{"id":101297,"date":"2023-07-19T11:16:41","date_gmt":"2023-07-19T09:16:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101297"},"modified":"2023-08-16T10:33:58","modified_gmt":"2023-08-16T08:33:58","slug":"die-grosse-heuchelei-um-das-getreideabkommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101297","title":{"rendered":"Die gro\u00dfe Heuchelei um das Getreideabkommen"},"content":{"rendered":"<p>Russland hat das im Juli 2022 unter Vermittlung der UN und der T&uuml;rkei mit der Ukraine abgeschlossene Getreideabkommen auslaufen lassen. Das kann man kritisieren. Wer jedoch bei seiner Kritik die &auml;rmsten L&auml;nder der Welt f&uuml;r sich vereinnahmt, ist ein Heuchler. Nach den <a href=\"https:\/\/www.un.org\/en\/black-sea-grain-initiative\/data\">Daten der UN<\/a> gingen nur drei Prozent der unter diesem Abkommen verschifften ukrainischen Getreidelieferungen in die Staaten, die von der Weltbank als arm eingestuft werden. 81 Prozent der Lieferungen gingen nach China und die reichen Staaten des Westens, wo das Getreide meist als Tierfutter genutzt wird. Die USA und die EU m&uuml;ssten nur mit dem Finger schnippen und die Ern&auml;hrungssicherung der &auml;rmsten L&auml;nder w&auml;re gew&auml;hrleistet. Doch darum geht es ja nicht. Es geht darum, der Ukraine Exporteinnahmen zu sichern, mit denen sie den Krieg weiterf&uuml;hren kann. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9401\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-101297-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230719_Die_grosse_Heuchelei_um_das_Getreideabkommen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230719_Die_grosse_Heuchelei_um_das_Getreideabkommen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230719_Die_grosse_Heuchelei_um_das_Getreideabkommen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230719_Die_grosse_Heuchelei_um_das_Getreideabkommen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=101297-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230719_Die_grosse_Heuchelei_um_das_Getreideabkommen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230719_Die_grosse_Heuchelei_um_das_Getreideabkommen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wer sich gestern Abend die <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/sendung\/tagesschau_20_uhr\/ts-58900.html\">Tagesschau<\/a> angeschaut hat, wurde Zeuge davon, wie moderner Journalismus in ganz gro&szlig;em Stil auf die Tr&auml;nendr&uuml;se dr&uuml;cken kann und dabei gnadenlos manipuliert. Es hie&szlig; dort w&ouml;rtlich, dass das Auslaufen des Getreideabkommens &bdquo;besonders schlimm f&uuml;r Menschen in Ostafrika, Afghanistan oder Jemen&ldquo; sei, &bdquo;die Hilfe brauchen&ldquo;. Der SPIEGEL <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/news-sommerpause-getreideabkommen-russland-ukraine-barbie-wimbledon-alcaraz-djokovic-a-038b0b4b-0e46-4571-8646-b537acbcad2e\">titelte<\/a> &bdquo;Putins Spiel mit dem Hunger&ldquo; und unsere Au&szlig;enministerin <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/ukraine-annalena-baerbock-verlangt-von-wladimir-putin-verlaengerung-des-getreideabkommens-a-a15426d9-9658-49a5-8edd-ba53c7ec8fcc\">stie&szlig; ins gleiche Horn<\/a> und forderte Russlands Pr&auml;sidenten am Rande eines UN-Besuches auf, &bdquo;es zu unterlassen, Hunger als Waffe einzusetzen&ldquo;. Das ist starker Tobak. Das ist heuchlerisch und verwerflich.<\/p><p>Schauen wir uns doch einmal die offiziellen Daten der UN an. Der Sudan bekam unter dem Getreideabkommen gerade einmal 95.000 Tonnen Getreide aus der Ukraine &ndash; insgesamt importiert das ostafrikanische Land 2,7 Millionen Tonnen. Auch im letzten Jahr kam laut <a href=\"https:\/\/cbos.gov.sd\/ar\/periodicals-publications?field_publication_type_tid_i18n=48\">Daten der sudanesischen Zentralbank<\/a> der gr&ouml;&szlig;te Teil davon &uuml;brigens aus Russland. <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230719-Getreideabkommen-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230719-Getreideabkommen-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Quelle: UN<\/p><p>In den Jemen wurden immerhin 260.000 Tonnen Getreide aus der Ukraine geliefert &ndash; das sind aber auch nur etwas mehr als sechs Prozent der Gesamtimporte, die im letzten Jahr 4 Millionen Tonnen ausmachten. Die Versorgung des Jemen war dabei im letzten Sommer in der Tat prek&auml;r. Aber nicht wegen ausbleibender ukrainischer, sondern wegen zum Teil ausbleibender und sich durch die Sanktionen verteuerter russischer Getreideexporte. Dies wurde jedoch durch Exporte aus Australien und Indien <a href=\"https:\/\/www.acaps.org\/fileadmin\/Data_Product\/Main_media\/20220825_acaps_thematic_report_yah_global_wheat_supply.pdf\">kompensiert<\/a> &ndash; die Lieferungen im Rahmen des Getreideabkommens spielten kaum eine Rolle.