{"id":10172,"date":"2011-07-21T09:00:06","date_gmt":"2011-07-21T07:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10172"},"modified":"2014-09-09T10:44:01","modified_gmt":"2014-09-09T08:44:01","slug":"fachkraftemangel-ein-beitrag-uber-die-lage-vor-ort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10172","title":{"rendered":"Fachkr\u00e4ftemangel &#8211; Ein Beitrag \u00fcber die Lage vor Ort"},"content":{"rendered":"<p>Erfahrungen aus der &bdquo;Provinz&ldquo;.<br>\nDas Thema Fachkr&auml;ftemangel hat f&uuml;r S&uuml;dniedersachsen zwar keine akute, aber dennoch eine reale und vor allem zunehmende Bedeutung, wobei das Thema sehr komplex ist. Von Sven Gr&uuml;newald<br>\n<!--more--><\/p><p>Die Gegend hier hat einen Einzugsbereich von 4 Landkreisen mit etwa 500.000 Menschen. Das Oberzentrum G&ouml;ttingen stellt praktisch das Gravitationszentrum dar, darum herum sehr l&auml;ndlicher und z.B. im Harz relativ strukturschwacher Raum. Damit ist S&uuml;dniedersachsen vermutlich f&uuml;r viele Gegenden jenseits der Ballungsr&auml;ume repr&auml;sentativ. W&auml;hrend G&ouml;ttingen durch die Universit&auml;t keine schwerwiegenden demografischen oder wirtschaftlichen Probleme hat, stellt sich das in der Fl&auml;che doch deutlich anders dar, dort ist ein Bev&ouml;lkerungsr&uuml;ckgang um bis zu 25% bis 2030 absehbar (die gewissen Unw&auml;gbarkeiten von Prognosen mal au&szlig;en vor gelassen). G&ouml;ttingen selbst konkurriert mit den &ldquo;Ballungsr&auml;umen&rdquo; Hannover\/Braunschweig im Norden und Kassel im S&uuml;den; der l&auml;ndliche Raum in der Umgebung muss zudem das starke Gef&auml;lle gegen&uuml;ber G&ouml;ttingen verkraften. Entsprechend haben es Unternehmen in diesen l&auml;ndlichen Regionen schon einmal deutlich schwerer, auf dem Arbeitsmarkt &uuml;berhaupt auf sich aufmerksam zu machen. Hinzu kommt die fehlende Attraktivit&auml;t f&uuml;r Arbeitnehmer, da der Wohn- und Lebenstrend deutlich zu den Zentren\/Ballungsgebieten geht. <\/p><p>Den Mangel sieht man bei Ingenieuren, sehr extrem im Pflege- und medizinischen Bereich und zunehmend auch im Handwerksbereich, wobei die Ursachen jeweils sehr verschieden sind. Die fehlenden Anreize f&uuml;r Allgemeinmediziner, aufs Land zu ziehen, sind hinl&auml;nglich bekannt (etwa in Uslar, einer 14.000-Einwohner-Stadt, gibt es meines Wissens nur noch 3 Allgemeinmediziner, die alle kurz vor dem Ruhestand stehen, ohne dass Nachfolger in Sicht w&auml;ren); im Handwerk macht sich der demografische Wandel immer st&auml;rker bemerkbar, da es an den Berufsschulen feste Mindest-Klassengr&ouml;&szlig;en gibt &ndash; wird die notwendige Sch&uuml;lerzahl unterschritten, werden diese Klassen\/F&auml;cher in der Regel nicht mehr angeboten mit dem Ergebnis, dass potenzielle Auszubildende dann immer weiter in die Zentren pendeln m&uuml;ssten. Da der Ausbildungsbetrieb nicht verpflichtet ist, diese Kosten zu &uuml;bernehmen und die Verg&uuml;tung f&uuml;r Azubis ohnehin schon sehr niedrig ist, hei&szlig;t das letztlich, dass viele Betriebe in der l&auml;ndlichen Fl&auml;che gar keine Auszubildenden mehr finden\/einstellen. Hier versch&auml;rft sich parallel zur Ver&ouml;dung und Vergreisung der D&ouml;rfer und Kleinst&auml;dte auch die Grundversorgung mit Dienstleistungen. Dass es auch insgesamt auf dem Markt weniger geeignete Kandidaten gibt, tr&auml;gt zu dem Problem Fachkr&auml;ftemangel gerade im l&auml;ndlichen Bereich verst&auml;rkt bei. <\/p><p>Zu den &ldquo;geeigneten&rdquo; Arbeitslosen w&auml;re noch zu sagen, dass etwa in der Industrie durch die gestiegene Differenzierung der Branchen und Ausbildungs- sowie (technischen) Studieng&auml;nge ohnehin Ingenieur nicht mehr gleich Ingenieur ist, um das klassische Beispiel zu nehmen. In G&ouml;ttingen z.B. sind im Unternehmens-Netzwerk Measurement Valley zahlreiche hochspezialisierte Messtechnikfirmen zusammengeschlossen, die oftmals internationale Schl&uuml;sselpositionen einnehmen. W&auml;hrend sie sich auf Produktebene nicht unbedingt Konkurrenz machen, werben sie jedoch auf Mitarbeiterebene um den gleichen, sehr kleinen Pool an hochqualifizierten Bewerbern. Da macht sich ein geringf&uuml;giger Bewerberschwund schon deutlich bemerkbar. &nbsp;<\/p><p>Und auch gerade bei den Langzeitarbeitslosen, die gerne als nachqualifizierbare Reserve ins Feld gef&uuml;hrt werden, sieht es in der Praxis nicht so einfach aus. Diese Leute sind, nach Erfahrungen von Vermittlern, erst durch umfangreiche und langwierige Heranf&uuml;hrung an das Arbeitsleben und Nachschulungen wieder in den Arbeitsmarkt integrierbar &ndash; wof&uuml;r allerdings nicht ausreichend und 2011 auch nur drastisch gek&uuml;rzte (25%) Bundesmittel zur Verf&uuml;gung stehen. Der Niedriglohnsektor, Lohndumping sowie eine Unterbesch&auml;ftigung von Arbeitnehmern spielen, so weit mir bekannt, dabei nur eine wenn &uuml;berhaupt marginale Rolle.