{"id":1014,"date":"2006-01-10T17:27:47","date_gmt":"2006-01-10T15:27:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1014"},"modified":"2016-02-21T10:45:40","modified_gmt":"2016-02-21T09:45:40","slug":"verteilungsbericht-2005-des-dgb-umverteilung-nach-oben-verscharft-stagnation-und-massenarbeitslosigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1014","title":{"rendered":"Verteilungsbericht 2005 des DGB: Umverteilung nach oben versch\u00e4rft Stagnation und Massenarbeitslosigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Die Abteilung Wirtschaftspolitik des DGB hat im Dezember 2005 ihren Verteilungsbericht vorgelegt:<br>\n&bdquo;Deutschlands Wirtschaft befindet sich noch immer in einer seit 2001 vorherrschenden Stagnation. Der private Konsum und die gesamte Binnennachfrage lahmen, die Reall&ouml;hne sinken. Die &ouml;ffentliche Infrastruktur leidet unter mangelnden Ersatz- und Modernisierungsinvestitionen.<br>\nDie zunehmende Schieflage der Verteilung zwischen Kapital und Arbeit, ist einerseits eine Auswirkung von Stagnation, Massenarbeitslosigkeit, Sozialabbau und steuerlicher Umverteilung nach oben. Andererseits wirkt die Polarisierung der Einkommen selbst als ein Hemmnis f&uuml;r wirtschaftliches Wachstum. Die leichte konjunkturelle Belebung im Herbst 2005 geht fast ausschlie&szlig;lich auf den nach wie vor wachsenden Export und Export&uuml;berschuss zur&uuml;ck.&ldquo;<br>\nF&uuml;r den eiligen Leser haben wir die wichtigsten Ergebnisse des Verteilungsberichts knapp zusammengestellt.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Arbeitseinkommen:<\/strong><\/p><p>Die vergangenen zw&ouml;lf Jahre waren f&uuml;r die Arbeitnehmerschaft in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt eine Zeit der Bescheidenheit. Trotz steigender Bruttol&ouml;hne hat ein durchschnittlicher Arbeitnehmer infolge zunehmender Lebenshaltungskosten sowie Abgaben- und Steuererh&ouml;hungen heute real weniger Geld in der Tasche als vorher.<\/p><p>Auch im internationalen Vergleich stiegen die bundesdeutschen Nominall&ouml;hne nur unterdurchschnittlich.<\/p><p>Die Arbeitskostenquote stieg von 71% 1991 kurzfristig auf 72,9% an und ging danach &ndash; mit Schwankungen &ndash; bis 2004 auf 69,3% zur&uuml;ck.<br>\nSpiegelbildlich ver&auml;nderte sich die Profitquote &ndash; das ist der Anteil der Gewinne und Verm&ouml;genseinkommen am Volkseinkommen &ndash; und stieg von 27,1% in 1993 auf 30,7% im Jahr 2004 an.<br>\nDie Bruttolohnquote sank im gleichen Zeitraum 1993 bis 2004 von 59,7% auf 55,8%. Die Nettolohnquote am Volkseinkommen sank in dieser Zeit von 40,9% (1993) auf 36,7% im Jahr 2004.<\/p><p>Der R&uuml;ckgang der Lohnquote ist unter anderem darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, dass der neutrale Verteilungsspielraum (Produktivit&auml;tssteigerung plus Preisentwicklung) zwischen 1991 und 2004 nur noch ein einziges Mal, n&auml;mlich 1992, durch die (nominale) Erh&ouml;hung der L&ouml;hne ausgesch&ouml;pft werden konnte.