{"id":10139,"date":"2011-07-20T09:12:36","date_gmt":"2011-07-20T07:12:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10139"},"modified":"2014-09-09T10:39:11","modified_gmt":"2014-09-09T08:39:11","slug":"ein-westfalischer-schul-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10139","title":{"rendered":"Ein westf\u00e4lischer (Schul-)Frieden"},"content":{"rendered":"<p>Der gestern zwischen SPD\/Gr&uuml;nen und der CDU erzielte <a href=\"upload\/pdf\/110720_Schulkompromiss.pdf\">&bdquo;Schulkompromiss&ldquo; [PDF &ndash; 2 MB]<\/a> wird gefeiert wie der Westf&auml;lische Frieden, mit dem der Drei&szlig;ig J&auml;hrige Krieg beendet wurde. Ein St&uuml;ck weit trifft der Vergleich sogar zu, denn seit einem Volksbegehren &uuml;ber den ersten Anlauf zu einer &bdquo;kooperativen Schule&ldquo; im Jahre 1978, herrschten heftige Auseinandersetzungen &uuml;ber das Schulsystem in diesem Lande, einem der wenigen verbliebenen Herzst&uuml;cke der Landespolitik. Zwar wurde die Gesamtschule eingef&uuml;hrt und leider auch st&auml;ndig bek&auml;mpft, aber am dreigliedrigen Schulsystem hat sich letztlich nichts ge&auml;ndert. Die Hauptschule war in Art. 12 der Landesverfassung festgeschrieben und keine Regierungsmehrheit seit &uuml;ber 30 Jahren konnte diese Barriere &uuml;berwinden. Insofern ist die M&ouml;glichkeit der Einf&uuml;hrung eines &bdquo;Sekundarschule&ldquo; ein Fortschritt und vielleicht eine Chance. Doch mehr als eine Hoffnung besteht nicht. Von Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nBisher hie&szlig; es in der Landesverfassung: &bdquo;Die Volksschule umfasst die Grundschule als Unterstufe des Schulwesens und die Hauptschule als weiterf&uuml;hrende Schule.&ldquo; K&uuml;nftig soll diese Bestimmung lauten: &bdquo;Das Land gew&auml;hrleistet in allen Landesteilen ein ausreichendes und vielf&auml;ltiges &ouml;ffentliches Bildungs- und Schulwesen, das ein gegliedertes Schulsystem, integrierte Schulformen sowie weitere Schulformen umfasst.&ldquo;<\/p><p>Der Kompromiss ist in jedem Fall ein deutlicher R&uuml;ckschritt gegen&uuml;ber dem bisherigen schon nur als Kompromiss zu verstehenden Modell eines zweigliedrigen Schulsystems mit einer &bdquo;Gemeinschaftsschule&ldquo; (die ja letztlich nichts anderes als eine Gesamtschule ist) und dem Gymnasium. Der jetzt gefundene Kompromiss besteht letztlich darin, dass zum bisherigen dreigliedrigen Schulsystem aus Haupt-, Realschule und Gesamtschule nebst Gymnasium nunmehr noch eine weitere, f&uuml;nfte Schulform, die &bdquo;Sekundarschule&ldquo; hinzukommt. Das kann man freundlicherweise Schulvielfalt nennen, man kann aber mit dem gleichen Recht von einer Zunahme des Schul-Wirrwarrs sprechen. <\/p><p>Die CDU hat sich durchgesetzt, dass es auch noch in den n&auml;chsten 12 Jahren im Lande noch Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien geben kann und Rot-Gr&uuml;n setzt die Hoffnung darauf, dass sich durch demografisch bedingten Sch&uuml;lerr&uuml;ckgang und ver&auml;ndertes Elternwahlverhalten die Hauptschule als &bdquo;Restschule&ldquo; von selbst aufl&ouml;st. Daf&uuml;r gibt es einige Anzeichen, denn nicht zuletzt haben auch B&uuml;rgermeister in CDU-regierten Gemeinden mangels Masse f&uuml;r eine lokale Hauptschule (nur noch 13% der Sch&uuml;ler besuchen eine Hauptschule) ihre bisher starrk&ouml;pfigen und konservativen Parteioberen dazu gedr&auml;ngt, nicht mehr dogmatisch am dreigliedrigen Schulsystem festzuhalten.<\/p><p>Von Landesseite soll jedenfalls keine Schulform abgeschafft werden. Und genau daran k&ouml;nnten viele Hoffnungen von Rot-Gr&uuml;n platzen. Und zwar in mehrerlei Hinsicht. <\/p><p>Eine noch v&ouml;llig ungekl&auml;rte Frage ist, wie es denn zur Gr&uuml;ndung von &bdquo;Sekundarschulen&ldquo; kommen kann. Sie soll m&ouml;glich sein, wenn hierf&uuml;r ein Bed&uuml;rfnis besteht (Sch&uuml;lerzahlentwicklung und Befragung der Grundschuleltern). <\/p><p>Bedeutet das aber einen Schutz vor Getto-Hauptschulen f&uuml;r Bildungsbenachteiligte? Werden sich die Schulkonferenzen von bisherigen Realschulen nicht gegen die Zusammenf&uuml;hrung mit einer Hauptschule zu einer &bdquo;Sekundarschule&ldquo; stemmen? Zumal an Standorten, wo neben dem Gymnasium die letztverbliebene Schule m&ouml;glicherweise zu einer &bdquo;Sekundarschule&ldquo; umgewandelt wird. Was w&auml;re diese &bdquo;Sekundarschule&ldquo; in diesem Fall aber anderes als eine Hauptschule unter neuer Firma? Was &auml;nderte sich, wenn eine Hauptschule und eine Realschule nur organisatorisch in eine &bdquo;Sekundarschule&ldquo; zusammengefasst werden, die Teilstandorte aber de facto (kooperativ) als Haupt- und Realschule weitergef&uuml;hrt werden? <\/p><p>Das ganze Modell der &bdquo;Sekundarschule&ldquo; h&auml;tte nur Erfolg, wenn die Schultr&auml;ger (in der Regel die Kommunen) entscheiden w&uuml;rden, alle Hauptschulen abzuschaffen. Ob und wie oft das gelingt ist eine offene Frage. <\/p><p>Von Rot-Gr&uuml;n wird es als Erfolg f&uuml;r l&auml;ngeres gemeinschaftliches Lernen und damit f&uuml;r eine Verbesserung der Chancengleichheit von sozial benachteiligten Kindern betrachtet, dass in den Jahrg&auml;ngen 5 und 6 der &bdquo;Sekundarschule&ldquo; &bdquo;gemeinschaftlich und differenzierend zusammen gelernt&ldquo; werde. Wenn ich den Kompromiss richtig gelesen und verstanden habe, gilt das gemeinschaftliche Lernen aber nicht f&uuml;r die Kinder die sich aufs Gymnasium absetzen. Sie werden offenbar nach wie vor ab dem vierten Jahrgang getrennt und k&ouml;nnen ihr Bildungsziel Abitur anstreben. <\/p><p>Gerade diese Durchl&auml;ssigkeit bis zum Abitur wird aber (im Unterschied zur Gemeinschaftsschule) der neuen &bdquo;Sekundarschule&ldquo; verbaut. Sie ist nur &uuml;ber einen Schulwechsel auf ein Gymnasium, einer Gesamtschule oder auf ein Berufskolleg m&ouml;glich. Eine sehr hohe H&uuml;rde. Wie soll eine daf&uuml;r unerl&auml;ssliche Kooperation einer Vielzahl unterschiedlicher Schulen zustande kommen und funktionieren? M&uuml;ssten da nicht Lehrpl&auml;ne aufeinander abgestimmt oder sogar ein Lehreraustausch zwischen den unterschiedlichen Schulen stattfinden? <\/p><p>Die gesamte k&uuml;nftige Entwicklung des Schulwesens in Nordrhein-Westfalen ist also nicht vom politischen Willen des Gesetzgebers gesteuert, sondern dem guten Willen vor Ort &uuml;berlassen. <\/p><p>Hinter dem Streit um die verschiedenen Schulformen steht ja nicht &ndash; wie es immer wieder gesagt wird &ndash; eine dogmatische Strukturdebatte, sondern es geht um eine m&ouml;glichst optimale F&ouml;rderung der leistungsstarken und der leistungsschw&auml;cheren Sch&uuml;ler und vor allem auch um die &Uuml;berwindung eines Schulsystems, das &ndash; im Vergleich mit anderen entwickelten L&auml;ndern &ndash; die gr&ouml;&szlig;ten sozialen Benachteiligungen fortschreibt. Wenn man die (bei aller Problematik in der Sache, in punkto sozialer Selektion aber zutreffende) PISA-Kritik am deutschen Schulsystem ernst nimmt, kann man angesichts dieses Kompromisses nur ratlos mit dem Kopf sch&uuml;tteln.<\/p><p>Das Risiko einer Gettobildung sozial und bildungsm&auml;&szlig;ig benachteiligter Sch&uuml;ler ist durch einen zus&auml;tzlichen Schultyp nicht gebannt, im Gegenteil es wird sogar gr&ouml;&szlig;er. Aber selbst wenn es an vielen Orten zur neuen &bdquo;Sekundarschule&ldquo; kommen sollte, f&uuml;hrt das nicht ohne weiteres zu einer individuellen St&auml;rkung der St&auml;rken und zu einer F&ouml;rderung von Schw&auml;chen der einzelnen Sch&uuml;ler, wenn in getrennten Bildungsg&auml;ngen (innerhalb einer Schule) nur kooperativ (d.h. also in einem Realschulgang und in einem Hauptschulstrang) unterrichtet wird. <\/p><p>Fazit: Es ist mit dem nordrhein-westf&auml;lischen Schulkompromiss eine zus&auml;tzliche kleine T&uuml;r zu einem etwas st&auml;rker integrierten Schulsystem aufgemacht worden. Wie viele Sch&uuml;ler und ihre Eltern sich durch diese T&uuml;r zu mehr Chancengleichzeit hindurchzw&auml;ngen k&ouml;nnen, wird sich vielleicht erst im Jahre 2023 zeigen, solange eben dieser &bdquo;Schulfrieden&ldquo; zwischen Rot-Gr&uuml;n und CDU vereinbart ist. Ruhe an der Schulfront ist f&uuml;r viele Lehrer und Eltern allein schon ein Erfolg. Aber mehr als hoffen, dass es eine Verbesserung f&uuml;r die Sch&uuml;ler gibt, kann man nach diesem Schulkompromiss nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der gestern zwischen SPD\/Gr&uuml;nen und der CDU erzielte <a href=\"upload\/pdf\/110720_Schulkompromiss.pdf\">&bdquo;Schulkompromiss&ldquo; [PDF &ndash; 2 MB]<\/a> wird gefeiert wie der Westf&auml;lische Frieden, mit dem der Drei&szlig;ig J&auml;hrige Krieg beendet wurde. 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