenannten &bdquo;Leitmedien&ldquo; sind f&uuml;r ihre Berichterstattung abh&auml;ngig von &bdquo;offiziellen Quellen&ldquo;, die zumeist von Beh&ouml;rden, Regierungsvertretern und Konzernen bereitgestellt werden. Angesichts von zunehmend ausged&uuml;nnten Redaktionen, selbst bei gr&ouml;&szlig;eren Medien, f&uuml;hrt dies zu zwei prinzipiellen und zunehmenden Einschr&auml;nkungen sowie Abh&auml;ngigkeiten:<\/p><p>Erstens: Man ist froh, &uuml;berhaupt ein Statement, eine Information bekommen zu haben, am besten noch exklusiv. Da gibt es neben der Tatsache, dass der jeweilige Redakteur kaum noch die Recherchezeit hat, um die Aussagen dieser Quelle gegenzuchecken und zu hinterfragen, den anderen Aspekt, dass es auch grunds&auml;tzlich wenig Motivation gibt, dies zu tun, denn man will sich die Quelle (und zudem oft noch potenziellen Anzeigenkunden) ja gewogen halten.<\/p><p>Zum Aspekt der &bdquo;Exklusivit&auml;t&ldquo; noch kurz ein Verweis auf das Vorgehen der CIA w&auml;hrend des Vietnam-Krieges. Der NSA-Whistleblower Edward Snowden hatte Ende letzten Jahres einen spannenden Ausschnitt aus einem Interview von 1983 mit dem CIA-Agenten Frank Snepp auf Twitter gepostet, der exemplarisch die Fallstricke von &bdquo;exklusiven&ldquo; News beleuchtet. Snepp <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90167\">schildert<\/a> dort, wie er in Vietnam von 1969 bis 1976 im Auftrag der CIA-Chefetage die renommiertesten Korrespondenten von New York Times, Newsweek etc. mit angeblich exklusiven News versorgte. Das waren aber alles erfundene Geschichten, die nur dazu dienten, den Vietcong zu diffamieren und die Pro-Kriegsstimmung in den USA am Laufen zu halten. Fast alle Journalisten bissen an und wollten unbedingt die &bdquo;exklusiven&ldquo; CIA-News. Kaum jemand versuchte, diese zu verifizieren, zu froh war man &uuml;ber die angeblichen Exklusiv-News. Snepp distanzierte sich sp&auml;ter von seinem Agieren und ging an die &Ouml;ffentlichkeit. Die CIA verklagte ihn daraufhin. Aber nicht etwa, weil er etwas Falsches gesagt h&auml;tte, sondern weil er aus Sicht des US-Geheimdienstes &bdquo;Berufsgeheimnisse&ldquo; &uuml;ber den manipulativen Umgang der CIA mit der Presse verraten hatte. <\/p><p>Zur&uuml;ck nach Deutschland. Um sich mal beispielhaft die Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse von einer potenziellen offiziellen &bdquo;Quelle&ldquo; im Verh&auml;ltnis zu Journalisten vor Augen zu f&uuml;hren: Im Bundespresseamt, das keine andere Aufgabe hat, als die Bundesregierung und insbesondere den Kanzler in ein gutes Licht zu stellen und Journalisten mit entsprechenden Infos zu versorgen, arbeiten insgesamt 480 feste Mitarbeiter. Das Budget betr&auml;gt &uuml;ber 180 Millionen Euro. Daneben gibt es Hunderte weitere Mitarbeiter in den Presseabteilungen der anderen Ministerien. Von diesem Personalschl&uuml;ssel und Budget kann eine durchschnittliche Redaktion nur tr&auml;umen.<\/p><p>Kommen wir jetzt zum zweiten zentralen Problem bzgl. der Abh&auml;ngigkeit von Quellen. Die zentrale Rolle von Nachrichtenagenturen. Im konkreten deutschen Fall zeigt sich dies in der zunehmenden Bedeutung und Direkt&uuml;bernahme von Beitr&auml;gen der Deutschen Presseagentur (dpa), die in der Bundesrepublik eine De-facto-Monopolstellung innehat.<\/p><p>Selbst bei Zeitungen, die sich eine gewisse diskursive Offenheit erlauben, wie etwa der Berliner Zeitung, setzt sich der Politik-Teil in der Printausgabe zu fast 100 Prozent aus Direkt&uuml;bernahmen von dpa-Artikeln zusammen. Das f&uuml;hrt zu einer enormen diskursiven Dominanz und Framing-M&ouml;glichkeiten. Dies zeigt sich besonders ausgepr&auml;gt an Wochenenden, in denen die Online-Redaktionen noch d&uuml;nner besetzt sind. Das Ph&auml;nomen, dass zahlreiche Zeitungen und auch deren Online-Ausgaben oft genau identische &Uuml;berschriften haben, zeigt sich aus diesem Grund auch insbesondere am Wochenende und bei den Montagsausgaben. &bdquo;Exklusiv&ldquo;-Geschichten der dpa kommen deswegen auch oft am Wochenende, weil dann die dpa-Verantwortlichen mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen k&ouml;nnen, dass fast alle Medien diese 1:1 &uuml;bernehmen, weil sie dringend Material, das ohne gro&szlig;en Personalaufwand erstellt werden kann, zur Ver&ouml;ffentlichung brauchen.