<\/p><p>Im Jahr 2004 liegen die Lohnst&uuml;ckkosten im Durchschnitt der Eurol&auml;nder (EUR12) um 12,6% &uuml;ber dem Niveau von 1995. Demgegen&uuml;ber sind die Lohnst&uuml;ckkosten in Deutschland (DE) &uuml;ber den ganzen Zeitraum um ganze 2,9% gewachsen. Damit liegt die Lohnst&uuml;ckkostenentwicklung in Deutschland nicht nur weit unter dem Durchschnitt der Eurol&auml;nder, sondern bildet das Schlusslicht aller hier wiedergegebenen L&auml;nder Westeuropas. Mehr noch: auch in den USA mit 15,7% und in Gro&szlig;britannien (UK) mit 28,7% fiel die Lohnst&uuml;ckkostenentwicklung im betrachteten Zeitraum um ein Vielfaches kr&auml;ftiger aus. Einzig in Japan entwickelten sich die Lohnst&uuml;ckkosten noch niedriger und st&uuml;rzten im Senkflug &ndash; besonders seit 1999 &ndash; ins Minus.<\/p><p><strong>Kapitaleinkommen:<\/strong><\/p><p>Wenn man die Bruttowerte (also vor Steuern und Abgaben) beider Verteilungsgr&ouml;&szlig;en 1991 gleich 100 setzt, so erweist sich, dass die Privaten Gewinne und Verm&ouml;genseinkommen bis einschlie&szlig;lich 2004 real mit 22,1% etwa doppelt so stark gestiegen sind wie die Arbeitnehmerentgelte = Arbeitskosten (mit nur 10,7%).<\/p><p>Besonders krass ist das reale Wachstum der privaten Kapitaleinkommen seit 2001 &ndash; w&auml;hrenddessen die Arbeitskosten real sogar leicht sinken. &Uuml;ber den gesamten Zeitraum seit 1991 gerechnet &ndash; mag der pure Unterschied in den durchschnittlichen nominalen j&auml;hrlichen Ver&auml;nderungsraten mit nominal 3,2% (Kapitaleinkommen) und 2,4% (Arbeitskosten) gering erscheinen, bedeutet aber gleichwohl, dass das die Zunahme der Arbeitskosten real nur halb so gro&szlig; war wie diejenige der Privaten Gewinne- und Verm&ouml;genseinkommen.<\/p><p>Vergleicht man die um die Preisentwicklung bereinigte, reale Entwicklung der Privaten Netto-Gewinn- und -Verm&ouml;genseinkommen (also nach Abzug der Steuern) mit derjenigen der Nettol&ouml;hne und &ndash; geh&auml;lter je Arbeitnehmer, so befinden sich die Profite aus Unternehmensgewinnen und Verm&ouml;gensertr&auml;gen bereits seit Mitte der neunziger Jahre auf einem Gipfelkurs: zwar auch mit einem Abstieg zwischendurch (1998 bis 2000), aber ab 2001 mit einem um so steileren Anstieg (um rund 30% bis 2004), w&auml;hrend die Nettol&ouml;hne sogar sinken.<\/p><p>W&auml;hrend sich die realen Nettoeinkommen von Unternehmern und Verm&ouml;gensbesitzern in den zehn Jahren seit &Uuml;berwindung der Gewinnflaute von 1992\/93 um insgesamt um fast 25% erh&ouml;hten, verminderten sich die Nettol&ouml;hne der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten im gleichen Zeitraum um 2.1% (2004 gegen&uuml;ber 1993).<\/p><p>Insgesamt ist die Besteuerung der Gewinne und Verm&ouml;genseinkommen schon seit den achtziger Jahren (Westdeutschland) zunehmend geringer als die der L&ouml;hne, wie die inzwischen extrem unterschiedlichen Steuerquoten seit Anfang der 90er Jahre bis heute verdeutlichen: W&auml;hrend die durchschnittliche Steuerquote bei L&ouml;hnen und Geh&auml;ltern sich &uuml;ber die Jahre zwischen 17% und 20% bewegt, liegt sie im Fall der Gewinne und Verm&ouml;genseinkommen seit 1994deutlich unterhalb 10%.<br>\nDas bundesdeutsche Abgaben- und Transfersystem privilegiert somit die Gewinne und Verm&ouml;genseinkommen. Der Marsch in den Lohnsteuerstaat w&auml;lzt die Finanzierung der &ouml;ffentlichen Aufgaben auf die abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten ab.