{"id":10129,"date":"2011-07-19T08:48:02","date_gmt":"2011-07-19T06:48:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10129"},"modified":"2014-09-09T10:38:17","modified_gmt":"2014-09-09T08:38:17","slug":"anmerkungen-zum-ard-sommerinterview-der-kanzlerin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10129","title":{"rendered":"Anmerkungen zum ARD-Sommerinterview der Kanzlerin"},"content":{"rendered":"<p>Bei Interviews und Stellungnahmen der Bundeskanzlerin, so auch bei ihrem <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/merkel2316.html\">ARD-Sommerinterview<\/a>, fragt man sich bisweilen, ob sie eigentlich selbst von der Redlichkeit und Sinnhaftigkeit ihrer eigenen Aussagen &uuml;berzeugt ist. Von unserem Leser G.K.<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li>Frau Merkel diagnostiziert zun&auml;chst einmal zutreffend, die Eurozone leide an auseinanderdriftenden Wettbewerbsf&auml;higkeiten der Eurozonen-Staaten. Die zwischen den Zeilen anklingende Kritik Merkels bezieht sich jedoch wohl wieder einmal ausschlie&szlig;lich auf die kriselnden Eurozonen-Staaten. (Z.B. eine Umschuldung h&auml;tte &ldquo;den negativen Effekt, dass sich auch andere L&auml;nder nicht mehr so anstrengen&rdquo;.)  Nach dieser Lesart haben etwa bez&uuml;glich der Lohnentwicklung ausschlie&szlig;lich diese Staaten &ldquo;ges&uuml;ndigt&rdquo;. Die deutsche Wirtschaft hingegen, so wird suggeriert, habe sich die Wettbewerbsvorteile seit Ende der 90er Jahre mit innovativen und qualitativ einzigartigen Produkten hart erarbeitet. Der hiesige Au&szlig;enhandels&uuml;berschuss (Saldo aus Exporten und Importen) sei aufgrund eigner &ldquo;Verdienste&rdquo; in die H&ouml;he geschossen. Es wird unterschlagen, dass die deutsche Exportwirtschaft bereits zu DM-Zeiten &uuml;ber innovative und qualitativ hochwertige Produkte (z.B. im Maschinenbau, in der Automobil- oder Chemieindustrie) verf&uuml;gte.\n<p>Hinsichtlich der Produktivit&auml;tsentwicklung zeigte die deutsche Wirtschaft seit der Jahrtausendwende im Vergleich zu den &uuml;brigen Staaten der Eurozone keineswegs einen &ldquo;Produktivit&auml;tsschub&rdquo;. Der NachDenkSeiten-Beitrag <a href=\"?p=9991\">&ldquo;Eurozone stabilisieren&rdquo;<\/a> zeigt vielmehr auf, dass neben (m&ouml;glicherweise) &uuml;berh&ouml;hter Lohnsteigerungen in mehreren europ&auml;ischen Staaten (v.a. in Griechenland) das Lohndumping der gr&ouml;&szlig;ten europ&auml;ischen Volkswirtschaft ein ma&szlig;geblicher Faktor f&uuml;r das Auseinanderdriften der europ&auml;ischen Wettbewerbsf&auml;higkeiten ist:<\/p>\n<blockquote><p>&ldquo;Diese &bdquo;Wettbewerbsl&uuml;cke&ldquo; gr&uuml;ndet entgegen allgemeiner Vorurteile nicht auf einer besonderen Innovationsfreudigkeit Deutschlands einerseits und der Produktivit&auml;tserlahmung Griechenlands bzw. anderer Krisenl&auml;nder andererseits. Denn die Produktivit&auml;t ist in Deutschland j&auml;hrlich um 0,9 Prozent, in der Eurozone um 0,8 Prozent und in Griechenland immerhin um 2,1 Prozent gestiegen. Die Verbesserung der Wettbewerbsf&auml;higkeit Deutschlands und das Zur&uuml;ckfallen S&uuml;deuropas lief ausschlie&szlig;lich &uuml;ber die L&ouml;hne und &ndash; weil die Lohnst&uuml;ckkosten das interne Preisniveau dominieren &ndash; &uuml;ber die Preise. In S&uuml;deuropa stiegen die Lohnst&uuml;ckkosten um bis zu 30 Prozent, in Deutschland dagegen unter f&uuml;nf Prozent, wobei hier die Ausweitung des Niedriglohnsektors eine besondere Rolle spielte. Den Normalanstieg &ndash; Produktivit&auml;t plus Zielinflationsrate &ndash; repr&auml;sentiert Frankreich mit einer Erh&ouml;hung um gut 20 Prozent.