{"id":10145,"date":"2011-07-20T09:47:57","date_gmt":"2011-07-20T07:47:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10145"},"modified":"2014-09-09T10:39:47","modified_gmt":"2014-09-09T08:39:47","slug":"beschaftigungs-boom-vor-allem-bei-atypischen-beschaftigungsverhaltnissen-und-bei-der-leiharbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10145","title":{"rendered":"Besch\u00e4ftigungs-\u201eBoom\u201c vor allem bei atypischen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen und bei der Leiharbeit"},"content":{"rendered":"<p>In der deutschen Arbeitsmarktpolitik z&auml;hlt ausschlie&szlig;lich quantitatives &bdquo;Job-Wachstum&ldquo;, qualitatives Besch&auml;ftigungswachstum spielt keine Rolle. Es gilt das Leitbild der Hartz-Reformen: Jede Arbeit ist zumutbar, egal zu welchem Preis. Der &bdquo;Boom&ldquo; auf dem Arbeitsmarkt ist zu drei Vierteln als atypische Besch&auml;ftigung angekommen. Dieser Zuwachs an atypischer Besch&auml;ftigung ist wiederum zu mehr als der H&auml;lfte (57 %) auf die Zunahme der Leiharbeit zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Die Zahl der M&auml;nner in Normalbesch&auml;ftigung ging sogar um 44.000 zur&uuml;ck. Das belegen neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Von Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nAn jedem Monatsende, wenn die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit ihre gesch&ouml;nten Statistiken &uuml;ber den Arbeitsmarkt ver&ouml;ffentlicht, folgte in letzter Zeit prompt ein Chor der Selbstbelobigung der Bundesregierung. Die Kanzlerin und der ehemalige Wirtschaftsminister Br&uuml;derle fabulieren bei immerhin noch knapp drei Millionen statistisch erfassten Arbeitslosen und (ohne die &bdquo;stille Reserve) 4 Millionen <a href=\"http:\/\/www.verdi.de\/sozialpolitik\/arbeitsmarkt\/arbeitsmarktpolitik\/arbeitslosigkeit-und-unterbeschaeftigung\">Unterbesch&auml;ftigten<\/a> von <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/wirtschaft\/article10795932\/Merkel-sieht-Land-auf-dem-Weg-zur-Vollbeschaeftigung.html\">&bdquo;Vollbesch&auml;ftigung&ldquo;<\/a>. &ldquo;Der Arbeitsmarkt in Deutschland entwickelt sich weiter stabil positiv&ldquo; <a href=\"http:\/\/194.145.122.100\/portal\/34724\/arbeitsmarkt.html\">jubelte Arbeitsministerin von der Leyen<\/a> &uuml;ber die Zahlen vom Juni aus N&uuml;rnberg. Und die Medien stimmen zum allergr&ouml;&szlig;ten Teil in den Jubelchor ein.<\/p><p>Es herrscht ein Zahlenfetischismus der nur auf die Quantit&auml;t des &bdquo;Job-Wachstums&ldquo; fixiert ist,  qualitatives Besch&auml;ftigungswachstum spielt keine Rolle. Es gilt die Devise &bdquo;sozial ist was Arbeit schafft&ldquo;, unterschlagen wird der Zusatz egal zu welchen Bedingungen und zu welchem Preis.<\/p><p>Die <a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Presse\/pm\/2011\/07\/PD11__270__132,templateId=renderPrint.psml\">neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes<\/a> &uuml;ber den Besch&auml;ftigungszuwachs 2010 mischen schrille Misskl&auml;nge in den Jubelchor, der das hohe Lied &uuml;ber die Arbeitsmarktsituation singt.<\/p><p>Von den knapp 31 Millionen abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten sind nur etwa 23 Millionen oder nur knapp drei Viertel sog. <strong>Normalerwerbst&auml;tige<\/strong>. &Uuml;ber 25 Prozent oder knapp 8 Millionen sind <strong>atypisch Besch&auml;ftigte<\/strong>. Darunter &uuml;ber f&uuml;nfeinhalb Millionen Frauen und rund 2,3 Millionen M&auml;nner. <\/p><p>Knapp 5 Millionen dieser atypisch Besch&auml;ftigten sind <strong>Teilzeitzeitbesch&auml;ftigte<\/strong> (bis zu 20 Wochenstunden) und zweieinhalb Millionen sind <strong>geringf&uuml;gig Besch&auml;ftigte<\/strong>. <\/p><p>Besonders stark zugenommen hat die Zahl der <strong>Zeitarbeitnehmer\/innen<\/strong> (also der <strong>Leiharbeiter\/innnen<\/strong>), n&auml;mlich um 32,5 % von 2009 