<\/p><p>Auf der Angebotsseite der Arbeitskr&auml;fte kann man festhalten, dass es eine abnehmende Zahl an Bewerbern gibt sowie es an geeigneten Arbeitssuchenden fehlt &ndash; sei es, weil sie nicht existieren oder nicht in die Fl&auml;che kommen. Alles in allem ist das Problem aber quantitativ in der Breite der Branchen noch(!) nicht akut, sondern ist wenn &uuml;berhaupt, dann in spezialisierten Bereichen sp&uuml;rbar. Deshalb w&auml;re es angemessener, von einem sich abzeichnenden Fachkr&auml;ftemangel zu sprechen, da der Trend erkennbar ist. Die mediale Panikmache geht aber weit an dem Problem vorbei. <\/p><p>Auf der anderen Seite steht die Nachfrage der Unternehmen und da scheint es mir derzeit noch gr&ouml;&szlig;ere Unflexibilit&auml;ten zu geben, die das vermeintliche Problem, also den Trend zum Mangel, versch&auml;rfen. Die Crux liegt dabei unter anderem im Label &ldquo;geeigneter Bewerber&rdquo;. Dem Spezialisierungstrend folgend ist auch der Fokus sehr eng: Es muss der und der Bewerber sein, mit diesen und jenen Qualifikationen etc. Werden die weniger, wird auch der Mangel naheliegenderweise akut. Gleichzeitig ist man auf Unternehmerseite aber nur bedingt bereit, die vorhandenen &ldquo;zweitbesten&rdquo; Bewerber zu nehmen, da man bei diesen noch zus&auml;tzlich in Qualifizierung investieren m&uuml;sste. Von daher wird auch der Ruf nach Zuwanderung Hochqualifizierter verst&auml;ndlich, da Unternehmen das perfekte Potenzial nicht mehr ausreichend vorfinden. Gleichwohl existiert ein Bewerberfeld, mit dem man arbeiten k&ouml;nnte &ndash; zwar verbunden mit gestiegenem Aufwand im Vergleich zu fr&uuml;her, aber absolut machbar. <\/p><p>Ebenso liegt ein gro&szlig;es Potenzial in der Weiterqualifizierung der bestehenden Belegschaft und nat&uuml;rlich auch im verst&auml;rkten Einsatz und der Nutzung der Erfahrungen von &auml;lteren Mitarbeitern oder Bewerbern, die bisher systematisch diskriminiert werden. Wenn Unternehmen also wollten, dann k&ouml;nnten Sie dem sich abzeichnenden Fachkr&auml;ftemangel durchaus begegnen, ohne dass er sich zu einem ernsten Problem ausw&auml;chst &ndash; man m&uuml;sste eben &ldquo;nur&rdquo; die bequeme Erwartungshaltung hinter sich lassen, dass man ein &Uuml;berangebot an Bewerbern zur Verf&uuml;gung hat. <\/p><p>Kurzum: Aktuell w&auml;re ein Fachkr&auml;ftemangel nur sehr bedingt auf einen tats&auml;chlichen numerischen Mangel an qualifiziertem Personal zur&uuml;ckzuf&uuml;hren (auch wenn dieser Trend sich weiter auspr&auml;gt). Stattdessen spielen andere Faktoren eine viel gr&ouml;&szlig;ere Rolle:<\/p><ol>\n<li>die unterschiedliche r&auml;umliche Verteilung der Arbeitskr&auml;fte<\/li>\n<li>die unterschiedliche Konkurrenzf&auml;higkeit\/Attraktivit&auml;t der Regionen<\/li>\n<li>die fehlende Investition in bestehende Mitarbeiter<\/li>\n<li>die fehlende Horizonterweiterung bei der Bewerberauswahl seitens der Unternehmen<\/li>\n<li>fehlende Wiedereingliederungsmittel f&uuml;r Langzeitarbeitslose<\/li>\n<\/ol><p>So zumindest stellt sich das Problem Fachkr&auml;ftemangel aus der regionalen Perspektive dar. <\/p><p>Die ausf&uuml;hrliche Reportage zum Thema Fachkr&auml;ftemangel im s&uuml;dlichen Niedersachsen <a href=\"\/upload\/pdf\/110721_fachkraeftemangel_konkret.pdf\">erschien im RegJo S&uuml;dniedersachsen 4\/2010 [PDF &ndash; 881 KB]<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erfahrungen aus der &bdquo;Provinz&ldquo;.<br \/> Das Thema Fachkr&auml;ftemangel hat f&uuml;r S&uuml;dniedersachsen zwar keine akute, aber dennoch eine reale und vor allem zunehmende Bedeutung, wobei das Thema sehr komplex ist. 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