&rdquo;<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Daten zeigen auf, dass Deutschland innerhalb der Eurozone am st&auml;rksten gegen eine an der Produktivit&auml;tsentwicklung und an der EZB-Zielinflationsrate orientierte Lohnpolitik versto&szlig;en hat. <\/p>\n<p>Dies wird auch aus den von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) publizierten Daten zur Lohn- und Gehaltsentwicklung von Vollzeit-Arbeitspl&auml;tzen im Zeitraum 2000 bis 2009 f&uuml;r 26 L&auml;nder deutlich. (Ver&ouml;ffentlicht wird von der ILO die <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/multimedia\/archive\/01376\/aufschwung_2_DW_Po_1376589z.jpg\">Entwicklung der inflationsbereinigten L&ouml;hne und Geh&auml;lter<\/a> f&uuml;r Vollzeit-Arbeitspl&auml;tze in der Privatwirtschaft)<\/p>\n<p>Deutschland belegte im Zeitraum 2000 bis 2009 in der ILO-Statistik zur Entwicklung der inflationsbereinigten absoluten H&ouml;he der L&ouml;hne und Geh&auml;lter f&uuml;r Vollzeit-Arbeitspl&auml;tze in der Privatwirtschaft (minus 4,5 Prozent) den letzten Platz! Dies zeigt: Das Zur&uuml;ckbleiben der deutschen Lohnst&uuml;ckkosten hinter der Produktivit&auml;tsentwicklung ist nicht auf einen st&auml;rkeren Produktivit&auml;tsanstieg in Deutschland zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, sondern auf eine miserable Entwicklung der absoluten H&ouml;he der hiesigen L&ouml;hne und Geh&auml;lter. <\/p>\n<p>Ein Blick auf die Entwicklung des deutschen Au&szlig;enhandelssaldos (Saldo von Exporten und Importen) zeigt, dass dieser im Jahre 1999 (dem Jahr der Fixierung der Euro-Umtauschkurse der ehemals eigenst&auml;ndigen Eurozonen-W&auml;hrungen) +65,2 Mrd. Euro betrug. Bis zum Jahre 2007 (dem Jahr vor Ausbruch der schweren Finanz- und Wirtschaftkrise) stieg dieser auf +195,3 Mrd. Euro an. Nach krisenbedingten R&uuml;ckg&auml;ngen in den Jahren 2008 und 2009 erh&ouml;hte sich der deutsche Au&szlig;enhandelssaldo im vergangenen Jahr wieder auf +153,3 Mrd. Euro. Auch im laufenden Jahr wird gegen&uuml;ber 2010 ein erneuter deutlicher Anstieg prognostiziert. Die deutsche Exportwirtschaft profitiert im Au&szlig;enhandel wegen des hiesigen Lohndumpings nicht nur gegen&uuml;ber den &uuml;brigen Staaten der Eurozone. Die Au&szlig;enhandelsdefizite zahlreicher Eurozonen-Staaten und die dadurch mit verursachten &ouml;konomischen Verwerfungen innerhalb Europas &uuml;ben einen Abwertungsdruck auf den Euro-Wechselkurs aus, wodurch die deutschen Exporte auch in Staaten au&szlig;erhalb der Eurozone zus&auml;tzlich angeheizt werden.<\/p><\/li>\n<li>Der Merkel-&Auml;u&szlig;erung, &ldquo;gerade Deutschland&rdquo; (treffender: die deutsche Exportwirtschaft) brauche den Euro &ldquo;ganz  besonders&rdquo;, ist aus der Perspektive der deutschen Exportwirtschaft nicht zu widersprechen. So <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/wirtschaft\/krise\/jaemmerlich\/-\/1471908\/8605642\/-\/index.html\">schreibt Robert von Heusinger<\/a> im Hinblick auf eine verschiedentlich geforderte Wiedereinf&uuml;hrung der DM zutreffend:<br>\n<blockquote><p>&ldquo;Dass in diesem Jahr erstmals G&uuml;ter &uuml;ber mehr als eine Billion Euro ausgef&uuml;hrt werden, liegt auch am Euro. Warum? Weil die Produkte dank der niedrigen Lohnst&uuml;ckkosten hierzulande rund 20 Prozent zu billig in Euroland angeboten werden k&ouml;nnen. Und weil die neue D-Mark am Devisenmarkt bestimmt 30 Prozent gegen&uuml;ber dem gegenw&auml;rtigen Euro-Kurs aufwerten w&uuml;rde.