auf 2010 und um insgesamt 21,2% von 2008 auf das Jahr 2010, auf nunmehr knapp eine drei Viertel Million Leiharbeitnehmer\/innen oder fast zweieinhalb Prozent aller abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten. (Auf einer inzwischen nicht mehr zug&auml;nglichen Seite des Bundesarbeitsministeriums aus dem Jahr 2011 ist sogar von 870.000 Leiharbeitnehmer\/innen <a href=\"?p=9240\">die Rede<\/a>.) <\/p><p>Allein gegen&uuml;ber 2009 hat die Zahl der <strong>atypisch Besch&auml;ftigten<\/strong> um eine viertel Million, um 243.000 Personen zugenommen. Da die Zahl der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten insgesamt dagegen nur um 322.000 Personen zugenommen hat, erweist sich der vielger&uuml;hmte Besch&auml;ftigungszuwachs zu gut 75% als Zuwachs von atypischer Besch&auml;ftigung. Und dieser Zuwachs ist wiederum zu mehr als der H&auml;lfte (57 %) auf die Zunahme der <strong>Leiharbeit<\/strong> zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Die Leiharbeit ist inzwischen in vielen Gro&szlig;unternehmen zur <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/impuls_2007_20_4-5.pdf\">g&auml;ngigen Praxis geworden [PDF &ndash; 110 KB]<\/a> und sie betrifft &uuml;berwiegend j&uuml;ngere Arbeitnehmer. (Siehe dazu auch <a href=\"?p=4453\">Leiharbeit kompakt<\/a>). Fast <a href=\"http:\/\/www.boeckler-boxen.de\/5899.htm\">40 Prozent der Leiharbeiter sind unter 30 Jahre<\/a>.<\/p><p>Der Anteil von zweieinhalb Prozent der Leiharbeiter\/innen an der Gesamtzahl der abh&auml;ngig besch&auml;ftigten, wird meist heruntergespielt. In vielen Wirtschaftsbereichen (z.B. Gastronomie) bedient man sich ohnehin lieber geringf&uuml;gig Besch&auml;ftigter. Im verarbeitenden Gewerbe liegt der Anteil der Leiharbeiter schon bei 4,5% aller Besch&auml;ftigten, in der Metall- und Elektroindustrie sogar bei 6%. Nach Auswertung des WSI Betriebspanels setzten im letzten Jahr 68 % der Betriebe im produzierenden Gewerbe <a href=\"?p=4453\">Zeitarbeit ein<\/a>.<br>\nDie Zeitarbeitnehmer\/innen verdienen nicht nur bis zur H&auml;lfte weniger <a href=\"http:\/\/www.kle-point.de\/aktuell\/neuigkeiten\/eintrag.php?eintrag_id=39894\">als Stammkr&auml;fte<\/a>, mehr als ein Viertel von ihnen (27%) sind zugleich nur befristet besch&auml;ftigt. <\/p><p>Zu weiteren 38% am Gesamtanstieg aller abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten von 2009 auf 2010 trugen <strong>befristete Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse<\/strong> mit einem Anstieg von 121.000 Personen bei.<\/p><p><strong>Der Besch&auml;ftigungszuwachs ist also zum gro&szlig;en Teil Zuwachs von Zeitarbeit. Die Zahl der Normalarbeitnehmer\/innen hat zwischen 2008 und 2010 nur um 0,6%, die der atypisch Besch&auml;ftigten um 1,5% also mehr als doppelt zugenommen. Man kann also sagen, dass der &bdquo;Boom&ldquo; auf dem Arbeitsmarkt vor allem als atypische Besch&auml;ftigung angekommen ist. Die Zahl der M&auml;nner in Normalbesch&auml;ftigung ging sogar um 44.000 zur&uuml;ck. Vor allem M&auml;nner sind in der Zeitarbeit gelandet.<\/strong><\/p><p>Nun sind vor allem die atypisch Besch&auml;ftigten die sog. Geringverdiener und gerade diese Arbeitnehmer mussten nach einer aktuellen DIW-Studie in den letzten zehn Jahren <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/karriere\/lohnentwicklung-geringverdiener-aus-wenig-wird-weniger-1.1122132\">Lohneinbu&szlig;en bis zu 22 Prozent hinnehmen<\/a>: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Der DIW-Untersuchung zufolge hatte ein Geringverdiener, der zur Jahrtausendwende 270 Euro pro Monat verdiente, im vergangenen Jahr 59 Euro weniger in der Tasche. Wer vor zehn Jahren noch 520 Euro monatlich auf dem Konto hatte, musste zuletzt mit 85 Euro weniger auskommen; Geringverdiener mit ehedem 835 Euro verf&uuml;gten nur noch &uuml;ber 705 Euro. Seit dem Jahr 2000 betrugen die Lohneinbu&szlig;en zwischen 15,6 und 21,9 Prozent. Die Nettoeinkommen aller Besch&auml;ftigten gingen hingegen nur um 2,5 Prozent&nbsp;zur&uuml;ck.