<\/p><p>Zur Framing- und Manipulationsmacht der <em>dpa<\/em> ein Beispiel aus meiner pers&ouml;nlichen Erfahrung. So zitierte die dpa im Februar 2021 Sachsen-Anhalts Ministerpr&auml;sidenten Reiner Haseloff in einer Tickermeldung, die so unter anderem direkt von der S&uuml;ddeutschen, ZEIT und vielen anderen deutschen Medien &uuml;bernommen wurde, mit den Worten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es ist wichtig, direkt das russische Regime zu treffen&ldquo;, sagte der CDU-Politiker der <em>Deutschen Presse-Agentur<\/em>.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Da ostdeutsche Ministerpr&auml;sidenten, im Gegensatz zu ihren westlichen Kollegen, den Terminus &bdquo;Regime&ldquo; in Bezug auf Russland eigentlich nie &ouml;ffentlich benutzen (zumindest nicht vor dem 24. Februar 2022), fragte ich damals aus journalistischer Neugierde direkt beim Regierungssprecher von Sachsen-Anhalt, Dr. Matthias Schuppen, nach, ob Herr Haseloff dies wirklich so formuliert hat. Dieser schickte mir umgehend die autorisierten Zitate des Ministerpr&auml;sidenten und erkl&auml;rte: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Von &sbquo;Regime&lsquo; ist darin keine Rede, es hei&szlig;t dort &sbquo;Verantwortliche&lsquo;&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>Die <em>dpa<\/em> &auml;nderte dies zwar sp&auml;ter, aber wirklich erst nach meiner damaligen Nachfrage beim Pressesprecher und dann bei der <em>dpa<\/em>.<\/p><p>Man stelle sich das Medienecho und insbesondere die Reaktion der selbsternannten &bdquo;Faktenchecker&ldquo; (deren Rolle ist nochmal ein ganz eigenes Thema, das den heutigen Rahmen sprengen w&uuml;rde) vor, wenn nicht die dpa, sondern eine nicht-westliche Nachrichtenagentur wie die russische TASS oder die chinesische Xinhua einem deutschen Ministerpr&auml;sidenten ein verf&auml;lschtes Zitat in den Mund gelegt h&auml;tte.<\/p><p>Vor diesem Hintergrund wirft es auch ein bezeichnendes Licht, dass ausgerechnet die dpa, die t&auml;glich Dutzende Artikel raushaut, davon regelm&auml;&szlig;ig einige auf fragw&uuml;rdiger Quellenbasis, mittlerweile eine der gr&ouml;&szlig;ten Faktencheck-Abteilungen in der Bundesrepublik f&uuml;hrt und in diesem Zusammenhang auch mit Facebook zusammenarbeitet und daf&uuml;r entsprechend entlohnt wird. Es ist, welch &Uuml;berraschung, kein einziges Beispiel bekannt, dass dpa-Faktenchecker sich mal einen ihrer eigenen Artikel vorgenommen h&auml;tten oder einen ihrer Gesellschafter. Material h&auml;tte es genug gegeben: <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230718-Dortmund-Screen3_dpa.jpeg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230718-Dortmund-Screen3_dpa.jpeg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Apropos Gesellschafter. Die rund 170 Gesellschafter der <em>dpa<\/em> sind &uuml;brigens ausschlie&szlig;lich Medienunternehmen wie Verlage und Rundfunkanstalten. Damit sind Gesellschafter und Kunden der Nachrichtenagentur gr&ouml;&szlig;tenteils identisch. Ein in der Welt ziemlich einmaliges und verqueres Konstrukt.<\/p><p>Falls es trotz der bereits aufgez&auml;hlten Ma&szlig;nahmen doch mal dazu kommen sollte, dass die Grenzen des Sagbaren aus Sicht der Politik- und Wirtschaftseliten &uuml;bertreten werden, greift der vierte Filter. Chomsky und Herman nennen dies FLAK (in direkter Referenz auf die deutsche Flugabwehrkanone).