&rdquo;<\/p><\/blockquote>\n<p>Jedoch darf nicht verschwiegen werden, dass der aus dem hiesigen Lohndumping der vergangenen Jahre resultierende Missbrauch des Euro-Wechselkursmechanismus zugleich f&uuml;r die &ouml;konomischen Schieflagen innerhalb der Eurozone ganz wesentliche Mitverantwortung tr&auml;gt. In Anlehnung an die Sportlersprache muss das in den vergangenen Jahren von Deutschland betriebene Lohn- und Sozialdumping ganz unmissverst&auml;ndlich als Doping tituliert werden. Das hierzulande von zahlreichen Medien, Politikern und &ldquo;Experten&rdquo; angefachte Gejammer vom Entstehen einer europ&auml;ischen &ldquo;Transferunion&rdquo; ist vor diesem Hintergrund heuchlerisch. Glauben diese im Geiste der neoliberalen Ideologie agierenden Herrschaften tats&auml;chlich, das in den vergangenen Jahren von den neoliberalen Interessenvertretern propagierte und praktizierte Foulspiel der deutschen Wirtschafts- und Sozialpolitik und der daraus resultierende Extraprofit zum Vorteil v.a. der hiesigen &ldquo;Eliten&rdquo; bliebe straf- und folgenlos? Leider ist zu bef&uuml;rchten, dass die deutschen Arbeitnehmer, Rentner und Arbeitslosen, auf deren R&uuml;cken das hiesige Lohn- und Sozialdumping der vergangenen Jahre ausgetragen wurde, letztendlich auch die aus den massiven &ouml;konomischen Verwerfungen in Europa resultierende Zeche werden zahlen m&uuml;ssen.<\/p><\/li>\n<li>Die Bundeskanzlerin weist die Kritik an den Ratingagenturen mit dem &ldquo;Argument&rdquo; zur&uuml;ck, Ratingagenturen seien ja &ldquo;nicht an sich b&ouml;se, sie weisen auf Schw&auml;chen hin.&rdquo; Angesichts des massiven &ouml;konomischen Schadens, den die Ratingagenturen im Vorfeld und w&auml;hrend der Finanzkrise angerichtet haben und weiter anrichten, kann diese Merkelsche Sch&ouml;nf&auml;rberei nur als zynisch bezeichnet werden. (Siehe auch den NachDenkSeiten-Beitrag <a href=\"?p=10067\">&ldquo;Ratingagenturen &ndash; ein zutiefst korruptes System&rdquo;<\/a>)\n<p>Ein Beispiel f&uuml;r die unver&auml;ndert vorhandene neoliberale Markth&ouml;rigkeit- und -gl&auml;ubigkeit Merkels dokumentiert folgender Passus des tagesschau.de-Beitrags: <\/p>\n<blockquote><p>&ldquo;Auf mittlere Sicht sei es wichtig, dass Europa auch eine Ratingagentur habe. Bisher habe es in der Wirtschaft aber kein Interesse gegeben. Sie w&uuml;rde es aber &ldquo;sehr begr&uuml;&szlig;en, wenn die europ&auml;ische Wirtschaft&rdquo; dazu k&auml;me, eine Agentur einzurichten, sagte die Kanzlerin.&rdquo;<\/p><\/blockquote>\n<p>Merkel m&ouml;chte scheinbar nur den einen Bock (also die wirtschaftsabh&auml;ngigen bisherigen Ratingagenturen) gegen den anderen Bock (eine von der europ&auml;ischen Wirtschaft abh&auml;ngige) austauschen und diesen dann zum neuen G&auml;rtner k&uuml;ren.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei Interviews und Stellungnahmen der Bundeskanzlerin, so auch bei ihrem <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/merkel2316.html\">ARD-Sommerinterview<\/a>, fragt man sich bisweilen, ob sie eigentlich selbst von der Redlichkeit und Sinnhaftigkeit ihrer eigenen Aussagen &uuml;berzeugt ist. 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