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Aber nicht nur die einzelnen Arbeitnehmer sind vom Abrutschen in die Prekarit&auml;t betroffen, auch die Allgemeinheit wird belastet. Im Jahr 2009 mussten die Steuerzahler rund 11 Milliarden Euro aufwenden um Erwerbst&auml;tige mit <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/wirtschaft\/hoehere-loehne-sind-machbar\/-\/1472780\/4459606\/-\/index.html\">geringem Einkommen zu unterst&uuml;tzen<\/a>. Was umgekehrt betrachtet nichts anderes ist als eine Milliardensubvention f&uuml;r die Arbeitgeber. <\/p><p>Eine weitere <a href=\"http:\/\/www.diw.de\/documents\/publikationen\/73\/diw_01.c.376215.de\/11-28.pdf\">Studie des DIW [PDF &ndash; 430 KB]<\/a> hat sogar errechnet, dass ein Anstieg der Leiharbeit sogar die Lohnst&uuml;ckkosten &ndash; also den entscheidenden Wettbewerbsvorteil der deutschen Wirtschaft &ndash; erh&ouml;ht. Auch der oft ger&uuml;hmte &bdquo;Klebeeffekt&ldquo; der Leiharbeit ist eine Schim&auml;re. Gerade 7 Prozent der vormals Arbeitslosen schaffen es in einem Zeitraum von zwei Jahren <a href=\"http:\/\/doku.iab.de\/kurzber\/2010\/kb1310.pdf\">&uuml;berwiegend besch&auml;ftigt zu bleiben [PDF &ndash; 485 KB]<\/a>. D.h. auch arbeitsmarktpolitisch ist die Leiharbeit eher ein schmales und wackeliges Br&uuml;ckchen in ein st&auml;ndiges Arbeitsverh&auml;ltnis (welcher Qualit&auml;t auch immer). <\/p><p><strong>Fazit:<\/strong> Die Hartz-Reformen und das sog. Arbeitnehmer&uuml;berlassungsgesetz zur Erleichterung der Leiharbeit haben den &bdquo;Erfolg&ldquo;, dass immer mehr Menschen in atypische Besch&auml;ftigung und Leiharbeit abrutschen, dass sie Hebel f&uuml;r das Lohndumping sind und dass gleichzeitig die hohen Einkommen steigen und vor allem die Gewinne explodieren. Und das Ganze noch finanziert durch die Steuerzahler, die die Hungerl&ouml;hne mit Milliarden aufstocken m&uuml;ssen, damit die betroffenen Menschen noch existieren und die Unternehmen auf Minil&ouml;hnen ihre Gesch&auml;ftsmodelle aufbauen k&ouml;nnen.<br>\nUnd ein wichtiges Instrument die L&ouml;hne wenigstens vor einem weiteren Absacken absichern zu k&ouml;nnen, n&auml;mlich der gesetzliche Mindestlohn, bleibt f&uuml;r diese Bundesregierung ein Tabu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der deutschen Arbeitsmarktpolitik z&auml;hlt ausschlie&szlig;lich quantitatives &bdquo;Job-Wachstum&ldquo;, qualitatives Besch&auml;ftigungswachstum spielt keine Rolle. Es gilt das Leitbild der Hartz-Reformen: Jede Arbeit ist zumutbar, egal zu welchem Preis. Der &bdquo;Boom&ldquo; auf dem Arbeitsmarkt ist zu drei Vierteln als atypische Besch&auml;ftigung angekommen. Dieser Zuwachs an atypischer Besch&auml;ftigung ist wiederum zu mehr als der H&auml;lfte (57 %) auf<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10145\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,142,140],"tags":[319,288,405,510,626],"class_list":["post-10145","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-bundesagentur-fuer-arbeit","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","tag-lohnentwicklung","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-statistisches-bundesamt","tag-vollbeschaeftigung","tag-von-der-leyen-ursula"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10145","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10145"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10145\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10147,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10145\/revisions\/10147"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10145"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10145"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10145"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}