<\/p><p>Bei Nicht-Gefallen von Berichterstattung wird es laut und h&auml;sslich und es wird mit schwerem Gesch&uuml;tz geschossen. Es folgen Anrufe, Drohungen, Anzeigen nicht mehr zu schalten, bis hin zur Absetzung oder Nicht-Verl&auml;ngerung von Arbeitsvertr&auml;gen. Ein eklatantes Beispiel ist etwa die Nicht-Verl&auml;ngerung des Arbeitsvertrages des politisch der CDU nicht genehmen ZDF-Chefredakteurs und ehemaligen Weltspiegel-Moderators Nikolaus Brender 2009. Soviel &uuml;brigens auch zur proklamierten &bdquo;Staatsferne&ldquo; des ZDF-Verwaltungsrats, in dem sich die Unionsparteien damals tats&auml;chlich mit ihrer Forderung durchsetzen konnten, den ihnen zu &bdquo;links&ldquo; agierenden Brender abzusetzen.<\/p><p>Unter &bdquo;Flak&ldquo; fallen aber auch subtilere Einflussma&szlig;nahmen, wie etwa die vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall initiierte und finanzierte &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo;. Sie flankierte die mediale Durchsetzung der Agenda 2010. Und dies sehr erfolgreich. Im Ansatz zun&auml;chst kritische Berichterstattung zu Hartz IV, etwa im Spiegel, verschwand nach Interventionen der Initiative recht schnell, unter anderem indem es gelang, Begriffe wie &bdquo;Reform&ldquo; oder &bdquo;Eigenverantwortung&ldquo; in den medialen Diskurs im Sinne der Unternehmerverb&auml;nde einzuf&uuml;hren. Damit &auml;nderte sich nachweislich das massenmediale Urteil zur damaligen rot-gr&uuml;nen Agendapolitik. <\/p><p>Eine kleine, aber vielsagende Anekdote, wie diese &bdquo;Flak&ldquo; auch aussehen kann, kann ich noch aus meiner Zeit in der Bundespressekonferenz beisteuern. Ein deutscher Mitarbeiter einer japanischen Nachrichtenagentur sa&szlig; lange Zeit hinter mir in der BPK. Wir kamen dann irgendwann ins Gespr&auml;ch und ich fragte ihn, wieso er zwar in der BPK sitzt, sich aber seit Monaten nie zu Wort meldet. Seine Antwort: Er h&auml;tte zu Beginn seiner Pr&auml;senz in der BPK eine Frage zu Assange gestellt. Am n&auml;chsten Tag h&auml;tte ihn der Chefredakteur in sein B&uuml;ro bestellt. Die japanische Botschaft h&auml;tte sich bei ihm gemeldet und erkl&auml;rt, das Ausw&auml;rtige Amt h&auml;tte sich &uuml;ber die Frage in der BPK beschwert und zu verstehen gegeben, dass es besser w&auml;re, dieses Thema nicht zu thematisieren. Der Chefredakteur nannte das &bdquo;Info-Loop&ldquo; und erkl&auml;rte ihm, dass dies durchaus &uuml;blich sei bei sensiblen Themen im &bdquo;Gastland&ldquo;. Seitdem sa&szlig; der noch recht junge Journalist nur noch eingesch&uuml;chtert und schweigsam in der BPK. Er verlie&szlig; dann nach einigen Monaten die BPK und die Agentur &ndash; weil sein Vertrag nicht verl&auml;ngert wurde.<\/p><p>Abschlie&szlig;end f&uuml;hrt Chomsky als f&uuml;nften Filter &bdquo;Herrschende Ideologie als Kontrollmechanismus&ldquo; im Sinne eines Feindbildaufbaus ein. Im Falle der USA der 1980er Jahre nennt Chomsky den Antikommunismus als wirkm&auml;chtigsten ideologischen Kit. Ihr k&ouml;nntet jetzt einwenden, dass Antikommunismus heute nicht mehr so wirkm&auml;chtig ist wie noch in den 1980er Jahren. Damit habt Ihr wohl recht. Aber lasst mich aus der Einf&uuml;hrung Chomskys zum f&uuml;nften Filter zitieren:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn der Triumph des Kommunismus das schlimmste vorstellbare Ergebnis ist, wird die Unterst&uuml;tzung des Faschismus im Ausland als kleineres &Uuml;bel gerechtfertigt. Die Ablehnung von Sozialdemokraten, die zu nachgiebig gegen&uuml;ber den Kommunisten sind und ihnen &bdquo;in die H&auml;nde spielen&ldquo;, wird mit &auml;hnlichen Begriffen rationalisiert. Die Liberalen im eigenen Land, die oft beschuldigt werden, prokommunistisch oder unzureichend antikommunistisch zu sein, sind st&auml;ndig in der Defensive in einem kulturellen Milieu, in dem der Antikommunismus die vorherrschende Religion ist.