<\/p><p>Und was hat Afghanistan mit dem Getreideabkommen zu tun? Nur sehr wenig. Afghanistan hat zwar in der Tat 131.000 Tonnen Getreide aus der Ukraine bezogen, was jedoch nur drei Prozent der Gesamtgetreideimporte entspricht. Diese Importe wurden &uuml;brigens ausschlie&szlig;lich indirekt &uuml;ber das Weltern&auml;hrungsprogramm der Vereinten Nationen abgewickelt. Das ist kein Wunder. Afghanistan importiert schlie&szlig;lich normalerweise kein Getreide aus der Ukraine. Die Getreideimporte kommen im Binnenstaat Afghanistan naturgem&auml;&szlig; meist nicht aus &Uuml;bersee, <a href=\"https:\/\/dlca.logcluster.org\/36-afghanistan-food-suppliers\">sondern<\/a> aus den &bdquo;Nachbarl&auml;ndern&ldquo; Pakistan, Turkmenistan und Kasachstan. F&uuml;r das kommende Jahr rechnen die Fachleute &uuml;brigens mit stark r&uuml;ckl&auml;ufigen Getreideimporten &ndash; nicht wegen des Krieges in der Ukraine, sondern weil die Taliban auf den ehemaligen Mohnfeldern nun Getreide anbauen, was das Land unabh&auml;ngiger von Nahrungsmittelimporten machen wird.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230719-Getreideabkommen-02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230719-Getreideabkommen-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Quelle: UN<\/p><p>In Summe bekamen diese drei armen L&auml;nder also unter dem Getreideabkommen 485.000 Tonnen Getreide aus der Ukraine. Das ist halb so viel, wie allein Israel im letzten Jahr &uuml;ber das Getreideabkommen aus der Ukraine importierte. Spanien hat &uuml;brigens unter dem Getreideabkommen sechs Millionen Tonnen und damit mehr als zw&ouml;lfmal so viel wie die in der Tagesschau mit Bildern hungernder Kinder instrumentalisierten armen L&auml;nder importiert. In Spanien gibt es keine hungernden Kinder, daf&uuml;r aber viele Schweine. Die werden mit ukrainischem Weizen gef&uuml;ttert und landen dann als Jamon Serrano oder Chorizo in unseren K&uuml;hltheken. Vergessen Sie die hungernden Kinder. Es geht um uns. <\/p><p>Und es geht um die Exporteinnahmen der Ukraine. Mit dem Wegfall des von Russland besetzten Kohle-, Stahl- und Industriereviers im Osten des Landes ist die Ukraine in puncto Exporte auf die Rolle eines Agrarstaats geschrumpft. Dass Russland ein Interesse daran hat, die Einnahmen der Ukraine wegbrechen zu lassen, ist verst&auml;ndlich. Guthei&szlig;en muss man das freilich nicht. Jeder Dollar, den die Ukraine nicht auf den Weltm&auml;rkten einnimmt, &bdquo;muss&ldquo; ihr, so will es der Westen ja offenbar, von ihren Finanziers &uuml;berwiesen werden. Schlie&szlig;lich will der Westen ja immer noch, dass die Ukraine Russland besiegt. Und das geht nunmal nicht ohne Geld. Das eigentliche Opfer des auslaufenden Getreideabkommens ist also noch nicht einmal die Ukraine &ndash; und es sind schon gar nicht die hungernden Kinder in Afrika &ndash;, sondern der Westen, der nun noch mehr Milliarden lockermachen muss. Dass dies bei Annalena Baerbock nicht gerade Freudentr&auml;nen ausl&ouml;st, ist verst&auml;ndlich.<\/p><p>Nun aber die &bdquo;Hungerkarte&ldquo; zu spielen, ist heuchlerisch. Ein Land, das doppelt so viel Mais wie die Ukraine exportiert und noch mehr exportieren k&ouml;nnte, sind beispielsweise die USA. In einem aktuellen <a href=\"https:\/\/apps.fas.usda.gov\/psdonline\/circulars\/grain.pdf\">Bericht<\/a> des US-Landwirtschaftsministeriums zum weltweiten Agrarhandel werden die USA als das Land aufgez&auml;hlt, dessen Maisexporte im letzten Jahr am st&auml;rksten zur&uuml;ckgegangen sind. Als Grund daf&uuml;r werden &bdquo;geringere vertragliche Verpflichtungen und zu niedrige Weltmarktpreise&ldquo; genannt. Was bedeutet das? Laut <a href=\"https:\/\/www.worldwildlife.org\/press-releases\/as-much-as-2-6-billion-of-corn-and-soy-never-leaves-us-farms\">WWF<\/a> wurden im letzten Jahr ganze 14 Millionen Tonnen Mais in den USA bereits auf den Farmen vernichtet, weil sich die Ernte und der Export finanziell nicht lohnen. Das sind &uuml;brigens rund 50 Prozent mehr, als die in der Tagesschau genannten armen Staaten insgesamt an Getreide importieren. Denken Sie mal dar&uuml;ber nach.<\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101583\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: Roman_studio\/shutterstock.com<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/cb814a3223d14fbd99f549fe198fd1b2\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Russland hat das im Juli 2022 unter Vermittlung der UN und der T&uuml;rkei mit der Ukraine abgeschlossene Getreideabkommen auslaufen lassen. Das kann man kritisieren. Wer jedoch bei seiner Kritik die &auml;rmsten L&auml;nder der Welt f&uuml;r sich vereinnahmt, ist ein Heuchler. 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