<\/p><p>Der &uuml;berproportionale reale Anstieg der privaten Verm&ouml;genseinkommen &uuml;ber den ganzen Betrachtungszeitraum 1991&ndash;2004 um 43% &ndash; im Vergleich zu den Operativen Gewinnen mit rd. 28%, wie auch erst recht zu den Arbeitnehmerentgelten mit rd. 10%! &ndash;erscheint bedenklich. Bedeutet er doch, dass ein immer gr&ouml;&szlig;erer Teil der gesellschaftlichen Wertsch&ouml;pfung auf den leistungslosen Besitz der aufgeh&auml;uften Geldkapitalverm&ouml;gen geht und weniger an die Tr&auml;ger unternehmerischer Aktivit&auml;ten und der Arbeitsleistung.<\/p><p>W&auml;hrend die Verm&ouml;genseinkommen &ndash; vor allem in den Jahren 1997 bis 2001 &ndash; real steil nach oben schnellten, stagnierten die Operativen Gewinne der Einzelunternehmer und Selbst&auml;ndigen seit 1991 bei minus 0,3% und waren im Ergebnis 2004 ganze 0,2% mehr als 1991. <\/p><p>Der zum Teil existenzgef&auml;hrdende R&uuml;ckgang der Betriebs&uuml;bersch&uuml;sse bei den Einzelunternehmen und der Selbst&auml;ndigeneinkommen ereignete sich vor allem in den Jahren von 1997 bis 2003: im gesamten Sektor verminderte sich der Operative Gewinn von real 215,6 auf 196,8 Mrd. Euro.<\/p><p>Die zum Sektor Private Haushalte z&auml;hlenden Einzelunternehmen und Selbst&auml;ndigen d&uuml;rften &uuml;berwiegend f&uuml;r den Binnenmarkt arbeiten. Der Grund f&uuml;r die reale Stagnation ihrer Einkommen ist nicht zuletzt in der lahmenden Nachfrage nach Dienstleistungen (z.B. Handwerk, Gastronomie), bei kleinen Zulieferern auch in ihrem fehlenden Durchsetzungskraft gegen&uuml;ber preisdr&uuml;ckenden Abnehmer-Unternehmen zu suchen. Kern des Problems ist jedenfalls die mangelnde Massenkaufkraft (Sozialleistungsabbau, Lohnstagnation) und die fehlende Investitionst&auml;tigkeit der &ouml;ffentlichen H&auml;nde.<\/p><p>Eine den Binnenmarkt strangulierende Finanzpolitik auf der Bundesebene in Verbindung mit der fl&auml;chendeckenden Drosselung der Lohnentwicklung in Ost und West, in der privaten Wirtschaft und im &Ouml;ffentlichen Dienst hat schlie&szlig;lich auch die kleinen Unternehmer und einen Gro&szlig;teil der Selbst&auml;ndigen und Freiberufler hart getroffen!<\/p><p>W&auml;hrend die Arbeitseinkommen und die Gewinne der Einzelunternehmen und Selbst&auml;ndigen 2004 preisbereinigt kaum gr&ouml;&szlig;er waren als 1991, vermehrten sich die Operativen Gewinne der Kapitalgesellschaften von1991 bis 2004 real (!) um insgesamt 50,2%. Von 1993 bis 2004 stiegen ihre Betriebs&uuml;bersch&uuml;sse kometenhaft von 390 auf 525 Mrd. Euro (in Preisen von 2004), d. h. um fast siebzig Prozent!<\/p><p>Die Ursache f&uuml;r die Investitionsflaute seit dem Jahr 2000 liegt nicht zuletzt in den pessimistischen Umsatzerwartungen als Folge der unzureichenden Inlandsnachfrage auf Grund mangelnder Massenkaufkraft und &ouml;ffentlicher Investitionen!<\/p><p>Quelle: <a href=\"upload\/pdf\/kt_060110.pdf\" title=\"PDF - 2.8 MB\">Verteilungsbericht 2005 des DGB [PDF &ndash; 2.8 MB]<\/a> \t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Abteilung Wirtschaftspolitik des DGB hat im Dezember 2005 ihren Verteilungsbericht vorgelegt:<br \/> &bdquo;Deutschlands Wirtschaft befindet sich noch immer in einer seit 2001 vorherrschenden Stagnation. Der private Konsum und die gesamte Binnennachfrage lahmen, die Reall&ouml;hne sinken. 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