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Ersetzt einfach &bdquo;Kommunismus&ldquo; durch &bdquo;Russland&ldquo; oder &bdquo;Kreml&ldquo; und die Analyse von Chomsky ist pl&ouml;tzlich wieder hochaktuell und genau so als Filterelement auch auf Deutschland anwendbar. Einige Beispiele hatte ich ja schon genannt: (Precht, Krone-Schmalz, Wagenknecht oder auch den Umgang mit dem Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion, Rolf M&uuml;tzenich, weil er sich teilweise kritisch zur Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine ge&auml;u&szlig;ert hatte). <\/p><p>Der Vorteil des Propagandamodells von Chomsky und Herman liegt meiner Ansicht nach vor allem darin begr&uuml;ndet, dass es, im Gegensatz zu den in Deutschland prominenten Erkl&auml;rungsans&auml;tzen, den Fokus vor allem auf die &ouml;konomischen Bedingungen der massenmedialen Produktion von &bdquo;Informationen&ldquo; und deren Manipulationen legt. Die Frage nach den Besitzverh&auml;ltnissen der Medien fehlt zum Beispiel im neuen Buch von Precht und Welzer komplett. Ich glaube, auch aus eigenem Erleben, dass materialistische Aspekte eher als Erkl&auml;rungsmuster f&uuml;r den Zustand der deutschen Medienlandschaft dienen als moralisch oder psychologisch argumentierende Ans&auml;tze. Zumindest bei den privatrechtlich organisierten Medien. Beim &ouml;fffentlich-rechtlichen Rundfunk sind es wiederum weniger materialistische Aspekte, da hilft als Erkl&auml;rung wohl Bourdieu mehr als Chomsky.<\/p><p>Lassen Sie mich mit einem Zitat des legend&auml;ren Generalsekret&auml;rs der franz&ouml;sischen Gewerkschaft CGT, L&eacute;on Jouhaux, schlie&szlig;en. Vor ziemlich genau 100 Jahren, im Sommer 1913, erkl&auml;rte dieser nach einer Schmutzkampagne aller Pariser Tageszeitungen gegen die Gewerkschaft wegen der Organisation einer umfassenden Streikbewegung:<\/p><p>&laquo;&nbsp;Que signifie une presse libre, si elle demeure aux mains des dominants? &raquo;<\/p><p>&bdquo;Was bedeutet eine &bdquo;freie&ldquo; Presse, wenn sie in den H&auml;nden der Herrschenden bleibt?&ldquo;<\/p><p>Genau diese Frage k&ouml;nnen und m&uuml;ssen wir uns wohl heute noch genauso stellen, gerade auch in Bezug auf die derzeit extrem einseitige und fast immer die existierenden Hegemonieverh&auml;ltnisse st&uuml;tzende Berichterstattung in diesem Land. <\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101327\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: Veranstaltung von Attac Dortmund, Florian Warweg<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100928\">Das Video zum 36. 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Florian Warweg verfolgt bei dem Vortrag einen induktiven Ansatz,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101250\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":101251,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[41,182,11,211],"tags":[238,757,1269,1545,1672,2005,3260,1544,304,2669,958,3449,259,408,260,244,3273],"class_list":["post-101250","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-medienanalyse","category-medienkonzentration-vermachtung-der-medien","category-strategien-der-meinungsmache","category-veranstaltungshinweiseveranstaltungen","tag-attac","tag-bourdieu-pierre","tag-chomsky-noam","tag-dpa","tag-embedded-journalism","tag-fake-news","tag-feindbild","tag-kampagnenjournalismus","tag-kriegsverbrechen","tag-leitmedien","tag-medienwirtschaft","tag-propagandamodell","tag-russland","tag-soziale-herkunft","tag-ukraine","tag-vierte-gewalt","tag-warweg-florian"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/230718-Dortmund-Cover_Attac.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/101250","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=101250"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/101250\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101368,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/101250\/revisions\/101368"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/101251"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=101250"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=101250"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=101250"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}